Edward Hopper – Gemälde & Ledger Book-Zeichnungen

Mindestens ein Gemälde des amerikanischen Künstlers Edward Hopper kennt wohl so ziemlich jeder: das 1942 entstandene Night Hawks . Aber auch viele andere Werke haben weltweit Berühmtheit erlangt, etwa „Hotel Room“, „Compartment C“, „Office at Night“ oder „Gas“.

hopper-ledger-book-zeichnungen-artikelbild2Deborah Lyons, eine in New York lebende Hopper-Spezialistin, beschreibt in ihrem einleitenden Beitrag zu diesem hier vorzustellenden Buch Edward Hopper (1882 – 1967) als einen Künstler, dessen Gemälde wie ein Destillat des amerikanischen Lebensgefühls im 20. Jahrhundert anmuten:

„Sie zeichnen sich durch äußerste Ökonomie der Mittel und ein Minimum an Details aus, in der Phantasie des Betrachters jedoch weiten sich die kargen Darstellungen zu Szenen von existentieller Dramatik und unstillbarer Sehnsucht.“

Obwohl Hoppers Gemälde, so Deborah Lyons, von großen Gefühlen handelten, seien die Orte, an denen sich all dies ereigne, dem gewöhnlichen Alltagsleben entnommen, dem modernen Leben in seinen banalsten Momenten.

„Da wirkt es nicht unpassend, dass die vollständige Liste seines Lebenswerks in den allergewöhnlichsten Rechungsbüchern überliefert ist, wie sie in jedem normalen Schreibwarengeschäft erhältlich waren.

Publikationen, die die Gemälde Edward Hoppers umfassend oder in kleineren Zusammenstellungen zeigen, gibt es viele. Aber mit den Ledger Books, den „allergewöhnlichsten Rechnungsbüchern“, und damit zugleich mit dem Buch, um das es heute geht, hat es eine besondere Bewandtnis.

Nach ihrer Heirat 1924 begannen Edward Hopper und seine Frau Josephine (Jo) Nivison Hopper (auch eine Malerin), nach deren Fertigstellung alle von Edward geschaffenen Gemälde in einfachen Rechnungsbüchern zu dokumentieren. Das geschah in der Absicht, die geschäftliche Seite von Edward Hoppers künstlerischer Karriere festzuhalten. Dabei war das Führen solcher Verzeichnisse keine Erfindung des Paares; es orientierte sich stark an vergleichbaren Aufzeichnungen von Robert Henri, bei dem sowohl Hopper als auch seine Ehefrau studiert hatten. Aber auch Henris Bücher hatten Vorläufer: bekannt sind Notizbücher, die schon etliche Jahre früher Künstler wie Thomas Eskins oder Thomas Anshutz, Henris Lehrer,geführt hatten, um die Verkäufe ihrer Werke und die Ausstellungen, auf denen sie zu sehen waren, aufzulisten.

Das Neue an den Ledger Books von Henri und vor allem von Edward Hopper aber war, dass sie es nicht bei reinem Text beließen. Beide fügten den Beschreibungen Zeichnungen ihrer Gemälde hinzu. Während aber Henri zu seinen Aufzeichnungen gleichsam warnend anmerkte, bei den  Zeichnungen handele es sich „um rasch hingeworfene Skizzen, die lediglich dazu dienen, einen allgemeinen Eindruck von ihrer Komposition und ihrem Charakter zu vermitteln“, ging Edward Hopper wesentlich penibler ans Werk. Er zeichnete die Illustrationen zu den Einträgen im Ledger Book, so berichtet Deborah Lyons, nie ohne einen exakt gezogenen, die Proportionen beachtenden Rahmen, und er zeichnete sie mit Bleistift vor und führte sie dann mit Feder und Tusche aus. Mit den Jahren entwickelten sie sich, so wiederum Deborah Lyons – und das sehen wir an den in diesem Buch präsentierten Ledger Book-Seiten – zu einer eigenständigen Kunstform.

Während das Erstellen der Zeichnungen ausschließlich Sache Edward Hoppers war, überließ er die Bildbeschreibungen und das Hinzufügen weiterer Informationen über das Werk weitestgehend seiner Frau. Die meist kurzen und knappen handschriftlichen Einträge in den Ledger Books stammen also ganz überwiegend von ihr.  Sie nutzte sie, um nicht nur Angaben über Entstehungszeit, Farben, Motive, Besonderheiten, Verkaufspreis etc. zu machen, sondern immer wieder einmal und nach Belieben auch persönliche Anmerkungen einzuflechten oder kleinere Begebenheiten oder Anekdoten rund um das Werk hinzuzufügen.

Solch ein Eintrag im Ledger Book liest sich dann beispielsweise so (Auszug): Gas 26 x 40. Am 9. Oktober 1940 nach N.Y. gebracht, bei hastiger Rückreise nach Hause, wegen Eintragung in die Wählerliste für Wilkie. Beendet im September 1940. Spätes Zwielicht. Hängendes Schild ‚Mobiloil‘ – weiß mit rotem Pferd, von oben beleuchtet … Licht auf schlämmkreidefarbenen Boden werfend. Straße dunkelgrau …“

Bei ihren Notizen kam Jo zugute, dass sie selbst auch Malerin war – sowohl Lyons als auch Brian O’Doherty (s.u.) weisen darauf hin, dass Bildbeschreibungen ein durchaus schwieriges Unterfangen sind.

Neben der sehr informativen Einführung durch Deborah Lyons enthält dieses Buch hier einen weiteren einleitenden Text aus der Feder von Brian O’Doherty, einem Künstler, Kunstkritiker und langjährigen Freund der Hoppers. Auch dieser Beitrag ist sehr lesenswert, nicht zuletzt, weil er recht persönlich gehalten ist, auf Alltäglichkeiten eingeht, uns dabei auch zu erkennen gibt, wie unterschiedlich „gestrickt“ die Eheleute Edward Hopper  und Jo Nivison waren, wie schwierig die Ehe war, die das Paar führte. O’Doherty macht das – ob berechtigt oder nicht, kann ich nicht beurteilen, aber tendenziell scheint das auch bei Deborah Lyons durch –  vor allem an Charakter und Temperament von Ehefrau Jo fest, weiß ihren wichtigen Beitrag am Entstehen der Ledger Books  aber dennoch zu schätzen: „… als Schriftführerin der Bestandsbücher  zeigt sie sich in ihrem besten Licht.“

Die Ledger Books wurden nach der Heirat 1924 von Jo begonnen (wobei bereits  früher entstandene Werke Hoppers nachgetragen wurden) und bis zu Edwards Tod 1967 weitergeführt. Schließlich waren drei vollständig gefüllte Rechnungsbücher sowie zwei weitere unvollständige Bände entstanden, wobei einer dieser beiden ausschließlich Hoppers Radierungen vorbehalten war. Die Bücher gehören heute zu den Beständen des Whitney Museum of Amercian Art. Jo Nivison Hopper starb 1968, wenige Monate nach Edward Hopper.

Das sehr schön gestaltete Buch hier enthält eine Auswahl aus den Ledger Books. Auf der linken Seite wird jeweils der Ledger Book-Eintrag (Zeichnung und handschriftlicher Text) gezeigt, auf der rechten Seite findet sich eine Abbildung des betreffenden Gemäldes, darunter die Übersetzung der Texteinträge Jo’s im Rechnungsbuch. Eine Biografie Edward Hoppers schließt das Buch ab.

Fazit? Dass ich von diesem Buch sehr angetan bin, dürfte  längst deutlich geworden sein. Für Edward Hopper-Fans ist es ein Muss, für Leser/innen, die an Kunst und Kunstgeschichte interessiert sind oder einfach nur Hopper als Zeichner kennenlernen möchten, ist es eine reizvolle, ungewöhnliche und wichtige Informationsquelle.

Statt weiterer Worte von mir zitiere ich abschließend lieber noch einmal  Deborah Lyons. In der Schluss-Passage ihres Beitrags heißt es sehr schön:

Die Hopper’schen Bestandsbücher mit ihren Auszügen aus Gesprächen und den im Plauderton erzählten Anekdoten zu Gemälden, die inzwischen den Status von Ikonen haben, besitzen einen Reiz, der über ihren offensichtlichen dokumentarischen Wert und sogar über den der so beeindruckend gezeichneten Wiedergaben von Hoppers Meisterwerken hinausreicht. In der Zweisamkeit ihres gemeinschaftlichen Unternehmens haben Edward und Jo Hopper ein Kunstwerk geschaffen, das es uns erlaubt, uns unsichtbar und auf Zehenspitzen  durch Hoppers Atelier zu bewegen und einen heimlichen Blick ins Privatleben  und den Alltag eines der bedeutendsten Künstler Amerikas zu werfen.

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Edward Hopper: Gemälde & Ledger Book-Zeichnungen
Verlag Schirmer/Mosel 2012, 152 Seiten

12 Kommentare zu „Edward Hopper – Gemälde & Ledger Book-Zeichnungen

    1. Dass ein Künstler nach getaner Arbeit noch eine kleine detailgenaue Zeichnung seines Gemäldes erstellt, um das Werk in einem Rechnungsbuch festzuhalten, ist schon eine Besonderheit. Zusammen mit den Beschreibungen seiner Frau ist so mit den Jahren ein wunderbares Verzeichnis der Werke Hoppers entstanden. Das von mir hier vorgestellte Buch vermittelt davon einen hervorragenden Eindruck.

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