Agatha Christie: Und dann gabs keines mehr

„Da waren es nur noch … “ –  Agatha Christies Roman und die Adaption als Graphic Novel

Der Appetit kommt beim Essen. Nach der Vorstellung der Agatha Christie Biografie Das Leben ist kein Roman in Form einer gelungenen Graphic Novel hatte ich Lust, nach langer Zeit einmal wieder einen Krimi aus der Feder der so überaus erfolgreichen englischen Schriftstellerin zu lesen. Meine Wahl fiel auf „Und dann gabs keines mehr“, und das nicht zufällig. Erstens hatte ich diesen Krimi noch nie gelesen; zweitens wusste ich, dass auch eine Adaption als Graphic Novel vorliegt. Die Zeit bis zum Eingang der bestellten Graphic Novel nutzte ich zur Lektüre des aus de Bibliothek ausgeliehenen „herkömmlichen“ Romans, mit dem Ergebnis, dass ich mit der Geschichte bereits vertraut war, als die Graphic Novel an die Reihe kam.

Was das Agatha-Christie-Original angeht, kann ich schon einmal uneingeschränkt sagen, dass ich mich auch fast 80 Jahre nach der Erstveröffentlichung des Buches gut unterhalten gefühlt habe und ich den Roman, so phantastisch die Story auch manchmal anmutet, alles in allem durchaus spannend fand.

Die Originalausgabe in englischer Sprache
Die englisch-sprachige Originalausgabe

„Und dann gabs keines mehr“ hieß ursprünglich „Zehn kleine Negerlein“, und die Geschichte spielt auf Nigger Island, einer kleinen Insel, die es tatsächlich gibt. Heute werden Ausdrücke wie Neger und Nigger als diskriminierend empfunden. Der Verlag Atlantik/Hoffmann und Campe, in dem die „klassische“ Romanausgabe in deutscher Sprache erschienen ist, bittet in einer vorangestellten Erklärung um Verständnis dafür, dass diese Bezeichnungen beibehalten wurden, weil sonst der ganze Roman, der auf dem Kinderreim von Frank Green aus dem Jahr 1869 aufgebaut ist, umgeschrieben werden müsste.

Zum Inhalt: Erzählt wird die Geschichte einer Gruppe von untereinander nicht bekannten 8 Menschen, die der Einladung eines ominösen Mister U. N. Owen (als Anspielung auf Unknown; in der Graphic Novel Mr. A. N. O’Nym)) zu einem Aufenthalt auf einer abgeschiedenen Insel vor der Küste Devons folgen. Dort treffen sie allerdings nur das kurz zuvor angeheuerte Butler-Ehepaar Rogers, aber nicht den einladenden Gastgeber an. Nach dem ersten Dinner ertönt eine Schallplatte, und die darauf zu hörende Stimme lässt vernehmen, dass alle der nun zehn Anwesenden auf der Insel den Tod eines oder mehrerer Menschen auf dem Gewissen haben.

Ich will hier nicht zu viel verraten. Wer den Kinderreim von den 10 kleinen Negerlein kennt, weiß natürlich, dass es um die Überlebenschancen der Gäste auf Nigger Island nicht besonders gut steht … Daran lassen im übrigen auch schon die Einbandtexte beider Veröffentlichungen von vornherein keinen Zweifel. Bleibt die Frage: Wer ist der Mörder? Diese Frage aber werde ich hier nicht beantworten.

agatha-christie-und-dann-gabs-keines-mehr-beitragsbild-artikelbildBei der Graphic Novel aus dem Knesebeck-Verlag fühlte ich mich sofort an das Cover der Agatha-Christie-Biografie (hier) erinnert. Damit wird die Phantasie des Betrachters aber in eine Richtung gelenkt, die nicht recht zu „Und dann gabs keines mehr“ passt.  Denn es geht hier  nicht um die Abenteuer einer mit einer Yacht auf Seereise befindlichen einzelnen jungen Frau (so wirkt das Cover jedenfalls auf mich), sondern um eine ganze Gruppe von Personen, die schlicht per Boot von der Küste zum Nigger Island übergesetzt wird.

Auffällig ist, dass sich, wie schon bei der Biografie-Graphic Novel, wieder Franzosen ans Werk gemacht haben, um die Adaption von „Und dann gabs keines mehr“ zu bewerkstelligen. Hier sind es François Rivière (Text) und Frank Leclerq, der für Zeichnung und Farbe verantwortlich ist. Dass Franzosen eine besondere Vorliebe für Comics haben, ist bekannt und wird beim Betreten einer französischen Buchhandlung auch schnell ersichtlich. Vielleicht haben unsere westlichen Nachbarn ja auch ein besonderes Faible für Agatha Christie …

Aus einem mehr als 200 Seiten umfassenden Roman eine gerade einmal 44 Seiten umfassende Graphic Novel zu machen, dürfte nicht ganz einfach gewesen sein. Natürlich tut eine starke Komprimierung Not. Das Ergebnis aber kann sich sehen lassen. Das mörderische Geschehen auf der Insel, die Angst, als Nächste(r) „dran“ zu sein, die Einblicke in die dunklen Geheimnisse eines jeden der ursprünglich zehn Anwesenden – das alles wird nachvollziehbar vermittelt. Eine pralle, oftmals verfremdende Farbgestaltung unterstreicht die Dramatik des Geschehens auf Nigger Island. Aber:

Wenn ich weiß, dass einer Graphic Novel eine literarische Vorlage zugrunde liegt, finde ich es normalerweise hilfreich, das Original zu kennen, um einschätzen zu können, ob die Adaption gelungen ist oder nicht. Bei einer Kriminalstory wie hier in diesem Fall hat das allerdings den Nachteil, schon bei Beginn der Lektüre zu wissen, wer der Schuft ist. Das steigert nicht gerade die Spannung. Und so kann ich  hier und jetzt nicht behaupten, dass mich die Graphic Novel so richtig in ihren Bann gezogen hätte. Bei einer von der ursprünglichen Vorlage losgelösten Lektüre wäre das möglicherweise anders gewesen.  Aber gewisse Zweifel, ob die Bildersprache in dem Maße Spannung aufbauen und transportieren kann, wie Worte, gekonnt benutzt, das vermögen – solche eher grundsätzlichen Zweifel beschäftigen mich schon noch. Letztlich geht es in meinen Überlegungen also um die übergreifende Frage, was eine Graphic Novel leisten kann und ob für dieses Medium alle Stoffe gleichermaßen geeignet sind.

Kommt Zeit. Kommt weitere Lektüre. Kommt Rat. Vielleicht mache ich demnächst einmal die Probe auf’s Exempel: Es gibt ja auch Agatha Christie’s „Tod auf dem Nil“ als Graphic Novel, ebenfalls von François Rivière getextet und bei Knesebeck erschienen.

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Agatha Christie
Und dann gabs keines mehr
Roman, Verlag Atlantik/Hoffmann und Campe, 224 Seiten
Graphic Novel, Verlag Knesebeck, 46 Seiten

5 Kommentare

  1. PS: Das war jetzt etwas streng – bleibt ja doch die Hoffnung, dass der eine oder andere durch die Novel animiert zum Original greift. Da ist dann aber bei Krimis das Problem ganz offensichtlich, dass man schon weiß, dass eben nicht der Gärtner …

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  2. Ich kann mich gut an die Lektüre des Krimis erinnern, auch wenn das einige Zeit zurück liegt – aber Agatha Christie bot fast immer gute Unterhaltung. Deine Anmerkungen bzgl. des Spannungsverlustes, wenn man dann die Graphic Novel anschließt, verstehe ich. Du liest ja die Originale – andere sparen sich das vielleicht und greifen „nur“ zur Novel. Da bin ich in meiner Auffassung eh etwas konservativ und beschränkt – ich würde immer erst zum Original greifen …Graphic Novels sind sicher durch die Illustrationen eine eigene Form, für mich aber eher nur Beiwerk im Leserleben …

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    • Ich schätze Graphic Novels (und habe hier ja auch schon einige vorgestellt) und glaube an die Kraft von Bildern. Bilder können informieren, die Phantasie anregen, nachdenklich machen, empören, berühren (ein gutes Beispiel für Letzteres ist die gänzlich wortlose Graphic Novel „In einem fremden Land“), und sie können wahrscheinlich noch einiges mehr. Seit meiner Beschäftigung mit der Graphic Novel „Und dann gabs keines mehr“ zweifele ich aber, ob diese Ausdrucksform krimi-tauglich ist, ob per Bild mit wenig begleitendem Text die Spannung erzeugt werden kann, die man ja von einem guten Krimi erwartet. Dabei ist „Und dann gabs keines mehr“ keineswegs schlecht gemacht. Durch die von mir gewählte Abfolge – erst der Roman, dann die Graphic Novel – war die Graphic Novel wahrscheinlich von vornherein etwas „benachteiligt“…

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      • Liebe Ingrid, hoffentlich bin ich nicht ganz falsch verstanden worden oder war zu fundamentalistisch – ich sehe ja bei Dir öfter sehr eindrückliche Beispiele von Graphic Novels. Und sicher bewirkt die Bildsprache noch etwas ganz anderes als das reine Wort. Also eine eigenständige Kunstform. Mir ging es eher nur darum, dass ich die Meinung vertrete, dass gerade bei Graphic Novels, die auf einem Roman basieren, es eigentlich kein Entweder-Oder geben sollte (die Novel ist dann kein Ersatz für das Original), sondern nur ein Sowohl-als-auch. Und dann haben es Krimis natürlich schwer …Liebe Grüße Birgit

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