Erich Ohser alias e. o. plauen oder: Vater und Sohn

Ein deutsches Künstlerschicksal

Erich Ohser war längst ein  erfolgreicher und angesehener Buchillustrator und Pressezeichner, als er 1934 die ersten Bildergeschichten von Vater und Sohn schuf. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Nationalsozialisten den politisch links orientierten Künstler, der unter anderem Zeichnungen im sozialdemokratischen „Vorwärts“ veröffentlichte und für die Büchergilde Gutenberg arbeitete, bereits mit einem quasi-Berufsverbot belegt. Die „Berliner Illustrirte Zeitung“, die seine Vater-und-Sohn-Comics veröffentlichen wollte, kämpfte für ihn (und sich) und erreichte, dass Ohser unter der Auflage, sich nicht politisch zu betätigen, weiterarbeiten durfte. Ohser legte sich das Pseudonym e. o. plauen zu (Erich Ohser Plauen – in Plauen war er aufgewachsen) und erzielte mit seinen Vater-Sohn-Veröffentlichungen in der „Berliner Illustrirten Zeitung“ einen durchschlagenden Erfolg, der bis heute anhält.

Die künstlerische Laufbahn des 1903 geborenen Zeichners, der zunächst einmal eine Schlosserlehre absolviert hatte, beginnt 1921 in Leipzig, wo er ein Studium an der Staatlichen Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe aufnahm. In Leipzig lernt er die beiden anderen Erichs kennen, mit denen er sein Leben lang freundschaftlich verbunden bleiben sollte: den Schriftsteller Erich Kästner und den Redakteur Erich Knauf. 1927 folgt Ohser, nachdem er sein Studium beendet hat, Kästner nach Berlin, und im Sommer 1928 stößt mit Erich Knauf der dritte Erich dazu. 1930 heiratet Ohser Marigard Bantzer, eine Illustratorin; 1931 kommt der gemeinsame Sohn Christian auf die Welt.

Was schon in Leipzig begonnen wurde, setzt Ohser in Berlin erfolgreich fort. Er arbeitet als Buchillustrator  und erlangt große Bekanntheit als Illustrator für seinen Freund Erich Kästner. Vielfach erhält er Aufträge durch Erich Knauf, der zum Cheflektor der Büchergilde Gutenberg berufen worden war.   Hinzu kommen Arbeiten für die Presse. In bissigen Karikaturen nimmt er sich  Hitler und Goebbels vor, bis ihn ein Berufsverbot ereilt. Als Zeichner der unpolitischen Vater- und-Sohn-Geschichten kann er schließlich weiterarbeiten (s.o.) und erlangt als Schöpfer der beiden Comic-Figuren enorme Beliebtheit.

Doch der politische Druck, Willkür und Repressalien nehmen zu. Ohser versucht, sich den Gegebenheiten anzupassen.

Er verlässt einige Zeit Berlin, nachdem er seine politischen Karikaturen verbrannt hat. Ohser tastet sich vorsichtig an die neue Situation heran… Einerseits gibt es brutale Verfolgung und Willkür, andererseits scheint Ausweichen und Taktieren möglich. Trotz der Repressalien ist Emigration für die „drei Erichs“ keine Option. Sie glauben, sich in einem Provisorium einrichten zu können. (Elke Schulze)

Ohser und seine beiden Freunde finden erst einmal Unterschlupf beim Film und versuchen sich irgendwie durchzulavieren.

Es bleibt eine der vielen seltsamen Paradoxien der Alltagswelt im Dritten Reich, dass ausgerechnet die Filmproduktion, propagandistisches Lieblingskind von Goebbels, zum Rückzugsort und temporären Schutzraum für nicht genehme Künstler wird. (Elke Schulze)

Schließlich wird Ohser die Mitarbeit bei der von Goebbels konzipierten Zeitschrift „Das Reich“ angetragen – einer Zeitschrift, die den Effekten der Gleichschaltung wie Langeweile und Desinteresse entgegensteuern soll und die zugleich versucht, den Eindruck einer gewissen Liberalität zu erwecken.

Dass dies nur eine Scheinfreiheit sein kann, erfahren die Betroffenen spätestens in der Konfrontation mit der allgegenwärtigen Zensur. Gleichwohl glauben die meisten Beteiligten, ihren jeweiligen persönlichen Freiheitsraum ausloten zu können, und lassen sich auf eine Kooperation ein. (Elke Schulze)

Auch Erich Ohser.

Hans Fallada gegenüber, der Ohsers nazikritische Haltung kennt, rechtfertigt sich Ohser, indem er darauf verweist, er zeichne gegen die Alliierten, die er als Feinde Deutschlands begreift, und nicht für die Nationalsozialisten. Die Gratwanderung dieser Argumentation wird bei aller Vaterlandsliebe auch Erich Ohser nicht verborgen geblieben sein. Tatsächlich wird ihm die Verpflichtung zur regelmäßigen Lieferung politischer Karikaturen zunehmend zur erdrückenden Last, und die Erfahrung des Krieges führt zur schlimmsten inneren Zerrissenheit des empfindsamen Künstlers. Gleichwohl, Erich Ohser liefert. (Elke Schulze)

Seine Tätigkeit im Propagandaapparat von Minister Goebbels hindert Ohser aber nicht daran, lautstark mit seinem Freund Erich Knauf Witze über die Nazis auszutauschen und auf das von ihm abgelehnte Nazi-Regime zu schimpfen. Die in Berlin ausgebombten Männer (Mutter und Sohn Ohser waren in Süddeutschland untergekommen) bewohnten seinerzeit zusammen mit dem Ehepaar Bruno und  Margarete Schultz gemeinsam ein Haus in Kaulsdorf. 1944 werden sie von Schultz denunziert. Knauf wird von den Nazis hingerichtet, Ohser, das sichere Todesurteil vor Augen, erhängt sich in seiner Zelle.

Knauf und Ohser rechneten fest mit dem baldigen Ende des Krieges und wünschten sich, so Elke Schulze, bei allem Patriotismus eine Niederlage Deutschlands.

Sofortige Kapitulation wäre unsere einzige Rettung. Wodurch wir dann auch gleichzeitig das ganze Nazigesindel los wären. (aus der Anklageschrift)

Birgit Böllinger hat kürzlich in ihrem Blog Sätze & Schätze zwei neue Biografien über Hans Fallada vorgestellt. Als Aufmacher hat sie – ich traute meinen Augen kaum –  ein von Erich Ohser geschaffenes, mit e.o.plauen signiertes Porträt des Schriftstellers gewählt. Die beiden Männer haben sich gut gekannt, und Fallada war von der Zeichnung Ohsers, die sich auch in dem Buch findet, das ich hier vorstelle, sehr angetan. Ich erwähne Birgits Beitrag aber in erster Linie deshalb, weil es Parallelen im Leben Ohsers und Falladas gibt, weil sie – und die Autoren der beiden Biografien tun das am Beispiel Hans Fallada auch – die Frage des „Wie hast du es mit dem Nationalsozialismus gehalten?“ aufwirft.

Und bei allen Schriftstellern dieser Jahre kommt die Frage hinzu: Was hat er getan während der Jahre des Nationalsozialismus? Ist er geblieben oder gegangen? Geblieben, geschwiegen oder mitgehangen? (Birgit Böllinger)

Zurück zu Stift und Schrift und der Erich-Ohser-Biografie von Elke Schulze.  Auch sie äußert sich widerholt zu der oben angesprochenen Problematik, etwa wenn sie schreibt:

Die Lebensgeschichte Erich Ohsers ist keine Heldengeschichte, sie ist aber auch keine Geschichte von Verrat und Scheitern. Die Brüche dieses Lebens zu einer falschen Einheitlichkeit zu kitten, entschärft das Widerständige jener Lebenswirklichkeit. (Elke Schulze)

Zusammenfassend ist zu sagen, dass Elke Schulze  ein sehr einfühlsames, gut lesbares Buch über den Zeichner Erich Ohser und sein Leben geschrieben hat. Sie kennt sich aus, ist sie doch Stiftungsvorstand der e.o.plauen-Stiftung (aber das muss man erst im Internet recherchieren, im Buch selber wird sie nicht vorgestellt). Auszüge aus der Korrespondenz des Zeichners  lassen seine großen wie kleinen Freuden und Sorgen erkennen und bringen uns den Künstler und Menschen näher. Zahlreiche ergänzende Fotos ermöglichen einen Blick auf Arbeiten Ohsers oder zeigen ihn am Schreibtisch bei der Arbeit oder als Privatmann, nicht zuletzt als Vater eines Sohnes.

Ausgabe des Südverlags

Damit ist es Zeit, noch einmal einen Blick auf die Bildgeschichten zu werfen. Sie sind schon ein nettes, sympathisches Gespann – der rundliche, kahlköpfige und schnauzbärtige Vater und der kleine quirlige Sohn mit dem Strubelkopf und den pfiffigen Ideen. Die Leichtigkeit, mit der die Szenen auf das Papier geworfen scheinen, zeugt vom zeichnerischen Können Ohsers. Die Episoden kommen so gut wie ohne Worte aus, lassen eine feine Beobachtungsgabe erkennen  und sind geprägt von hintergründigem Humor. Auch heute ist es noch ein Vergnügen, sie zu betrachten (auch wenn der Sohn nach heutigem Verständnis etwas viel Prügel von dem eigentlich doch sehr gutmütigen Vater einstecken muss). Man muss Vater und Sohn (die im übrigen in einer weitgehend frauenlosen Welt leben) einfach gern haben.

Ausgabe des Anaconda Verlags

Die Vater-und-Sohn-Bildgeschichten wurden und werden immer wieder neu aufgelegt, vollständig oder in Auszügen. Zwei Beispiele zeige ich im Bild.

Mittlerweile gibt es auch (mindestens) einen Band mit kolorierten Zeichnungen. Ich halte es lieber mit den Schwarz-Weiß-Originalen.


Elke Schulze
Erich Ohser alias e. o. plauen
Ein deutsches Künstlerschicksal
Südverlag 2014, 144 Seiten

P.S.: Lohnenswert ist ein Besuch der Internetseite e.o.plauen.de

12 Kommentare zu „Erich Ohser alias e. o. plauen oder: Vater und Sohn

  1. Liebe Ingrid,
    Vater-und Sohn-Geschichten habe ich in der Schule kennengelernt, ich glaube, schon in der Grundschule. Über das Leben, die politische Einstellung und Haltung des Zeichners wusste ich aber überhaupt nichts, nichts darüber, unter welchen Umständen er arbeiten und leben musste, nichts darüber, dass er sich mit den leichten, fröhlichen Geschichten an der Zensur vorbeigezeichnet hat. So war Dein Beitrag eine ganz bereichernde Sonntagslektüre.
    Viele ganz verregnete Sonntagsgrüße, Claudia

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    1. Je nach politischer Einstellung der Lehrer/innen ist es in den Schulen möglicherweise vermieden worden, dieses düstere Kapitel der deutschen Geschichte zu thematisieren. – Freut mich, dass der Beitrag eine bereichernde Sonntagslektüre war. Und ich hoffe, der Regen in Wuppertal hat mittlerweile aufgehört. Hier geht es inzwischen, und verglichen mit gestern ist es heute geradezu wunderschön 🙂 🙂

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  2. Der Vater hat sich seine kindliche Sicht auf die Welt bewahrt und befindet sich so auf Augenhöhe mit seinem Sohn – das macht die Bildergeschichten so liebenswert. Im Internet finden sich viele dieser Episoden. Über das Verhauen sehe ich dabei mal hinweg. 🙂
    Ein sehr informativer und interessanter Artikel! Gerade richtig an diesem total verregneten Sonntag.

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  3. Liebe Ingrid,
    danke für diesen sehr differenzieren, tollen Beitrag – ich wollte, nachdem Ohser resp. e.o.plauen bei Dir, ich glaube in Zusammenhang mit Kästner, schon einmal kurz vorgestellt wurde, und mir via Fallada wieder begegnete, sowieso einmal schauen, was ich über ihn an Literatur finde.
    Ein Buchtipp zur rechten Zeit.
    Und natürlich schwebt bei diesen Biographien – sei es Plauen, sei es Fallada oder auch Kästner – die Frage mit, warum sie nicht ins Exil gingen, wie sie sich während des Regimes verhielten. Eine Frage, die sich heute nur allzu leicht moralisch beantworten ließe und zu Vorverurteilungen führt – man sieht ja auch am Schicksal dieses Künstlers, so einfach ist das nicht.
    Ich muss mal schauen, ob ich über den Film im Dritten Reich ein gutes Buch finde, in dem aufgezeigt wird, wie sehr die UFA auch zum Fluchtpunkt für sonst gefährdete Künstler wurde – auch in den Fallada-Biographien wird dies gestreift.
    Herzlichen Dank auch für Deinen Hinweis auf meinen Beitrag und das Zitat – ohoh, das ist eine Ehre!
    Was aber nicht dazu führen wird, dass es jetzt bald #litkatz heißt, auch wenn Hunde fürchterlich korrumpierbar sind.

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    1. Liebe Birgit, vielen Dank für die ausführliche Rückmeldung. Es wäre bestimmt sehr interessant, etwas mehr zu lesen über die Rolle der UFA. Vielleicht findest Du ja etwas. Ohser gibt es hier im Blog zum ersten Mal; Du musst in einem andern Blog über ihn gelesen haben. – Zu hoffen, dass es bei Dir demnächst #litkatz heißt, wäre, denke ich, wirklich unrealistisch. Ich werde schon dafür sorgen, dass Katzen nicht zu kurz kommen. 🙂

      Gefällt 1 Person

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