New York Sketchbook – Skizzenbuch von Fabrice Moireau und Jerome Charyn

„Ich war noch niemals in New York“ sang vor Jahren Udo Jürgens. Ob es sich dabei nur um eine Zeile in einem seiner Hits handelte oder auch seine Lebenswirklichkeit widerspiegelte, sei dahingestellt. Was mich angeht, muss ich einräumen, dass ich bislang weder in New York noch in den USA überhaupt war. Und es zieht mich zumindest gegenwärtig auch nicht gerade dort hin. Aber – halt: Das Skizzenbuch, das ich heute vorstelle, ist dermaßen schön, dass ich an die altbekannte Weisheit denken muss: Was nicht ist, kann ja (vielleicht doch) noch werden … „New York Sketchbook – Skizzenbuch von Fabrice Moireau und Jerome Charyn“ weiterlesen

als Graphic Novel: Paul Austers „Stadt aus Glas“

Alle reden über Paul Auster. Allerdings gegenwärtig vor allem über seinen neuen Roman „4 3 2 1“, weniger über seinen frühesten, der den Titel „Stadt aus Glas“ trägt und 1985 als erster Teil der New York Trilogie erschien. Die erstmals 1994 auf Englisch und ursprünglich bei Rowohlt 1997 in deutscher Sprache publizierte Adaption als Graphic Novel ist heute ein unbestrittener Klassiker unter den Literaturadaptionen „als Graphic Novel: Paul Austers „Stadt aus Glas““ weiterlesen

Christopher Morley: Das Haus der vergessenen Bücher

„Das Haus der vergessenen Bücher“ – das klingt interessant. Dass der Schauplatz ein Antiquariat ist – das verspricht Atmosphäre, ja ein gewisses Kribbeln. Dass ein Buch verschwindet und ein Spionagefall „Christopher Morley: Das Haus der vergessenen Bücher“ weiterlesen

Sheridan Hay: Die Antiquarin

Worum geht’s? Natürlich um Bücher. Aber auch um die Thematik „Abschied und Neubeginn“.

Die Amerikanerin Sheridan Hay erzählt in „Die Antiquarin“ die Geschichte der 18jährigen Tasmanierin Rosemary Savage, die nach dem Tod ihrer Mutter von Die AntiquarinEsther Chapman (Chap), der Mutter und Tochter eng verbundenen Buchhändlerin am Heimatort, auf die weite Reise nach New York geschickt wird, um sich zu lösen, um zu lernen, sich ihr eigenes Leben aufzubauen.

In der Stadt ihrer Träume angekommen, findet Rosemary schon bald eine Anstellung im riesigen Antiquariat Arcade. Sie fühlt sich stark hingezogen zu dem schönen und belesenen Antiquar Oscar, der ihr zwar freundlich gesonnen ist,  ihre Annäherungsversuche aber brüsk zurückweist. Bemüht, trotzdem seine Aufmerksamkeit und Anerkennung zu gewinnen, erzählt sie Oscar von einem Brief, den sie dem nahezu erblindeten Geschäftsführer des Arcade, Walter Geist, vorlesen musste. Darin sei es um ein offenbar verschollenes Manuskript Herman Melvilles gegangen. Oscar, wie elektrisiert, nimmt mit Unterstützung Rosemarys, die glücklich ist, mit ihm zusammenarbeiten zu können, sofort Recherchen auf. Er schwört sie darauf ein, niemandem außer ihm etwas zu erzählen und Geist, dessen Assistentin sie ist, auszuhorchen.

Aber auch ihr Vorgesetzter, der sie begehrt und sie für sich gewinnen will, erwartet von ihr Verschwiegenheit, ja Zusammenarbeit bei einem Plan, den Rosemary (noch) nicht durchschaut. Und da ist auch noch Mr. Mitchell, für die wertvollen Raritäten zuständig; durch eine Bemerkung Rosemarys hellhörig geworden, drängt er die junge Frau, ihm und nur ihm allein unter dem Siegel der Verschwiegenheit alles zu erzählen, was sie über den Vorgang in Erfahrung bringen kann …

Das Potenzial für eine interessante Geschichte ist also vorhanden, und alles in allem fand ich den Roman Sheridan Hays, die übrigens selbst im New Yorker Antiquariat „The Strand“ gearbeitet hat, auch lesenswert. Einige Vorbehalte will ich aber nicht unerwähnt lassen.

Mein größter Einwand richtet sich gegen die Überzeichnung des Personals des Arcade. Wohl in dem Bemühen, originelle, in gewisser Weise auch heimatlose Typen zu schaffen, hat die Autorin schlicht überzogen. Da sind etwa: der Besitzer Mr. Pike, der von sich nur als Mr. Pike spricht, von morgens bis abends auf einem Podest sitzt und die Preise für die Bücher festlegt und ein autoritäres Verhalten an den Tag legt; der Geschäftsführer Walter Geist, ein Albino; die Kassiererin Pearl, eine Transsexuelle; der schwule Arthur aus der Kunstabteilung, der sich am liebsten Fotobände mit Männerakten anschaut; der beziehungsunfähige Oscar, der es weder mit Frauen noch mit Männern kann;  Mr. Mitchell aus dem Raritätenraum, der zu viel trinkt … Wenigstens ist Rosemary „normal“; sie ist eine sympathische, ehrliche und offene junge Frau, wenn auch manchmal etwas naiv.

Bei der Lektüre habe ich mich des öfteren gefragt, zu welcher Zeit die Handlung eigentlich spielt. Ich weiß sehr wohl, dass sich unsere Lebens-, Wohn- und Arbeitsverhältnisse nicht einfach auf die USA übertragen lassen, aber ich hatte bei der Schilderung der Arbeitsweise des Arcade, der Bezahlung und Arbeitszeit der dort Beschäftigten, der ärmlichen Wohnung, die sich Rosemary nimmt usw. zunächst den Eindruck, dass wir uns am Ende der 50er/Anfang der 60er Jahren des 20.Jahrhunderts bewegen. Als Rosemarys Freundin Lillian, die in dem Hotel arbeitet, in dem Rosemary nach ihrer Ankunft erst einmal abgestiegen war, erzählt, ihr Sohn gehöre zu denen, die von den argentinischen Machthabern zur Zeit der Militärdiktatur Anfang der 80er Jahre verschleppt wurden, wird klar, dass wir doch schon ein gutes Stück weiter sind. Für meinen Geschmack wird der Zeitrahmen nicht stimmig dargestellt.

Stimmig dürfte wohl auch nicht sein, dass Mr. Mitchell im Raritätenraum, der die kostbaren Bücher bis hin zu Inkunabeln beherbergt, Pfeife rauchen durfte. Das halte ich nicht einmal in Amerika für möglich. Auch mit der Blindheit von Walter Geist wird etwas beliebig umgegangen. Angeblich hat sich sein Sehvermögen im Laufe des geschilderten Jahres im Arcade zunehmend bis hin zur Erblindung verschlechtert, für einen Blinden bewegt er sich gegen Ende des Romans aber noch flott und selbständig im großen New York.

Ein positiver Aspekt: Sheridan Hay lässt uns sehr einfühlsam an Rosemarys Bemühungen teilhaben, den Tod ihrer Mutter (sie hat die Asche der Mutter mit nach New York genommen) zu verarbeiten, ohne sie zurechtzukommen. Die Szenen, in denen die junge Frau sich immer wieder auf ihre Mutter zurückbesinnt, in denen deutlich wird, wie der Schmerz über den Verlust sie quält, wie allein sie sich fühlt, wie sie mit der Mutter „redet“ – diese Szenen sind sehr berührend, sehr schön. Hier zeigt sich auch, wie wundervoll Sheridan Hay schreiben kann.

Gewiss kein Zufall: Bei dem verschollenen Manuskript Herman Melvilles – hier folgt das Buch der Wirklichkeit – geht es übrigens um „The Isle and the Cross“, die Geschichte eines Mannes, der Frau und ungeborenes Kind verlässt und erst nach 17 Jahren wieder auftaucht. Auch Rosemary ist ohne Vater aufgewachsen (und hofft immer noch darauf, ihm eines Tages zu begegnen).

Alexander Pechmann schildert die Geschichte des nie veröffentlichten, verschwundenen Manuskripts Melvilles übrigens in seiner „Bibliothek der verlorenen Bücher“, ein Buch, das DruckSchrift hier vorgestellt hat.

Kurz zusammengefasst: In „Die Antiquarin“ wird eine interessante, mehrschichtige Geschichte erzählt, zwar etwas zu langatmig und teilweise nicht wirklich stimmig; aber alles in allem bietet das Buch gute Unterhaltung für „Zwischendurch“.

Sheridan Hay
Die Antiquarin
Rowohlt Taschenbuch Verlag (rororo 24387), Hamburg 2008, 430 Seiten