Uwe Jochum: Bücher – vom Papyrus zum E-Book

Von Uwe Jochum gibt es bereits einige wichtige Bücher zur Buch- und Bibliotheksgeschichte. Erwähnt seien seine in der Reclams Universal-Bibliothek erschienene „Kleine Bibliotheksgeschichte“ (2007) und seine im Primus-Verlag publizierte „Geschichte der abendländischen Bibliotheken“ (2012). Im Frühjahr 2015 ist sein Buch zur Buchgeschichte „Vom Papyrus zum E-Book“ hinzugekommen. „Uwe Jochum: Bücher – vom Papyrus zum E-Book“ weiterlesen

Christine Jakobi-Mirwald: Das mittelalterliche Buch

Funktion und Ausstattung

Mit dem Kauf dieses Reclam-Bandes erwirbt man eine „geballte Ladung“ an Information. Wer sich über das Buch im Mittelalter, seine Funktion, seine Herstellung, seine Formen und seine Gestaltung bis hin zur Geschichte der Buchmalerei informieren möchte, ist mit der von Das mittelalterliche BuchChristine Jakobi-Mirwald verfassten Publikation auf das Beste bedient.

Die Autorin, die unter anderem Kunstgeschichte und Mittellatein studiert und 1997 mit einer Arbeit über die Entstehung der historisierten Initiale im 8. und 9. Jahrhundert promoviert hat, kennt sich mit allen Aspekten rund um mittelalterliche Bücher hervorragend aus und weiß ihre Kenntnisse gut zu vermitteln. Abgesehen davon, dass ihr Buch auch eine Einführung in die Buchmalerei enthält, erinnert „Das mittelalterliche Buch“ stark an Stephanie Hauschilds „Das Skriptorium“ (s. Besprechung hier), geht aber mehr in die Tiefe, kommt auch etwas wissenschaftlicher daher, ohne aber dadurch Einsteiger abzuschrecken. Vorausgesetzt, diese sind ernsthaft interessiert und zu konzentrierter Lektüre (Arbeit) bereit. Denn „Das mittelalterliche Buch“ ist kein Buch zum „mal eben durchrauschen“.

Nach einer Darstellung der modernen Rezeption (Beispiele: Die Handschrift in der Ausstellung; die Handschrift als Handels- und Sammelobjekt; die Handschrift digitalisiert und im Internet) wendet sich die Autorin der zeitgenössischen Rezeption zu und erläutert Formen und Funktionen mittelalterlicher Bücher. Es geht dabei – natürlich, muss man bei mittelalterlichen Codizes wohl sagen – um die Bibel, um Evangeliare, Psalter und andere liturgische Bücher (bei der Vielzahl unterschiedlicher oder sich auch überschneidender Zweckbestimmungen schwirrt der Kopf), es geht um die damals sehr beliebten Stundenbücher, aber auch um Naturlehre, Jurisprudenz, Roman oder Dichtung.

… Trotzdem waren ab dem 13. Jahrhundert die Volkssprachen in allen Ebenen auf dem Vormarsch, was auch zum starken Anwachsen der Leserkreise beigetragen hat. Hinzu kam, ebenfalls etwa ab 1200, die Rationalisierung und Kommerzialisierung der Buchproduktion … Die Ausbreitung der Lesefähigkeit und die wachsende Verfügbarkeit von Geschriebenem beeinflussten einander wechselseitig.

Im nächsten Kapitel widmet sich die Autorin Aufbau und Herstellung mittelalterlicher Handschriften. Stichworte, beispielhaft: Papyrus und Pergament; Schreibwerkzeuge und Schrift; Bucheinband; Geschichte der Buchherstellung.

Im 15. Jahrhundert fand zum zweiten Mal in der Geschichte des Abendlandes eine umwälzende Veränderung des Buchwesens statt – die erste war die Einführung des Pergamentcodex gewesen. Die Einführung von Papier als Beschreibstoff und die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern waren zunächst zwei voneinander unabhängige Faktoren, die aber zusammen das Buch völlig neu definierten.

Das – für Nicht-Kunsthistoriker manchmal etwas schwierig zu lesende – Kapitel über die Buchseite ist Formen und Funktionen der Buchausstattung gewidmet (Gliederung der Textseite, Entstehung, Typen und Geschichte der Initiale, Buchschmuck zur Verzierung, zur Textillustration und zur Repräsentation).

Schließlich folgt eine kompakte Darstellung der Geschichte der Buchmalerei von der Spätantike bis zur Renaissance.

Das Buch ist mit zahlreichen Illustrationen in Schwarz-Weiß ausgestattet. Vor allem, wenn es um die Buchmalerei geht, mag man die fehlende Farbe bedauern. Aber „für das Auge“ gibt es zahlreiche andere Werke, wobei die Autorin auf die Problematik von Farbverfälschungen hinweist.

Nicht nur zu jedem Kapitel, sondern zu jedem einzelnen Abschnitt gibt es eine Fülle von deutschsprachigen, nicht selten aber auch englisch- und französischsprachigen Literaturempfehlungen. Es mangelt also weder an Material noch an Hinweisen für die weitere Beschäftigung mit einem – wie ich immer mehr finde – faszinierenden Thema.

Mein Fazit: Mit „Das mittelalterliche Buch“ hat Christine Jakobi-Mirwald eine hervorragende Publikation vorgelegt, die schon deutlich mehr als eine bloße Einführung in die Thematik darstellt. Lesenswert. Empfehlenswert.

Christine Jakobi-Mirwald
Das mittelalterliche Buch
Funktion und Ausstattung
Reclam Taschenbuch 2004, 317 Seiten, 9,80 EUR

Workshop-Reihe im Gutenberg-Museum: Zwischen Unikat und Massenprodukt

Federkiel und Tinte
Urheber: Chris Wightman

Am 6. Februar startet im Mainzer Gutenberg-Museum eine 5teilige Workshop-Reihe zum Thema „Zwischen Unikat und Massenprodukt“. In der ersten Runde geht es um „Mittelalterliches Schreiben“.

Als Folgetermine wurden festgelegt: 20.2., 6.3., 20.3., 3.4. Zur genaueren Thematik dieser Fortsetzungsveranstaltungen gibt es auf der Homepage des Museums leider noch keine näheren Informationen.

Wer die Teilnahme an dieser sicherlich sehr interessanten Reihe erwägt, findet Einzelheiten und Kontaktdaten unter www.gutenberg-museum.de.

Joachim Elias Zender: Geliebte alte Bücher

Sammeln – Pflegen – Schätzen

Geliebte alte BücherManchmal nimmt eine Büchersammlung (wie andere Sammlungen auch) ganz unmerklich ihren Anfang: man wird gelegentlich auf dem Flohmarkt fündig, entdeckt bei Ebay hin und wieder ein interessantes Altertümchen und „schägt zu“, nutzt den Einkauf im Buchladen zu einem Abstecher ins angegliederte Antiquariat und stößt unvermittelt auf eine erschwingliche illustrierte Ausgabe mit Werken eines verehrten Autors … Und ehe man sich versieht, hat man eine kleine, aber feine Sammlung alter Bücher zusammengetragen. Spätestens dann ist der Zeitpunkt gekommen (und vermutlich der Wunsch da), sich intensiver mit seinen Sammelobjekten zu befassen, fundiertes Grundwissen zu erwerben.

Andere kaufen von vornherein zielbewusst alte Bücher in der Absicht, ihr Geld anzulegen. Für diese Sorte Sammler, soweit sie auf eigene Faust vorgehen, ist mindestens solides Basiswissen unerlässlich. Fachwissen entsteht dann mit der Zeit durch ständige Auseinandersetzung mit der Materie.

Dann gibt es noch die Bücherliebhaber mit einem besonderen Interesse an der Geschichte des Buches.

Sie alle und diejenigen, die sich irgendwo dazwischen bewegen, finden in Zenders „Geliebte alte Bücher“ eine informative Einführung, einen nützlichen Ratgeber.

Der Autor beschreibt zunächst, worauf beim Kauf eines alten Buches geachtet werden sollte (Thema, Ausstattung, Erhaltungszustand, Einband u.a.) und was ein Buch wertvoll macht oder seinen Wert ggfs. mindert. Er zeigt mögliche Einkaufsquellen auf und demonstriert Schritt für Schritt, wie man die Angaben in einem Antiquariatskatalog zu lesen hat. Ein weiteres grundlegendes Kapitel ist dem Aufbau des Buches gewidmet. „Vorsatz“ und „Kopfschnitt“ etwa sind Begriffe, die Bücherfreunden wahrscheinlich geläufig sind; aber bei Bezeichnungen wie „Schutzkappe“, „Bodensignatur“, „Supralibros“, „Kolophon“ oder „Kustode“ wird es schon kniffliger.

Andere Kapitel befassen sich mit Papier, dem „Stoff, aus dem die Bücher sind“, der Kunst der Drucker, Buchillustration und Buchgeschichte. Schließlich geht es um den pfleglichen Umgang mit den alten Schätzen, um Gefahren, denen sie ausgesetzt sein können (mechanische, biologische und chemische Schäden, Schäden durch schlechtes Aufbewahrungsmaterial u. a.), zu vermeiden. Manches, was dort zu lesen ist, dürfte „Normalos“ unter den Büchersammlern doch etwas zu weit gehen, aber Vorsicht ist bekanntlich die Mutter der Porzellankiste.

Alles in allem aber ist „Geliebte alte Bücher“ ein brauchbarer Einstieg in die wunderbare Welt alter Bücher. Die für den Sammler am Beginn seiner Sammeltätigkeit wesentlichen Punkte werden abgehandelt. Wer sich angeregt fühlt, tiefer in die Materie einzudringen, findet im ausführlichen Literaturverzeichnis am Ende des Buches nützliche Hinweise.

Dank seiner sorgfältigen Aufmachung (die allerdings ihren Preis hat) und zahlreichen schönen Abbildungen ist „Geliebte alte Bücher“ zudem ein Schmuckstück, das sich in jedem Bücherschrank gut macht.  Leider hat man dem Text nicht ganz so viel Aufmerksamkeit zukommen lassen wie dem Buchäußeren. Manche Passagen, in denen sich „auf kürzester Distanz“ zuvor gemachte Aussagen wiederholen,  erwecken den Eindruck, es habe dem Autor bei abschließender Durchsicht des Geschriebenen an Konzentration gefehlt. An der insgesamt positiven Bewertung des Buches ändert das aber nichts.

Joachim Elias Zender
Geliebte alte Bücher
Sammeln – Pflegen – Schätzen
Jan Thorbecke Verlag 2010, 136 Seiten, 34,90 EUR

Alberto Manguel: Eine Geschichte des Lesens

Womit anfangen bei der Vorstellung dieses wunderbaren Buches? Wie Alberto Manguel selbst, mit einer Reihe von Zitaten? Eins muss reichen:

 Lies, um zu leben.

So Gustave Flaubert im Juni 1857 in einem Brief an Mlle. de Chantepie. Ist damit nicht eigentlich schon alles gesagt?

Manguel Eine Geschichte des Lesens1Mein Buch wimmelt von den kleinen gelben Klebezetteln, die mich an wichtige, schöne, originelle Passagen erinnern sollen. Viel zu viele, um sie auch nur ansatzweise in diese Besprechung einfließen zu lassen. Manguel ist ein unglaublich belesener Mensch, ein, wie es auf dem Einband zutreffend heißt, „geradezu obsessiver Literaturenthusiast, der uns mitnimmt auf seinem Streifzug durch die Buch- und Literaturgeschichte, der uns seine Begeisterung für das Lesen in jeder Zeile spüren lässt.“

Bevor die große Reise beginnt, erfahren wir in einem Rückblick Manguels eigene „Geschichte des Lesens“, folgen dem Autor bei seinen ersten Leseerfahrungen. Dann aber widmet er sich den unterschiedlichsten Aspekten des Lesens. Unter „Akte des Lesens“ finden wir u. a. Kapitel über „Die stillen Leser“ (Wandel vom lauten zum stillen Lesen), über das „Lesen lernen“, über „Vorlesen“, „Einsames Lesen“ und „Die Gestalt des Buches“ (fast eine kleine Geschichte des Buches). Unter „Die Macht des Lesers“ geht es dann beispielsweise um „Das geordnete Universum“ (Bibliotheken) „Lesen hinter Mauern“, „Bücher stehlen“ (die Geschichte des Grafen Libri, des wohl größten Bücherdiebs aller Zeiten), „Verbotenes Lesen“ oder „Büchernarren“.

Die – unvollständige – Aufzählung macht deutlich: Hier wird die „Geschichte des Lesens“ keineswegs chronologisch erzählt. Manguel schafft „Haltepunkte“ bei seinem Streifzug durch 6000 Jahre Literaturgeschichte; er wählt Aspekte aus, erläutert zumeist anhand von Beispielen, erzählt Geschichten, zitiert hier, verweist auf Aussagen da, bezieht seine eigene Lebens- und Leseerfahrung mit ein, macht die Lektüre durch zahlreich eingestreute Anekdoten vergnüglich. Freilich: Man muss Manguels Art zu Schreiben mögen. Und man darf sich nicht (zu sehr) daran stören, dass er gelegentlich etwas geschwätzig ist und sich manchmal auch ein wenig selbstverliebt präsentiert. Dann wird man mit einem absolut lesenswerten Buch belohnt.

Das Buch in meiner Bibliothek ist ein Rowohlt Paperback. Es gibt die „Geschichte des Lesens“ auch (und andere Bücher Manguels) als Fischer Taschenbuch. Meines Wissens (ich kann es aber nicht beschwören) enthält nur die Paperback-Ausgabe Illustrationen. Auch wenn diese durchgängig schwarz-weiß sind, bedeuten sie eine Bereicherung des Buches. Wer die „Geschichte des Lesens“ (noch) nicht besitzt, sie aber erwerben möchte, sollte versuchen, die Paperback-Ausgabe aufzuspüren.

Mein Fazit: eine unbedingt lesenswerte, von ganz wenigen Ausnahmen (Unterkapiteln) abgesehen auch leicht lesbare, interessante, vergnügliche „Geschichte des Lesens“. Ein Geschichten-Buch, das in jede Bibliothek gehört.

Alberto Manguel
Eine Geschichte des Lesens
Rowohlt Paperback 1999, 430 Seiten
Fischer Taschenbuch 2012, 480 Seiten

Georg Ruppelt: Buch- und Bibliotheksgeschichte(n)

Ich will es gar nicht in Zweifel ziehen: Georg Ruppelt, Direktor der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek (Niedersächsische Landesbibliothek) in Hannover, zuvor Stellvertreter Paul Raabes an der Ruppelt BuchgeschichtenHerzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, vielfach engagiert, z.B. im Deutschen Bibliotheksverband), ist sicher ein wichtiger Mann im deutschen Buch- und Bibliothekswesen. Aber hat er so Bedeutendes geleistet, so Wegweisendes formuliert, dass sich der Olms Verlag mit dem hier vorzustellenden Sammelband veranlasst sehen konnte, Aufsätze Ruppelts, deren Erstveröffentlichung vielfach weit zurückliegt (oft 80er oder 90er Jahre) – wenn auch in mehr oder minder überarbeiteter Form – wieder „unter’s Volk“ zu bringen? Ist der Autor wirklich so wichtig, dass das im Anhang nicht zu übersehende Publikationsverzeichnis Ruppelts allein 37 von insgesamt 229 Seiten einnimmt und vermutlich jede seiner Veröffentlichungen, jeden seiner Hörfunkauftritte seit 1977 penibel aufführt?

Ich würde schon gern wissen, wie es zu diesem Buch eigentlich gekommen ist …

Wenn man einmal davon absieht, dass es in den veröffentlichten Beiträgen nahezu ausnahmslos um das Thema Buch geht: wo ist der rote Faden, der die einzelnen Aufsätze zusammenhält? Für mich ist das hier ein eher zufälliges Sammelsurium: In immer recht kurzen Beiträgen geht es um Bücherschänder und Bücherdiebe, um „Merkwürdige Fälle aus der Zensurgeschichte“, um einen Abriss der Geschichte von Reclams Universal-Bibliothek, um Tarnschriften gegen die NS-Diktatur und um Bücher und Zeitungen in Deutschland 1945, um „Henriette Davidis und ihr berühmtes Kochbuch“ und um das „Vergnügen, in alter Küchenliteratur zu lesen“. Ein Kapitel enthält eine Bibliotheksgeschichte im Überblick, ein weiterer Aufsatz befasst sich mit den „deutschen Bibliotheken am Anfang des 21. Jahrhunderts“. Dass nichts vertieft werden kann, versteht sich bei insgesamt 12 Kapiteln und nur knapp 200 für den eigentlichen Text zur Verfügung stehenden Seiten von selbst.

Auch mit dem Titel habe ich meine Probleme: Das Buch enthält viele Buchgeschichten, aber keine Buch- und Bibliotheksgeschichte, auch wenn einzelne Beiträge buch-, bibliotheks- und verlagsgeschichtliche Aspekte aufgreifen. Wer eine zusammenhängende geschichtliche Darstellung sucht, die ihren Namen verdient, wird hier nicht fündig.

Leider macht auch die optische Aufbereitung wenig Freude: Bleiwüsten (wenn man das in der heutigen Zeit noch so sagen kann), wohin man schaut; oftmals lange, in kleiner Schrift gesetzte Zitate. So macht die Lektüre von Ruppelts „Gesammelten Werken“ wenig Spaß, auch wenn der eine oder andere Aufsatz ganz interessant ist.

Alles in allem aber: ein überflüssiges Buch.

Georg Ruppelt
Buch- und Bibliotheksgeschichte(n)
Georg Olms Verlag, Hildesheim 2007

Martyn Lyons: Das Buch

Eine illustrierte Geschichte

Es gibt Bücher, in die verliebt man sich auf der Stelle. Man nimmt sie in die Hand, schlägt sie auf, blättert die ersten Seiten um, und schon ist es passiert: dieses Buch mag man nicht mehr hergeben. Martyn Lyons‘ „Das Buch“ ist ein solches Buch.

Martyn Lyons Das BuchLesbarer und optisch ansprechender kann man die Geschichte des Buches kaum vermitteln.

Das Buch umfasst die ganze Spannweite – von den ersten, in Keilschrift verfassten  Texten bis zum E-Book. Eine ungeheure Menge an Stoff also, doch man fühlt sich keine Sekunde überfordert, erschlagen. Die Geschichte des Buches wird in kleinen Häppchen serviert. Die meisten Kapitel umfassen nur eine Doppelseite, manchmal werden drei Seiten, gelegentlich auch schon einmal vier Seiten beansprucht. Diese Aufteilung in kurze Abschnitte  hat den Vorteil, dass man sich der Thematik leicht nähern kann und bei unvermeidlichen Unterbrechungen der Lektüre nicht so schnell den Faden verliert.

Was genau erwartet uns Leserinnen und Leser denn nun?

Die Tour durch die wunderbare Bücherwelt hat der Autor in 5 große Etappen unterteilt:  Die erste führt uns in die Antike und das Mittelalter. Themen sind u. a. die frühesten Schriftzeugnisse (Mesopotamien, China, Japan), das antike Griechenland, die Entwicklung von der Schriftrolle zum Kodex (gebundenes Buch) und die bedeutende Rolle der Klosterbibliotheken.

Der zweite Block ist der Frühzeit des Buchdrucks gewidmet (Erfndung, Ausbreitung in Europa und der Welt, Reformation und Inquisition, berühmte Drucker wie Aldus Munitius).

In der  folgenden 3. Etappe beschäftigt  sich der Autor mit der Auklärung und ihren Folgen (fortschreitende Lese- und Schreibfähigkeit und ihre Konsequenzen für den Buchmarkt, Kampf ums Urheberrecht,  Buchgestaltung und Buchkunst,  Aufkommen der „Volksbücher“ und Almanache).

„Der Verleger betritt die Bühne“ lautet die Überschrift des 4. Blocks, der u. a. die Mechanisierung des Buchdrucks, den Aufstieg der Buchhandlung und das Entstehen von Leihbüchereien und Groschen- und Fortsetzungsromanen zum Inhalt hat.

Schließlich geht es im 5. Komplex um „Wissen für Alle“: Neue Technologien,  Konsumkultur in der Weimarer Reöpublik,  Feinde des Buches, Globalisierung und kulturelle Identität.

Die genannten sind nur einige Stichpunkte von vielen möglichen, denn das Buch des aus Großbritannien stammenden Autors Lyons lässt kaum einen Aspekt bei der Beschreibung der Entwicklungsgeschichte des Buches aus. Dabei blickt der Autor dankenswerterweise auch über den europäischen Tellerrand, etwa wenn er sich den frühen  Kodizes der Maya und Azteken  zuwendet, aktuelle  japanische Mangas beleuchtet oder ein Kapitel  der modernen arabischen Welt widmet.

Das Buch glänzt aber nicht nur durch den sachkundigen und gut lesbar geschriebenen Text. Jeder Abschnitt ist wunderbar und zumeist mehrfach illustriert und bietet somit auch hochgradiges und hochwertiges Sehvergnügen.

Was sagt denn nun der Experte, der sich mit der Vergangenheit des Mediums bestens auskennt, zur Zukunft des Buches? Ist das Buch wirklich in der Krise, ja vom Aussterben bedroht,  wie vielfach angesichts der neuen Medien behauptet wird? Lyons verweist darauf, dass von Jahr zu Jahr mehr Titel produziert werden und fährt fort:

Die sogenannte Krise des Buches ist tatsächlich vielfach nur eine Krise des westlichen Literaturkanons …  In den letzten 60 Jahren [hingegen] sind die kulturellen Hierarchien mehr und mehr ins Wanken geraten … Diejenigen, die behaupten, das Buch befinde sich in der Krise, sind oft dieselben, die über das Verschwinden traditioneller kultureller Hierarchien jammern.

Probleme dieser Art haben nur die wohlhabenden westlichen Gesellschaften. In Afrika oder Südamerika, wo die Analphabetenraten mit rund 20 Prozent viel höher liegen und der Zugang zu Computern und E-Books stark eingeschränkt ist, sind nur selten besorgte Debatten über das Verschwinden des Buches aus dem Alltag zu hören … Wo kaum verlässliche Stromnetze existieren, kann das gute alte Buch all seine Vorteile ausspielen. Es ist tragbar, haltbar und wiederverwendbar, und es braucht weder Batterien noch Wartung. Im Westen mögen wir die Tatsache, dass das Bücherlesen keinerlei Regeln mehr unterworfen ist, begrüßen oder bedauern. Anderswo auf der Welt bleibt die Notwndigkeit, Menschen den Zugang zu Büchern zu erleichtern, eine enorme Herausforderung für die Zukunft.

Ich bin keine prinzipielle Gegnerin des E-Books, aber es gibt Bücher, deren Lektüre ich mir auf einem elektronischen Reader nur schwer vorstellen kann. Martyn Lyons „Das Buch“ gehört dazu. Ich liebe es in gedruckter Form.

Mit dem Erwerb  kann man nichts falsch machen. Ob man sich selber eine Freude machen oder Bücherfreunde mit einem schönen Geschenk überraschen will: Martyn Lyons‘ „Das Buch“ ist die richtige Wahl.

Martyn Lyons
Das Buch. Eine illustrierte Geschichte.
Gerstenberg Verlag Hildesheim, 2012, 224 Seiten

Hans Adolf Halbey (Hrsg.): Museum der Bücher

Vor Jahren brachte der Harenberg-Verlag die „Harenberg-Edition bibliophiler Taschenbücher“ heraus. Nach und nach erschien eine alles in allem sehr schöne Reihe. Etliche der reich illustrierten Bändchen sind gleich in mein Bücherregal gewandert, das eine oder andere Exemplar habe ich erst später erworben. Das gilt besonders für das „Museum der Bücher“, das ich kurz vor Reisebeginn für stolze 50 Cent gekauft habe. Ein wahres Schnäppchen.

Das „Museum der Bücher“ trägt die Nummer 500 und wurde von Harenberg als Jubiläumsband herausgeben. (Ich bin erstaunt. Umfasste die Reihe so viele Titel?) Das Ergebnis ist des Jubiläums würdig und kann sich wahrlich sehen lassen.

Was nirgendwo in der Welt unter einem Dach zu sehen sein wird, ist in diesem „imaginären Museum“ vereint. 75 der herausragendsten Bücher und Tafelwerke seit Begründung der Druckkunst durch Gutenberg werden in Wort und Bild beschrieben und gezeigt.

Was der zitierte Einbandtext verspricht, hält der Inhalt.

Das Buch ist in sieben Kapitel unterteilt: Die Bibel / Literatur / Das illustrierte Buch / Das Kinder- und Jugendbuch / Lehrbuch und Fibel / Das Wissenschaftswerk / Das Tafelwerk / Literarische Almanache und Taschenbücher / Enzyklopädien und Lexika / Atlanten und geographische Literatur / Bucheinbände / Exkurse .

Experten ihres Fachs stellen jeweils 5 oder 6 Meilensteine der Buchgeschichte und Buchkunst vor. Angesichts der oft teuflisch schweren Auswahl hört man sie förmlich stöhnen, etwa wenn Wulf Piper, der für den Bereich Literatur verantwortlich zeichnet, klagt:

Fünf Bücher aus Millionen! Woher die Kriterien nehmen! Ich beschloß eine Auswahl nach sehr fragwürdigen, sehr persönlichen und zugleich besonders nüchtern herzlosen:

1. Alle Bücher sollten dem größten Schatzhaus alter Bücher in Europa entnommen sein, der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, Leibniz‘ und Lessings Bücherei.

2. Die Bücher sollten durchaus und durch und durch schön sein.

….

Herausgekommen ist mit dem „Museum der Bücher“ ein wunderbares Buch, dem sich jeder, der Bücher liebt und ein Auge für Buch- und Druckkunst hat, mit Freude, ja Glücksgefühlen widmen wird. Jedes notwendigerweise kurze Kapitel, jede notgedrungen knappe Buchpräsentation ist so etwas wie eine Aufforderung, sich ausführlicher mit der Thematik zu befassen.

Mir persönlich hat, obwohl unter Schönheits- wie Bedeutungsgesichtspunkten eher am Rande „mitlaufend“, das Kapitel über die Geschichte der Almanache besonders gut gefallen. Darüber wusste ich bislang recht wenig. Wenn ich wieder zu Hause bin und ich mich dank Flatrate ausgiebiger im Internet tummeln kann, als das aus Kostengründen hier von Frankreich aus möglich ist, mache ich mich mal auf die Suche nach vertiefenden Ausführungen und etwa verfügbaren antiquarischen oder auch aktuellen Ausgaben.

Erwähnen möchte ich noch kurz das Kapitel „Exkurse“, damit deutlicher wird, was sich dahinter verbirgt: Die Autorin Elke Schutt-Kehm behandelt darin legendäre Handpressen wir Kelmscott in England oder die Janus-Presse in Deutschland, das Thema „Ex Libris“, sowie Ketten- und Beutelbücher, Buchattrappen und Buchobjekte.

Da mir hier kein Scanner zur Verfügung steht, habe ich ein wenig in das Buch „hineinfotografiert“. Ich hoffe, die Aufnahmen können ein wenig von der Schönheit der präsentierten Werke vermitteln.

Francesco Colonna: Hypnerotomachia Poliphili
Pantagurel, neu verfasst von Alcofrybas Nasier (Francois Rabelais)
Orbis Pictus – Universal-Bilderlexikon
Claudius Ptolomaeus: Cosmographia
Encyclopedie ou Dictionnaire Raisonne des Sciences, des Arts et des Metiers
Astronomicum Caesareum

Museum der Bücher
Herausgegeben von Hans Adolf Halbey
Harenberg Edition
Die bibliophilen Taschenbücher Band 500
erschienen 1986 (hier: 2. Auflage 1991)

Helmut Presser: Das Buch vom Buch

5000 Jahre Buchgeschichte

Meine jüngste Errungenschaft ist ein altes Buch. Und was für ein Buch! Nun ja, „alt“ ist relativ. Aber als 1978 erschienenes Buch ist es jedenfalls nicht mehr taufrisch. Doch bei einem Werk, das sich 5000 Jahren Buchgeschichte widmet, kommt es auf ein paar Jährchen ja ohnehin nicht an.

Das Buch bietet Lesestoff in Hülle und Fülle. Es ist sinnvoll nach Jahrhunderten gegliedert und deckt, wie mir nach erstem Durchblättern scheint, alles ab, was wichtig ist: Keilschrift, Papyrus, mittelalterliche Handschriften, Blockbuch, Gutenberg und die Gutenbergbibel, Bücherschicksale im 30jährigen Krieg, Papierversuche, Bucheinband und Buchgestaltung, die Entwicklung der Drucktechniken, Verlagswesen und Buchhandel und und und – ich könnte die Aufzählung noch fast endlos fortsetzen.

Ein Schmuckstück ist das Buch auch durch die Vielzahl von Illustrationen. Meistens sind sie schwarz-weiß, aber das tut ihrem Reiz keinen Abbruch.

Nach dem Schwärmen kommt jetzt das Lesen. Nach und nach, denn „Das Buch vom Buch“ ist keine Veröffentlichung, die man „in einem Rutsch“ durchliest, und das war’s kann. Ich werde mich sicher immer wieder einmal darein vertiefen. Und auf diese Momente freue ich mich.

Meine Ausgabe ist nur noch antiquarisch erhältlich. Ich habe aber gesehen, dass es auch eine neuere, von anderen Autoren überarbeitete und erweiterte Ausgabe gibt. Dafür muss man 88 EUR hinblättern – wesentlich mehr, als ich für mein „altes Schätzchen“ bezahlt habe.

Helmut Presser
Das Buch vom Buch
5000 Jahre Buchgeschichte
Schlütersche Verlagsanstalt und Druckerei, Hannover 1978, 244 Seiten

Freundschaft mit Büchern

Natürlich liebe ich Bücher. Eine besonderes Faible habe ich für Bücher über Bücher: über das Sammeln von Büchern, über die Geschichte des Buches, über Buchkunst. Ich fliege aber auch auf Romane und Erzählungen, in denen Bücher eine Rolle spielen. In diese Gruppe gehört „Mathilde und der Duft der Bücher“, der Roman von Anne Delaflotte, den ich hier vor ein paar Tagen vorgestellt habe.

Heute geht es um das Bändchen „Freundschaft mit Büchern“ von Helmut Bode. Es ist Anfang der 60er Jahre in der Bertelsmann Steckenpferd Bücherei erschienen und steht schon lange in meinem Bücherregal. Mein Herz hängt daran, und ich schaue immer noch gern mal hinein. Sicher ist ein wenig Nostalgie mit im Spiel.

„Freundschaft mit Büchern“ war für mich eine Art Einführung in das Buchwesen. Es behandelt Themenbereiche wie „Buchhandel gestern und heute“ (da ahnte noch niemand etwas von Amazon & Co.), „wichtige Informationsquellen“, „Literaturgruppen“, „Bausteine einer eigenen Bibliothek“, „Pflege der Bücher“, „Entstehung der Bücher in Geschichte und Gegenwart“. Angereichert ist das Buch mit zahlreichen Fotos und Zeichnungen, die die frühen 60er Jahre wieder lebendig werden lassen.

Es macht einfach Spaß, durch dieses Bändchen aus der Steckenpferd Bücherei zu blättern. Und dann gerät man ganz schnell ins Schmökern (und Träumen).

Helmut Bode
Freundschaft mit Büchern
Bertelsmann Verlag 1962, 192 Seiten
nur noch antiquarisch erhältlich