Hans Falladas „Der Trinker“ – Graphic Novel von Jakob Hinrichs

1944 schrieb der inhaftierte Hans Fallada den Roman „Der Trinker“. Nachdem sich bei einer Auseinandersetzung mit seiner seit zwei Monaten von ihm geschiedenen Frau Suse, die ihm Alkohol verweigerte, ein Schuss aus einem altertümlichen Vorderlader gelöst hatte, war er verhaftet worden und saß in der Haftanstalt Neustrelitz als nicht zurechnungsfähig ein.

Der Roman, der die Geschichte des leidlich erfolgreichen Geschäftsmanns Erwin Sommer erzählt, der die Tüchtigkeit seiner Ehefrau nicht erträgt, einen für den Fortbestand des Unternehmens wichtigen Auftrag verliert, das Trinken beginnt, schnell zum Alkoholiker wird und damit sein ganzes Leben ruiniert, ist stark von persönlichen Erfahrungen, Krisen und Rückfällen des selbst morphium- und alkoholsüchtigen Hans Fallada bestimmt. Realität und Fiktion vermischen sich, und dem hat auch Jakob Hinrichs in seiner unglaublich starken, frei von formalen Zwängen gestalteten Graphic Novel mit ihrer expressiven Darstellungsweise und ihren das Elend der Sucht geradezu herausschreienden Farben Rechnung getragen.

Hinrichs erzählt nicht einfach nur die Geschichte des Trinkers Erwin Sommer nach. Er erzählt parallel auch aus dem Leben des Rudolf Ditzen, so der bürgerliche Name Hans Falladas. Schließlich vermischen sich in der Graphic Novel die beiden Erzählstränge.

Was ist das nun für ein Buch geworden? Jakob Hinrichs im Nachwort:

Eine Biografie? Eine Literaturumsetzung als Graphic Novel? Weder noch und von beidem ein bisschen. Mir ging es darum, etwas Neues zu schaffen, aus altem Material eine neue Geschichte zu erzählen. Eine Comicgeschichte, die in der Gegenwart funktioniert, eine schnelle, rauschhafte Collage in grellen Farben, ein bisschen Pulp, ein bisschen Fiction und viel Fallada.

Aber hört und schaut selbst. Ich habe ein Video von Radio Berlin Brandenburg (RBB) gefunden, dem zuzuhören und das anzuschauen sich lohnt.

Es wird darin deutlich, um welch ungewöhnliches Buch es sich hier handelt, eines, das vertraute Lese- und Sehgewohnheiten sprengt und eines, dessen Inhalt, was Sucht und deren verheerende Folgen angeht, heute noch so aktuell ist wie zu Falladas Zeit.

Auch wenn das Video etwas länger ist, das Ansehen lohnt. Los geht’s:

Jakob Hinrichs, das sei von mir noch hinzugefügt, ist ein Grafiker, Illustrator und Comiczeichner, der in Berlin lebt. Wer den Künstler und seine Arbeit näher kennenlernen möchte, findet auf seiner Homepage weitere Informationen.


Graphic Novel von Jakob Hinrichs:
Hans Fallada – Der Trinker
Metrolit 2015, 160 Seiten
hier: Lizenzausgabe der Büchergilde Gutenberg

9 Kommentare zu „Hans Falladas „Der Trinker“ – Graphic Novel von Jakob Hinrichs

  1. Liebe Ingrid, auch mich hat die Graphic Novel sofort angesprochen, das Video hat mein Wunsch, in dem Buch zu blättern noch verstärkt. Ich ringe noch mit mir, ob ich es mir für 2,50 Euro in meine Bücherei bestelle oder es kaufe. Sehen möchte ich es auf jeden Fall!
    Einen schönen Freitag Morgen von Susanne

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    1. Wenn Du die Möglichkeit hast, es Dir in der Bücherei zu besorgen, kannst Du Dir das Buch ja erst einmal ansehen. Wahrscheinlich wirst Du nachher den Wunsch haben, es zu besitzen. Denn das ist auch unter künstlerischen Gesichtspunkten eine ungewöhnliche Graphic Novel, die einen so schnell nicht wieder loslässt …
      Auch Dir einen schönen Freitag! Grüße nach Berlin!

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      1. Gut, Ingrid, ich habe es mir bestellt, so spare ich mir den Weg in die Bücherei —- sie haben es nicht hier bei meiner Bücherei vor Ort, ich müsste zu einer anderen hinfahren……
        Ich freue mich auf das Buch….

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  2. Liebe Ingrid,
    das ist die erste Graphic Novel, die ich mir besorgt habe – und ich stimme Dir zu: wirklich außergewöhnlich! Danke für das Video, das finde ich sehr treffend – ich habe ja die beiden aktuellen Biographien über Fallada gelesen, die psychische Grundverfassung dieses „Suchtcharakters“ findet sich auch im Video gut wieder. „Der Trinker“ habe ich auch im Original vor einiger Zeit gelesen – da tut die Ergänzung durch den biographischen Hintergrund, v.a. aber auch diese hervorragende graphische Umsetzung wirklich noch das ihre hinzu…

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    1. Liebe Birgit! Ich bin platt! Du hast Dir diese Graphic Novel besorgt? Toll. Damit hast Du auch gleich eine der ungewöhnlichsten (jedenfalls, so weit ich mich auskenne) erwischt. – Ich habe vorsorglich vor der „Lektüre“ der Graphic Novel den Roman gelesen, und das war für das Verständnis auch gut so, wie es überhaupt hilfreich ist, wenn man vor der Beschäftigung mit der Graphic Novel etwas über Leben und Werk Falladas weiß. So manches erschließt sich dann besser, und Deine Biografie-Vorstellungen waren mir in dem Zusammenhang auch wichtig.

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      1. Liebe Ingrid, ja da staunst Du! Aber auch ich öffne mich doch noch allmählich neuen Formen 🙂 (Auch dank Deines stetigen Bemühens). Ich sah die Graphic Novel auf der Leipziger Buchmesse und war sofort neugierig, zumal Fallada ja so oder so immer wieder bei mir vorkommt. Und ich fand das in diesem Fall auch für mich als Leserin (nicht nur optisch) sehr gewinnbringend – dieser selbstbemitleidende Grundton des „Trinkers“ ist im Roman manchmal nur schwer erträglich, durch die „coole“ Umsetzung in der Novel und durch die biographischen Einblicke konnte ich den Roman dann aber nochmals anders „annehmen“. Also – Deine Blogarbeit trägt Früchte bei mir 🙂 Und wenn Du mal was entsprechendes zu Tucholsky findest – ich bitte drum! Liebe Grüße Birgit

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