Stefan Bollmann: Frauen, die schreiben, leben gefährlich

Zum Glück beginnt dieses Bändchen mit einem starken und verhältnismäßig ausführlichen Vorwort. Elke Heidenreich weiß in ihrem 15 Seiten umfassenden einleitenden Beitrag in klaren und deutlichen Worten zu vermitteln, was im Hauptteil des Buches, nämlich bei den von Stefan Bollmann verfassten Autorinnen-Porträts, vielfach unverbindlich, vage bleibt, kaum herausgearbeitet wird: was das Schreiben für (diese) Frauen denn nun so gefährlich macht oder gemacht hat. „Stefan Bollmann: Frauen, die schreiben, leben gefährlich“ weiterlesen

Wie Schriftsteller zu Werke gehen …

Kleine Zitate-Sammlung aus „Im Schreiben zu Haus“

Dass das Buch von Herlinde Koelbl „Im Schreiben zu Haus“ mir sehr gefallen und mich so manches Gespräch stark beeindruckt hat, ist hoffentlich in meiner Buchvorstellung deutlich geworden.

Aus der Fülle interessanter und bemerkenswerter Aussagen der befragten Schriftstellerinnen und Schriftsteller habe ich für den heutigen Beitrag eine Reihe von Zitaten zusammengestellt. Einfach so. Ohne Anspruch auf einen repräsentativen Querschnitt oder sonst irgend etwas. „Wie Schriftsteller zu Werke gehen …“ weiterlesen

Herlinde Koelbl: Im Schreiben zu Haus

Wie Schriftsteller zu Werke gehen

Eines meiner Lieblingsbücher der letzten Zeit war „Lesehunger“ von Hanns-Josef Ortheil (s. Vorstellung in Druckschrift hier), ein Buch, dem ich viele Anregungen verdanke und aus dem ich zahlreiche Lektüreempfehlungen notiert habe. Manche davon passen zur inhaltlichen Ausrichtung dieses Blogs. „Herlinde Koelbl: Im Schreiben zu Haus“ weiterlesen

Verbindung von Schrift und Malerei: Schrift-Bilder gestalten

Grundlagen – Techniken – Motive

„Schrift-Bilder“ heißt dieses animierende Buch, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, denen Anregungen und Hilfestellungen zu geben, die Bilder mit Hilfe von Schrift gestalten wollen. „Verbindung von Schrift und Malerei: Schrift-Bilder gestalten“ weiterlesen

David Harris: Die Kunst des Schreibens

Eine Anleitung zur Kalligraphie

Mittlerweile kenne ich einige Bücher, deren Ziel es ist, in die Kunst der Kalligraphie einzuführen. Könnte ich einen Schönheitspreis vergeben, fiele die Wahl nicht schwer: „Die Kunst des Schreibens“ von David Harris.

Dieses Buch hier ist die 2014 erschienene Neuauflage einer früheren Veröffentlichung, die mir aber nicht bekannt ist. „David Harris: Die Kunst des Schreibens“ weiterlesen

Papyrussammlungen: Wenn ich mal in Berlin wäre …

… würde ich mir dort in den Museen Preußischer Kulturbesitz die Papyrussammlung ansehen. Es gibt noch diverse andere Orte und Bibliotheken, in denen solche wertvollen Schätze aus den Anfängen der Schrift und des Schreibens aufbewahrt werden. Aber längst nicht jede Bibliothek ist in der Lage, Papyri zu sammeln: Konservierung, Katalogisierung, Aufbewahrung und Auswertung von alten Papyrusfragmenten erfordern besondere Sachkenntnisse und klimatisierte Aufbewahrungsräume.

Vermutlich christliches Amulett: Sprache: griechisch
Vermutlich christliches Amulett: Sprache: griechisch
Die Papyrussammlung der Staatlichen Museen zu Berlin ist die bedeutendste Papyrussammlung in Deutschland und zählt weltweit zu den fünf größten Sammlungen ihrer Art. Sie umfaßt einige zehntausend mit Schrift versehene Papyri. In großer Zahl vorhanden sind aber auch Ostraka (beschriebene Tonscherben), Papiere, beschriebene Textilien, Holz- und Wachstafeln.  Die Texte sind etwa zur Hälfte in griechischer, zur Hälfte in ägyptischer, aramäischer, hebräischer, syrischer, persischer, lateinischer und arabischer Sprache geschrieben. Bestaunen kann man u. a. unter den literarischen Texten die älteste erhaltene Buchrolle in griechischer Sprache und unter den dokumentarischen Stücken einen Ehevertrag aus dem Jahre 311 v.Chr., die früheste datierte Urkunde griechischer Sprache überhaupt.

Wer die Exponate der Sammlung nicht ehrfürchtig „in echt“ bestaunen kann, sondern das Internet nutzen möchte, um einen Eindruck zu gewinnen, muss sich etwas mühsam durch die Berliner Papyrus-Datenbank klicken. Aber wer sich wirklich für die Geschichte der Schrift und des Schreibens interessiert, wird die Mühe sicher nicht scheuen.

Die Sammlung selbst befindet sich den Staatlichen Museen zu Berlin (Ägyptisches Museum und Papyrussammlung).

Lste von Leistungen für Deicharbeiten (griechisch)
Lste von Leistungen für Deicharbeiten (griechisch)
Neben der Berliner und der Kölner Sammlung (Institut für Altertumskunde der Universität) gehört die des Instituts für Papyrologie der Universität Heidelberg zu den größten Papyrussammlungen Deutschlands. Heidelberg besitzt eine etwa 11.000 Stücke umfassende Sammlung von Papyri, Pergamenten, Hadernpapieren und Ostraka aus Ägypten, die seit den ersten Ankäufen im Jahre 1897 kontinuierlich aufgebaut wurde.

Ob die Sammlung öffentlich zugänglich ist, kann ich nicht sagen. Für die Internet-Präsenz gilt auch hier, dass man sich etwas mühsam durch die Heidelberger Papyrus-Datenbank klicken muss, wenn man faszinierende Entdeckungen machen will.

Und da die Kölner Sammlung schon erwähnt wurde, auch hier der Link zur dortigen Papyrus-Datenbank.

Hanns-Josef Ortheil: Schreiben auf Reisen

Die Reihe scheint sich gut zu verkaufen. „Schreiben auf Reisen“ ist der 5. Band, der vom Duden Verlag unter „Kreatives Schreiben“ publiziert wurde. Schreiben dicht am Leben und Schreiben Tag für Tag sowie Schreiben unter Strom habe ich im Laufe der letzten Monate hier auf DruckSchrift schon Schreiben auf Reisenvorgestellt. Inzwischen liegt auch schon wieder ein weiteres Bändchen unter der Überschrift „Schreiben über mich selbst“ vor. Wie lange, so frage ich mich, wird man diese Ausdifferenzierung wohl noch fortführen? Bei „Schreiben auf Reisen“ habe ich den Eindruck, dass man sich mittlerweile im Kreis zu drehen beginnt, dass es zwischen den einzelnen Veröffentlichungen zunehmend zu Überschneidungen kommt, wie die sich mehrenden Verweise im Text auf frühere Publikationen der von Ortheil herausgegebenen, aber nicht durchgehend von ihm selbst geschriebenen  Reihe belegen.

Dennoch: auch „Schreiben auf Reisen“ habe ich wieder gern gelesen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Hanns-Josef Ortheil gut schreiben, ja manchmal wunderbar formulieren kann (leider merkt man das den meist öden Vorworten nicht an).

Der Aufbau entspricht exakt den früheren Bänden: es geht immer um Textprojekte mit anschließenden Schreibaufgaben. Als Vorbilder dienen bedeutende Schriftsteller, anhand von deren Werken eine bestimmte Art zu Schreiben vorgestellt wird. Bei „Schreiben auf Reisen“ beginnt es mit Vorübungen: Raumerkundung durch Spaziergänge, Flanieren, Wandern. Dann geht es um „richtiges“ Reisen: vom Reisetagebuch über das frei geführte zum thematisch geführten Notizbuch; von der Ansichtskarte über mediales bis zum ethnologischen Schreiben; vom Reisebericht über die Reiseerzählung bis zum Reiseroman.

Anregungen und Übungen zum eigenen Schreiben auf Reisen findet man also reichlich.

Mein persönlicher Gewinn lag bei der Lektüre von „Schreiben auf Reisen“ wie bei der von früheren Bänden (s.o.) in hohem Maße darin, dass ich auf viele Autoren gestoßen bin, die ich bisher nicht oder kaum kannte; dass ich neugierig auf sie und ihre Werke, auch auf ihre Art zu Schreiben geworden bin. Insofern kann man – wie ich – die Reihe „Kreatives Schreiben“ auch als Fundgrube verstehen und nutzen.

Hanns-Josef Ortheil
Schreiben auf Reisen
Wanderungen, kleine Fluchten und große Fahrten – Aufzeichnungen von unterwegs
Duden Verlag Mannheim 2012, 160 Seiten, 14,95 EUR

Katja Rother/Jan H. Sachers: Die Schreibwerkstatt

Schrift und Schreiben im Mittelalter
Mit vielen praktischen Tipps zum Selbermachen

Das Mittelalter ist „in“. Das mögen sich auch die Verantwortlichen des G&S-Verlags gedacht haben, als sie daran gingen, mit Dragon Sys eine ganze Reihe zum Thema „Lebendiges Mittelalter“ aufzulegen. Es gibt u. a. Bände zur mittelalterlichen Kleidung, zur Medizin, zur Musik oder mit Rezepten und Tipps für das Kochen am offenen Feuer. die-schreibwerkstatt

Dass mich vor allem dieser Band über Schrift und Schreiben im Mittelalter interessiert hat, wird nicht überraschen. Dabei erweckte die Umschlaggestaltung der Reihe bei mir doch zunächst den Eindruck, es handele sich um Bücher für junge oder jüngere Leser. Die Zielgruppe dürften – mindestens bei diesem Band, die anderen kenne ich nicht – aber doch eher erwachsene Leser bilden; häufig angefügte Fußnoten und gern eingeschobene lateinische Ausdrücke sowie die Literaturauswahl am Ende des Buches lassen mich stark vermuten, dass nicht für junge Leser geschrieben wurde.

Ansonsten aber gilt: „Die Schreibwerkstatt“ ist ein Sachbuch, wie man es sich nur wünschen kann: gut gegliedert, mit den zum Verständnis notwendigen historischen Rückblicken, verständlich, informativ, kompakt, dabei aber nicht zu kurz.

Und: wer über „Schrift und Schreiben“ im Mittelalter berichtet, muss zwangsläufig auch auf die Entwicklung des Lesens und die Geschichte des Buches eingehen – so, wie hier geschehen.

Im historischen Teil dieses Bandes schildern Katja Rother und Jan H. Sachers zum Beispiel die Entwicklung der abendländischen Schrift; es geht um Buchdruck, das Lernen von Lesen und Schreiben, die unterschiedlichen Zwecke des Schreibens (Schreiben der Mönche und Nonnen als Gottesdienst, der Notare und Lohnschreiber zum Zweck des Gelderwerbs, der Kaufleute als Notwendigkeit oder der Dichter und Denker als Ausdruck der Kreativität); die Autoren informieren über Beschreibstoffe wie über Schreibwerkzeuge oder Tinten. Im Kapitel über Formen des Schriftgutes geht es schließlich um Urkunden und andere offizielle Dokumente, Briefe und Bücher.

Wer nach der Lektüre vom Thema gefesselt ist und Lust zum Ausprobieren hat, kann sich selbst in die Zeit des Mittelalters zurück versetzen; im Anhang finden sich Anleitungen zum Erlernen und Üben mittelalterlicher Schriften (hieran ernsthaft Interessierte sollten sich dann aber doch besser ein Buch über Kalligrafie zulegen), zum eigenhändigen Schöpfen von Papier, zur Herstellung von Wachstafeln oder von historischen Tinten.

Mein Fazit: Ohne zu überfordern, führen die Autoren in eine spannende Zeit und ein faszinierendes Thema ein. Sie tun das mit viel Sachverstand und angesichts von nur 170 zur Verfügung stehenden Druckseiten ohne die Kapitel mit allzu viel Details zu überfrachten. Wer sich für die Geschichte des Schreibens interessiert, sollte sich dieses Buch unbedingt einmal näher ansehen. Und wer sich dann in der Schreibwerkstatt eingerichtet hat und heimisch fühlt, findet in den Literaturhinweisen im Anhang reichlich das eigene Wissen vertiefenden Lesestoff.

Katja Rother/Jan H. Sachers
Die Schreibwerkstatt
Schrift und Schreiben im Mittelalter
G&S Verlag 2008, Reihe Lebendiges Mittelalter/DragonSys, Band VIII, 170 Seiten, 25 EUR

durchgeblättert: Das große Buch der Schreibkultur

Geschichte – Hersteller – Modelle

Dieses Buch sollte man sich nicht in der Bibliothek ausleihen. Es ist viel zu schön, um es nach ein paar Wochen wieder dort abzuliefern.

Das große Buch der SchreibkulturIch hatte keine rechte Ahnung davon, was mich erwartete, als ich das Buch, das ich mir über die Fernleihe bestellt hatte, abholte. Ein dickes, mit seinen 308x245x58 mm auch noch verhältnismäßig großformatiges Buch wurde mir am Ausgabeschalter in die Hand gedrückt. Besser gesagt: in beide Hände. In einer Hand ist es nur mit Mühe zu halten. Es ist eben in doppeltem Sinn „das große Buch“ der Schreibkultur.

Was hat es auf seinen 496 Seiten  (dreisprachig: Deutsch, Englisch, Französisch) zu bieten?

Autor Dietmar Geyer beginnt mit einer Darstellung der Entwicklung der Schrift, angefangen beim Faustkeil über die ägyptische Schrift bis zu den dunklen Schreibstuben im Mittelalter. Im folgenden Kapitel geht es um frühe Schreibwerkzeuge: Gänsefeder, Tinte, Papier. Dann werden „neue Schreibgeräte und ihre Techniken“ vorgestellt: Bleistifte, Stahlfedern, frühe Füllhalter, Füllsysteme. Im Kapitel über „König Füllhalter“  widmet sich Geyer u. a. den großen Marken. Dann geht es in die Neuzeit und hier zu Betrachtungen u. a. über den Siegeszug des Kugelschreibers, Technik aus Fernost, schreibende Individualisten. In den beiden folgenden Kapiteln untersucht der Autor Aspekte der  Schreibkultur bzw. beschäftigt sich mit „Design als Ausdruck von Lebensstil“. Ein großen Raum nehmen schließlich die alphabetisch geordneten Portäts von 52 Herstellerfirmen ein. Im Anhang finden sich dann noch Fragen und Antworten zur Welt der Schreibgeräte und ein „Historischer Schreibgeräte-Fahrplan“. Das Buch bietet also geballte Information und kann bei Bedarf auch als Nachschlagewerk dienen.

Abgesehen von den interessanten Texten bietet uns „Das große Buch der Schreibkultur“ eine Fülle von oft herrlichen Abbildungen. Sie machen in hohem Maße den Reiz dieses Buches aus und lassen den Betrachter mit Vergnügen  in die wunderbare Welt des Schreibens eintauchen.

Mein Fazit: Wer sich für (handschriftliches) Schreiben, Schreibkultur, Schreibwerkzeuge interessiert, muss an diesem Buch einfach Freude haben. Mein ausgeliehenes, nur angelesenes Exemplar wandert jetzt erst einmal in die Bibliothek zurück. Aber es steht längst auf meiner Wunschliste. Da ist es sehr hilfreich, dass das Buch, das ursprünglich 49,99 EUR gekostet hat, jetzt für weniger als die Hälfte zu haben ist …

Das große Buch der Schreibkultur
Geschichte – Hersteller – Modelle
herausgegeben von Barbro Garenfeld
historischer und aktueller Überblick: Dietmar Geyer
Tandem Verlag GmbH (h. f. ullmann) 2010
496 Seiten; deutsch / englisch / französisch

Zehn Gebote des Schreibens

Zehn Gebote des SchreibensWenn es auch für so manchen Beitrag in diesem Büchlein nicht gilt – den Titel sollte man ernst nehmen. Jedenfalls was die Zahl 10 angeht. Analog dem großen Vorbild präsentieren die hier versammelten Autorinnen und Autoren jeweils von 1 – 10 ihre Gebote des Schreibens. Manche fassen sich super-kurz (Michael Krüger, Gebot 4: „Lesen“; Gebot 5: „Streichen“; Gebot 6: „Beobachten“); andere Autoren äußern sich etwas ausführlicher (Beispiel Andrea De Carlo, Gebot 1: „Schreibe nur über Dinge, die du aus eigener Erfahrung kennst. Menschen, Orte, Beziehungen, Situationen, Atmosphären: Du solltest genau wissen, wohin du deine Figuren und Leser mitnehmen willst.“).

Ob nun kürzer oder länger – das Büchlein sollte auf keinen Fall als Schule des Schreibens verstanden werden. So wie es angelegt ist, kann es das nicht leisten, zumal die Autoren aus ihrer ganz individuellen Sicht und Erfahrung nicht selten Gegensätzliches empfehlen. Schreibbeflissene können/müssen sich also  aus diesem Gemischtwarenladen herauspicken, was ihnen nützlich sein kann. Hinzu kommt, dass manche der Schriftsteller ihre „Aufgabe“ auch nicht ganz ernst genommen und ihre „Gebote“ witzig (manchmal angestrengt witzig) oder ironisch formuliert haben (Margret Atwood, Gebot 1: „Packe einen Bleistift ein, wenn du im Flugzeug schreiben willst …“).

Insgesamt hat die Deutsche Verlags-Anstalt in diesem kleinen Buch, das wegen des Formats und Lesebändchens an ein Notizbuch erinnert, 42 national wie international renommierte Autorinnen und Autoren versammelt. Ein paar Namen habe ich schon genannt. Hier noch ein paar andere: Alessandro Baricco, Jonathan Franzen, Thomas Glavinic, Ulla Hahn, A. L. Kennedy, François Lelord, Hilary Mantel, Harald Martenstein, Hakan Nesser, Ingrid Noll … Sämtliche Autoren werden im Anhang kurz vorgestellt. Wie man den Copyright-Vermerken entnehmen kann, wurden längst nicht alle „Gebote“ ausdrücklich für dieses Buch verfasst, sondern schon früher andernorts publiziert.

Ein Gebot findet sich in der vorliegenden Zusammenstellung immer wieder: Lesen! Lesen! Lesen! Das lese ich gern, und deshalb wende ich mich nun rasch wieder einem Buch zu. Allerdings einem anderen. Auch wenn dieses hier ganz amüsant, ja gelegentlich auch erhellend oder nützlich ist. Mir scheint, und das ist

mein Fazit: der Unterhaltungswert ist größer als der Nutzwert. Daran ändern auch die paar freien Seiten, die für eigene Notizen „eingebaut“ sind, nichts. Eine nette, nicht gerade preiswerte Lektüre für „zwischendurch“. Oder ein  – buchstäblich – kleines Geschenk für schreibende Freunde.

Zehn Gebote des Schreibens
DVA, 2. Auflage 2011, 176 Seiten, 14,99 EUR

Hanns-Josef Ortheil: Schreiben dicht am Leben

Erstaunlich, unter wie vielen Aspekten man sich dem Thema „Notieren und Skizzieren“ nähern kann; faszinierend, welche unterschiedlichen Notier-Schreiben dicht am LebenTechniken berühmte Schriftsteller anwenden bzw. angewendet haben. Und damit sind wir gleich bei der Besonderheit dieses Buches: Es ist keine „Schreibschule“ herkömmlicher Art, kein Lehrbuch mit Geboten und Regeln – hier lernen wir am Beispiel von Meistern des Notierens und Schreibens überhaupt. Aber wir Lern- und Schreibwilligen müssen uns nicht allein „durchbeißen“ : in dem Schriftsteller, Literaturwissenschaftlicher und Professor für Kreatives Schreiben, Hanns-Josef Ortheil, haben wir einen kompetenten Führer an unserer Seite.

Ortheil unterteilt sein Buch in 4 große Kategorien:

  • Elementares Notieren
  • Bildliches Notieren
  • Emotionen und Passionen notieren
  • Klassisches Notieren

Die ersten 3 Kapitel  enthalten jeweils 5, das 4. Kapitel enthält 4 Unterkategorien.  Die Vorgehensweise Ortheils ist stets gleich. Vorgestellt wird in jeder Unterkategorie jeweils ein Text oder Textprojekt eines (meist) bekannten, manchmal auch berühmten Autors. Aus diesen Aufzeichnungen werden immer wieder erhellende, charakteristische Passagen  zitiert;  diese Notate stehen aber nicht für sich allein, sondern werden  von Ortheil durch Kommentare verbunden und erläutert, so dass für heutige Leser/innen und Lernwillige die Besonderheiten erkennbar sind.

Ein paar Beispiele: Als Exempel für „Notieren als Registrieren“ (Elementares Notieren) wird Georges Perecs „Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen“ herangezogen. Das „Journal“ Gerald Manley Hopkins‘ dient als Anschauungsmaterial für „Notieren als genaues Zeichnen“ (Bildliches Notieren); „Notieren als Zuspitzen“ wird am Beispiel der Aufzeichnungen von Elias Canetti vermittelt (Emotionen und Passionen notieren); unter „Notieren und Exzerpieren“ schauen wir Walter Benjamin beim Anlegen seiner Exzerpte über die Schulter und erfahren, was es mit den Sudelbüchern von Georg Christoph Lichtenberg auf sich hat (Klassisches Notieren).

Allein schon das Studium der Vorgehensweise berühmter Zeitgenossen beim Anlegen von Notizen ist außerordentlich interessant. Aber „Schreiben dicht am Leben“ soll zum Selber-Schreiben anregen. Deshalb finden sich am Schluss jedes einzelnen Projekts Schreibaufgaben. Je nach (Unter-)Kategorie sind sie unterschiedlich schwer, aber die Auswahl ist jedem entsprechend seiner Neigung und (gegenwärtigen) Fähigkeiten selbst überlassen.

In seiner Nachbetrachtung am Schluss des Buches schreibt Ortheil:

Das tägliche Notieren [aber] hält den Sprachfluss in Bewegung. Schon das pure Aufschreiben bestimmter Daten und Zeichen der Außenwelt kann diesen Effekt haben. Darüber hinaus zieht der Schreibakt auch von sich aus Assoziationen, Bilder, Vergleiche und Metaphern an, die das Geschriebene ergänzen und neu strukturieren.

Solche Effekte stellen sich dadurch her, dass man als Notierer plötzlich etwas „schwarz auf weiß“ sieht. Was vorher nur flüchtige Sprache und Bildlichkeit war, erscheint nun gesetzt und geformt. Die Worte treiben sich nicht mehr herum, sondern sie erscheinen in einem bestimmten sprachlichen Feld. In diesem Feld wirken sie wie eine Festlegung. Aus offenem, nicht festgelegtem Sprechen und Denken wird so das strukturierte, sich festlegende Schreiben.

Ein schönes Plädoyer für das Schreiben, das Notieren.

Mich hat das Buch überzeugt. Ich habe viele Anregungen darin gefunden und  und werde jetzt sehr bald entscheiden, in welcher  Notiertechnik ich mich als erstem Schritt erproben und entwickeln will.

„Schreiben dicht am Leben“ ist übrigens Teil einer mehrere Titel umfassenden, von Ortheil herausgegebenen (aber nicht durchgängig von ihm verfassten) Reihe zum Thema „Kreatives Schreiben“. Unter anderem gibt es auch Bändchen zu „Schreiben Tag für Tag“ (Journal und Tagebuch) und „Schreiben unter Strom“ (Experimentieren mit Twitter, Blogs, Facebook & Co).

Schreiben dicht am Leben
Notieren und Skizzieren
von Hanns-Josef Ortheil
Duden-Verlag 2012, 160 Seiten, 14,95 EUR