Peer Meter/Barbara Yelin: Gift

Das jedenfalls ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit: Am 21. April 1831 wurde Gesche Gottfried auf dem Bremer Domhof vor mehr als 35 000 Zuschauern durch das Schwert (!) hingerichtet. Sie hatte in den Jahren von 1813 – 1827 mit „Mäuseschmalz“, einer Mischung aus Schmalz und Arsen, 15 Menschen umgebracht, darunter 2 Ehemänner, ihre Kinder und ihre Eltern. Anderen Menschen fügte sie durch nicht tödliche Dosen von Mäuseschmalz schwere gesundheitliche Schäden zu.

Gesche Gottfried leugnete ihre Taten nicht. Doch warum hat diese Frau, die sich oft mildtätig zeigte, so gehandelt? Und – mindestens so wichtig -: warum hat angesichts der sich dramatisch häufenden Todes- und Krankheitsfälle niemand aus ihrem Umfeld gehandelt?

Die soeben aus London angereiste junge Schriftstellerin, die nach Bremen gekommen ist, um im Auftrag ihres Verlegers eine Reisebeschreibung über die Stadt an der Weser zu verfassen, kann diese Ignoranz, diese Tatenlosigkeit nicht fassen. Mittlerweile ist sie eine gealterte erfolgreiche Autorin, die mit ihrer Assistentin wegen Bahnproblemen auf der Zugfahrt nach Hamburg in Bremen Zwischenstation machen muss – ein Zwangsaufenthalt, der alte, verdrängte Erinnerungen in ihr wieder wachruft.

Bei ihrer ersten Ankunft,  viele Jahre sind seither vergangen, erlebt die junge Frau eine Stadt in hektischer Aktivität. Das Gerüst für eine Hinrichtung wird gezimmert. Nur mit Mühe bekommt sie wegen des aus nah und fern anreisenden Publikums eine Unterkunft für die Nacht. Die Menschen stehen in Gruppen zusammen und ergehen sich in Klatsch und Tratsch über die Frau, deren Hinrichtung bevorsteht. Jeder weiß etwas, jeder hat etwas gehört, jeder hat seine Vermutungen …

Ungewollt wird die Besucherin immer mehr in das Geschehen hineingezogen; die Gefängniswärterin flüstert ihr dringend zu, der Sache nachzugehen. Ein Fremder übergibt ihr die Verhör-Protokolle. Ist hierin der Schlüssel für das Verhalten der Gesche Gottfried zu finden?

Wenn ich des Morgens aufstand, konnte ich es so kriegen, dass ich Mäusebutter geben musste. Manchmal war ich monatelang frei davon. Dann kam wieder eine Periode … Denn allein der Gedanke, wieder Gift zu haben, macht mich so besonders zufrieden, was ich mir selbst nicht erklären kann …

War Gesche Gottfried eine schwer psychisch kranke Frau, die dringend der Hilfe bedurft hätte? Aber niemand in der damaligen Bremischen Gesellschaft war offenbar willens, dieser Frage ernsthaft nachzugehen. Lieber ergingen sich Verantwortliche wie der fragwürdige, aber sehr geschäftstüchtige Verteidiger oder der Domherr in extrem frauenfeindlichem Geschwätz.

Die junge Schriftstellerin, fasziniert und abgestoßen zugleich, wird schließlich Zeugin der Hinrichtung von Gesche Gottfried. Zutiefst geschockt, hat sie nur noch einen Wunsch: Bremen schnellstmöglich zu verlassen.

Zu den Schöpfern der Graphic Novel: Peer Meter, in Worpswede lebender freier Schriftsteller und für Text und Szenario dieser Graphic Novel verantwortlich, ist Experte „in Sachen Gesche Gottfried“. Der Fall beschäftigt ihn, wie dem Einbandtext zu entnehmen ist, seit Jahrzehnten, und er hat dazu bereits mehrere Bücher veröffentlicht. „Gift“ ist Teil einer Trilogie über historische deutsche Serienmörder, die Meter in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Zeichnern publizierte.

Die zeichnerische Umsetzung bei „Gift“ lag bei Barbara Yelin. Nach zwei Alben, die ausschließlich in Frankreich publiziert wurden, war „Gift“ ihre erste größere Veröffentlichung in Deutschland. Ein ganz großer Wurf gelang ihr übrigens 2015 mit der von Kritik und Publikum gerühmten Graphic Novel „Irmina“. Für „Gift“ hat sie eindringliche Bilder geschaffen – passende düstere Bleistiftzeichnungen, die eine Ahnung davon aufkommen lassen, welches Klima, welche Atmosphäre Anfang der 1830er Jahre in der Stadt an der Weser geherrscht haben muss.

Die Zeichnungen von Barbara Yelin sprechen für sich, sie verlangen nur wenig Text. Der aber – kleiner Wermutstropfen – fällt manchmal sehr winzig aus und ist selbst mit neuer Brille schlecht zu lesen. Jedenfalls gilt das für die Veröffentlichung in der Graphic Novel Bibliothek der Süddeutschen Zeitung, die mir vorliegt. 2011 hatte die SZ erstmals 10 ihr besonders wichtig oder gelungen erschienene Graphic Novels zu einer eigenen Reihe zusammengestellt. Die Aufnahme von „Gift“ war eine gute Entscheidung.

Peer Meter / Barbara Yelin
Gift
Originalausgabe bei Reprodukt 2010
Hier: Lizenzausgabe der Süddeutschen Zeitung 2011

7 Kommentare zu „Peer Meter/Barbara Yelin: Gift

  1. Liebe Ingrid,
    vorgestern habe ich mich in der Bücherei neben dem endlich wieder zu habene Agatha Christe mit noch eigenen anderen Grapic Novels eingedeckt. Nun muss ich mir nur noch die Zeit nehmen, alle zu lesen und vor allem zu betrachten.
    Gift kommt gleich auf meine Liste, das Titelbild ist wirklich ausgesprochen gut.
    Liebe Grüße von Susanne

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      1. Das kann ich gerne nachholen, liebe Ingrid.

        Ich habe neben der Agatha noch drei andere Graphic Novels mitgenommen. Die eine ist so schlecht, dass ich sie hier gar nicht erwähnen möchte. Während Micha die Agatha mit großer Freude liest, beschäftige ich mit mit dem Schimmelreiter von Jens Natter im Boyens Verlag. Die Zeichnungen gefallen mir ausgesprochen gut. Aus dem Egmont Verlag habe ihc die Sprechenden Hände, die Geschichte von Helen Keller, gezeichnet von Joseph Lambert mitgebracht. Helen Kellers Leben fand ich schon immer sehr faszinieren und ich habe dazu auch schon andere Biografien gelesen.

        Ausgewählt habe ich die Bücher nach den Bildern, mir ist aufgefallen, dass die meisten Graphic Novels doch in den Tönen braun, schwarz und olivgrün gehalten sind. Ich wollte freundlichere Farben so wie bei der Agatha auch zu finden sind.

        Liebe Grüße sendet dir Susanne

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      2. Eine interessante Auswahl. Den Schimmelreiter habe ich auch schon einige Zeit im Hinterkopf. Aber erst einmal stehen – nach und nach – „Humboldts letzte Reise“ und „Paul Austers Stadt aus Glas“ bei mir auf dem Programm.
        Viel Spaß an/mit den von Dir ausgewählten Titeln und herzliche Grüße, Ingrid

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