Hanns-Josef Ortheil: Schreiben auf Reisen

Die Reihe scheint sich gut zu verkaufen. „Schreiben auf Reisen“ ist der 5. Band, der vom Duden Verlag unter „Kreatives Schreiben“ publiziert wurde. Schreiben dicht am Leben und Schreiben Tag für Tag sowie Schreiben unter Strom habe ich im Laufe der letzten Monate hier auf DruckSchrift schon Schreiben auf Reisenvorgestellt. Inzwischen liegt auch schon wieder ein weiteres Bändchen unter der Überschrift „Schreiben über mich selbst“ vor. Wie lange, so frage ich mich, wird man diese Ausdifferenzierung wohl noch fortführen? Bei „Schreiben auf Reisen“ habe ich den Eindruck, dass man sich mittlerweile im Kreis zu drehen beginnt, dass es zwischen den einzelnen Veröffentlichungen zunehmend zu Überschneidungen kommt, wie die sich mehrenden Verweise im Text auf frühere Publikationen der von Ortheil herausgegebenen, aber nicht durchgehend von ihm selbst geschriebenen  Reihe belegen.

Dennoch: auch „Schreiben auf Reisen“ habe ich wieder gern gelesen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Hanns-Josef Ortheil gut schreiben, ja manchmal wunderbar formulieren kann (leider merkt man das den meist öden Vorworten nicht an).

Der Aufbau entspricht exakt den früheren Bänden: es geht immer um Textprojekte mit anschließenden Schreibaufgaben. Als Vorbilder dienen bedeutende Schriftsteller, anhand von deren Werken eine bestimmte Art zu Schreiben vorgestellt wird. Bei „Schreiben auf Reisen“ beginnt es mit Vorübungen: Raumerkundung durch Spaziergänge, Flanieren, Wandern. Dann geht es um „richtiges“ Reisen: vom Reisetagebuch über das frei geführte zum thematisch geführten Notizbuch; von der Ansichtskarte über mediales bis zum ethnologischen Schreiben; vom Reisebericht über die Reiseerzählung bis zum Reiseroman.

Anregungen und Übungen zum eigenen Schreiben auf Reisen findet man also reichlich.

Mein persönlicher Gewinn lag bei der Lektüre von „Schreiben auf Reisen“ wie bei der von früheren Bänden (s.o.) in hohem Maße darin, dass ich auf viele Autoren gestoßen bin, die ich bisher nicht oder kaum kannte; dass ich neugierig auf sie und ihre Werke, auch auf ihre Art zu Schreiben geworden bin. Insofern kann man – wie ich – die Reihe „Kreatives Schreiben“ auch als Fundgrube verstehen und nutzen.

Hanns-Josef Ortheil
Schreiben auf Reisen
Wanderungen, kleine Fluchten und große Fahrten – Aufzeichnungen von unterwegs
Duden Verlag Mannheim 2012, 160 Seiten, 14,95 EUR

Christian Schärf: Schreiben Tag für Tag

Journal und Tagebuch

Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis genügt. Sofort wird klar, dass Tagebuch nicht gleich Tagebuch ist, Journal nicht gleich Journal. Und dass es sich dabei um etwas handelt, dass man lernen kann/muss, Schreiben Tag für Tagum das tägliche Schreiben für sich nutzbringend, fruchtbar zu machen.

„Am Beispiel Cesare Paveses lassen sich“, so schreibt Autor Christian Schärf in seiner Einleitung, „wesentliche Züge des Tagebuchschreibens überhaupt ablesen.

Es dient in den meisten Fällen der Verständigung eines Ichs mit sich selbst. Diese Selbstverständigung kann von der bloßen Auflistung von Ereignissen, Tagesabläufen, Begegnungen und Gesprächen bis zur Reflexion künstlerischer Möglichkeiten und zur Aussprache der intimsten Erlebnisse und Regungen einer Person reichen.“

25 Textprojekte finden sich in diesem Buch. Das heißt Tagebuch/Journal-Varianten mit unterschiedlichem Ansatz, durchgehend am Beispiel bekannter Tagebuchschreiber aufgezeigt. So stellt  Schärf „spontane Aufzeichungen“ von Franz Kafka vor, die – auch – zeigen, wie schnell sich die Grenzen zwischen Notaten/Notizbüchern und Tagebüchern verwischen. Im „anarchischen Notizbuch“ geht es um „Wildes Denken“ am Beispiel der Aufzeichnungen Gottfried Benns, der alles notiert hat, was ihm „über den Weg gelaufen ist“, von Bemerkungen zur ärztlichen Tätigkeit über Skizzen zu dichterischen Arbeiten  bis zu Beobachtungen in seinem Berliner Hinterhof. Am Beispiel E.T.A. Hoffmanns lernen wir Schreibkalender als Instrumente des Tagebuchschreibens kennen, die gerade für Anfänger   eine hilfreiche Struktur darstellen.

Vorgestellt werden aber auch „Die Minimale Chronik“ am Beispiel der Aufzeichnungen Goethes, „Die pedantische Chronik“ à la Thomas Mann, das „Arbeitsjournal“ , wie es Bertolt Brecht angelegt,  Traumtagebücher, wie z. B. Theodor W. Adorno eines geführt hat; es geht am Beispiel Albert Camus‘ um Ideentagebücher oder um das Führen eines Lesetagebuchs analog Jochen Schmidts „Schmidt liest Proust“.

Ich kann und will hier nicht auf alle  vorgestellten Varianten eingehen, hoffe mit diesen Hinweisen aber ein Bild der erstaunlich vielfältigen Thematik vermittelt zu haben. In der (all-)täglichen Schreibpraxis werden sich die Grenzen ohnehin verwischen. Manche der in dieser Publikation skizzierten Ansätze, ein Tagebuch bzw. Journal zu führen, haben in meinen Augen ohnehin schon etwas Haarspalterisches an sich.

Wem kann „Schreiben Tag für Tag“ nützen, wozu kann das Buch dienen? Man kann es, wie ich es jetzt erst einmal getan habe, in einem Rutsch durchlesen. Und nach der Lektüre zufrieden sagen: „Sehr interessant!“  Wer sich dieses Buch kauft oder in der Bibliothek ausleiht, wird aber doch meist konkrete Erwartungen an den Inhalt haben: Anregungen, Hilfe, Beispiele suchen für das beabsichtigte eigene tägliche Schreiben. Und sie in reichem Maße finden. Nach der (ersten) Lektüre beginnt die Arbeit.

„Schreiben Tag für Tag“ ist Teil einer von Hanns-Josef Ortheil herausgegebenen Reihe über kreatives Schreiben. Und es ist genau so aufgebaut, wie die beiden Titel, die DruckSchrift hier und hier bereits vorgestellt hat. Der Darstellung jedes der 25 präsentierten Projekte schließen sich Schreibaufgaben an. Nimmt man sie ernsthaft in Angriff, wird man an tägliches Schreiben herangeführt und kann durch Ausprobieren und Übung herausfinden, welcher Tagebuch-Typ man ist, wie die eigenen Aufzeichnungen angelegt sein könnten/sollten.

Eine ebenso spannende wie lohnende Herausforderung für alle, die „Selbstverständigung mit sich selbst“ (s. Zitat oben) suchen.

Schreiben Tag für Tag
Journal und Tagebuch
von Christian Schärf
Dudenverlag 2012 (Reihe Kreatives Schreiben), 160 Seiten, 14,95 EUR

Stephan Porombka: Schreiben unter Strom

Experimentieren mit Twitter, Blogs, Facebook & Co.

Schreiben unter Strom„Schreiben unter Strom“ ist Teil der von Hanns-Josef Ortheil herausgegebenen Reihe „Kreatives Schreiben“ (s. auch DruckSchrift hier und hier). Bevor man das Buch erwirbt, sollte man sich über die eigenen Intentionen klar sein. Nur der Untertitel verweist (zu) dezent darauf, um was es hier geht: um experimentelles Schreiben unter Nutzung von Blogs, Facebook, Twitter oder anderen sozialen Netzwerken und der Möglichkeiten, die Handy, Computer und Internet heute bieten. Es ist kein Ratgeber mit Tipps und Tricks, keine Schreibschule, die es erfahrenen, nach neuen Impulsen suchenden Bloggern oder Facebookern ermöglichen soll, ihre Beiträge „aufzupeppen“, kreativer, interessanter zu schreiben, mehr Besucher auf ihre Seiten zu locken.

Es geht also nicht um das alltägliche „normale“ Zwitschern auf Twitter, nicht um Blogs, wie sie Lieschen Müller oder IngridW schreiben, nicht um das „Alltagsgeschäft“ von Facebook-Nutzern. Jedenfalls nicht vorrangig. Es gilt, so heißt es  auf der Bucheinband-Rückseite, „neue Möglichkeiten für Literatur zu erkunden, im Electric Writing vom User zum Produzenten zu werden“.

Wenn man das berücksichtigt und man sich wie ich  (dennoch)  auf dieses Buch einlässt, gewinnt man interessante Einblicke in das, was inzwischen im Rahmen dieses „Electric Writing“ passiert  – ohne dass man das alles gut finden muss.  Porombka, Professor für Literatur und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim,  präsentiert – gelegentlich etwas langatmig –  immer ganz konkrete Schreibexperimente, die man  als Anregung für das eigene literarisch ambitionierte Schreiben, das eigene Experimentieren mit Texten im Netz  verstehen kann. So gesehen ist das Buch eine Sammlung von Angeboten. U. a. geht es um Computerlyrik, SMS-Gedichte, literarische Hypertexte, große Romane ins Twitter-Format „übersetzt“, um eMail-Romane, Blogger als Selbsterzähler  oder Transmedia Storytelling.

Der Aufbau der Reihe „Kreatives Schreiben“ scheint durchgehend identisch zu sein. Wie auch bei „Schreiben dicht am Leben“ von Hanns-Josef Ortheil werden zu jedem Unterkapitel (hier insgesamt 16)  Schreibprojekte vorgestellt. Daran schließen sich Schreibaufgaben an. Mich hat keine davon  zum Versuch des  „Schreibens unter Strom“, wie es in diesem Buch verstanden wird, animieren können. Das war, nachdem die Zielsetzung erkennbar war, aber auch nicht wirklich zu erwarten. Andererseits habe ich aber Einiges gelernt und neben mir eher belanglos Erscheinendem auch durchaus Interessantes erfahren. Auch ganz schön. Zumal ich das Buch aus der Stadtbibliothek und somit keine Kosten hatte.

Stephan Porombka
Schreiben unter Strom.
Experimentieren mit Twitter, Blogs, Facebook & Co.
Duden Verlag 2012, 159 Seiten, 14,95 EUR

Buchreihe: Kreatives Schreiben

Das große Interesse an dem von mir hier vorgestellten Buch „Schreiben dicht am Leben“ und die zahlreichen Kommentare veranlassen mich, eine kleine Übersicht über die im Duden-Verlag erschienene Reihe „Kreatives Schreiben“ zu erstellen.

Alle bisher in dieser Reihe publizierten Titel wurden von Hanns-Josef Ortheil herausgegeben, aber nicht alle wurden von ihm selbst verfasst. Deshalb ist genaues Hinsehen angebracht.

  • Schreiben dicht am Leben: Notieren und Skizzieren
    Autor: Hanns-Josef Ortheil
  • Schreiben auf Reisen: Wanderungen, kleine Fluchten und große Fahrten – Aufzeichnungen von unterwegs
    Autor: Hanns-Josef Ortheil
  • Schreiben Tag für Tag: Journal und Tagebuch
    Autor: Christian Schärf
  • Spannend schreiben: Krimi, Mord- und Schauergeschichten
    Autor: Christian Schärf
  • Schreiben unter Strom: Experimentieren mit Twitter, Blogs, Facebook & Co
    Autor: Stephan Porombka

Ich selbst kenne bislang nur „Schreiben dicht am Leben“, so dass ich mich zu den weiteren Veröffentlichungen nicht äußern kann.

Hanns-Josef Ortheil: Schreiben dicht am Leben

Erstaunlich, unter wie vielen Aspekten man sich dem Thema „Notieren und Skizzieren“ nähern kann; faszinierend, welche unterschiedlichen Notier-Schreiben dicht am LebenTechniken berühmte Schriftsteller anwenden bzw. angewendet haben. Und damit sind wir gleich bei der Besonderheit dieses Buches: Es ist keine „Schreibschule“ herkömmlicher Art, kein Lehrbuch mit Geboten und Regeln – hier lernen wir am Beispiel von Meistern des Notierens und Schreibens überhaupt. Aber wir Lern- und Schreibwilligen müssen uns nicht allein „durchbeißen“ : in dem Schriftsteller, Literaturwissenschaftlicher und Professor für Kreatives Schreiben, Hanns-Josef Ortheil, haben wir einen kompetenten Führer an unserer Seite.

Ortheil unterteilt sein Buch in 4 große Kategorien:

  • Elementares Notieren
  • Bildliches Notieren
  • Emotionen und Passionen notieren
  • Klassisches Notieren

Die ersten 3 Kapitel  enthalten jeweils 5, das 4. Kapitel enthält 4 Unterkategorien.  Die Vorgehensweise Ortheils ist stets gleich. Vorgestellt wird in jeder Unterkategorie jeweils ein Text oder Textprojekt eines (meist) bekannten, manchmal auch berühmten Autors. Aus diesen Aufzeichnungen werden immer wieder erhellende, charakteristische Passagen  zitiert;  diese Notate stehen aber nicht für sich allein, sondern werden  von Ortheil durch Kommentare verbunden und erläutert, so dass für heutige Leser/innen und Lernwillige die Besonderheiten erkennbar sind.

Ein paar Beispiele: Als Exempel für „Notieren als Registrieren“ (Elementares Notieren) wird Georges Perecs „Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen“ herangezogen. Das „Journal“ Gerald Manley Hopkins‘ dient als Anschauungsmaterial für „Notieren als genaues Zeichnen“ (Bildliches Notieren); „Notieren als Zuspitzen“ wird am Beispiel der Aufzeichnungen von Elias Canetti vermittelt (Emotionen und Passionen notieren); unter „Notieren und Exzerpieren“ schauen wir Walter Benjamin beim Anlegen seiner Exzerpte über die Schulter und erfahren, was es mit den Sudelbüchern von Georg Christoph Lichtenberg auf sich hat (Klassisches Notieren).

Allein schon das Studium der Vorgehensweise berühmter Zeitgenossen beim Anlegen von Notizen ist außerordentlich interessant. Aber „Schreiben dicht am Leben“ soll zum Selber-Schreiben anregen. Deshalb finden sich am Schluss jedes einzelnen Projekts Schreibaufgaben. Je nach (Unter-)Kategorie sind sie unterschiedlich schwer, aber die Auswahl ist jedem entsprechend seiner Neigung und (gegenwärtigen) Fähigkeiten selbst überlassen.

In seiner Nachbetrachtung am Schluss des Buches schreibt Ortheil:

Das tägliche Notieren [aber] hält den Sprachfluss in Bewegung. Schon das pure Aufschreiben bestimmter Daten und Zeichen der Außenwelt kann diesen Effekt haben. Darüber hinaus zieht der Schreibakt auch von sich aus Assoziationen, Bilder, Vergleiche und Metaphern an, die das Geschriebene ergänzen und neu strukturieren.

Solche Effekte stellen sich dadurch her, dass man als Notierer plötzlich etwas „schwarz auf weiß“ sieht. Was vorher nur flüchtige Sprache und Bildlichkeit war, erscheint nun gesetzt und geformt. Die Worte treiben sich nicht mehr herum, sondern sie erscheinen in einem bestimmten sprachlichen Feld. In diesem Feld wirken sie wie eine Festlegung. Aus offenem, nicht festgelegtem Sprechen und Denken wird so das strukturierte, sich festlegende Schreiben.

Ein schönes Plädoyer für das Schreiben, das Notieren.

Mich hat das Buch überzeugt. Ich habe viele Anregungen darin gefunden und  und werde jetzt sehr bald entscheiden, in welcher  Notiertechnik ich mich als erstem Schritt erproben und entwickeln will.

„Schreiben dicht am Leben“ ist übrigens Teil einer mehrere Titel umfassenden, von Ortheil herausgegebenen (aber nicht durchgängig von ihm verfassten) Reihe zum Thema „Kreatives Schreiben“. Unter anderem gibt es auch Bändchen zu „Schreiben Tag für Tag“ (Journal und Tagebuch) und „Schreiben unter Strom“ (Experimentieren mit Twitter, Blogs, Facebook & Co).

Schreiben dicht am Leben
Notieren und Skizzieren
von Hanns-Josef Ortheil
Duden-Verlag 2012, 160 Seiten, 14,95 EUR