Patrick Colcomb: Carnets Marseillais – Marseilles Sketchbook

[Mit dem Skizzenbuch unterwegs 1]

Während ich mit Spannung und einer gewissen Unruhe auf die Wahlergebnisse der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen in Frankreich heute abend warte, blättere ich durch Patrick Colcombs schönes Marseiller Skizzenbuch. Es ist bereits 2002 erschienen, ein ganzes Stück weg also von den Problemen und Bedrohungen, mit denen sich Frankreich und große Teile der Welt heutzutage konfrontiert sehen. Erst vor wenigen Tagen wurden zwei Terrorverdächtige in Marseille festgenommen, die kurz vor der Präsidentschaftswahl einen Anschlag geplant haben sollen. Allerdings hatten wir auch 2002 absolut keine „heile Welt“. Schon gar nicht in Marseille mit seinem hohen Anteil an organisierter Kriminalität, Drogenhandel und illegaler Einwanderung.

Marseille war übrigens 2013 – Ihr erinnert Euch ? – gemeinsam mit der slowakischen Stadt Košice Kulturhauptstadt Europas. Aus diesem Anlass hatte die zweitgrößte Stadt Frankreichs sich ordentlich herausgeputzt, und im Fernsehen konnte man in zahlreichen Beiträgen eine lebendige, freundliche, weltoffene Stadt erleben, die viele kulturelle Attraktionen zu bieten hat.

Und so sieht sie vorrangig auch der Künstler Patrick Colcomb, wie der Blick in sein Skizzenbuch „Carnets Marseillais“ zeigt. Er nimmt hier auf und führt weiter, was er mit ersten Sketchbooks 1992 begonnen hat, als er auf diese Weise die Erinnerungen an Ferienaufenthalte bei Freunden in Marseille festhielt. Weitere folgende Aufenthalte dienten ihm (auch) dazu, mehr über die Einwohner, die Geschichte und Geographie, über Planungen für die Zukunft zu erfahren.

Mit Beobachtungen und in Gesprächen hat Colcomb sich die Stadt erschlossen, und er teilt uns seine Erfahrungen und Eindrücke vorrangig mit künstlerischen Mitteln mit. So können wir mit seinen „Carnets Marseillais“ auf seinen Spuren wandeln. Er führt uns in 11 Touren durch Marseille und seine Umgebung, zum Beispiel „De Notre Dame de La Garde à Saint-Victor“ (From Notre Dame de la Garde to Saint Victor), „Du Vieux Port Lacydon au Palais du Pharo“ (From the Old Port of Lacydon to the Palais du Pharo), „Du Parc Chano à la Corniche“ (From Chano Park to the Cornice) oder „De la calanque de Port Miou au Cap Croisette“ (From the Calanque de Port Miou to Cape Croisette).

Was der Künstler in seinem Sketchbook festgehalten hat, ist wunderbar anzuschauen. Er arbeitet mit unterschiedlichen künstlerischen Techniken wie Aquarell, Tusche, Bleistift, Collagen. Die Farben sind – wie sollte es anders sein – die einer Stadt am Mittelmeer: viel blau, blau-grün, warme Töne in gelb und ocker. Vor allem bei den Aquarellen oder aquarellierten Zeichnungen kann man sehr schön die hohe Kunst des Weglassens studieren.

Eingefangen sind Landschaften, Straßenszenen, Menschen vor oder in Cafés, bei der Arbeit oder bei ihren Freizeitvergnügungen, das Leben im Hafen, das vorrangig von Nordafrikanern bewohnte Viertel Noaille, Sehenswürdigkeiten, eine im Umbruch und Umbau befindliche Stadt. Man vermeint die vor Hitze flirrende Luft, den Duft des Meeres, das Aroma des Pastis zu verspüren und fühlt sich als Betrachter der Szenen in das Marsseiller Stadtleben mit einbezogen.

Kurze begleitende Texte in Französisch und Englisch erläutern die Skizzen.

Man spürt auf jeder Seite dieses Buches, dass der Pariser Patrick Colcomb die Stadt, die er mit ihren vielen Facetten skizziert, liebt, dass er bestrebt ist, die „Seele der Plätze und Einwohner“ einzufangen und auch den wichtigsten Veränderungen seit seinem ersten Aufenthalt im Jahr 1992 nachzugehen. Er zeigt uns mit Marseille eine der, so der Einbandtext, „faszinierendsten Städte in ganz Frankreich“.

Wer den Künstler näher kennen lernen möchte (was sich in jedem Fall lohnt), sollte seinen Blog aufrufen.

Tipp für diejenigen,die etwas mehr als nur das Cover des Buches sehen wollen, dessen Inhalt ich hier wegen der Rechte (fast) nur mit Worten vorgestellt habe: In der Rubrik Publications in Colcombs Blog findet man weiter unten auch die „Carnets Marseillais“. Die Abbildung einer Zeitungsseite dort ermöglicht es, einen kleinen visuellen Eindruck von dem Buch und den enthaltenen wunderbaren künstlerischen Arbeiten zu gewinnen.


Patrick Colcomb
Carnets Marseillais – Marseilles Sketchbook
Begleitende Texte in Französisch und Englisch
ASA Editions 2002[

3 Kommentare zu „Patrick Colcomb: Carnets Marseillais – Marseilles Sketchbook

  1. Liebe Ingrid,
    ich hoffe auch, wie Birgit es schreibt, dass die Franzosen „richtig“ wählen – es kann einem ja songst ganz Angst und Bange werden um Europa. Und bin sehr gerne Deinem Link auf Colcombs Blog gefolgt, auf dem ja so schöne, farbenfrohe und lebendige Bilder zu sehen sind. Besonders mag ich ja die Aquarelle, es ist toll, welche Ausdruckskraft „Wasserfarben“ bekommen können.
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Hallo Claudia, schön, dass Du dem Link gefolgt bist. Colcomb macht wirklich feine Sachen, und auf Aquarelle versteht er sich offensichtlich besonders gut. In dem vorgestellten Skizzenbuch finden sich geradezu hinreißende Beispiele dafür. Und was die Wahl in Frankreich angeht: drücken wir uns, den Franzosen und Europa die Daumen ! Einen schönen Rest-Sonntag, Ingrid

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  2. Auch wenn in Frankreich viele Probleme unserer Gesellschaft virulent sind und ich wie Du unruhig auf den Wahlausgang heute schaue: Hoffen wird doch, dass die enfants de la patrie „richtig“ wählen und dazu beitragen, dass Marseille so bunt und multikulturell bleiben kann wie in diesem schönen Skizzenbuch.

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