Klaus Schikowski: Der Comic

Geschichte, Stile, Künstler

Und wenn der Comic in seiner langen Karriere eines gezeigt hat, dann ist es seine Wandelbarkeit und Anpassungsfähigkeit. Willkommen in der Moderne, liebe Bilderzählung!

Mit diesen Worten beendet Klaus Schikowski seine „Geschichte des Comics“, in der es ihm ausgezeichnet gelungen ist, die über einen Zeitraum von über 100 Jahre bewiesene „Wandelbarkeit und Anpassungsfähigkeit“ dieser Kunstform darzustellen. Ich meinerseits möchte den letzten Satz des Autors folgendermaßen abwandeln und an den Anfang stellen: Willkommen bei der Bilderzählung, liebe Leserinnen und Leser von Stift und Schrift!

Der Comic wurde schon immer gern als minderwertig eingestuft – als ob es nicht auch reichlich minderwertige literarische, musikalische, filmische Produkte gäbe. Aber der grundsätzlichen Wertschätzung von Literatur, Bildender Kunst, Musik, Film tut das keinen Abbruch. Dabei hat auch der Comic, der Wort und Bild zusammenführt, eine Vielzahl von Meisterwerken hervorgebracht, von George Herriman’s „Krazy Kat“ und Winsor McCay’s „Little Nemo“ Anfang des vorigen Jahrhunderts bis zu vielen Graphic Novels neuerer Zeit (z. B. Art Spiegelmans „Maus“ oder Marjane Satrapis „Persepolis“).

Die lange Zeit weit verbreitete Ablehnung des Comics aber scheint einer positiv(er)en Einschätzung Platz zu machen. Indikatoren sind beispielsweise die ausführliche Vorstellung von Neuveröffentlichungen oder Berichte über Events wie die gegenwärtig gezeigte Ausstellung „Comics! Mangas! Graphic Novels!“ in der Bundeskunsthalle in Bonn durch renommierte Tageszeitungen wie die „Süddeutsche Zeitung“ oder enorm gestiegene Preise für gut erhaltene Comic-Hefte bei Versteigerungen durch große Auktionshäuser. Zu dem langsamen, aber stetigen Sinneswandel beigetragen haben sicher auch die unter dem Label „Graphic Novel“ erschienen Comics, die einen höheren Anspruch signalisieren und sich ganz überwiegend an eine erwachsene Leserschaft richten.

Es ist auf jeden Fall eine spannende Angelegenheit, sich mit der Gattung „Comic“ auseinanderzusetzen und sich mit seiner Geschichte, den Stilen und den in diesem Genre tätigen Künstlern näher zu befassen. Das Buch, das ich heute vorstellen möchte, führt die wichtigsten Informationsstränge zusammen.

Der Autor schaut zunächst Richtung USA. Dort liegen mit der Veröffentlichung der ersten Comic-Strips in den Zeitungen die Anfänge des Comics als Massenmedium. Schikowski zeigt die auf die Strips folgenden Entwicklungen auf, die im Laufe des 20. Jahrhunderts zur Entstehung der Comic-Hefte/Comic-Books und zur Schaffung diverser Genres (Funnys, Funny animals, Abenteuer, Sciene Fiction, Superhelden, Underground Comix) geführt hat. Dabei stellt er auch immer wieder Meilensteine der Comic-Geschichte und deren Schöpfer vor.

Wie in Amerika waren die ersten Comics in Europa in Zeitungen und Zeitschriften zu finden, auf nennenswertes Interesse stießen sie in den meisten europäischen Ländern – darunter auch Deutschland, wie das Kapitel „Deutschland, deine Comics“ zeigt – aber erst in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Die große Ausnahme: der franko-belgische Comic, der bereits 1929 mit den ersten Veröffentlichungen des Belgiers Georges Remi, besser bekannt als Hergé, rund um die Abenteuer von Tintin (Tim und Struppi) eigene Wege beschritt und sich unabhängig von der amerikanischen Comic-Tradition entwickelte. Schikowski zeigt dessen Weg, für den die großformatigen Comic-Alben typisch sind, bis in unsere Zeit ausführlich und unter Anführung zahlreicher Beispiele auf.

Das gilt auch für den japanischen Manga, der einen völlig eigenständigen Weg ging und der sehr stark von Osamu Tezuka, dem „Gott des Manga“, geprägt wurde.

Einen breiten Raum nimmt in Schikowski’s Darstellung die Entwicklungsgeschichte der Graphic Novel ein. Das gefällt mir persönlich sehr, denn hier vor allem liegen meine Interessen, und die entsprechenden Abschnitte sind eine Fundgrube für noch zu lesende Titel.

Der Begriff „Graphic Novel“ wurde 1978 von dem amerikanischen Comic-Künstler Will Eisner begründet, der sein in vielerlei Hinsicht vom Vertrauten abweichendes Werk „A Contract with God“ (Ein Vertrag mit Gott) von den Mainstream-Comics und den damals boomenden Superhelden-Geschichten abgrenzen wollte.

Klaus Schikowski:

Der Comic wurde als Erzählform auf eine neue Ebene gehoben, indem er sich der Serialität und der ewigen Wiederholung verweigerte, den Comic mit abgeschlossenen Geschichten bereicherte und endlich frei von vorgegebenen Formaten eine Langform etablierte. Eisner stieß das Tor in eine neue Zukunft auf.

Das breite und mittlerweile auch breitgefächerte Angebot an Graphic Novels – unter diesem Begriff firmieren nicht mehr nur Literaturadaptionen oder eigenständige literarische Arbeiten der Autoren, sondern beispielsweise auch Biografien oder Reisebeschreibungen als Bild“erzählungen“ – hat im übrigen auch dazu geführt, dass sich Frauen verstärkt als Leserinnen wie als Autorinnen dieser Gattung zuwenden. Bei der Bandbreite seiner Themen – ich nehme jedenfalls an, dass es daran liegt – kann Schikowski das Thema „Frauen und Comics“ leider nur streifen, und die Frage des Rollenbildes von Frauen, das über Comics vermittelt wurde (wird?), bleibt außen vor. Vielleicht präsentiert uns die Forschung hierzu eines Tages einmal eine eigenständige Untersuchung.

Schikowski, ein ausgewiesener Comic-Kenner und seit 2014 Programmleiter für Comics und Graphic Novels beim Carlsen Verlag, schließt sein Buch mit einem viel versprechenden Überblick und Ausblick in Sachen Comic im 21. Jahrhundert (Globaler Comic, Graphic Novel heute, Digitale Comics und Webcomics u. a.). Er macht sich um die Zukunft keine Sorgen:

So alt sind die Comics schon, und doch hat ihre Zukunft gerade erst begonnen: Die Geschichte der Comics hat gezeigt, dass alles möglich ist.

Also denn: Willkommen bei der Bilderzählung! Für Comic-Interessierte, die sich einen Überblick über Geschichte, Stile und Künstler verschaffen wollen, ist dieses Buch eine ausgezeichnete Grundlage. Es ist nach meiner Kenntnis das gegenwärtig aktuellste Überblickwerk auf dem deutschen Buchmarkt. Es macht neugierig auf viele der kurz angesprochenen oder detaillierter vorgestellten Veröffentlichungen. Die Vielzahl der genannten Namen, Titel, Fakten macht es allerdings manchmal auch etwas schwierig, den Überblick zu behalten. Aber der Vorteil eines Buches besteht ja – auch – darin, dass jederzeitiges Nachlesen möglich ist. Die eingestreuten Illustrationen lockern den Text auf. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis lädt zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema oder Einzelaspekten ein. Ein – wichtig zum Nachschlagen! – Personenregister und ein Glossar schließen das Buch ab.

 

Klaus Schikowski
Der Comic
Geschichte, Stile, Künstler
Reclam 2014, 296 Seiten

7 Kommentare zu „Klaus Schikowski: Der Comic

  1. Hey, super, dass Du Dich mit Sekundärliteratur zu Comics beschäftigst! Mir hat dieses Buch hier „damals“ auch sehr bei meiner Masterarbeit (Es ging um Comics im Buchhandel) geholfen. Ein bisschen mehr fürs Auge und leichter zu konsumieren ist übrigens das Coffee-Table-Book „Die großen Künstler des Comics“ vom selben Autor. Das kann man gut immer wieder durchblättern und sich inspirieren lassen… 🙂

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    1. Sooo viele kenne ich noch gar nicht. Vor allem den ersten Teil von „Persepolis“ liebe ich sehr, und „Die Maus“ von Spiegelman ist eine Graphic Novel, die man nach der Lektüre nicht mehr vergisst. Es ist also kein Zufall, dass ich beide Titel im Beitrag erwähnt habe.

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      1. Ah, okay, hörte sich an, als hättest Du da schon einiges weggelesen 🙂 „Persepolis“ fand ich auch super, bei der „Maus“ konnte ich mich einfach so gar nicht mit dem Zeichenstil anfreunden … Liebe Grüße auch hier!

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      2. Sorry – da war ich zu blöd, um Deine Kategorien zu checken. Holte ich gerade nach und finde auhc, dass da wahrlich schon einiges zusammengekommen ist. Erinnere mich noch gut an Deine schöne Rezi zu Agathe-Christies-Leben-in-Comicform 🙂 Liebe Grüße noch einmal!

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