Thomas Montasser: Ein ganz besonderes Jahr

Literatur? Die Interessen der Betriebswirtin Valerie sind ganz anders gelagert. Als sie die kleine Buchhandlung „Ringelnatz & Co.“, die ihre spurlos verschwundene Tante Charlotte hinterlassen hat, übernimmt, erkennt sie „Thomas Montasser: Ein ganz besonderes Jahr“ weiterlesen

Christopher Morley: Das Haus der vergessenen Bücher

„Das Haus der vergessenen Bücher“ – das klingt interessant. Dass der Schauplatz ein Antiquariat ist – das verspricht Atmosphäre, ja ein gewisses Kribbeln. Dass ein Buch verschwindet und ein Spionagefall „Christopher Morley: Das Haus der vergessenen Bücher“ weiterlesen

Robin Sloan: Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra

Ich hätte nie im Leben erwartet, in diesem Buch dem venezianischen Drucker und Verleger Aldus Manutius, den ich erst kürzlich in DruckSchrift vorgestellt habe, wieder zu begegnen. Aber er spielt in der hier erzählten Geschichte eine enorm wichtige Rolle, hat er Die sonderbare Buchhandlungdoch der Nachwelt einen geradezu elektrisierenden Code hinterlassen, den zu finden und zu entschlüsseln sich schon Generationen von Lesern bemühen.

Dass die wenigen Kunden die Buchhandlung Penumbra nicht aufsuchen, um hier aus dem bescheidenen Angebot an mehr oder weniger aktuellen Publikationen zu wählen, sondern gezielt Bücher verlangen, die sich auf den verstaubten meterhohen Regalen im hinteren Teil des Ladens befinden, kommt Ich-Erzähler Clay Jennon schon etwas sonderbar vor. Aber der vormals arbeitslose Webdesigner hält sich an die mit seiner Anstellung verbundenen Vorschriften, die u. a. festlegen, dass er besagte Bücher nur an registrierte Nutzer ausleihen, sie sich aber nicht anschauen darf. Bis sein Freund Mat in der Buchhandlung auftaucht und sich mir nichts dir nichts ein Buch aus dem Regal zieht …

Code, nichts als Code. In allen Büchern auf den schwindelerregend hohen Regalen. Aber Clay hat mit Mat und Neel zwei kreative Köpfe als Freunde, zu denen sich die für Google arbeitende Kat gesellt. Sie wollen wissen, was es mit den rätselhaften Büchern auf sich hat und arbeiten mit Clay an des Rätsels Lösung. Und das tun sie für die Leserinnen und Leser dieses Buches auf sehr unterhaltsame und durchaus auch spannende Art und Weise.

Autor Robin Sloan gehört wie die Hauptfiguren in diesem Buch zu der Generation, die mit Computern und den Möglichkeiten, die die Neuen Medien bieten, aufgewachsen ist. Er selbst hat für Twitter und andere Online-Plattformen gearbeitet. Seine Romanfiguren sind – wie der Autor wohl selbst auch – den sog. Nerds zuzurechnen, die Laptop, Handy/Smartphone, Kindle ständig griffbereit haben und für die Computer und Code wesentliche Hilfsmittel sind, mit denen sie dem großen Geheimnis um den Code des alten Manutius auf die Spur kommen wollen.
Hier wird also zugleich eine Brücke zwischen Alt und Neu geschlagen.

Der Autor balanciert zwischen der Beschreibung der Realität einerseits und Phantasie und Witz andererseits. Alte und neue Medien treffen aufeinander. Die Geschichte vermittelt neben der interessanten Kern-Story einen guten Einblick in die vernetzte, digitalisierte Welt mit all ihren aktuellen und vielleicht künftigen Möglichkeiten. Manche Formulierungen sind aber auch ironisch, ja persiflizierend, wenn es zum Beispiel überspitzt heißt: „Kat hat eine New York Times gekauft, aber nicht herausgefunden, wie man sie bedient, darum fummelt sie an ihrem Handy herum.“

Wie wirklichkeitsnah Leben und Arbeiten bei Google, dem Arbeitgeber von Kat, beschrieben werden, weiß ich nicht nicht genau zu sagen. Aber es kommt mir tendenziell trotz sicher vorhandener Überzeichnungen schon recht realistisch vor. Gut zu wissen, dass – zumindest in diesem Buch – Google trotz seiner unglaublichen Möglichkeiten nicht allmächtig ist und jedes Problem lösen kann …

Mein Fazit: „Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra“ ist gute, oft witzige und spannende Unterhaltung. Eine gewisse Vertrautheit mit Computern und ein Basiswissen „drumherum“ sollte bei Leser/innen allerdings vorhanden sein, auch wenn es in diesem Buch trotz und vor allem um Bücher geht und die Liebe zu diesem alten Medium unverkennbar ist. Sympathische Hauptfiguren, interessante Charaktere, Handlungsorte mit Atmosphäre und ein lockerer, amüsanter Schreibstil machen dieses Buch zu einem Lesevergnügen.

Robin Sloan
Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra
Karl Blessing Verlag 2014, 352 Seiten, 19,99 EUR

Martin Suter: Lila Lila

Der Einstieg in Martin Suters Roman „Lila Lila“ ist wie aus dem Lehrbuch für kreatives Schreiben: Rasant. Fesselnd. Als Leser/in will man dringend wissen, wie sich die Geschichte entwickelt. Die Neugier hat bei Lila Lilamir aber rasch nachgelassen, denn die Story plätschert vor sich hin. Erst ab der zweiten Hälfte nimmt sie wieder Fahrt auf, und die Lektüre wird interessant(er).

Um was geht es? Martin Suter erzählt die Geschichte des jungen Aushilfskellners David Kern, der zufällig in den Besitz eines Romanmanuskripts kommt. Es geht darin um eine tragisch endende Liebesgeschichte. Davids Recherchen nach dem Verfasser führen zu nichts. Er setzt seinen Namen als Autor über das Manuskript, ändert ein paar Details im Text – und tut weiter nichts. Dann entdeckt Kerns Freundin Marie das Manuskript zufällig, ist begeistert von der Geschichte und den Schreibkünsten ihres Freundes und schickt das Werk ohne Wissen des vermeintlichen Autors an einen Verlag. Das Schicksal nimmt seinen Lauf …

Nach dem gelungenen Einstieg – s. oben – wird es erst einmal etwas unübersichtlich. Kaum hat man mit der Lektüre begonnen, wird man mit sehr viel Personal konfrontiert. Nicht ganz einfach nachzuhalten, wer wer ist. Dass Suter die Geschichte aus der Perspektive mehrerer Akteure schildert, nimmt ihr viel von ihrem Schwung und führt zu Wiederholungen.

Die handelnden Personen haben mich nicht wirklich überzeugt. Sie wirken auf mich sehr klischeehaft, synthetisch, nicht wie echte Lebewesen. David Kern wird zudem dermaßen naiv geschildert, dass die Glaubwürdigkeit der ganzen Geschichte leidet. Aber auch die eigentlich ganz clevere Marie hätte Suter mit mehr Durchblick ausstatten können. Doch das hätte der recht durchsichtig angelegten Geschichte ein vorzeitiges Ende bereitet…

Kurzum: „Lila Lila“ hat zu Beginn Längen, die Langeweile auslösen. Das hat dazu geführt, dass ich die Lektüre oft unterbrochen habe. Ich musste mich dann selbst immer wieder ausdrücklich auffordern, mit dem Lesen fortzufahren. Ab der 2. Hälfte habe ich mich schließlich einigermaßen gut unterhalten gefühlt. Nun ja. Eines ist aber schon jetzt klar: „Lila Lila“ wird sich sicher nicht unter meinen TOP 10 des Jahres 2014 wiederfinden.

Martin Suter
Lila Lila
Diogenes 2005, 344 Seiten

Ray Bradbury: Fahrenheit 451

Was für eine Welt?! Seelenlos. Gedankenlos. Bücherlos. Fahrenheit 451 (232 ° Celsius) – das ist die Temperatur, bei der Bücher Feuer fangen und verbrennen. Für’s staatlich verordnete Bücherverbrennen ist die Feuerwehr zuständig. Seit Jahren ist das der Job von Feuerwehrmann Guy Montag und seinen Kollegen. Eine ganz gewöhnliche Aufgabe, findet Montag. Und doch: hin Fahrenheit 451und wieder lässt er schon mal heimlich ein Buch „mitgehen“ und versteckt es im Lüftungsschacht seiner Wohnung. Seine auf das Fernsehen versessene, ansonsten aber interessenlose Frau ist ahnungslos.

Eines Nachts lernt Montag auf  dem Heimweg von der Feuerwache die junge Clarisse kennen, die so ganz anders ist, denkt und fühlt als die Menschen seiner Umgebung.

„Ist es wahr, dass die Feuerwehr einst Brände bekämpfte, statt sie zu entfachen?“

Die Gespräche mit ihr machen ihn nachdenklich, öffnen seinen Blick für die Schönheiten der Natur, erinnern ihn daran, dass die Häuser früher Balkone hatten, auf denen die Menschen saßen und sich unterhielten …

„Wetten, dass ich noch etwas weiß, was Sie nicht wissen. Auf dem Gras liegt früh am Morgen Tau.“
Er hätte plötzlich nicht mehr sagen können, ob ihm das bekannt gewesen war oder nicht, und geriet in eine leicht gereizte Stimmung.

„Und wenn Sie genau hinsehen“ – Clarisse deutete mit dem Kopf zum Himmel -, „es hockt ein Mann im Mond.“
Er hatte schon lange nicht mehr hingesehen.

Zum Schlüsselerlebnis wird für Montag sein nächster dienstlicher Einsatz: Eine von ihrer Nachbarin denunzierte Frau weigert sich, ihre Bibliothek zu verlassen – und verbrennt zusammen mit ihren Büchern. Ein Ereignis, dass Montag krank macht, ihn zugleich aber erkennen lässt, dass etwas geschehen muss …

– „Mildred, wie wäre es … wenn ich mit dem Dienst eine Zeitlang aussetzen würde?“
– „Du willst alles aufgeben? Nach all den Jahren, bloß weil einmal eine Frau und ihre Bücher …“
– „Du hättest sie sehen sollen, Millie!“
– „Sie geht mich nichts an. Sie hätte keine Bücher haben dürfen.“

Die Szenerie, die Bradbury in seinem Roman beschreibt, ist bedrückend, lässt einen schaudern. Entmündigte, manipulierte Menschen, die gar nicht (mehr?) merken, dass sie von von ihnen unbekannten Kräften ferngesteuert sind. Sie werden einer ständigen Berieselung durch banalste Fernsehsendungen, die auf Wohnungswänden gezeigt werden, ausgesetzt. Mit Turbinenautos rasen sie sinnlos durch die Straßen. Von Sportereignissen, Veranstaltungen, Vergnügungsparks etc. werden sie dermaßen auf Trab gehalten, dass für eigenständiges Denken und Handeln keine Zeit bleibt. Kritische, selbstbestimmte Bürger sind unerwünscht, damit die Mächtigen schalten und walten können wie sie wollen. In einer solchen Umgebung können Bücher natürlich nicht geduldet werden. Die Regierenden brandmarken sie als die Quelle allen Unglücks; Bücher sind deshalb rücksichtslos zu vernichten.

Fahrenheit 451 ist ein Klassiker der Science Fiction Literatur. Kein Wunder. Obwohl schon 1953 geschrieben, trägt es Züge von beunruhigender Aktualität. Die Medienmacht eines Murdoch oder Berlusconi beeinflusst (bestimmt?) Wahlentscheidungen. Die, die parlamentarische Interessenvertretung am Nötigsten hätten, sind desinteressiert und beteiligen sich immer weniger an Wahlen. Ein zunehmend niveauloser werdendes Fernsehen betreibt Verdummung durch Castingshows, Fernsehshows, Soaps, sog. Reality TV …

Mein Fazit: Normalerweise interessiert mich Science Fiction nicht. Da es hier aber ganz wesentlich um Bücher und die Angst der Mächtigen vor deren Macht geht, war Fahrenheit 451 so etwas wie Pflichtlektüre für mich. Bradburys Roman ist faszinierend und beklemmend; er ist ein Plädoyer gegen Angepasstheit und Stumpfsinn, für Zivilcourage. Und eine eindringliche Mahnung vor manipulativen, entmündigenden, ja letztlich demokratiefeindlichen Kräften und Tendenzen, die nicht unterschätzt werden dürfen. Dringende Leseempfehlung!

Peter Jacobi: Mein Leben als Buch

Wohl kein Zufall: es sind immer die Bücherverrückten, die eines schönen Morgens als Buch aufwachen.

So widerfährt es dem Bibliophilen / Bibliomanen Herrn Bibli in Alfons Schweiggert’s Roman „Das Buch“ (Besprechung hier). Und in Peter Jacobi’s „Mein Leben als Buch“ erwischt es den Antiquar Dietrich Oger, genannt Diogenes. Aber was heißt hier „erwischen“? Hat da etwa jemand dessen Umwandlung in ein Buch bewusst betrieben?

Die „Büchertonne“, Ogers Antiquariat, läuft nicht gut. Kunden sind eher lästig, denn der Inhaber tut vorzugsweise eins: Lesen. Vor allem Biografien, Lebenserinnerungen. Kunden stören da nur. Es wird finanziell eng. Vorschläge seiner Lebensgefährtin Gisela oder seines langjährigen Freundes Gerold, der die örtliche Dombuchhandlung betreibt: Hinzunahme von modernem Antiquariat, Verkauf von CDs – werden kategorisch abgelehnt. Als dann Sprayer Nacht für Nacht das im Zuge von Sanierungsmaßnahmen frisch gestrichene Haus, in dem die „Büchertonne“ untergebracht ist, verunstalten, geht der Ärger richtig los. Und dann … Richtig vermutet. Dietrich Oger wacht eines Morgens auf und ist ein Buch.

Als solches muss Diogenes diverse Veränderungen in seinem Umfeld wahrnehmen. Gisela und Gerold „krempeln“ die „Büchertonne“ nach ihren Vorstellungen um. Dabei hat Gisela ihm doch geschworen: keine Musik!!! Und dann muss der Protagonist aus nächster Nähe miterleben, dass seine Lebensgefährtin und der gemeinsame – verheiratete – Kumpel weit mehr sind als nur “befreundet“.

So wird dem Buch klar, dass ein abgekartetes Spiel mit ihm bzw. Dietrich Oger getrieben wird.

Aber was ein richtig pfiffiges Buch ist, das weiß sich – manchmal auch mit nicht ganz feinen Methoden –  zu helfen. Mehr sei nicht verraten.

Peter Jacobi hat mit „Mein Leben als Buch“ ebenso wie Alfons Schweiggert mit „Das Buch“ – der Vergleich drängt sich einfach auf, auch wenn die erzählten Geschichten denn doch ziemlich unterschiedlich sind  – ein außerordentlich amüsantes, lesenswertes Buch geschrieben, das man Ruck-Zuck ausgelesen hat. Ich hätte Schwierigkeiten, müsste ich mich für einen dieser beiden Romane entscheiden. Aber zum Glück besteht kein Entscheidungszwang. Meine Empfehlung: … Schon klar? Viel Spaß bei der Doppel-Lektüre.

Peter Jacobi
Mein Leben als Buch
Edition Nautilus 1999, Hardcover, 144 Seiten