Art Spiegelman: Küsse aus New York

Titelbilder und Zeichnungen für den „New Yorker“

Ein Autor, der sich in kraftvollen, prägnanten Sätzen ausdrückt; und ein Provokateur mit einem feinen Sinn für Humor in seiner schonungslosesten und bissigsten Form. Ein Mensch, der diese Gaben in sich vereint und sie in den Dienst eines tiefen gesellschaftlichen Verantwortungsbewusstseins stellt, kann in der Welt eine deutliche Spur hinterlassen. Und genau das hat Art Spiegelman in den zehn Jahren seiner Tätigkeit für den New Yorker getan …“

So äußert sich der Schriftsteller Paul Auster im Vorwort zu dieser Publikation über den Mann, dem ich hier nach der Vorstellung seiner den Comic revolutionierenden Graphic Novel Maus heute einen weiteren Beitrag widme.

spiegelman-kuesse-aus-new-york-artikelbildDer „New Yorker“ ist ein seit 1925 erscheinendes US-amerikanisches Magazin, das im Laufe der Jahre Höhen und Tiefen erlebt hat. Spiegelman beschreibt die Zeitschrift, zu der er ein ambivalentes Verhältnis hatte, in einem etwas bissig angelegten „Crashkurs“ als ein schon immer „nobles Blatt“, ein stolz präsentiertes Gemisch aus Eleganz, Kultiviertheit und Zeitgeist.

Wie auch immer – das Blatt ist bekannt für seinen seit eh und je hohen Anteil an Comics und  berühmt für seine – ein Novum – gezeichneten (!) Titelbilder. Viele renommierte Zeichner haben für die Zeitschrift gearbeitet; die hierzulande bekanntesten dürften neben Art Spiegelman wohl Jean-Jacques Sempé und Ronald Searle  sein. Inwieweit deutsche Künstlerinnen oder Künstler mit ihren Arbeiten beim „New Yorker“ „landen“ konnten, weiß ich nicht. Bekannt ist mir nur, dass Birgit Schössow (Hinweis in dem von ihr illustrierten „Schischyphusch“ von Wolfgang Borchert, s. Beitrag hier ) erfolgreich für den „New Yorker“ gearbeitet hat.

Es war die damalige neue Chefredakteurin des „New Yorker“, Tina Brown, die Anfang der neunziger Jahre Art Spiegelman mit dem Ziel zur Mitarbeit gewinnen konnte, die als mittlerweile doch etwas langweilig empfundenen Cover-Illustrationen der Zeitschrift aufzupeppen. In den 10 Jahren seiner Zusammenarbeit mit dem Blatt hat Spiegelman etwa 70 Arbeiten produziert, darunter ca. 40 Titelillustrationen. Die Zusammenarbeit war längst nicht immer leicht, denn Spiegelman ist ein eigenwilliger Künstler, der zuspitzt, der provoziert, der aneckt. Schon um die Veröffentlichung von „Küsse aus New York“, seinem ersten Titelbild für den „New Yorker“ (s. Bucheinband), musste er in der Redaktion kämpfen, und er löste in der Öffentlichkeit mit seiner Zeichnung heftige Reaktionen aus.

Es war der Valentinstag des Jahres 1993, als das Magazin mit Spiegelmans Titelbild in den Handel kam.

In einem in dem Magazin mit abgedruckten Kommentar – „der Abdruck einer Rechtfertigung im Heft war ein noch nie dagewesener Vorgang und erregte ebenso viel Aufsehen wie das Cover selbst“ (Art Spiegelman) – schrieb Spiegelman:

„Diese sinnbildliche Umarmung ist meine Valentinskarte für New York, ein Kuss als Zeichen meines Wunsches nach Versöhnung zwischen scheinbar unüberbrückbaren Gegensätzen.“

Das Gute an diesem Buch hier ist nicht zuletzt, dass Spiegelman die zahlreichen vorgestellten Blätter (manche Entwürfe wurden von der Redaktion auch abgelehnt) kommentiert, ihr Zustandekommen erläutert, Hintergründe über uns oftmals heute nicht (mehr) präsente politische und gesellschaftliche Ereignisse, die der Auslöser waren, darstellt. So gingen, um ein besonders wichtiges Beispiel anzuführen, den „Küssen aus New York“ heftige Unruhen in Crown Heights voraus, wo ein orthodoxer Jude ein schwarzes Kind überfahren hatte, woraufhin die Schwarzen einen Juden lynchten. Die Ereignisse in Brooklyns Armenviertel lagen zu dem Zeitpunkt des Erscheinens der betreffenden Ausgabe des „New Yorker“ zwar schon einige Monate zurück, aber die Zeichnung sorgte für enormen Wirbel und führte zu Protesten von so ziemlich allen Seiten. So etwas war man von dem etwas altbackenen Magazin nicht gewohnt.

Mein Fazit: „Küsse aus New York“ ist nicht nur ein „Muss“ für alle Art Spiegelman-Fans. Die Arbeiten des Künstlers sind für jeden wichtig, betrachtens- und nachdenkenswert, der als aufmerksamer Beobachter durchs Leben geht, der reflektiert, wenn nötig kritisiert und protestiert, aber auch Provokationen aushält. Die Zeichnungen sind eindrucksvolle künstlerische Zeugnisse, Dokumente des Zeitgeschehens und ein Stück Pressegeschichte zugleich.

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Art Spiegelman
Küsse aus New York
Titelbilder und Zeichnungen für den New Yorker
Zweitausendeins 2003

2 Kommentare zu „Art Spiegelman: Küsse aus New York

  1. Liebe Ingrid,
    ein hochinteressanter Beitrag. Der „New Yorker“ ist mir natürlich ein Begriff, und v.a. auch die gezeichneten Titelbilder – aber ich habe mich nie näher damit beschäftigt. Was, wie man an „Küsse in New York“ sieht, ein Versäumnis ist – danke für die Hintergrundinformationen insbesondere zu diesem Bild.

    Gefällt 1 Person

    1. Den „New Yorker“ gibt es ja immer noch, und man arbeitet nach wie vor mit gezeichneten Titelbildern. Stark. Im übrigen imponiert mir die „alte Tante“ im Moment sehr mit ihren dezidiert Trump-kritischen Positionen, wie man bei Twitter gut nachverfolgen kann.

      Gefällt 1 Person

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