Christine de Pizan – dargestellt von Margarete Zimmermann

Sie ist nicht auf den Mund gefallen. Über eine Begegnung mit einem Feind weiblicher Gelehrsamkeit erzählt Christine de Pizan:

Einmal bot ich einem Mann, der meinen Wissenshunger missbilligte, Paroli. Er behauptete, Gelehrsamkeit stehe Frauen nicht an, wie es ja auch nur wenige gelehrte Frauen gebe. Ich entgegnete ihm, Unwissenheit stehe Männern noch weniger an, auch wenn es zahlreiche unwissende Männer gebe.

Das war nicht das erste und einzige Mal in ihrem Leben, dass Christine de Pizan gegen frauenfeindliche, Frauen abwertende männliche Positionen Stellung bezog. „Christine de Pizan – dargestellt von Margarete Zimmermann“ weiterlesen

Christine Jakobi-Mirwald: Das mittelalterliche Buch

Funktion und Ausstattung

Mit dem Kauf dieses Reclam-Bandes erwirbt man eine „geballte Ladung“ an Information. Wer sich über das Buch im Mittelalter, seine Funktion, seine Herstellung, seine Formen und seine Gestaltung bis hin zur Geschichte der Buchmalerei informieren möchte, ist mit der von Das mittelalterliche BuchChristine Jakobi-Mirwald verfassten Publikation auf das Beste bedient.

Die Autorin, die unter anderem Kunstgeschichte und Mittellatein studiert und 1997 mit einer Arbeit über die Entstehung der historisierten Initiale im 8. und 9. Jahrhundert promoviert hat, kennt sich mit allen Aspekten rund um mittelalterliche Bücher hervorragend aus und weiß ihre Kenntnisse gut zu vermitteln. Abgesehen davon, dass ihr Buch auch eine Einführung in die Buchmalerei enthält, erinnert „Das mittelalterliche Buch“ stark an Stephanie Hauschilds „Das Skriptorium“ (s. Besprechung hier), geht aber mehr in die Tiefe, kommt auch etwas wissenschaftlicher daher, ohne aber dadurch Einsteiger abzuschrecken. Vorausgesetzt, diese sind ernsthaft interessiert und zu konzentrierter Lektüre (Arbeit) bereit. Denn „Das mittelalterliche Buch“ ist kein Buch zum „mal eben durchrauschen“.

Nach einer Darstellung der modernen Rezeption (Beispiele: Die Handschrift in der Ausstellung; die Handschrift als Handels- und Sammelobjekt; die Handschrift digitalisiert und im Internet) wendet sich die Autorin der zeitgenössischen Rezeption zu und erläutert Formen und Funktionen mittelalterlicher Bücher. Es geht dabei – natürlich, muss man bei mittelalterlichen Codizes wohl sagen – um die Bibel, um Evangeliare, Psalter und andere liturgische Bücher (bei der Vielzahl unterschiedlicher oder sich auch überschneidender Zweckbestimmungen schwirrt der Kopf), es geht um die damals sehr beliebten Stundenbücher, aber auch um Naturlehre, Jurisprudenz, Roman oder Dichtung.

… Trotzdem waren ab dem 13. Jahrhundert die Volkssprachen in allen Ebenen auf dem Vormarsch, was auch zum starken Anwachsen der Leserkreise beigetragen hat. Hinzu kam, ebenfalls etwa ab 1200, die Rationalisierung und Kommerzialisierung der Buchproduktion … Die Ausbreitung der Lesefähigkeit und die wachsende Verfügbarkeit von Geschriebenem beeinflussten einander wechselseitig.

Im nächsten Kapitel widmet sich die Autorin Aufbau und Herstellung mittelalterlicher Handschriften. Stichworte, beispielhaft: Papyrus und Pergament; Schreibwerkzeuge und Schrift; Bucheinband; Geschichte der Buchherstellung.

Im 15. Jahrhundert fand zum zweiten Mal in der Geschichte des Abendlandes eine umwälzende Veränderung des Buchwesens statt – die erste war die Einführung des Pergamentcodex gewesen. Die Einführung von Papier als Beschreibstoff und die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern waren zunächst zwei voneinander unabhängige Faktoren, die aber zusammen das Buch völlig neu definierten.

Das – für Nicht-Kunsthistoriker manchmal etwas schwierig zu lesende – Kapitel über die Buchseite ist Formen und Funktionen der Buchausstattung gewidmet (Gliederung der Textseite, Entstehung, Typen und Geschichte der Initiale, Buchschmuck zur Verzierung, zur Textillustration und zur Repräsentation).

Schließlich folgt eine kompakte Darstellung der Geschichte der Buchmalerei von der Spätantike bis zur Renaissance.

Das Buch ist mit zahlreichen Illustrationen in Schwarz-Weiß ausgestattet. Vor allem, wenn es um die Buchmalerei geht, mag man die fehlende Farbe bedauern. Aber „für das Auge“ gibt es zahlreiche andere Werke, wobei die Autorin auf die Problematik von Farbverfälschungen hinweist.

Nicht nur zu jedem Kapitel, sondern zu jedem einzelnen Abschnitt gibt es eine Fülle von deutschsprachigen, nicht selten aber auch englisch- und französischsprachigen Literaturempfehlungen. Es mangelt also weder an Material noch an Hinweisen für die weitere Beschäftigung mit einem – wie ich immer mehr finde – faszinierenden Thema.

Mein Fazit: Mit „Das mittelalterliche Buch“ hat Christine Jakobi-Mirwald eine hervorragende Publikation vorgelegt, die schon deutlich mehr als eine bloße Einführung in die Thematik darstellt. Lesenswert. Empfehlenswert.

Christine Jakobi-Mirwald
Das mittelalterliche Buch
Funktion und Ausstattung
Reclam Taschenbuch 2004, 317 Seiten, 9,80 EUR

Florentine Mütherich / Joachim E. Gaehde: Karolingische Buchmalerei

An den mittelalterlichen Handschriften interessieren mich vor allem die buchgeschichtlichen Aspekte: Herstellung, Materialien, Arbeit in klösterlichen und privaten Skriptorien, Verwendungszwecke, Buchhandel. Die kunstgeschichtlichen Aspekte stehen dahinter etwas zurück. Oder sollte ich besser sagen: „standen“? Eine exakte Trennung ist ohnehin kaum möglich, und hat man sich einmal in Werke der Buchmalerei vertieft, ist man schnell „mittendrin“. Ich registriere jedenfalls bei mir zunehmende Begeisterung für die wunderbaren Miniaturen, die viele der erhaltenen mittelalterlichen Codizes schmücken (wobei Miniaturen – da kann man sich leicht täuschen – auch ganze Seiten füllen können).

Zwei umfassende Werke über die Buchmalerei des gesamten Mittelalters, die der Ein- und Hinführung dienen können, habe ich in DruckSchrift schon Karolingische Buchmalereivorgestellt: Goldenes Mittelalter und Mit Pinsel und Federkiel. Für diejenigen, die sich lieber (erst einmal) einzelnen Abschnitten zuwenden wollen, gibt es Alternativen. Sie kommen z. B. aus dem Prestel Verlag, der in den 70er und 80er Jahren eine ganze Reihe von Monographien herausgegeben hat: von der karolingischen bis zur frühen spanischen, von der italienischen bis zur insularen Buchmalerei. Die Bücher sind auch heute noch relativ gut und preiswert antiquarisch zu bekommen.

Soweit ich es sehe (ich habe bisher nur 2 Ausgaben vorliegen), ist die Machart stets gleich. Nach einer etwas ausführlicheren Einleitung werden wegweisende Codizes des jeweiligen Betrachtungszeitraums und/oder -gebiets vorgestellt. Zunächst gibt es Hinweise auf das (mutmaßliche) Entstehungsjahr der Handschrift, die „Schule“, der sie zugeordnet wird, auf Besonderheiten, die das Werk auszeichnen und wo es sich gegenwärtig befindet. Danach werden die ausgewählten Abbildungen beschrieben.

Konkret sieht das in dem Band „Karolingische Buchmalerei“, um den es hier „aktuell“ geht, so aus:

Vorgestellt werden eine ganze Reihe von Evangeliaren, Psaltern, Sakramentaren, Bibeln. Darunter sind der Utrecht-Psalter, das Godescalc-Evangelistar, das Krönungs-Evangeliar, der Codex Aureus aus St. Emmeram und die Vivian-Bibel. Über diese sog. Erste Bibel Karls des Kahlen lesen wir u. a.:

Unter den erhaltenen touronischen Bibeln ist die hier vorliegende Handschrift das am reichsten ausgestattete Exemplar. Das letzte der drei Widmungsgedichte besagt, dass der Laienabt Graf Vivian (844-851) und die Mönchen der Abtei Saint-Martin in Tours diese Bibel Karl dem Kahlen zueigneten. Anlass für die Widmung war Karls Bestätigung der Immunitätsrechte der Abtei im Jahr 845 …

Vivian Bibel 1
Basis-Infos zur Vivian-Bibel und Beginn der Ausführungen zur Tafel „Titelbild zu den Vorreden des hl. Hieronymus“

Danach werden dann drei ganzseitige Miniaturen detaillierter beschrieben.

Vivian Bibel 2
Vivian-Bibel: Titelbild zu den Vorreden des hl. Hieronymus

Das geschieht gut lesbar und öffnet einem die Augen für so manches Detail, das man sonst wohl übersehen hätte. Und hilft, wenn man mit der Bibel vielleicht nicht (mehr) so ganz vertraut ist…

Auch wenn die Inhalte der mittelalterlichen Codizes weitgehend religiösen Charakter hatten und kirchlichen Zwecken dienten: es gab durchaus auch andere Werke, im Zeitraum der karolingischen Buchmalerei zum Beispiel Abschriften der Komödien des Terenz, das „Astronomisch-komputistische Lehrbuch“ (unvollständige Kopie eines Lehrbuches, das um 810 am Hof Karls des Großen entstand) oder den Physiologus – ein  Werk griechischen Ursprungs, das die Eigenschaften wirklicher oder legendärer Tiere, Pflanzen und Steine mit den Mitteln der christlichen Allegorese darstellt und deutet. Auch hier gilt: Auf einleitende Basis-Informationen folgen mehrere farbige Abbildungen, die sachkundig beschrieben werden.

Mein Fazit: „Karolingische Buchmalerei“ macht auf kompetente, dabei (aber) angenehme Art und Weise mit Werken vertraut, die zur Zeit Karls des Großen und seiner Nachfolger entstanden sind und Meilensteine in der Geschichte des Buches und der Buchmalerei wurden. Der Band ist durchaus auch einsteigergerecht, wenn auch ein Glossar manchmal hilfreich wäre.

Karolingische Buchmalerei
Florentine Mütherich (Einführung); Joachim E. Gaehde (Erläuterung der Bildtafeln)
Prestel Verlag München
128 Seiten, 48 Farbtafeln

Stephanie Hauschild: Skriptorium

Die mittelalterliche Buchwerkstatt

Sie werden gehütet in Nationalbibliotheken, Museen und Schatzkammern. Wenn man nicht das Glück hat, eine Ausstellung wie „Pracht auf SkriptoriumPergament: Schätze der Buchmalerei von 780 bis 1180″ vor 2 Jahren in München besuchen zu können, bekommen Normalsterbliche die Originale kaum zu Gesicht. Oder bestenfalls mal eine aufgeschlagene Doppelseite.

Wert, Schönheit und (kultur)historische Bedeutung der erhaltenen mittelalterlichen Handschriften stehen außer Frage. Aber wer hat die Kunstwerke in Schrift und Bild geschaffen? Waren die Skriptorien in den Klöstern die einzigen Produktionsstätten? Woher wurde der Beschreibstoff – das teure Pergament – bezogen? Womit wurde geschrieben, und wie waren die Sitzmöbel beschaffen? Welche Schritte genau waren auf dem langen Weg zum fertigen Buch zurückzulegen, und wer koordinierte sie? Waren die Schreiber auch die Buchmaler? Was machte Ultramarin zu einer so besonderen Farbe? Wer waren die Auftraggeber, und welche Mitspracherechte sicherten sie sich hinsichtlich der Gestaltung?

Antwort auf diese und viele andere Fragen gibt das Buch „Skriptorium“, das uns Einblick in die Arbeit einer mittelalterlichen Buchwerkstatt gibt. Wobei man mit dem Wort „Antwort“ etwas vorsichtig sein muss, sind doch viele der von Hauschild angesprochenen Aspekte auch heute noch nicht wissenschaftlich eindeutig geklärt. Die Autorin macht daraus aber dann kein Geheimnis.

Stephanie Hauschild weiß die unterschiedlichen, vielfältigen Arbeitsschritte zur Herstellung mittelalterlicher Codizes und das Zusammenspiel unterschiedlicher Kräfte und Fähigkeiten ausgezeichnet zu schildern. Dabei war Buch nicht gleich Buch. Ansprüche und Anforderungen waren unterschiedlich, je nach Auftraggeber und Verwendungszweck. Auch wenn es lange Zeit meistens religiöse Werke waren, die kopiert wurden, dienten sie doch der Befriedigung unterschiedlicher Bedürfnisse. So wurden Evangeliare für die Messe benutzt und besonders prachtvoll gestaltet. Neben dem Evangeliar war der Psalter, das Buch der Psalmen Davids, im frühen Mittelalter das wichtigste in Kirche und Kloster gebrauchte Buch. Die Stundenbücher, eine Art persönlicher Gebetbücher, entwickelten sich seinerzeit – auch wenn es kostbare Ausnahmen gab – zu „Massenware“ und wurden in städtischen Skriptorien unter ökonomischen Gesichtspunkten produziert und verkauft.

Als wohltuend habe ich es empfunden, dass Stephanie Hauschild deutlich macht, dass es auch eine ganze Reihe Frauen gab, die die Kunst des Schreibens beherrschten und in den Skriptorien praktizierten. Frauen kommen sonst in Büchern über die mittelalterliche Buchherstellung meines Erachtens kaum vor. Und:

„Unter den mittelalterlichen Menschen gab es auch viele Frauen, die wohl Lesen, aber kein Latein konnten. Seit der Mitte des 12. Jahrhunderts begannen Frauen aus dem Adel vermehrt volkssprachliche Übersetzungen von Andachtsbüchern, Heiligenlegenden und anderen Texten in Auftrag zu geben.“ Damit vervielfältigten sich die Lektüremöglichkeiten für Frauen.

Schließlich stellt Stephanie Hauschild mit Christine de Pizan eine Frau vor, die als erste Berufsschriftstellerin Frankreichs gilt; sie sprach Latein, schrieb auf Französisch, verlegte ihre Texte selbst und überwachte deren Herstellung von der Reinschrift und Illustration bis zum Binden. Beeindruckend.

Mein Fazit: Unter inhaltlichen und gestalterischen Gesichtspunkten – das Buch enthält zur Veranschaulichung zahlreiche Abbildungen – ist „Skriptorium“ ohne jede Einschränkung zu empfehlen.

Was bei einem so schönen (und bei diesem Seitenumfang nicht gerade preiswerten) Buch bedauerlich ist, ist, dass man bei der Herstellung und beim Korrekturlesen nicht sehr genau hingeschaut hat. Ab Seite 49 – hier wurde der erste mehrere Seiten umfassende Block mit Farbabbildungen eingefügt – stimmen die Seitenzahlen nicht mehr mit den Angaben im Inhaltsverzeichnis überein. Es fehlt auch schon mal ein Wort, manchmal ist auch eins zu viel da; mal wird aus der Bamberger Miniatur die Bamerger oder die für eine Seite angekündigte Abbildung fehlt. Solche und ähnliche Nachlässigkeiten trüben etwas den guten Eindruck, doch will ich sie auch nicht überbewerten. „Skriptorium“ ist und bleibt ein interessantes und lesenswertes Buch.

Stephanie Hauschild
Skriptorium
Die mittelalterliche Buchwerkstatt
Verlag Philipp von Zabern, 2013), 144 Seiten, 24,99 EUR

Margit Krenn / Christoph Winterer: Mit Pinsel und Federkiel

Geschichte der mittelalterlichen Buchmalerei

Sie sind wunderschön – die mittelalterlichen handgeschriebenen Codizes. Die verwendeten alten Schriften faszinieren Bücherliebhaber ebenso wie die handgemalten Miniaturen, die Initialen und andere ausschmückende Elemente, die diese Bücher zu Kunstwerken machen.

Mit Pinsel und FederkielLeider bekommt man solche Prachtstücke nur selten, und dann auch nur aus für die Bücher sicherem Abstand zu sehen. Zum Glück gibt es aber ein reichhaltiges Buchangebot, das einzelne Epochen der Buchmalerei oder besonders berühmte oder wertvolle Schätze wie Bibeln, Stundenbücher, Evangeliare, Chroniken etc. in Verbindung mit vielen Abbildungen darstellt. Ergänzt wird diese Palette an Publikationen durch zusammenfassende Darstellungen, die einen Überblick über die Geschichte der Buchmalerei vermitteln.

Ein Buch aus der letztgenannten Kategorie ist „Mit Pinsel und Federkiel“. Es gliedert sich in drei Abschnitte: I. Buch und Bild im Mittelalter; hier geht es kurz einleitend um äußere Form und kulturelle Funktion, um Entstehungsumfeld und Auftraggeber sowie um Sammlungen und Bibliotheken. Im Abschnitt II „Aus Skriptorium und Werkstatt“ beschreiben die Autoren die ganz konkreten Schritte der Herstellung einer mittelalterlichen Handschrift. Schließlich folgt im umfangreichsten Abschnitt III „Buchkunst im Spiegel der Zeiten“ ein Abriss der Geschichte der Buchmalerei, angefangen von ihrem antiken Erbe bis zur Blüte des Spätmittelalters.

Sowohl Margit Krenn (Kunsthistorikerin und wiss. Mitarbeiterin an der Universitätsbibliothek Heidelberg) als auch Christoph Winterer (wiss. Mitarbeiter am Institut für christliche Philosophie der Universität Innsbruck) sind zweifellos ausgewiesene Experten. Ich bin mir nur nicht sicher, welche Leserschaft die Autoren dieses Buches im Auge hatten, als sie sich an die Aufgabe machten, die Geschichte der mittelalterlichen Buchmalerei aufzuzeichnen. In weiten Bereichen ist es ein guter Einstieg in eine hochinteressante Thematik, aber das gilt meines Erachtens nicht durchgehend.

Sehr gut gelungen ist das Kapitel II „Aus Skriptorium und Werkstatt“, das die eher praktische Seite der Buchherstellung und -malerei beschreibt.. Die Autoren schildern anschaulich, was Schreiber und Maler in den Klöstern, in denen normalerweise die mittelalterlichen Handschriften entweder für den eigenen Bedarf oder als Auftragsarbeiten hergestellt wurden, an Voraussetzungen für ihre mühevolle Arbeit brauchten: sie gehen auf die zur Verfügung stehenden Beschreibstoffe ein und stellen die für Schrift und Bild erforderlichen Werkzeuge, Tinten, Farben und Edelmetalle vor. Im Unterkapitel „Layout, Text und Buchschmuck“ geht es um wichtige Schrifttypen, die Initialkunst sowie Bildformen und Dekor.

Die Darstellung der Epochen mittelalterlicher Buchmalerei gliedert sich in 5 Kapitel: Karolingerzeit, Ottonische Buchkunst, romanische Buchkunst, gotische Buchmalerei, Spätmittelalter. Hier wird es – zumindest für Einsteiger – schwieriger. Die Beschreibungen sind recht kompakt, enthalten viele Querverweise, Bezüge auf andere Epochen, Schreiber, Skriptorien, politische Zusammenhänge, religiöse Aspekte. Es ist nicht immer einfach, den Überblick zu behalten. Leser/innen mit kunst- und/oder religionsgeschichtlichen Vorkenntnissen sowie Vertrautheit mit der Bibel – die mittelalterlichen Codizes beinhalteten lange Zeit ausschließlich religiöse Schriften mit der Bibel entlehnten Bildmotiven – sind hier jedenfalls klar im Vorteil und können aus dieser „Geschichte der mittelalterlichen Buchmalerei“ den größeren Nutzen ziehen.

Was das Buch auf jeden Fall attraktiv macht, sind die zahlreichen Bildbeispiele, die den Text illustrieren; sie ermöglichen das Nachvollziehen des Geschriebenen, laden zum Verweilen, zum Entdecken ein, zeigen die beeindruckende Schönheit der Buchmalerei(en). Um zu vermeiden, bei der notwendigen Auswahl wieder einmal altbekannte Objekte zu präsentieren, haben die Autoren mit der Handschriftenabteilung der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt kooperiert.

Mein Fazit: „Mit Pinsel und Federkiel“ ist ein schönes, ein interessantes Buch, das ausgewiesene Liebhaber der Buchmalerei zweifellos erfreuen wird. Für Einsteiger, die sich bislang nicht oder wenig mit Geschichte, Kunst- und/oder Religionsgeschichte befasst haben, dürfte die Darstellung der Epochen eine gewisse Herausforderung darstellen, aber sie kann gut als Ansporn für eine vertiefende, sich lohnende Beschäftigung mit der Thematik dienen.

Margit Krenn / Christoph Winterer
Mit Pinsel und Federkiel
Geschichte der mittelalterlichen Buchmalerei
Primus Verlag / Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 2009, 160 Seiten

Workshop-Reihe im Gutenberg-Museum: Zwischen Unikat und Massenprodukt

Federkiel und Tinte
Urheber: Chris Wightman

Am 6. Februar startet im Mainzer Gutenberg-Museum eine 5teilige Workshop-Reihe zum Thema „Zwischen Unikat und Massenprodukt“. In der ersten Runde geht es um „Mittelalterliches Schreiben“.

Als Folgetermine wurden festgelegt: 20.2., 6.3., 20.3., 3.4. Zur genaueren Thematik dieser Fortsetzungsveranstaltungen gibt es auf der Homepage des Museums leider noch keine näheren Informationen.

Wer die Teilnahme an dieser sicherlich sehr interessanten Reihe erwägt, findet Einzelheiten und Kontaktdaten unter www.gutenberg-museum.de.

Katja Rother/Jan H. Sachers: Die Schreibwerkstatt

Schrift und Schreiben im Mittelalter
Mit vielen praktischen Tipps zum Selbermachen

Das Mittelalter ist „in“. Das mögen sich auch die Verantwortlichen des G&S-Verlags gedacht haben, als sie daran gingen, mit Dragon Sys eine ganze Reihe zum Thema „Lebendiges Mittelalter“ aufzulegen. Es gibt u. a. Bände zur mittelalterlichen Kleidung, zur Medizin, zur Musik oder mit Rezepten und Tipps für das Kochen am offenen Feuer. die-schreibwerkstatt

Dass mich vor allem dieser Band über Schrift und Schreiben im Mittelalter interessiert hat, wird nicht überraschen. Dabei erweckte die Umschlaggestaltung der Reihe bei mir doch zunächst den Eindruck, es handele sich um Bücher für junge oder jüngere Leser. Die Zielgruppe dürften – mindestens bei diesem Band, die anderen kenne ich nicht – aber doch eher erwachsene Leser bilden; häufig angefügte Fußnoten und gern eingeschobene lateinische Ausdrücke sowie die Literaturauswahl am Ende des Buches lassen mich stark vermuten, dass nicht für junge Leser geschrieben wurde.

Ansonsten aber gilt: „Die Schreibwerkstatt“ ist ein Sachbuch, wie man es sich nur wünschen kann: gut gegliedert, mit den zum Verständnis notwendigen historischen Rückblicken, verständlich, informativ, kompakt, dabei aber nicht zu kurz.

Und: wer über „Schrift und Schreiben“ im Mittelalter berichtet, muss zwangsläufig auch auf die Entwicklung des Lesens und die Geschichte des Buches eingehen – so, wie hier geschehen.

Im historischen Teil dieses Bandes schildern Katja Rother und Jan H. Sachers zum Beispiel die Entwicklung der abendländischen Schrift; es geht um Buchdruck, das Lernen von Lesen und Schreiben, die unterschiedlichen Zwecke des Schreibens (Schreiben der Mönche und Nonnen als Gottesdienst, der Notare und Lohnschreiber zum Zweck des Gelderwerbs, der Kaufleute als Notwendigkeit oder der Dichter und Denker als Ausdruck der Kreativität); die Autoren informieren über Beschreibstoffe wie über Schreibwerkzeuge oder Tinten. Im Kapitel über Formen des Schriftgutes geht es schließlich um Urkunden und andere offizielle Dokumente, Briefe und Bücher.

Wer nach der Lektüre vom Thema gefesselt ist und Lust zum Ausprobieren hat, kann sich selbst in die Zeit des Mittelalters zurück versetzen; im Anhang finden sich Anleitungen zum Erlernen und Üben mittelalterlicher Schriften (hieran ernsthaft Interessierte sollten sich dann aber doch besser ein Buch über Kalligrafie zulegen), zum eigenhändigen Schöpfen von Papier, zur Herstellung von Wachstafeln oder von historischen Tinten.

Mein Fazit: Ohne zu überfordern, führen die Autoren in eine spannende Zeit und ein faszinierendes Thema ein. Sie tun das mit viel Sachverstand und angesichts von nur 170 zur Verfügung stehenden Druckseiten ohne die Kapitel mit allzu viel Details zu überfrachten. Wer sich für die Geschichte des Schreibens interessiert, sollte sich dieses Buch unbedingt einmal näher ansehen. Und wer sich dann in der Schreibwerkstatt eingerichtet hat und heimisch fühlt, findet in den Literaturhinweisen im Anhang reichlich das eigene Wissen vertiefenden Lesestoff.

Katja Rother/Jan H. Sachers
Die Schreibwerkstatt
Schrift und Schreiben im Mittelalter
G&S Verlag 2008, Reihe Lebendiges Mittelalter/DragonSys, Band VIII, 170 Seiten, 25 EUR

Geschichte der Buchmalerei: Goldenes Mittelalter

Mit diesem Buch werde ich noch längere Zeit beschäftigt sein. Nicht, weil es so dick wäre – mit 158 Seiten ist es kein „Wälzer“. Nicht, weil es schwer verständlich wäre – die Autorin Anja Grebe hat ein gut lesbares Buch geschrieben. Nein, es ist die Vielzahl der wunderbaren Abbildungen, die eine  Fülle von Goldenes MittelalterDetails enthalten, die einfach Zeit und Aufmerksamkeit erfordern, um sie wirklich aufnehmen zu können.

Anja Grebe lehrt Kunstgeschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg und hat bereits diverse Veröffentlichungen zur mittelalterlichen und modernen Kunstgeschichte vorgelegt. Hier nun wirft sie einen Blick auf 1000 Jahre europäische Buchkunst. Sie tut das umfassend, ohne zu ermüden, und bietet dem Leser eine fundierte Einführung in die mittelalterliche Buchmalerei.

Auf ein einleitendes Kapitel über die Bedeutung der Buchmalerei folgt ein Kapitel über die historischen Grundlagen. Hier wird u. a. anschaulich geschildert, wie die (arbeitsteilige) Buchproduktion im Mittelalter aussah und wie in den Klosterskriptorien und Handwerkerateliers gearbeitet wurde.

Unter „Miniatur, Initiale, Bordüre“ werden die Grundformen der Buchmalerei vorgestellt; dann geht es um die Geschichte und Entwicklung der mittelalterlichen Buchmalerei, angefangen bei der Spätantike bis zum Spätmittelalter. Abschließend folgt ein Ausblick mit dem Titel „Illuminierte Bücher in Renaissance und Barock“.

Das Buch ist also sehr informativ und gut geschrieben, auch wenn die Autorin sich gelegentlich etwas wiederholt. Auf die Fülle der wunderbaren Abbildungen (ich habe sie nicht gezählt, laut Klappentext sind es rund 150)  habe ich schon hingewiesen.

Was ich mir gewünscht hätte, wäre eine etwas bessere Abstimmung zwischen Text und Bild. Wenn es zum Beispiel im Text heißt: „Eine Vorstellung von der gebückten Haltung mittelalterlicher Schreiber vermittelt eine ungewöhnliche Miniatur im Evangelistar Heinrichs III., die einen Einblick in das Skriptorium der Abtei Echternach um 1040/45 gibt.“ schaut man unwillkürlich auf die Abbildung auf der entsprechenden Seite (oder auf der nebenstehenden) in der Erwartung, sich diese Szene ansehen zu können. Die Abbildungen zeigen aber etwas ganz anderes. In anderen Fällen muss man etwas vor- oder zurückblättern oder es gibt gar keinen Zusammenhang.

Dennoch bleibt kurz und bündig zu sagen: ein schönes, großformatiges Buch (24 x 30 cm), das sich auch gut als Geschenk für Bücherliebhaber eignet. (Obwohl erst 2007 erschienen, ist es aber schon jetzt nur noch antiquarisch erhältlich.)

Schade nur, dass man außergewöhnlich reich sein muss, um sich eines der vorgestellten Bücher aus dem „Goldenen Mittelalter“ in den Bücherschrank stellen zu können … Wenn sie denn überhaupt verkauft werden. Aber darüber muss ich mir nicht wirklich Gedanken machen.

Anja Grebe
Goldenes Mittelalter
Geschichte der Buchmalerei
Jan Thorbecke Verlag 2007