Rein in die Fluten! – Graphic Novel von David Prudhomme & Pascal Rabaté

Am Ende ist man schon ein wenig geschafft. Aber man hat sich recht gut amüsiert. So wie die Besucherinnen und Besucher des fiktiven Ferienorts Polovos Plage, die sich nach mühevoller Anreise per Auto (Staus, lange Wartezeiten an der Tankstelle) oder in der überfüllten Bahn endlich in das Getümmel am Strand und in die ersehnten Fluten stürzen können.

Einige der Paare und Familien, die wir schon in der Blechlawine oder im Zugabteil kennengelernt haben, begegnen uns von nun an immer wieder. Aber es sind nicht die einzigen Akteure. Dieses Buch hat etwas von einem Wimmelbuch – so, wie es eben in der Hochsaison auch am Strand eines beliebten Touristenortes von Menschen und Freizeitaktivitäten nur so wimmelt.

Erzählt wird keine fortlaufende Geschichte. Eingefangen sind typische Momente, vertraute Verhaltensweisen, (aus eigenem Erleben bekannte?) Aktivitäten in einer Touristenhochburg am Meer. Die Autoren lenken unseren Blick hierhin und dorthin. Eine Weile beobachten wir den älteren Herrn, der seinen Hund ausführt und dabei zielstrebig den FKK-Strand ansteuert; ein Ehepaar sucht seinen verschütt gegangenen kleinen Sohn, ein Familienvater kommandiert mit betonter Fröhlichkeit Frau und Kinder herum. Heerscharen von Strandurlaubern sind mit Körben unterwegs, um Meeresfrüchte einzusammeln. Es wird sich präsentiert, es wird geflirtet und abgewimmelt. Eine Frau hat sich mit Algen eingewickelt, weil die die Haut sanft machen. Viele Touristen sind mit dem Bau von Skulpturen aus Sand beschäftigt. Ein Pfannenverkäufer preist seine Ware an – ein Schnäppchen, das man sich nicht entgehen lassen darf. Geschäftiges Treiben wohin man schaut, bis der Ferientag langsam aber sicher zu Ende geht.

David Prudhomme und Pascal Rabaté sind scharfe, dabei aber humorvolle, nachsichtige Beobachter. Die von den beiden französischen Künstlern geschaffenen Typen, die einen Querschnitt durch die Gesellschaft darstellen, sind alles in allem etwas überzeichnet. Viele Szenen sind wirklich lustig, manchmal mag es einem vorkommen, als würde einem ein Spiegel vorgehalten. Aufmerksame Beobachter werden viele bemerkenswerte Details entdecken, die vom Ideenreichtum der Autoren zeugen. Meist sind sie witzig, aber gelegentlich auch nachdenklich stimmend. So, wenn Plastik-Spielsoldaten plötzlich lebensgroß und bedrohlich erscheinen oder wenn ein erwachsener Mann mit einem phantasierten Maschinengewehr auf Möwen „schießt“.

Die Texte beschränken sich auf kurze Dialoge, und bei dem Gewimmel am Strand ist es nicht immer ganz einfach zu erkennen, wer da eigentlich mit wem redet. Die Panelgrößen werden variabel gehandhabt und manchmal für überraschende Effekte genutzt, wenn z. B. ein Teil der Darstellung „abgeschnitten“ und im darunter liegenden Panel fortgeführt wird. Zudem gibt es gelungene Perspektivwechsel, etwa wenn man in einer Unterwasser-Szene auf dem Meeresgrund stehende Menschen ohne Köpfe sieht. Manchmal werden auch Szenen, die schon früher begonnen wurden, im Verlaufe der Tagesereignisse wieder aufgegriffen.

So werden wir also durch dieses Buch dazu veranlasst, einen amüsierten Blick auf eine Vielzahl unterschiedlich „gestrickter“ Menschen und ihr Verhalten am Ort ihrer Sehnsucht zu werfen. Mir hat das Spaß gemacht. Aber bei all dem Gewusel war ich nach der Lektüre dann doch ganz froh, auf meiner heimischen Terrasse die Beine hochlegen und die Augen ein wenig zumachen zu können. Und von meinem letzten Urlaub an der bretonischen Küste zu träumen …

Und hier geht es zu einer Leseprobe.

 

David Prudhomme & Pascal Rabaté
Rein in die Fluten!
Eine Geschichte zweier Köpfe und zweier Hände, einer Linken und einer Rechten
Reprodukt 2016, 120 Seiten

Patrick Colcomb: Carnets Marseillais – Marseilles Sketchbook

[Mit dem Skizzenbuch unterwegs 1]

Während ich mit Spannung und einer gewissen Unruhe auf die Wahlergebnisse der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen in Frankreich heute abend warte, blättere ich durch Patrick Colcombs schönes Marseiller Skizzenbuch. Es ist bereits 2002 erschienen, ein ganzes Stück weg also von den Problemen und Bedrohungen, mit denen sich Frankreich und große Teile der Welt heutzutage konfrontiert sehen. „Patrick Colcomb: Carnets Marseillais – Marseilles Sketchbook“ weiterlesen

Die Phantasien des Grandville

Eigentlich hieß er ja Jean Ignace Isidore Gérard; bekannt wurde der französische Zeichner, Karikaturist und Lithograf aber unter dem Namen Grandville. Diesen Namen hatte er nicht zufällig gewählt. „Die Phantasien des Grandville“ weiterlesen

Christine de Pizan – dargestellt von Margarete Zimmermann

Sie ist nicht auf den Mund gefallen. Über eine Begegnung mit einem Feind weiblicher Gelehrsamkeit erzählt Christine de Pizan:

Einmal bot ich einem Mann, der meinen Wissenshunger missbilligte, Paroli. Er behauptete, Gelehrsamkeit stehe Frauen nicht an, wie es ja auch nur wenige gelehrte Frauen gebe. Ich entgegnete ihm, Unwissenheit stehe Männern noch weniger an, auch wenn es zahlreiche unwissende Männer gebe.

Das war nicht das erste und einzige Mal in ihrem Leben, dass Christine de Pizan gegen frauenfeindliche, Frauen abwertende männliche Positionen Stellung bezog. „Christine de Pizan – dargestellt von Margarete Zimmermann“ weiterlesen