als Graphic Novel: Paul Austers „Stadt aus Glas“

Alle reden über Paul Auster. Allerdings gegenwärtig vor allem über seinen neuen Roman „4 3 2 1“, weniger über seinen frühesten, der den Titel „Stadt aus Glas“ trägt und 1985 als erster Teil der New York Trilogie erschien. Die erstmals 1994 auf Englisch und ursprünglich bei Rowohlt 1997 in deutscher Sprache publizierte Adaption als Graphic Novel ist heute ein unbestrittener Klassiker unter den Literaturadaptionen und wurde 2006 von Reprodukt in einer überarbeiteten Fassung neu herausgebracht. Eine Neuauflage wurde soeben veröffentlicht.

Protagonist ist der nach dem Tod von Frau und Sohn vereinsamte Krimi-Autor Daniel Quinn, der sich damit über Wasser hält, dass er unter dem Pseudonym William Wilson pro Jahr einen Roman um den Privatdetektiv Max Work schreibt. Der reale Quinn verliert sich mehr und mehr hinter und in seinem Krimi-Helden:

Quinn hatte schon lange aufgehört, sich für wirklich zu halten. Wenn er überhaupt noch in dieser Welt lebte, so nur durch die imaginäre Person Max Work …
Inzwischen war Work aus Quinns Leben nicht mehr wegzudenken … sein Gefährte in der Einsamkeit.

Ein hartnäckiger nächtlicher Anrufer, der sich Peter Stillman nennt, aber im Verlauf der Handlung immer wieder betont, das sei nicht sein richtiger Name, hält Quinn für den Privatdetektiv Paul Auster und bittet ihn dringend, ihn vor einer ihm drohenden Gefahr zu beschützen. Quinn nimmt den Auftrag an und beschattet fortan den soeben aus der Psychiatrie entlassenen Vater des Anrufers. Der nämlich, ein Theologe, hatte seinen Sohn Peter neun Jahre lang ohne Licht, Sprache und Zuwendung in einem Zimmer gefangen gehalten, um so zu versuchen, die Sprache Gottes zu rekonstruieren. In einem Brief hatte Stillman senior dem Sohn Rache angekündigt.

Quinn folgt dem alten Stillman, der ohne ein für seinen Verfolger erkennbares Ziel durch die Stadt läuft, auf Schritt und Tritt durch das New Yorker Straßenlabyrinth. Schließlich beginnt Quinn, anhand seiner Notizen die Strecken aufzuzeichnen, die der alte Mann bisher gegangen ist, und er erkennt, dass sich aus den Formen Buchstaben und schließlich die Worte „Tower of Babel“ konstruieren lassen. Dann aber verschwindet Stillman sen. unvermittelt spurlos von der Bildfläche. Quinn will seiner Kontaktperson Virginia Stillman, Peters Frau, telefonisch sein Versagen mitteilen, aber er bekommt keine Verbindung. Das ständige Besetztzeichen hält er schließlich für einen Wink des Schicksals, nämlich seinen Job  um jeden Preis bis zum Abschluss weiterzuführen.

Um seinen Auftraggeber und dessen Frau vor der Gefahr durch den alten Stillman zu schützen, bezieht er in einer der Stillmanschen Wohnung gegenüber gelegenen geschützten Ecke wochenlang Position. Aber er hat nicht nur längst den alten Stillman verloren:

Wir können nicht mit Bestimmtheit sagen, was mit Quinn während dieser Zeit geschah. Denn an diesem Punkt begann er, die Herrschaft über sich zu verlieren.

Monate später machen sich der Schriftsteller Paul Auster  –  Quinn hatte ihn vor Wochen aufgesucht  mit der Bitte um Hilfe und in dem Glauben, er habe es mit dem Privatdetektiv zu tun, mit dem Stillman ihn selbst möglicherweise verwechselt hatte –  und dessen anonym bleibender Freund, der „Autor“ des Buches, auf die Suche nach Quinn. In der lange schon von den Stillmans verlassenen Wohnung finden sie schließlich Quinns Notizbuch, das er stets mit sich führte, aber keine Spur (mehr) von ihm selbst.

„Stadt aus Glas“ eröffnete 1994 die ehrgeizige Comicreihe „Neon’s Lit“ , zu deren Initiatoren Art Spiegelman (hier und hier) gehörte und die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, klassische Kriminalromane in Comicform zu präsentieren.  Die grobe Inhaltsbeschreibung hat, so hoffe ich, aber deutlich gemacht, dass hier trotz Morddrohung und Beschattung vor allem ein verschachteltes Spiel mit Identitäten, Namen, der tatsächlichen Existenz der Beteiligten getrieben wird. Vieles bleibt offen.

Keine leichte Kost also, und es dürfte für Paul Karasik (Szenario) und David Mazzucchelli (Zeichnungen) eine große Herausforderung gewesen zu sein, den Roman angemessen in eine Graphic Novel zu transferieren. Dass es ihnen ausgezeichnet gelungen ist, steht außer Frage. Texte und Bilder sind stimmig, die schwarz-Weiß-Zeichnungen Mazzucchellis fangen die Atmosphäre der Vorlage packend ein. Das Schwarz unterstreicht die Einsamkeit, die Verlorenheit des Protagonisten, das Beklemmende an der Geschichte. Und er findet zeichnerische Mittel, um die psychische Beschaffenheit der Figuren ins Bild zu setzen.

Mazzucchelli nutzt in der Regel ein 9 Panel pro Seite-Schema (3 x 3 Bilder), um den Inhalt zu transportieren, aber wo der Erzählfluss gelenkt werden soll, bestimmte Aspekte in den Vordergrund gerückt werden sollen, weicht er gekonnt von diesem Schema ab. Dann nimmt ein einzelnes Bild den Platz von beispielsweise zwei, drei Panels ein. Manchmal werden die Panel-Grenzen auch ignoriert, und die Rahmen liegen dann wie ein Gitter über der größeren Zeichnung. Für die bildliche Darstellung wesentlicher Szenen nutzt der Zeichner gelegentlich auch die ganze Seite. Am Schluss, wenn Quinn langsam aber sicher zu existieren aufhört, werden – sehr passend – die Panel-Grenzen ganz aufgehoben.

Der langen Rede kurzes Fazit:  Wir haben es hier mit einer relativ komplexen Graphic Novel zu tun, in deren Geschichte einzutauchen sich auf jeden Fall lohnt. Denn „Stadt aus Glas“ ist ein hervorragendes Beispiel dafür, welch exzellente Künstler sich der Kunstform Graphic Novel zugewandt haben und was diese Kunstform zu leisten vermag, wenn ihre Möglichkeiten so virtuos ausgeschöpft werden wie hier geschehen.

Hier geht es zu einer Leseprobe.

Paul Karasik – David Mazzucchelli
Paul Austers Stadt aus Glas
Reprodukt, Neuauflage 2017, 144 Seiten

3 Kommentare zu „als Graphic Novel: Paul Austers „Stadt aus Glas“

  1. Danke für den Tip, Ingrid, nach der Lektüre deines Beitrags und der Leseprobe muss ich mal schauen, ob ich auch diese Graphic Novel in meiner Bücherei finde!
    Einen schönen Ausklang aus dem Pfingstwochenende, Susanne

    Gefällt mir

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