Thomas Montasser: Ein ganz besonderes Jahr

Literatur? Die Interessen der Betriebswirtin Valerie sind ganz anders gelagert. Als sie die kleine Buchhandlung „Ringelnatz & Co.“, die ihre spurlos verschwundene Tante Charlotte hinterlassen hat, übernimmt, erkennt sie „Thomas Montasser: Ein ganz besonderes Jahr“ weiterlesen

Robin Sloan: Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra

Ich hätte nie im Leben erwartet, in diesem Buch dem venezianischen Drucker und Verleger Aldus Manutius, den ich erst kürzlich in DruckSchrift vorgestellt habe, wieder zu begegnen. Aber er spielt in der hier erzählten Geschichte eine enorm wichtige Rolle, hat er Die sonderbare Buchhandlungdoch der Nachwelt einen geradezu elektrisierenden Code hinterlassen, den zu finden und zu entschlüsseln sich schon Generationen von Lesern bemühen.

Dass die wenigen Kunden die Buchhandlung Penumbra nicht aufsuchen, um hier aus dem bescheidenen Angebot an mehr oder weniger aktuellen Publikationen zu wählen, sondern gezielt Bücher verlangen, die sich auf den verstaubten meterhohen Regalen im hinteren Teil des Ladens befinden, kommt Ich-Erzähler Clay Jennon schon etwas sonderbar vor. Aber der vormals arbeitslose Webdesigner hält sich an die mit seiner Anstellung verbundenen Vorschriften, die u. a. festlegen, dass er besagte Bücher nur an registrierte Nutzer ausleihen, sie sich aber nicht anschauen darf. Bis sein Freund Mat in der Buchhandlung auftaucht und sich mir nichts dir nichts ein Buch aus dem Regal zieht …

Code, nichts als Code. In allen Büchern auf den schwindelerregend hohen Regalen. Aber Clay hat mit Mat und Neel zwei kreative Köpfe als Freunde, zu denen sich die für Google arbeitende Kat gesellt. Sie wollen wissen, was es mit den rätselhaften Büchern auf sich hat und arbeiten mit Clay an des Rätsels Lösung. Und das tun sie für die Leserinnen und Leser dieses Buches auf sehr unterhaltsame und durchaus auch spannende Art und Weise.

Autor Robin Sloan gehört wie die Hauptfiguren in diesem Buch zu der Generation, die mit Computern und den Möglichkeiten, die die Neuen Medien bieten, aufgewachsen ist. Er selbst hat für Twitter und andere Online-Plattformen gearbeitet. Seine Romanfiguren sind – wie der Autor wohl selbst auch – den sog. Nerds zuzurechnen, die Laptop, Handy/Smartphone, Kindle ständig griffbereit haben und für die Computer und Code wesentliche Hilfsmittel sind, mit denen sie dem großen Geheimnis um den Code des alten Manutius auf die Spur kommen wollen.
Hier wird also zugleich eine Brücke zwischen Alt und Neu geschlagen.

Der Autor balanciert zwischen der Beschreibung der Realität einerseits und Phantasie und Witz andererseits. Alte und neue Medien treffen aufeinander. Die Geschichte vermittelt neben der interessanten Kern-Story einen guten Einblick in die vernetzte, digitalisierte Welt mit all ihren aktuellen und vielleicht künftigen Möglichkeiten. Manche Formulierungen sind aber auch ironisch, ja persiflizierend, wenn es zum Beispiel überspitzt heißt: „Kat hat eine New York Times gekauft, aber nicht herausgefunden, wie man sie bedient, darum fummelt sie an ihrem Handy herum.“

Wie wirklichkeitsnah Leben und Arbeiten bei Google, dem Arbeitgeber von Kat, beschrieben werden, weiß ich nicht nicht genau zu sagen. Aber es kommt mir tendenziell trotz sicher vorhandener Überzeichnungen schon recht realistisch vor. Gut zu wissen, dass – zumindest in diesem Buch – Google trotz seiner unglaublichen Möglichkeiten nicht allmächtig ist und jedes Problem lösen kann …

Mein Fazit: „Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra“ ist gute, oft witzige und spannende Unterhaltung. Eine gewisse Vertrautheit mit Computern und ein Basiswissen „drumherum“ sollte bei Leser/innen allerdings vorhanden sein, auch wenn es in diesem Buch trotz und vor allem um Bücher geht und die Liebe zu diesem alten Medium unverkennbar ist. Sympathische Hauptfiguren, interessante Charaktere, Handlungsorte mit Atmosphäre und ein lockerer, amüsanter Schreibstil machen dieses Buch zu einem Lesevergnügen.

Robin Sloan
Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra
Karl Blessing Verlag 2014, 352 Seiten, 19,99 EUR

Bretagne-Impressionen: Lesen

Wir waren schon so häufig in der Bretagne, dass es wohl kaum noch einen Felsen, eine Bucht, eine Kirche gibt, die von uns nicht fotografiert wurden.

Deshalb habe ich mir vorgenommen, mein Hauptaugenmerk beim aktuellen Bretagne-Aufenthalt auf das Thema – Überraschung ! – Lesen/Bücher zu richten.

Beim Bummel durch das Städtchen Landerneau – eine kleine Hafen- und Marktstadt an der Mündungsbucht der Èlorn – habe ich eine Reihe Buchhandlungen entdeckt. Einige habe ich im Bild festgehalten.

Buchhandlung auf der Brücke, die über die Èlorn führt
Buchhandlung auf der Brücke, die über die Èlorn führt
Landerneau1b
wie oben
Landerneau2
Die Librairie de la Cité in einem anderen Teil der Innenstadt
Landerneau3
Eine weitere Buchhandlung in der Innenstadt
Es war einmal … Die Schätze dieser Buchhandlung kann man nicht mehr erwerben.

Dirk Kruse (Hrsg.): Meine wunderbare Buchhandlung

Meine wunderbare Buchhandlung„Erstaunlich ist es daher, dass es so wenige Geschichten von Buchhandlungen gibt, und erst recht keine Sammlungen darüber … Also habe ich mich selbst an die Aufgabe gemacht und 14 Autoren gebeten, Geschichten über Buchläden und Buchhändler zu schreiben, die ein möglichst breites Spekturm des Themas abdecken.“

Das Ergebnis liegt mit diesem Buch vor. Zu den erwähnten 14 Autoren sind noch Beiträge von 3 Schriftstellern hinzugekommen, die zuvor bereits andernorts veröffentlicht worden waren. Vielfach geht es um fiktive Buchhandlungen, gelegentlich auch um real existierende; manchmal verwischen sich die Grenzen auch etwas. Die Reihe der Erzählungen wird um einige wenige Essays ergänzt.

Früher oder später musste ich auf dieses Buch stoßen. Jetzt ist es passiert. Leider hat die Sammlung mich aber ziemlich kalt gelassen. Der Funke wollte einfach nicht überspringen.

Die Geschichten sind meines Erachtens zum großen Teil eher mittelmäßig (vielleicht liegt es daran, dass es sich – meist – um Auftragsarbeiten handelt?). Die wenigen, die zu lesen mir wirklich Spaß gemacht hat, sind schnell aufgezählt: Günter Kunerts „Am Anfang war Herr Wiese“; „Die Blauen Bände“ von Robert Menasse; „Ein Laden für das Nichts“ von Christiane Neudecker. Und Ulla Hahns „Drei Buchhändler in einem strengen Winter“, obwohl sie munter bei sich selbst, vor allem ihrem Roman „Das verborgene Wort“, abgekupfert hat. Es war nett, unerwartet dem Mädchen Hilde wieder zu begegnen. Von den Essays ist „Bücher, Buchhandlungen und Übersprungshandlungen als Ursprungsbedingungen“ (klingt komplizierter als es ist) von Gerhard Falkner zu erwähnen.

Das war’s auch schon.

Mein Fazit: Na ja. Ein Buch von der Sorte „Kann man, muss man aber nicht lesen“.

Meine wunderbare Buchhandlung
Herausgegeben von Dirk Kruse
Ars Vivendi Verlag 2010, 240 Seiten, 17,90 EUR

Richard Deiss: Kaufhaus der Worte

222 Buchläden, die man kennen sollte

Haben wir es hier mit dem kleinen Bruder oder der kleinen Schwester von „Die schönsten Buchhandlungen Europas“ zu tun? Das könnte man so sehen. Aber es gibt doch große Unterschiede – nicht nur, was das Buchformat angeht.

Während es sich bei „Die schönsten Buchhandlungen Europas“ um ein großformatiges, hervorragend Kaufhaus der Worteausgestattetes Buch mit ausgewogenem Text/Foto-Verhältnis handelt, ist „Kaufhaus der Worte“ ein handliches, textorientiertes Taschenbuch, das zur Illustration diverse, meist kleinere Fotos enthält. Und wenn hier auf 160 Seiten sage und schreibe 222 Buchläden vorgestellt werden, weiß man gleich, dass es sich nur um sehr knappe Präsentationen handeln kann, zumal auch Buchhandlungen in den USA und Asien Aufnahme in das Bändchen gefunden haben.

Trotz dieser beträchtlichen Unterschiede (und mancher beim Korrekturlesen übersehener Fehler) hat mir das „Kaufhaus der Worte“ gut gefallen. Es hat den Vorteil, dass es problemlos in der Reisetasche Platz findet und man sich, am Reiseziel angelangt, als Buchliebhaber/in rasch einen Überblick über besuchenswerte Buchhandlungen verschaffen kann.

Aber auch das zweckfreie Schmökern in dem Bändchen macht Spaß. Deiss hat seine Auswahl stark gegliedert und stellt uns nicht nur die schönsten, die größten und die ältesten Buchläden vor, sondern auch innovative Läden, Literaturbuchläden, auf Kunst- und Architektur, auf Comics oder Krimis spezialisierte Läden, englischsprachige oder Reise- und Bahnhofsbuchhandlungen. Auch Buchcafés und -restaurants sowie verschwundene Buchläden sind in dem Bändchen vertreten. Natürlich gibt es bei einer so starken Differenzierung auch immer mal wieder Überschneidungen.

Hilfreich ist, dass im Anhang die Buchläden nach Städten geordnet aufgelistet werden.Ich habe das Verzeichnis schon genutzt, um mir Buchhandlungen zu notieren, die in einem für mich relativ gut erreichbaren Umfeld liegen und die ich nach und nach besuchen möchte.

222 um die weite Welt verstreute Buchläden – wie kommt ein einzelner Autor zu den Informationen, die ihm ein eigenständiges Urteil erlauben? Wenn man der im Vorwort getroffenen Aussage von Deiss trauen darf, hat er sie alle selbst besucht. Beneidenswert. Wir lesen dort auch, dass es inzwischen von ihm einen eigenständigen Band zum Thema „Reisebuchläden“ unter dem netten Titel „Erdkunde ist König“ gibt.

Mein Fazit kurz und knapp: Wer gern in Buchhandlungen stöbert, findet im „Kaufhaus der Worte“ einen interessanten und hilfreichen Führer.

Richard Deiss
Kaufhaus der Worte
222 Buchläden, die man kennen sollte
Books on Demand, sechste Auflage 2012, 160 Seiten, 12,80 EUR

Die schönsten Buchhandlungen Europas

Ich bin dann mal weg. Aber wohin soll’s gehen? Zuerst nach Hamburg zur Buchhandlung Felix Jud, die auch mit Kunst handelt? Auf dem Weg dorthin könnte ich Zwischenstation bei Friedrich Schaumburg in Stade machen, um dort nicht nur im hochwertigen Bücherangebot zu stöbern, sondern auch das wundervolle Interieur zu bestaunen. Oder Die schönsten Buchhandlungen Europassoll ich gleich den Flieger nach London besteigen – dort warten G. Heywood Hill („Old & New Books“)  und Daunt Books mit ihrem riesigen Angebot rund um das Thema Reisen  auf meinen Besuch. Aber da wären ja auch noch die Librairie Auguste Blaizot (Antiquariat) und die Buchhandlung Galignani mit ihrem englischen Flair  in Paris, die schon fast legendäre Livraria Lello in Porto (die mit ihrem berühmten Treppenaufgang das Buchcover ziert),  die Buchhandlung Selexys Dominicanen, untergebracht in einer früheren Dominikanerkirche in Maastricht, der Bücherbogen am Berliner Savignyplatz mit seinem auf Kunst, Design, Architektur ausgerichteten Angebot … Die Entscheidung fällt nicht leicht.

Die schönsten Buchhandlungen Europas wollen uns Rainer Moritz (Text) und Reto Guntli/ Agi Simoes (Fotos) in dem Band vorstellen, um den es hier geht. Zwanzig im deutschsprachigen Raum und Westeuropa beheimatete sind es, und sie wurden – so lesen wir im Vorwort – ausgewählt, weil sie sich „durch unverwechselbare Eigenarten auszeichnen, die – unabhängig von ihrer Größe – Individualität an den Tag legen, von Enthusiasten unterschiedlichster Couleur betrieben werden und, wie die Mailänder Verlegerin Inge Feltrinelli einmal gesagt hat, in erster Linie ‚den Kunden verführen‘ wollen“.

Moritz räumt ein, dass sich über (s)eine Auswahl der „schönsten“ Buchhandlungen streiten lässt, und manch ein Leser wird sicher „seine“ Lieblingsbuchhandlung vermissen.  Es bleibt aber gar nicht aus, dass bei der Beurteilung  ganz subjektive Eindrücke eine entscheidende Rolle spielen. Aus eigener Anschauung kenne ich keine der vorgestellten Buchhandlungen. Nach der Präsentation in diesem Buch bin ich aber von der Mehrzahl der in das Buch aufgenommenen Läden (sollte ich besser Büchertempel sagen?) ganz begeistert. Nur bei wenigen ist der Funke nicht übergesprungen, ganz vereinzelt habe ich mich über die Aufnahme in diese ehrenvolle Zusammenstellung gewundert.

Die von Rainer Moritz  in einem lockeren, feuilletonistischen Stil für diesen Band skizzierten Buchhandlungen sind alle um ein eigenes, unverwechselbares Profil bemüht, mit dem sie den Veränderungen auf dem Buchmarkt und den Gefährdungen des stationären Buchhandels trotzen wollen. Sie setzen auf Qualität und Beratung, etliche haben sich spezialisiert, manche sind reine Antiquariate, andere wiederum haben dem aktuellen Angebot ein Antiquariat oder eine Kunstabteilung angegliedert. Und dann gibt es noch die, deren Architektur und /oder Innenausstattung Meisterwerke sind und die, so vermute ich,  verzaubern, sobald man ihre Schwelle überschreitet. Zwei der präsentierten Buchhandlungen sind sogar in ehemaligen Kirchen untergebracht – die eingangs schon erwähnte Buchhandlung Selexys Dominicanen in Maastricht und die Buchhandlung Aigner in Marbach.

Das Buch lebt natürlich in ganz hohem Maße von den wundervollen Fotos, die uns Einblick in die vorgestellten Buchläden geben. Manchmal verschlagen die Aufnahmen einem geradezu den Atem. Und erwecken den dringenden Wunsch, die Buchhandlung(en) zu betreten, im Angebot zu stöbern, sich einfach eine zeitlang treiben zu lassen und in die wunderbare Bücherwelt einzutauchen.

Mein Fazit: Ein Buch, mit dem Bücherfreunde sich selbst oder anderen Bibliophilen eine große Freude machen können. Ein Buch, das Reiselust weckt, denn nur zu gern möchte man sich seine Favoriten mit eigenen Augen ansehen. Ein Buch auch, das uns den Stellenwert des stationären Buchhandels vor Augen führt. Und buchstäblich veranschaulicht, warum wir Leserinnen und Leser alles daran setzen sollten, diese Buchhandels-Landschaft durch unser Kaufverhalten zu bewahren.

Rainer Moritz / Reto Guntli
Die schönsten Buchhandlungen Europas
Gerstenberg Verlag 2011, geb. Ausgabe 200 Seiten, mittlerweile auch als brosch. Ausgabe erhältlich

Sylvia Beach und ihre legendäre Buchhandlung: Shakespeare and Company

Ein Buchladen in Paris

Im Jahr 1916 sprach Sylvia Beach in New York mit dem Verleger Ben W. Huebsch über berufliche Möglichkeiten. Ihre – nach eigener Aussage – damals noch recht vage Idee: die Eröffnung einer Buchhandlung. 1916? Das ist doch das Jahr, in dem Madge Jenison die New Yorker Buchhandlung Sunwise Turn gründete. Wären da beinahe in New York zeitgleich zwei von Frauen geführte Buchläden entstanden?

Es kam anders. Nachdem sie mit ihrer Familie schon einmal einige Zeit in Paris gelebt hatte, kehrte Sylvia Beach 1917 dorthin zurück. Schon bald machte sie die – für beide Frauen bedeutsame – Bekanntschaft der  Buchhändlerin Adrienne Monnier. Sylvia Beach mit ihrem großen Interesse an zeitgenössischer Literatur ihres Gastlandes  träumte von einer eigenen französischen Buchhandlung, die sie als Filiale von Adriennes Laden in New York eröffnen wollte. Aber sie erkannte bald, dass ihre finanziellen Mittel dazu nicht ausreichten. Also was tun? Es war wohl Adrienne, die Sylvia mit der Idee begeisterte, eine amerikanische Buchhandlung in Paris zu gründen.

Am 19. 11. 1919 öffnete  Shakespeare and  Company seine Pforten. Das kleine Ladenlokal in der Rue Dupuytren beherbergte sowohl eine Buchhandlung als auch eine Leihbücherei. Noch ahnte niemand, welch wichtige kultur- und literaturgeschichtliche Rolle diese Buchhandlung einmal spielen würde. Doch schon bald wurde sie zum literarischen Mittelpunkt der Stadt. Viele amerikanische und englische Schriftsteller lebten in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen in Paris und gingen bei Shakespeare and Company ein und aus. Ezra Pound, Ernest Hemingway, Gertrude Stein, T. S. Eliot, F. Scott Fitzgerald und viele andere (spätere) literarische Größen gehörten zu Sylvia Beachs Kundschaft und Freundeskreis.

Und da wäre noch James Joyce. Die Geschichte von Shakespeare and  Company ist auch ein bedeutsamer Teil der Geschichte dieses großen irischen Schriftstellers – und umgekehrt. Was wäre aus Joyce und seinem „Ulysses“ geworden, hätte Sylvia Beach nicht das in England und Amerika auf dem Index stehende Werk unter Aufbietung all ihrer Kräfte als Verlegerin herausgebracht? Damit begann eine langjährige kräftemäßig und auch finanziell stark an Beach’s Substanz gehende Zusammenarbeit mit dem von ihr so außerordentlich geschätzten Autor. In ihren in diesem Buch vorliegenden Erinnerungen spielt James Joyce denn auch eine zentrale Rolle.

Bei dem ständigen Kommen und Gehen englischer, irischer, amerikanischer, aber auch bekannter französischer Schriftsteller und angesichts ihrer aufreibenden Arbeit für Joyce fragt man sich, wann Sylvia Beach eigentlich noch Zeit hatte, sich ihrer Aufgabe als Buchhändlerin zu widmen. Darüber, wie sie die alltäglichen  Anforderungen ihres Berufs bewältigt hat, schreibt sie in ihren Erinnerungen verhältnismäßig wenig. Hier unterscheidet sich ihr Buch stark von den Aufzeichnungen von Madge Jenison über deren Arbeit bei und für Sunwise Turn. Sylvia Beach erzählt vor allem von den  Begegnungen mit ihren zahllosen Freunden aus der Literaturszene. Und das tut die genaue Beobachterin auf sehr unterhaltsame Art und Weise.

Die deutsche Besetzung von Paris im Zweiten Weltkrieg bedeutete das Ende von „Shakespeare and Company“. Nachdem Sylvia Beach sich geweigert hatte, einem deutschen Offizier „Finnegans Wake“ von Joyce zu verkaufen, drohte die Beschlagnahmung der gesamten Bestände. Binnen weniger Stunden schloss Beach ihre Buchhandlung und schaffte mit Freunden sämtliche Bücher in eine leerstehende Wohnung. Der Schriftzug „Shakespeare and  Company“ an der Hausfront wurde übermalt.

Was zum Glück geblieben ist, sind die zu Papier gebrachten Erinnerungen Sylvia Beachs. Sie zu lesen ist ein Vergnügen. Und man staunt über die Leistung, die diese Frau erbracht hat. Ach ja, ein wenig neidisch wird man auch. Wer kann schon von sich behaupten, so viele und so bedeutende Schriftsteller gekannt und als Freunde gehabt zu haben?

Sylvia Beach
Shakespeare and Company
Ein Buchladen in Paris
Suhrkamp Taschenbuch 1982, 248 Seiten, 9 EUR

„Sunwise Turn“: Zwei Buchhändlerinnen in New York

Manchmal fallen wegweisende Entscheidungen sehr schnell:

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich zu dem Schluss kam, dass Amerika eine ganz neue Art von Buchhandlung brauchte, und zwar sofort, und dass ich so einen Laden eröffnen würde.

Magde Jenisons  Gedanken begannen zu rasen, wie es in Ausnahmesituationen oft der Fall ist. Eine Stunde später – sie wollte nicht überstürzt vorgehen (!) – rief die engagierte Frauenrechtlerin und Autorin ihre Freundin Mary Mowbray-Clarke an, um sie als Partnerin zu gewinnen. Das war im Jahr 1916. Und so entstand eine von zwei Frauen geführte Buchhandlung, die, so würden wir heute sagen, Kultstatus erlangte.

Aber bis dahin lag noch ein hartes Stück Arbeit vor den beiden Freundinnen,  die sich mit Leidenschaft, Fleiß und kreativen Ideen  an den Aufbau ihres Unternehmens machten.

Magde Jenison lässt uns in ihrem Buch teilhaben an der Entwicklung von „The Sunwise Turn“ (Mit dem Lauf der Sonne), wie sie und ihre Partnerin ihren Bücherladen im New Yorker Stadtbezirk Manhattan nannten. Ein Name, der auf die gälische Mythologie zurückgeht.

Wir wollten auf modernere und kultiviertere Art Bücher verkaufen, als es bisher üblich war und sie, falls es in unserer Macht stand, in den Strom des schöpferischen Lebens unserer Generation einfließen lassen. Und so wurden wir „The Sunwise Turn – A Modern Bookshop“.

Jenison erzählt locker, unterhaltsam, humorvoll  und manchmal auch etwas unstrukturiert von den Anfangsschwierigkeiten, den finanziellen Problemen, schönen und bösen Überraschungen und den sich nach und nach einstellenden Erfolgen. Bald gehörten Künstler und Intellektuelle ebenso zu den Kunden wie Vertreter des „Geldadels“, Angehörige der Mittelschicht ebenso wie (etwas unterrepräsentiert) Arbeiter. Die Liste derer, die sich als freiwillige Helferinnen und Helfer anboten und in „Sunwise Turn“ mitarbeiten  wollten, wurde länger und länger. Auch die junge Peggy Guggenheim betätigte sich als Aushilfe und erledigte Botengänge.

Was machte „Sunwise Turn“ schließlich so erfolgreich? Sicher spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Ohne das wahrlich leidenschaftliche Engagement von Jenison und Mary Mowbray-Clarke wäre der Aufstieg gewiss nicht möglich gewesen. Aber sie hatten auch ein inhaltliches Konzept: „Menschen, die nicht am Puls der intellektuellen Welt leben, Gedanken zugänglich zu machen“. Die Auswahl der angebotenen Bücher erfolgte ohne Scheuklappen. Und sie bewiesen Phantasie, Kreativität, denn sie erkannten, dass eine Buchhandlung kaum allein von den Rabatten leben kann, die die Verlage einräumen. Also gaben sie ihrem Laden durch ungewöhnliche Farbgestaltung ein unverwechselbares Aussehen. Sie kreierten  phantasievolle Verpackungen, die zum Markenzeichen ihrer Buchhandlung wurden. Sie verkauften nicht nur Bücher, sondern auch Schreibwaren, Kunst, ausgefallene Stoffe.  Und sie organisierten in „Sunwise Turn“ Lesungen und andere kulturelle Veranstaltungen.

Kommt uns vieles davon heute nicht sehr bekannt vor? Diese beiden Frauen machten dies schon vor einem Jahrhundert und sicherten so die finanziellen Grundlagen ihres Unternehmens. Auch sonst fühlt man sich des öfteren an die heutige Zeit erinnert, etwa wenn Jenison über die Probleme des Buchhandels schreibt.

Zum Abschluss noch einmal Madge Jenison wörtlich über das Glück, das Bücher vermitteln können:

Es steckt so viel Lebenskraft und Lebensfreude in Büchern! Die Freude, die Bücher vermitteln, lässt sich nicht in Worte fassen Manche Leute finden Turgenjew und Tschechow deprimierend, doch wenn ich mit einem neuen Band von einem der beiden die Straße entlanggehe, spüre ich ihn wie warmes Gold und weiß, dass ich nur eine Mußestunde und einen bequemen Sessel brauche, um in höhere Gefilde aufzusteigen.

Tja, in die Buchhandlung „Sunwise Turn“ wäre ich liebend gern mal gegangen. Es ist nicht genau bekannt, wie lange sie existiert hat. Wenigstens gibt es dieses schöne Buch, das die Erinnerung an „Sunwise Turn“ und zwei beeindruckende Frauen lebendig hält.

Madge Jenison
Sunwise Turn – Zwei Buchhändlerinnen in New York
Edition Ebersbach, 2. Auflage 2007, 200 Seiten
nur noch antiquarisch erhältlich