Graphic Novel: Meine Mutter ist in Amerika …

… und hat Buffalo Bill getroffen

Wenn er, wie jetzt, als er seinen ersten Schultag erlebt, in der Klasse von seinem Elternhaus erzählen muss, gerät der kleine Jean gehörig ins Schwitzen. Sein Vater ist Firmenchef, das ist einfach Aber was ist mit seiner Mutter? Und wo ist sie? Er vermisst sie sehr. Doch was kann er über sie sagen? Was weiß er von ihr? Angeblich ist sie auf Reisen. Von Zeit zu Zeit liest ihm Michèle, die schon etwas ältere Tochter des Nachbarn,  Postkarten vor, die die Mama ihm aus der Schweiz, aus Afrika, aus Amerika geschrieben hat. Eine Karte im Sommer, in der von einem Skiurlaub die Rede ist? Der kleine Jean wundert sich. Aber dass sie Buffalo Bill in Amerika getroffen hat, findet der junge Fan von Western- und Indianer-Geschichten ganz toll. Trotzdem: Wieso kommen die Karten nicht direkt bei ihm, sondern bei Michèle an?

Die Franzosen  Jean Regnaud (Text) und Émile Bravo (Zeichnungen)  erzählen aus der Perspektive des kleinen Jean die Geschichte eines Kindes, das von seinem Umfeld darüber im Unklaren gelassen wird, warum die Mutter  nicht bei der Familie ist. Der kleine Jean grübelt, phantasiert … Wo ist sie? Wie sieht sie aus? Warum ist  sie nicht bei uns? Andeutungen von Erwachsenen etwa über das Unglück, das ihm und seinem Bruder Paul widerfahren ist,  ihre mitleidigen Blicke, bleiben Jean erst einmal unverständlich. Bis sich Michèle eines Tages im Zorn verplappert…

Regnaud und Bravo arbeiten schon seit Jahren zusammen und sind somit ein eingespieltes Team. So erstaunt es nicht, dass Text und Zeichnungen eine Einheit bilden. Hinsichtlich der bildlichen Gestaltung ist anzumerken, dass diese Graphic Novel ein Beispiel dafür ist, wie Künstler heute den klassischen Gestaltungsrahmen sprengen und weitgehend frei arbeiten. Auf die Comic-typischen Panels wird nicht völlig, aber doch weitgehend verzichtet. Das gilt auch für die Darstellung von Hintergrund-Details. Jedes einzelne Kapitel weist eine eigene Farbkombination, bestehend aus meist sanften Pastelltönen, auf.

Fazit: Regnaud und Bravo widmen sich in diesem Buch einem für Kinder schwierigen Thema: dem Verlust der Mutter. Sie erzählen in ihrer in den 70er Jahren angesiedelten Geschichte  ruhig, einfühlsam, manchmal bewegend,  manchmal auch durchaus amüsant, von den alltäglichen Erlebnissen des Jungen, den „Abenteuern“ mit dem jüngeren Bruder Paul, von den Sorgen und Nöten des kleinen Jean, dessen Sehnsucht nach der Mama und seinem Versuch, Erinnerungen an sie wachzurufen.

Was weiß ich noch von ihr? Ich weiß noch …
Die Erinnerungen am Mama haben mein Gedächtnis verlassen. Ich erinnere mich an nichts mehr, nicht die kleinste Kleinigkeit …

Die Graphic Novel wurde 2010 mit dem Deutschen Jugendliteratur Preis ausgezeichnet, aber sie ist bei weitem nicht nur eine empfehlenswerte Lektüre für junge Leserinnen und Leser.

Jean Regnaud und Émile Bravo
Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen
Carlsen 2009, Taschenbuchausgabe 2014

3 Kommentare zu „Graphic Novel: Meine Mutter ist in Amerika …

  1. Der Begriff der „Graphic Novel“ ist ja nicht geschützt, sondern wird nicht zuletzt genutzt, um sich von der Comic-Massenproduktion abzugrenzen und einen gewissen künstlerischen (zeichnerischen wie literarischen) Anspruch zu signalisieren. Insofern passt das Etikett schon. Grüße zurück! Ingrid

    Gefällt mir

    1. Jein. Der Begriff ist zwar nicht eindeutig definiert, aber eigentlich schon eindeutig besetzt: Comic-Romane eben, kein Kinder- und Jugendbuch (geprägt hat den Begriff Eisner, wird gen genutzt für längere Superhelden- und andere, eben Erwachsenen-Comic-Bände). Insofern wundere ich mich einfach über die Etikettierung. Aber ganz abgesehen davon hast du mich wirklich neugierig gemacht auf das Buch – ob’s nun eine Graphic Novel ist oder nicht 🙂
      Liebe Grüße zurück zurück!

      Gefällt mir

  2. Klingt schön. Habe mal einen „Blick ins Buch“ geworfen und mochte Stil und Erzählweise. Danke für den Tipp! Warum man das Buch allerdings Graphic Novel nennen musste, enzieht sich meinem Verständnis (der Begriff bezieht sich ja eigentlich explizit auf erwachsene Comics …). Liebe Grüße!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s