Hans Fallada/Hans-Jürgen Gaudeck: Ich weiß ein Haus am Wasser

Texte von Hans Fallada
Aquarelle von Hans-Jürgen Gaudeck

Das „Haus am Wasser“ liegt idyllisch in Carwitz inmitten der Feldberger Seenplatte. Von 1933 bis 1944 war es der Lebensort Hans Falladas.  Die zwölf hier in Mecklenburg mit der Familie verbrachten Jahre gelten trotz unerfreulichen Endes als recht glückliche Zeit im Leben des schon durch viele Tiefen gegangenen, alkohol- und morphiumabhängigen Schriftstellers.

Fallada und seine Frau Anna (genannt Suse) liebten das anfangs stark renovierungsbedürftige Gebäude, in das sie viel Mühe, Arbeit, Liebe und auch Geld steckten, um es bewohnbar und die landwirtschaftlichen Einrichtungen wieder nutzbar zu machen. In „Bei uns zu Haus“ schrieb der Autor denn auch sehr zufrieden:

Ich habe eben wieder einmal Glück gehabt, gerade als ich auf der Kippe stand.

Aber dann stand er eines Tages erneut auf der Kippe, und diesmal folgte der Absturz. Falladas Ehe und sein Familienleben waren durch seine Trinkgelage und sein Fremdgehen mehr und mehr belastet. Schließlich reichte Anna die Scheidung ein. Zwei Monate nach der Scheidung, im August 1944, tauchte Fallada dann betrunken wieder im Haus auf; es kam zu einer Auseinandersetzung mit Anna, bei der sich ein Schuss aus einer alten, von Fallada mitgeführten Waffe löste. Fallada landete als „unzurechnungsfähig“ in der Haftanstalt Neustrelitz.

Das Haus in Carwitz gibt es noch immer. Heute beherbergt es das Hans Fallada Museum. Der Berliner Aquarell-Maler Hans Jürgen Gaudeck war wiederholt in dem kleinen Ort und ist Falladas Spuren gefolgt. Er hat versucht aufzunehmen, was Fallada hier erlebt, gesehen, gefühlt haben mag, wie sich Leben und Arbeit auf dem Anwesen gestaltet haben. Dabei hat er Haus, Garten, Landschaft für uns so eingefangen, dass wir unschwer die Schwärmerei des Schriftstellers für sein „Haus am Wasser“ nachempfinden können. Ja, mehr als das: Am liebsten möchte man gleich die Reisetasche packen und nach Carwitz aufbrechen. Was uns Gaudeck hier den Jahreszeiten folgend zeigt, ist einfach „nur“ schön, und man versteht, dass sich Fallada, seine Frau und die Kinder in diesem Haus und seinem Umfeld mit den vielen Seen wie im Paradies gefühlt haben.

…dort hatten wir auf einer jener kleinen buschigen Inseln angelegt, die das ganze Jahr fast nie eines Menschen Fuß betritt. Ich liebe solche Inseln, sie erinnern mich immer an die Robinson-Träume meiner Knabenjahre.

Das Buch führt Text und Bild vorbildlich zusammen. Es ist (fast) durchgehend doppelseitig gestaltet. Auf der linken Seite finden sich jeweils einige Zeilen von Hans Fallada, aus denen seine Begeisterung spricht, in denen er von seinen Eindrücken und Erfahrungen in Carwitz erzählt. Entnommen wurden die Auszüge Falladas autobiografisch geprägten Werken „Wir hatten mal ein Kind“, „Heute bei uns zu Haus“ und „Geschichten aus der Murkelei“ sowie Briefen und dem Geschäftstagebuch des Schriftstellers.

Auf der rechten Buchseite dann ein die Texte aufgreifendes Aquarell aus Hand und Aquarellkasten von Hans-Jürgen Gaudeck:  der Stimmung und den Farben der Jahreszeiten nachspürend, ineinander fließende Farben, leicht und luftig wirkend, aber mit sicherer Hand ausgeführt.

Das Ergebnis des Zusammenwirkens von Selbstzeugnissen Falladas und der Kunst Gaudecks ist ein Schmuckstück, dem auch der Verlag bei der Herstellung die angemessene Sorgfalt hat zukommen lassen.

Freundlicherweise habe ich verlagsseitig die Zustimmung erhalten, hier Aquarelle aus dem Buch zu zeigen. Darüber freue ich mich, denn es heißt ja nicht von ungefähr, dass Bilder mehr als Worte sagen. Deshalb schweige ich jetzt und überlasse den Bildschirm Hans-Jürgen Gaudeck und einer kleinen Auswahl seiner Aquarelle.

Bitte die Bildergalerie durch Anklicken eines der Bilder starten. Die Bild-Untertitel habe ich dem zugehörigen Fallada-Text entnommen.

 

Hans Fallada/Hans-Jürgen Gaudeck
Ich weiß ein Haus am Wasser
edition federchen im Steffen Verlag, Berlin 2017, 84 Seiten

Ergänzende Hinweise:

Weitere Vorstellungen des Buches „Ich weiß ein Haus am Wasser“ finden sich in den Blogs Wortspiele von Wolfgang Schiffer und Sätze&Schätze von Birgit Böllinger.

Wer mehr über Leben und Werk Hans Falladas erfahren möchte, findet bei Sätze&Schätze hier auch eine kompetente Besprechung von zwei aktuellen Fallada-Biografien.

Hingewiesen sei auch auf die Vorstellung der Graphic Novel „Der Trinker“ von Jakob Hinrichs hier bei Stift und Schrift.

Und wer sich mehr Informationen über das Schaffen des Künstlers Hans-Jürgen Gaudeck wünscht, dem sei ein Besuch von dessen Homepage empfohlen.

New York Sketchbook – Skizzenbuch von Fabrice Moireau und Jerome Charyn

„Ich war noch niemals in New York“ sang vor Jahren Udo Jürgens. Ob es sich dabei nur um eine Zeile in einem seiner Hits handelte oder auch seine Lebenswirklichkeit widerspiegelte, sei dahingestellt. Was mich angeht, muss ich einräumen, dass ich bislang weder in New York noch in den USA überhaupt war. Und es zieht mich zumindest gegenwärtig auch nicht gerade dort hin. Aber – halt: Das Skizzenbuch, das ich heute vorstelle, ist dermaßen schön, dass ich an die altbekannte Weisheit denken muss: Was nicht ist, kann ja (vielleicht doch) noch werden …

Mit dem französischen Künstler Fabrice Moireau, dem wir die Bilder in diesem Sketchbook verdanken, und dem New Yorker Schriftsteller Jerome Charyn, der die Texte verfasste, haben sich Partner gefunden, die ausgezeichnet zusammenpassen. Nach einem einleitenden Kapitel „The Town that can’t be killed“ führen sie uns gemeinsam durch Lower Manhattan, die Midtown, Upper Manhattan und die „Outlands“

Mein Augenmerk in der Kennenlern-Phase des Buches, das man öfter in die Hand nehmen muss, weil es so viel zu entdecken gibt, lag vor allem auf den Arbeiten Moireaus. Das Skizzenbuch enthält ganz überwiegend Aquarelle, nur ganz gelegentlich sind Bleistiftzeichnungen zu sehen. Der Franzose liebt die kräftigen Farben – rote und braune Töne, sattes Grün. Pastellfarben setzt er nur zurückhaltend ein. Vielleicht spiegelt sich ja (auch) darin das reale Aussehen und Leben der Stadt. Wie auch immer: Moireau, ein großer Liebhaber von Architektur und Gärten, wie es im Klappentext heißt, beherrscht den Einsatz von Wasserfarben, um das subtile Spiel des Lichts, um die Atmosphäre einer Stadt oder einer Landschaft einzufangen und auf Papier zu bannen. Dieses Buch hier ist der beste Beweis.

Die mir vorliegende Ausgabe ist 2012 in New York erschienen; es existierte aber schon vorher eine in Frankreich publizierte. Das sorgfältig gearbeitete Buch ist ausschließlich englisch-sprachig und relativ breitformatig, was zu Stadtansichten und Panoramadarstellungen gut passt.

Was soll ich noch lange reden und schreiben? Hier könnt Ihr einen relativ ausführlichen Blick in das „New York Sketchbook“ werfen und Euch selbst „ein Bild machen“.

 

Jerome Charyn (Text), Fabrice Moireau (Paintings)
New York Sketchbook
St. Martins Press, New York 2012