Alberto Manguel: Die Bibliothek bei Nacht

„Tagsüber locken mich die Konzentration und das Systematische; nachts kann ich mich mit einer schon beinahe unbekümmerten Leichtigkeit der Lektüre hingeben.“ (Alberto Manguel)

Auch wenn der Titel es auf den ersten Blick nicht erkennen lässt: „Die Bibliothek bei Nacht“ ist das Pendant zu Manguel’s „Eine Geschichte des Lesens“  „Alberto Manguel: Die Bibliothek bei Nacht“ weiterlesen

Stundenbuch für Letternfreunde – hrsg. von Horst Kliemann

Besinnliches und Spitziges über Schreiber und Schrift, Leser und Buch

Obwohl es der Einband erstaunlicherweise nicht schon verrät: dieses Bändchen gehört in die Reihe „Die bibliophilen Taschenbücher“, die der Harenberg Verlag in den 80er Jahren „Stundenbuch für Letternfreunde – hrsg. von Horst Kliemann“ weiterlesen

Ella Berthoud / Susan Elderkin: Die Romantherapie

253 Bücher für ein besseres Leben

In einem Interview, das im Literaturblog von Günter Keil nachgelesen werden kann, äußert sich Erfolgsschriftsteller Matt Haig („Ich Die Romantherapieund die Menschen“) über seine schwere Depression und die Rolle, die Bücher bei der Überwindung seiner Erkrankung gespielt haben: „Bücher haben mein Leben gerettet“. Wenn Schreiben und Lesen sogar dermaßen starke heilende Kräfte freisetzen kann – müsste dann eine Romantherapie bei vergleichsweise harmlosen Erscheinungen wie Heimweh, Schlaflosigkeit, Stress oder Menschenscheu nicht erst recht Erfolge zeitigen?

Eine – zunächst einmal – preiswerte Therapie, braucht man doch nur 20 EUR für das Buch auszugeben, das ich hier vorstelle. Die Folgekosten könnten dann allerdings größere Dimensionen annehmen, hat man erst einmal angefangen, sich all die Romane anzuschaffen, die in diesem wunderbaren Buch als Rezepte für Schwächen und Leiden aller Art angepriesen werden. Da könnte man nämlich glatt auch versucht sein, Heilmittel für Probleme zu konsumieren, die man gar nicht hat.

Die kundigen Autorinnen schlagen 253 Bücher für ein besseres Leben vor, und das mit einem Charme und einem Witz , der die Wunsch-Leseliste länger und länger werden lässt. Schon das Lesen der literarischen Rezepte macht viel Spaß. Wie mag es einem erst bei den vorgestellten Kuren selbst ergehen, unter denen man viele verlockende und zugleich gesundheitsfördernde Entdeckungen machen kann?

Ella Berthoud und Susan Elderkin sind aber nicht nur außerordentlich belesene Autorinnen;  sie kennen sich in ihrem Thema aus und können mit Therapieratschlägen aus dem Vollen schöpfen: seit 2008 bieten sie an der Londoner School of Life Bibliotherapie-Sitzungen an.

Wie schreiben die beiden Autorinnen im Vorwort zu ihrer Romantherapie?

Bibliotherapie mittels Ratgeber- und Selbsthilfeliteratur kennt man seit einigen Jahrzehnten. Doch Literaturliebhaber greifen schon seit Jahrhunderten – bewusst oder unbewusst – zur Linderung aller möglichen Leiden zu Romanen. Wenn Sie also wieder einmal ein Stärkungsmittel brauchen oder sich in einem emotionalen Durcheinander befinden, greifen Sie zu einem Buch.

Wird gemacht. Belletristische Pflästerchen und Umschläge sind mir allemal lieber als bittere Pillen.

Ella Berthoud, Susan Elderkin
mit Traudl Bünger
Die Romantherapie
Insel Verlag 2013, 440 Seiten, 20 EUR

Postkartenbuch Leselust

Eine hübsche Idee. „Leselust“ nennt sich das im Anaconda Verlag erschienene Postkartenbuch, das ich heute in DruckSchrift Postkartenbuch Leselustvorstelle. Es enthält 20 Kunstpostkarten, die – wie sollte es auch anders sein – alle das Thema Lesen in irgendeiner Form zum Gegenstand haben.

Vertreten sind Maler wie Sir William Orpen mit „Grace reading at Howth Bay“ (s. Titelbild), Jean-Étienne Liotard mit „Portrait of Maria Adelaide“, August Macke mit „Elizabeth Reading“, Vincent van Gogh mit „The Novel Reader“ oder Margareth Sarah Carpenter mit „The Sisters“ sowie weitere 15 Künstler/innen.

Das Postkartenbuch kostet 3,95 EUR. Wenn man bedenkt, was man normalerweise für eine einzelne Kunstpostkarte zahlen muss, kann man wohl sagen:  mit „Leselust“ macht man ein Schnäppchen.

Ein schönes kleines Geschenk – für sich selbst oder als Mitbringsel beim nächsten Besuch bei Bücherfreunden.

Stefan Müller: 111 Gründe, Bücher zu lieben

Eine Liebeserklärung an das Lesen

Dieses Buch ist ein typisches „einerseits und andererseits“-Buch.

111 GründeEinerseits: Mit der Wahl des Titels wird offenkundig versucht, auf einen von diversen Verlagen erfolgreich auf die Schienen gesetzten Zug aufzuspringen: es gibt inzwischen eine Fülle von Veröffentlichungen, die uns 100 oder mehr Gründe nennen, warum wir dies oder jenes tun, wissen, lesen, lieben sollten/müssten. Das fängt ein wenig an zu nerven. Bei dieser Publikation kommt hinzu, dass zumindest die Überschriften der einzelnen Abschnitte oftmals gar keine Antwort geben, obwohl so getan wird, indem sie nämlich jeweils mit „weil“ beginnen. Zum Beispiel: „1. Weil Bücher von der Schriftrolle bis zum Taschenbuch ihre eigene Geschichte haben“. Ein Grund, Bücher zu lieben? Ein 2. von vielen möglichen Beispielen: „4. Weil Kritiker Schmeichler oder Barbaren sein können“. Und noch eine 3. Kostprobe:  „25. Weil man durch sein Tagebuch der beste ungelesene Autor aller Zeiten sein kann.“ Gründe, Bücher zu lieben?

Man erkennt: hier wurde krampfhaft versucht, die in dem Buch angesprochenen Aspekte unter den Hut des feststehenden Buchtitels zu bekommen. Man sieht auch schon an den Überschriften, bemerkt es dann aber erst recht in den zugehörigen Texten, dass der Autor eine „lockere Schreibe“ angestrebt, einen Plauderton gewollt hat, um seine Leser und Leserinnen, soweit sie die Bücherleidenschaft nicht ohnehin schon gepackt hat, an die Literatur heranzuführen. Dagegen ist grundsätzlich nichts zu sagen. Doch Müller holt weit aus, um dann wenig zu sagen;  die Vergleiche, die er heranzieht, sind oftmals weit hergeholt, vieles, was er schreibt, ist oberflächlich und oft genug einfach nur banal.

Nach den ersten drei Kapiteln („Jenseits des Klappentextes“, „Bücher sind Menschen und Menschen sind Bücher“, „Es kommt – nicht – auf die Form an“) war ich nahe daran, das Buch endgültig an die Seite zu legen. Aber dann …

Andererseits: Ab Kapitel 4 sind ausgewählte Titel selbst die Begründung dafür, warum man Bücher lieben sollte. Eingeteilt wird in Rubriken wie Tagebücher und Historisches, Unvergleichliche Heldinnen, Jugendbücher, Dauerbrenner oder Riesenwälzer und Bücherschlangen. Was Stefan Müller hier zu sagen hat, ist – es geht also doch – wesentlich unterhaltsamer und auch gehaltvoller als seine vorangegangenen Texte rund um’s Buchwesen. Der mit seinen  34 Jahren noch junge Autor aus Leipzig hat bereits eine Menge gelesen und vermittelt sein Wissen auf eine Art, die nicht mehr dermaßen bemüht daher kommt wie zu Beginn. So manche Buchvorstellung animiert zum Lesen oder Wiederlesen. Insgesamt spiegeln die Anregungen zur Lektüre ein sehr breites Spektrum an Themen wider.

Tja, und ganz am Schluss kommt sie dann doch noch, die „Unbedingt-lesen-Liste“. Ich verweise an dieser Stelle auf die Diskussion, die hier im Blog anlässlich der Vorstellung von Bücher die man kennen muss geführt worden ist.

Alles in allem mag „111 Gründe, Bücher zu lieben“ eine brauchbare Heranführung an die Literatur und die Welt der Bücher sein. Auch erfahrene Leserinnen und Leser werden manch interessante Empfehlung finden, denn jeder Autor von Büchern dieser Art trifft seine eigene, subjekiv bestimmte Auswahl, folgt seinen eigenen Vorstellungen und Vorlieben. Das eröffnet die Möglichkeit, Entdeckungen zu machen. Ein wirklich notwendiges Buch ist es aber sicher nicht.

Stefan Müller
111 Gründe, Bücher zu lieben
Eine Liebeserklärung an das Lesen
Schwarzkopf & Schwarzkopf 2014, 280 Seiten, 14,95 EUR

Katja Rother/Jan H. Sachers: Die Schreibwerkstatt

Schrift und Schreiben im Mittelalter
Mit vielen praktischen Tipps zum Selbermachen

Das Mittelalter ist „in“. Das mögen sich auch die Verantwortlichen des G&S-Verlags gedacht haben, als sie daran gingen, mit Dragon Sys eine ganze Reihe zum Thema „Lebendiges Mittelalter“ aufzulegen. Es gibt u. a. Bände zur mittelalterlichen Kleidung, zur Medizin, zur Musik oder mit Rezepten und Tipps für das Kochen am offenen Feuer. die-schreibwerkstatt

Dass mich vor allem dieser Band über Schrift und Schreiben im Mittelalter interessiert hat, wird nicht überraschen. Dabei erweckte die Umschlaggestaltung der Reihe bei mir doch zunächst den Eindruck, es handele sich um Bücher für junge oder jüngere Leser. Die Zielgruppe dürften – mindestens bei diesem Band, die anderen kenne ich nicht – aber doch eher erwachsene Leser bilden; häufig angefügte Fußnoten und gern eingeschobene lateinische Ausdrücke sowie die Literaturauswahl am Ende des Buches lassen mich stark vermuten, dass nicht für junge Leser geschrieben wurde.

Ansonsten aber gilt: „Die Schreibwerkstatt“ ist ein Sachbuch, wie man es sich nur wünschen kann: gut gegliedert, mit den zum Verständnis notwendigen historischen Rückblicken, verständlich, informativ, kompakt, dabei aber nicht zu kurz.

Und: wer über „Schrift und Schreiben“ im Mittelalter berichtet, muss zwangsläufig auch auf die Entwicklung des Lesens und die Geschichte des Buches eingehen – so, wie hier geschehen.

Im historischen Teil dieses Bandes schildern Katja Rother und Jan H. Sachers zum Beispiel die Entwicklung der abendländischen Schrift; es geht um Buchdruck, das Lernen von Lesen und Schreiben, die unterschiedlichen Zwecke des Schreibens (Schreiben der Mönche und Nonnen als Gottesdienst, der Notare und Lohnschreiber zum Zweck des Gelderwerbs, der Kaufleute als Notwendigkeit oder der Dichter und Denker als Ausdruck der Kreativität); die Autoren informieren über Beschreibstoffe wie über Schreibwerkzeuge oder Tinten. Im Kapitel über Formen des Schriftgutes geht es schließlich um Urkunden und andere offizielle Dokumente, Briefe und Bücher.

Wer nach der Lektüre vom Thema gefesselt ist und Lust zum Ausprobieren hat, kann sich selbst in die Zeit des Mittelalters zurück versetzen; im Anhang finden sich Anleitungen zum Erlernen und Üben mittelalterlicher Schriften (hieran ernsthaft Interessierte sollten sich dann aber doch besser ein Buch über Kalligrafie zulegen), zum eigenhändigen Schöpfen von Papier, zur Herstellung von Wachstafeln oder von historischen Tinten.

Mein Fazit: Ohne zu überfordern, führen die Autoren in eine spannende Zeit und ein faszinierendes Thema ein. Sie tun das mit viel Sachverstand und angesichts von nur 170 zur Verfügung stehenden Druckseiten ohne die Kapitel mit allzu viel Details zu überfrachten. Wer sich für die Geschichte des Schreibens interessiert, sollte sich dieses Buch unbedingt einmal näher ansehen. Und wer sich dann in der Schreibwerkstatt eingerichtet hat und heimisch fühlt, findet in den Literaturhinweisen im Anhang reichlich das eigene Wissen vertiefenden Lesestoff.

Katja Rother/Jan H. Sachers
Die Schreibwerkstatt
Schrift und Schreiben im Mittelalter
G&S Verlag 2008, Reihe Lebendiges Mittelalter/DragonSys, Band VIII, 170 Seiten, 25 EUR

Alberto Manguel: Eine Geschichte des Lesens

Womit anfangen bei der Vorstellung dieses wunderbaren Buches? Wie Alberto Manguel selbst, mit einer Reihe von Zitaten? Eins muss reichen:

 Lies, um zu leben.

So Gustave Flaubert im Juni 1857 in einem Brief an Mlle. de Chantepie. Ist damit nicht eigentlich schon alles gesagt?

Manguel Eine Geschichte des Lesens1Mein Buch wimmelt von den kleinen gelben Klebezetteln, die mich an wichtige, schöne, originelle Passagen erinnern sollen. Viel zu viele, um sie auch nur ansatzweise in diese Besprechung einfließen zu lassen. Manguel ist ein unglaublich belesener Mensch, ein, wie es auf dem Einband zutreffend heißt, „geradezu obsessiver Literaturenthusiast, der uns mitnimmt auf seinem Streifzug durch die Buch- und Literaturgeschichte, der uns seine Begeisterung für das Lesen in jeder Zeile spüren lässt.“

Bevor die große Reise beginnt, erfahren wir in einem Rückblick Manguels eigene „Geschichte des Lesens“, folgen dem Autor bei seinen ersten Leseerfahrungen. Dann aber widmet er sich den unterschiedlichsten Aspekten des Lesens. Unter „Akte des Lesens“ finden wir u. a. Kapitel über „Die stillen Leser“ (Wandel vom lauten zum stillen Lesen), über das „Lesen lernen“, über „Vorlesen“, „Einsames Lesen“ und „Die Gestalt des Buches“ (fast eine kleine Geschichte des Buches). Unter „Die Macht des Lesers“ geht es dann beispielsweise um „Das geordnete Universum“ (Bibliotheken) „Lesen hinter Mauern“, „Bücher stehlen“ (die Geschichte des Grafen Libri, des wohl größten Bücherdiebs aller Zeiten), „Verbotenes Lesen“ oder „Büchernarren“.

Die – unvollständige – Aufzählung macht deutlich: Hier wird die „Geschichte des Lesens“ keineswegs chronologisch erzählt. Manguel schafft „Haltepunkte“ bei seinem Streifzug durch 6000 Jahre Literaturgeschichte; er wählt Aspekte aus, erläutert zumeist anhand von Beispielen, erzählt Geschichten, zitiert hier, verweist auf Aussagen da, bezieht seine eigene Lebens- und Leseerfahrung mit ein, macht die Lektüre durch zahlreich eingestreute Anekdoten vergnüglich. Freilich: Man muss Manguels Art zu Schreiben mögen. Und man darf sich nicht (zu sehr) daran stören, dass er gelegentlich etwas geschwätzig ist und sich manchmal auch ein wenig selbstverliebt präsentiert. Dann wird man mit einem absolut lesenswerten Buch belohnt.

Das Buch in meiner Bibliothek ist ein Rowohlt Paperback. Es gibt die „Geschichte des Lesens“ auch (und andere Bücher Manguels) als Fischer Taschenbuch. Meines Wissens (ich kann es aber nicht beschwören) enthält nur die Paperback-Ausgabe Illustrationen. Auch wenn diese durchgängig schwarz-weiß sind, bedeuten sie eine Bereicherung des Buches. Wer die „Geschichte des Lesens“ (noch) nicht besitzt, sie aber erwerben möchte, sollte versuchen, die Paperback-Ausgabe aufzuspüren.

Mein Fazit: eine unbedingt lesenswerte, von ganz wenigen Ausnahmen (Unterkapiteln) abgesehen auch leicht lesbare, interessante, vergnügliche „Geschichte des Lesens“. Ein Geschichten-Buch, das in jede Bibliothek gehört.

Alberto Manguel
Eine Geschichte des Lesens
Rowohlt Paperback 1999, 430 Seiten
Fischer Taschenbuch 2012, 480 Seiten