Doris Hansmann: Künstlerkolonie Worpswede

Mit der Künstlerkolonie Worpswede und allen voran den Künstlern Paula Modersohn-Becker und Heinrich Vogeler wollte ich mich schon lange beschäftigen. Bei dem Vorsatz ist es geblieben, bis ich dann kürzlich den Roman „Konzert ohne Dichter“ von Klaus Modick gelesen habe. Dieser Roman, dessen Titel sich auf das Gemälde „Sommerabend“ (Das Konzert) von Heinrich Vogeler bezieht, hat bei mir immer wieder die Frage aufgeworfen: Was ist hier Realität? Was ist hier Fiktion? Insbesondere geht Modick ja sehr kritisch mit Rilke um.

Mittlerweile und nach der Lektüre des Buches von Doris Hansmann weiß ich, dass sich Modick recht dicht an die Realität gehalten hat, wobei die Frage nach der Rolle, die Rilke in Worpswede und dort in seinem Umgang mit den Künstlern und vor allem den Künstlerinnen Paula (Modersohn-) Becker und Clara Westhoff (letztere hat er schließlich geheiratet) tatsächlich gespielt hat, hier bei Hansmann nicht eindeutig beantwortet wird. Der schon vorhandene Bücherstapel mit Werken über Paula Modersohn-Becker und Heinrich Vogeler muss dann ja wohl noch um die eine oder andere Veröffentlichung über den Dichter aufgestockt werden …

Für meinen Einstieg habe ich ganz bewusst ein Buch gewählt, das einen – so mein Wunsch – guten Überblick über die Geschichte der Künstlerkolonie Worpswede bietet. Die Publikation von Doris Hansmann hat diese Erwartung erfüllt.

Es war Fritz Mackensen, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit seiner Begeisterung für Worpswede zunächst Hans am Ende und Otto Modersohn und dann auch Fritz Overbeck und Heinrich Vogeler ansteckte, so dass man sich schließlich entschloss, sich in dem kleinen Moordorf nicht weit von Bremen niederzulassen. Die Freunde einte die Ablehnung des als trocken und seelenlos empfundenen herkömmlichen Kunstakademie-Betriebs; ihre „Vorbilder waren die Maler der ‚Schule von Barbizon‘, die sich 1830 im Wald von Fontainbleau vor den Toren von Paris niedergelassen und ihre Staffeleien inmitten der Landschaft aufgestellt hatten.“ (Hansmann)

Nach der ersten Phase erfolgreichen künstlerischen Schaffens kamen mit Hermine Rothe, Ottilie Reylaender, Marie Bock, Paula Becker und Clara Westhoff auch einige „Malweiber“ dazu, denen anders als den Männern der Zugang zu den Kunstakademien von vornherein verwehrt war und die bei den mittlerweile renommierten Worpsweder Malern Unterricht nahmen.

Worpswede. Worpswede. Worpswede! Versunkene-Glocke-Stimmung! Birken, Birken, Kiefern und alte Weiden. Schönes braunes Moor, köstliches Braun! Die Kanäle mit den schwarzen Spiegelungen, asphaltschwarz. Die Hamme mit ihren dunkeln Segeln, es ist ein Wunderland, ein Götterland. (Paula Modersohn-Becker, Tagebuch 24. Juli 1897)

Doris Hansmann schildert die Entwicklung der Künstlerkolonie, die Voraussetzungen, die die Maler dort vorfanden, stellt die Stile, Themenschwerpunkte und Erfolge, aber auch Kämpfe der Worpsweder Künstler um den richtigen Ausdruck heraus. Clara Westhoff schlug als Bildhauerin einen künstlerischen Sonderweg ein, und Paula Modersohn-Becker nutzte Aufenthalte in Paris, um sich einen völlig eigenen künstlerischen Weg zu erarbeiten. Um ihres künstlerischen Ziels wegen war sie auch bereit, Konflikte mit ihrem Mann, dem Maler Otto Modersohn, in Kauf zu nehmen.
Das ist für die damalige Zeit nicht selbstverständlich.

Doris Hansmann:

Vor allem aber für die Künstlerinnen wird die Ehe zu einem Drahtseilakt, wenn sie auch weiterhin ihre Kunst ausüben wollen. Schon die meist einjährige Verlobungszeit verlangt ihnen ab, den Pinsel gegen den Kochlöffel einzutauschen und die Haushaltsführung zu erlernen.

Während Paula Becker in einem Brief noch recht selbstbewußt schreibt: …“daß ich mich verheirate, soll kein Grund sein, daß ich nichts werde“ formuliert Helene Rother vor ihrer Heirat mit Fritz Overbeck: „Wenn ich nicht so viel malen kann, wie ich hoffe, dann musst Du einen Ausgleich dadurch schaffen, daß Du mich an Deinem Schaffen teilhaben lässt …“

Da Leben und künstlerische Arbeit kaum zu trennen sind, fehlen in dem Buch, das ich hier vorstelle, auch weitere Hinweise auf das Privatleben und die gemeinsame Freizeitgestaltung der Maler nicht. So traf man sich gern im „Barkenhoff“, einem Anwesen Heinrich Vogelers, des Erfolgreichsten und künstlerischen Allround-Talent unter den „Worpswedern“, zu Unterhaltung, Tanz und Konzert. Und wir lesen von der Freude etlicher der „Worpsweder“ an der Freikörper-Kultur, vom Beginn und vom Ende von Beziehungen, vom Tod Paula Modersohn-Beckers im Kindbett, von den Konflikten unter den Künstlern, die schließlich das Ende der „Künstlervereinigung Worpswede“ herbeiführten. Und Doris Hansmann verschweigt auch nicht die nationalistische Gesinnung von Hans am Ende und Fritz Mackensen, der sich später von der NSDAP vereinnahmen ließ.

Fazit: Doris Hansmanns „Künstlerkolonie Worpswede“ ist sehr gut geeignet, sich mit den Künstlerinnen und Künstlern der Künstlerkolonie Worpswede, den Grundzügen ihres Lebens und mit ihrem Werk vertraut zu machen. Die Vielzahl der gezeigten und beschriebenen Gemälde macht die unterschiedlichen Schwerpunkte gut deutlich und lässt das alte Worpswede wieder lebendig werden. Und wer die Landschaft mag, wird bestimmt schnell ins Schwärmen geraten.

 

Doris Hansmann
Künstlerkolonie Worpswede
Prestel Verlag 2011, 144 Seiten

Ausstellung „Eiswelten“ – Begegnung mit Susanne Haun

Heute nachmittag habe ich zusammen mit meinem Mann einen Ausflug nach Nettersheim in der Eifel unternommen. Das ist an sich nicht unbedingt etwas, das in Stift und Schrift erwähnt werden müsste. Anlass war die Eröffnung der Ausstellung „Eiswelten“, an der drei Künstlerinnen und ein Künstler beteiligt sind. Auch das wäre für mich höchstwahrscheinlich noch kein Grund gewesen, Hin- und Rückfahrt zusammengerechnet nahezu 200 Kilometer auf Autobahn und Landstraßen zurückzulegen. Dass ich es dennoch getan habe, liegt daran, dass eine der beteiligten Künstlerinnen –  Susanne Haun ist. „Ausstellung „Eiswelten“ – Begegnung mit Susanne Haun“ weiterlesen

Hans Fallada/Hans-Jürgen Gaudeck: Ich weiß ein Haus am Wasser

Texte von Hans Fallada
Aquarelle von Hans-Jürgen Gaudeck

Das „Haus am Wasser“ liegt idyllisch in Carwitz inmitten der Feldberger Seenplatte. Von 1933 bis 1944 war es der Lebensort Hans Falladas.  Die zwölf hier in Mecklenburg mit der Familie verbrachten Jahre gelten trotz unerfreulichen Endes als recht glückliche Zeit im Leben des schon durch viele Tiefen gegangenen, alkohol- und morphiumabhängigen Schriftstellers.

Fallada und seine Frau Anna (genannt Suse) liebten das anfangs stark renovierungsbedürftige Gebäude, in das sie viel Mühe, Arbeit, Liebe und auch Geld steckten, um es bewohnbar und die landwirtschaftlichen Einrichtungen wieder nutzbar zu machen. In „Bei uns zu Haus“ schrieb der Autor denn auch sehr zufrieden: „Hans Fallada/Hans-Jürgen Gaudeck: Ich weiß ein Haus am Wasser“ weiterlesen

Gestatten: die Herren Kandinsky und Magritte

Büchervorstellung – in aller Kürze

Sind die beiden Bücher, die ich heute vorstellen möchte, der Beginn einer Serie? Die übereinstimmende Art der Titelgebung („Gestatten“), das durchgängige  Gestaltungskonzept und die identischen Seitenzahlen lassen das vermuten. Wünschenswert wäre es.

Die zwei Bücher, die die wesentlichen Etappen in Leben und Werk Wassily Kandinskys (1866 – 1944) bzw. René Magrittes (1898 – 1967) darstellen, sind im Berliner Parthas Verlag erschienen, dessen Programm stark kunst- und kulturhistorisch ausgerichtet ist. „Gestatten: die Herren Kandinsky und Magritte“ weiterlesen

Ganz große Kunst: Katzen

🙂 In den letzten Wochen haben Hunde unter dem Hashtag #lithund  in diversen deutschsprachigen Blogs ein unverhältnismäßig hohes Maß an Aufmerksamkeit, ja Aufwertung erfahren Es ist an der Zeit – und ich komme damit auch dem verständlichen Drängen von Kater DJ nach -, die Verhältnisse wieder zurechtzurücken.

Da Stift und Schrift kein Literatur-Blog ist (obwohl wir aus dem Stand unzählige Romane incl. Katzenkrimis aufzählen könnten, in denen Samtpfoten „Ganz große Kunst: Katzen“ weiterlesen

Edward Hopper – Gemälde & Ledger Book-Zeichnungen

Mindestens ein Gemälde des amerikanischen Künstlers Edward Hopper kennt wohl so ziemlich jeder: das 1942 entstandene Night Hawks . Aber auch viele andere Werke haben weltweit Berühmtheit erlangt, etwa „Hotel Room“, „Compartment C“, „Office at Night“ oder „Gas“. „Edward Hopper – Gemälde & Ledger Book-Zeichnungen“ weiterlesen

Ralph Skea: Van Goghs Gärten

Auch wenn der Sommer sich in den letzten Tagen noch einmal richtig ins Zeug gelegt hat: von einem „schönen Sommer“ waren wir in diesem Jahr doch ein Stück entfernt. Gartenbesitzer und -liebhaber werden bedauert haben, dass sie nicht so sehr viel Zeit in der Ruhe und Abgeschiedenheit ihrer „Oasen“ „Ralph Skea: Van Goghs Gärten“ weiterlesen

Joachim Ringelnatz – der unbekannte Maler

„War einmal ein Bumerang. Der Maler Joachim Ringelnatz kehrt zurück.“ – Ausstellung im Solinger Zentrum für verfolgte Künste

Seinen Büchern konnten die Nazis nicht beikommen. Joachim Ringelnatz war einfach zu bekannt und zu beliebt, als dass die „Säuberungen“ der 1930er Jahre wirklich hätten Schaden anrichten können. Seine Bücher wurden zwar verbrannt, und er wurde nicht in die Reichsschrifttumskammer aufgenommen. „Joachim Ringelnatz – der unbekannte Maler“ weiterlesen

Tomi Ungerer – Buchautor, Illustrator und mehr. Oder: Kein Kuss für Mutter

Ein Beitrag von Stift und Schrift zum Muttertag?  🙂 Nun ja, eigentlich soll das hier ein Kurzporträt des Künstlers Tomi Ungerer werden, zumal es dazu einen aktuellen Anlass gibt. Aber ein Buchtitel wie „Kein Kuss für Mutter“ verleitet an einem Tag wie diesem zu Gedankenspielen … „Tomi Ungerer – Buchautor, Illustrator und mehr. Oder: Kein Kuss für Mutter“ weiterlesen

Vom Umgang mit … Papiertheater (Dietrich Grünewald)

Es gibt sie zwar nicht gerade wie Sand am Meer, und sie füllen bei öffentlichen Vorführungen keine großen Hallen. Für ein Massenpublikum sind sie auch nicht geeignet.  Die kleinen Papiertheater sind aber durchaus lebendig und werden von Kindern wie Erwachsenen gleichermaßen geliebt. „Vom Umgang mit … Papiertheater (Dietrich Grünewald)“ weiterlesen