Art Spiegelman: Maus

Die Geschichte eines Überlebenden

Manchmal muss man das Buch für einen Moment aus der Hand legen: Manche Szenen aus den Konzentrationslagern Auschwitz und Birkenau sind einfach zu grausig, zu unfassbar, um einfach fortzufahren. Da hilft es einem als Leser/in auch nicht, dass Art Spiegelman „die Geschichte eines Überlebenden“, seines Vaters nämlich, wie eine spiegelman-maus-artikelbild1 Fabel erzählt, indem er Menschen in Tiere verwandelt hat: Juden zeichnet er als Mäuse, Nazis als Katzen, Polen als Schweine, Amerikaner als Hunde etc.; um über die eigene Identität hinwegzutäuschen, eine andere Identität vorzugeben, tragen die Akteure oft eine Maske über ihrem Tiergesicht. Für Spiegelman war diese Art der Darstellung ein Hilfsmittel, um das Unerträgliche, Unsägliche auszudrücken, das seine jüdischen Eltern (und fast alle von deren Angehörigen) während der Naziherrschaft erleben mussten.

Beide Elternteile, nicht jedoch der jüngere Bruder, haben die Pogrome, haben Auschwitz und Birkenau, überlebt. Nach einem Zwischenaufenthalt in Stockholm – hier wurde Art Spiegelman 1948 geboren – konnte die Familie nach Amerika auswandern. Die Mutter, Anja Spiegelman, verübte 1968 Selbstmord, ohne auch nur einen Brief zu hinterlassen. 1972 begann Art Spiegelman, die Gespräche mit seinem Vater Wladek über die Erlebnisse der Familie zur Zeit der Judenverfolgung in Polen und die grauenhafte Zeit in Konzentrationslagern aufzuzeichnen. Er präsentiert sie uns in „Die Maus“ in Comic-Form.

Neben der zeichnerischen und textlichen Darstellung der Holocaust-Erfahrungen seines Vaters gibt es zwei weitere Ebenen in der „Maus“; diese insgesamt drei Erzählebenen werden immer wieder gewechselt, und so entsteht eine gelungene Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Auf der zweiten Erzählebene erfahren wir, wie sich das Nachkriegsleben der Eltern gestaltete, vor allem aber, wie schwierig das Vater-/Sohn-Verhältnis war. Verstört erleben wir, wie sich Wladek Spiegelman, der sich während der Naziherrschaft so bravourös, so mutig, so hilfsbereit verhalten hat, nun als extrem kleinkariert, als geizig, autoritär, ja auch als rassistisch erweist. Ein verbitterter, im Grunde einsamer Mann, der seiner ersten Frau nachtrauert und seine zweite Frau dermaßen schikaniert, dass sie ihn schließlich verlässt.

Der dritte Strang zeigt uns, wie der Sohn damit kämpft, die Geschichte seiner Eltern zu verkraften. Und er zeigt uns einen Art Spiegelman, den die Zweifel plagen, ob es ihm, einem Zeichner, überhaupt gelingen kann, die Geschichte eines Holocaust-Überlebenden zu Papier zu bringen.

Ich glaube, es ist irgendein Schuldgefühl, ein leichteres Leben als sie gehabt zu haben.

Ich fühle mich dem Versuch nicht gewachsen, eine Wirklichkeit zu rekonstruieren, die schlimmer war als meine schwärzesten Träume. Und das dann auch noch als Comic Strip!

(Art Spiegelman im Gesräch mit seiner Frau Françoise – Seite 174)

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Erste „Maus“-Comics erschienen in dem von Spiegelman und seiner Frau Françoise Mouly gegründeten Magazin „Raw“. 1989 kam in den USA der erste Band heraus, 1991 folgte der zweite. Beide wurden Bestseller. Die sofort aufkommenden Debatten darüber, ob es zulässig sei, die Geschehnisse des Holocaust in dieser Form darzustellen, sind , so mein Eindruck, verstummt. „Die Maus“ gilt heute als Meilenstein in der Geschichte der Graphic Novel; sie liefert den überzeugenden Beweis, dass wir es hier mit einer Kunstform zu tun haben, die auch ernsteste Themen angemessen darstellen kann. 1992 wurde Spiegelman für „Die Maus“ – ein Novum – mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

„Maus“ ist ein absolut empfehlenswertes Buch, eines, das nachwirkt, das einen auch nach der Lektüre noch beschäftigt. Es ist ein Buch, das mit seinen schwarz-weiß gezeichneten Bildern und dem dichten Text nicht „nur“ die Geschichte eines Überlebenden des Holocaust vermittelt, sondern eins, das gleichzeitig eine eindringliche Mahnung an die nachfolgenden Generationen, also uns, darstellt. Jetzt, in dieser Zeit, wohl ganz besonders.

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Art Spiegelman
Die vollständige Maus
Fischer Taschenbuch , 10. Auflage 2015, 296 Seiten
(“Die vollständige Maus” fasst die beiden ursprünglich bei Rowohlt erschienenen Bände in einem Buch zusammen.)

Eine weitere Besprechung findet sich im Blog Muromez.

4 Kommentare zu „Art Spiegelman: Maus

  1. Als das Buch damals in die Buchhandlung kam, entschieden mein Kollege und ich, es sofort an den Verlag zurückzuschicken. Wir fanden diesen Umgang mit dem Thema Konzentrationslager schockierend und geschmacklos, kannten aber auch noch keine Graphic Novels. Inzwischen haben sich die Sehgewohnheiten des Publikums geändert. Ich empfinde es immer noch als schockierend, aber das ist auch gut so! Vielleicht ist die Graphic Novel ja die eine geeignete Kunstform, um auch junge Leser zu erreichen.

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    1. Das kann gut sein, denn ich kenne die „Maus“ von meinen Schülern. Die kamen schon Mitte der 1990er Jahre mit dem Comic in der Tasche in die Schule und zeigten es mir begeistert. Und ich war so skeptisch wie Du und habe erst einmal gesagt, dass es doch nicht gehe, den Holocaust als Comic darzustellen und dann noch in das Tierreich zu verlegen. Ja, da ging ja erst einmal ein Argumentationsgewirtter über mir hernieder! Und mitnehmen und zu Hause in Ruhe anschauen muste ich die „Maus“ auch. Und nun ist der Comic/die Graphic Novel schon ein Klassiker!
      Viele Grüße, Claudia

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      1. Hallo Claudia, wie ich schon in meiner Antwort an Petra Wiemann formuliert habe, muss letztlich jeder für sich entscheiden, ob er die Verarbeitung der Schrecknisse des Holocaust in dieser Form akzeptiert oder nicht. Generell ist es aber auch wohl so, dass es hier in Deutschland ganz anders als zum Beispiel in Frankreich (immer noch) viele Vorbehalte gegen Comics (und Graphic Novels) überhaupt gibt, die als trivial angesehen werden. Das kann man m. E. so pauschal aber nicht sehen. Es gibt solche und solche, und die „Maus“ ist der absolut ernsthafte Versuch Spiegelmans, eine Ausdrucksform zu finden, die seinem Anliegen trotz eigener Besorgnisse einigermaßen gerecht wird. Ein schönes Wochenende, Ingrid

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    2. Wie man einem der beiden Zitate entnehmen kann, hat Art Spiegelman ja selbst mit sich gerungen, die richtige Form für die Darstellung des Grauens zu finden. Letztlich muss es jeder mit sich selbst ausmachen, ob er die Verarbeitung des Holocaust als Comic bzw. Graphic Novel akzeptiert oder nicht. Für mich – ich gehöre längst nicht mehr zu den jüngeren Lesern – ist die „Maus“ jedenfalls ein sehr ernstzunehmendes Buch, das weder niedlich noch verniedlichend ist, sondern d a s Medium nutzt, das der Zeichner Art Spiegelman beherrscht.

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