Bilderbogen aus Neuruppin

Es wird Zeit, dass ich mich nach langer Pause mal wieder meiner „alten Liebe“, den Bilderbogen, zuwende. Schließlich wusste man schon in der Bilderbogenfabrik von Gustav Kühn in Neuruppin zu reimen:

Vertraute Liebe weichet nicht. Sie hält gewiß was sie verspricht.

bilderbogen-vertraute-liebe

Möglicherweise hat hier der Chef selbst gedichtet (und gezeichnet). Jedenfalls ist das bei vielen von Gustav Kühn verlegten Bilderbogen der Fall. Darin unterscheidet Kühn sich deutlich von seinen  Mitbewerbern. Neben dem vom Vater Johann Bernhard Kühn übernommenen Unternehmen – dort hatte zum Ausgang des 18. Jahrhunderts der erste Neuruppiner Bilderbogen das Licht der Welt erblickt –   existierten in Neuruppin  im wesentlichen zeitgleich  die Firma Oehmigke & Riemschneider und – über einen kürzeren Zeitraum – die von Friedrich Wilhelm Bergemann.

Diese geballte Präsenz, verbunden mit einem hohen Ausstoß an Bilderbogen, machte das brandenburgische Neuruppin,  vielen Leserinnen und Lesern sicher als Geburtsort von Theodor Fontane bekannt, zu  d e m  Zentrum der deutschen Bilderbogenproduktion. Es gab auch andere bedeutende Produktionsstätten, vor allem Friedrich Campe in Nürnberg, Joseph Scholz in Mainz und Braun & Schneider in München. Aber führend war Neuruppin, das das Pendant bildete zu Epinal, dem französischen Zentrum der Bilderbogenproduktion mit dem Unternehmer Pellerin als Marktführer (s. Beitrag hier).

rockel-gustav-kuehnDie Bilderbogen sind natürlich ein Spiegel ihrer Zeit. Das muss man bedenken, wenn man sie aus heutiger Perspektive anschaut. Die Hersteller konnten aus einem praktisch unerschöpflichen Reservoir an Themen schöpfen. Die Stoffe kamen aus Religion, Historie, Geografie, Alltagsleben, (herrschende) Moral. Sie sprachen junge wie alte Betrachter an und dienten  der Erbauung, Unterhaltung, Belehrung und Information. Auch wurden sie gern genutzt, um sensationelle Nachrichten aus aller Welt aufzugreifen und bildnerisch zu vermitteln. Die Nähe zu Guckkastenbildern ist nicht zu verkennen. Aber auch die Verwandtschaft zu Kinderspielzeug aus Papier, Ausschneidebogen und dem Papiertheater ist unübersehbar.

Die Geschichte des Bilderbogens kann nicht losgelöst gesehen werden von der Geschichte der Bilderproduktion überhaupt und der populären Druckgrafik. Die Anfänge gehen zurück bis ins 14. Jahrhundert, als die sog. Briefmaler Amulett- und Gebetszettel zeichneten und kolorierten; es folgten die Einblattholzschnitte und Flugblätter des 15. und 16. Jahrhunderts. Doch Drucktechniken wie Holzschnitt und später Kupferstich ließen nur kleinere Auflagen zu. Die Erfindung der Lithografie machte die bunten volkstümlichen Bilder schließlich zu Massenprodukten. So ist es nicht verwunderlich, dass sie ihre Blütezeit im  19. Jahrhundert  erlebten.  Nach und nach aber wurden sie von Zeitungen und vor allem illustrierten Blättern zunehmend verdrängt.

Neuere Literatur zum Thema gibt es kaum. Einen schönen, aber knappen Überblick (allerdings mit relativ viel Anschauungsmaterial) liefert die Publikation „zu haben bei Gustav Kühn – Zur Geschichte der Neuruppiner Bilderbogen“ aus dem Jahr 1992. Die Autorin Irina Rockel war seinerzeit Leiterin des Heimatmuseums in Neuruppin; sie schildert die Entwicklung der drei oben genannten Bilderbogenproduzenten Gustav Kühn, Oehmigke & Riemschneider und Friedrich Wilhelm Bergemann (wobei sie auch das Thema Kinderarbeit für’s Kolorieren der Bögen nicht unter den Tisch kehrt).

neuruppiner-bilderbogenGanz auf das Kühn’sche Unternehmen konzentriert sich die Buch-Kassette „Neuruppiner Bilderbogen“, die viele Bilderbogen-Nachdrucke enthält. Dank des von Gertraud Zaepernick (wer das ist, wird nirgends erwähnt) verfassten Begleitbuchs kann man die Entwicklung der Firma ziemlich detailliert nachlesen und findet Informationen über den Umfang der Produktion oder über Stil und Technik sowie die einzelnen Gattungen (z. B. Religiöse Themen, Genrebilder und Illustrationen, Bildergeschichten und Bilderfolgen, Aktualitäten-Bilderbogen)  und einige andere Aspekte. Das Werk ist 1972 im VEB E. A. Seemann Buch- und Kunstverlag Leipzig erschienen. Ich habe nicht erst seit der Beschäftigung mit (Neuruppiner) Bilderbogen den Eindruck, dass man in der ehemaligen DDR dem Thema Papier/Papierspielzeug mehr Gewicht beigemessen hat als in der Bundesrepublik.

Beide vorgestellten Publikationen sind antiquarisch noch recht gut zu bekommen.

Wer im Internet in der Erwartung, dort Anschauungsmaterial zu finden, die beiden vielversprechenden Adressen museumneuruppin.de und neuruppiner-bilderbogen.de aufruft. wird enttäuscht werden.

Das Museum der Gemeinde verweist lediglich auf die Möglichkeit, im Rahmen seiner Dauerausstellung „die bunte Welt der Neuruppiner Bilderbogen kennen zu lernen“.

Die Seite „neuruppiner-bilderbogen.de“ führt gänzlich in die Irre. Sie hat mit dem gedruckten Medium „Bilderbogen“ nichts zu tun.

Damit das hier nicht zu sehr zu einer Trockenübung ausartet, habe ich eine kleine Bildergalerie erstellt. Die ausgewählten Bilderbogen stammen alle aus der Produktion von Gustav Kühn, da die oben vorgestellte Publikation „Neuruppiner Bilderbogen“ eine große Auswahl aussagekräftiger und interessanter Einzelblätter enthält, die das Einscannen erleichtern.

Zum Starten der Bildergalerie bitte Bild anklicken.

trennstrich-rot
Irina Rockel
zu haben bei Gustav Kühn
Zur Geschichte der Neuruppiner Bilderbogen
Kunst & Bild GmbH 1992, 60 Seiten

Gertraud Zaepernick
Neuruppiner Bilderbogen der Firma Gustav Kühn
VEB E. A. Seemann Buch- und Kunstverlag Leipzig 1972
(Begleitbuch zu einer Sammlung von Bilderbogen der Fa. Gustav Kühn)

14 Kommentare zu „Bilderbogen aus Neuruppin

  1. Hallo, das ist ein Test-Kommentar vom Cliqz Support. Wir versuchen gerade herauszufinden, warum Einige Probleme beim Kommentieren haben. Diesen Kommentar schicke ich mit dem aktivierten Cliqz Add-on Version 2.9.0 und dem Firefox Version 50.0.2. Viele Grüße, Lena – Cliqz User Support

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  2. Liebe Ingrid,
    ich bin es, Susanne!
    Nun funktioniert es wieder! Das AddOn CLIQZ, das aus irgendwelchen Gründen den Weg in meinen Firefox gefunden hatte, das weiss ich nicht. Angelblich soll man damit schneller browsen können. Ich erinnere mich nicht im geringsten daran, es installiert zu haben.
    Die Bilderbögen gefallen mir sehr gut, ich mag das Historische daran.
    Liebe Grüße von einer erleichterten Susanne
    P.S. Werde ich jetzt wieder als sichere Seite angezeigt?

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    1. Schön! Das freut mich doch sehr, dass es jetzt wieder mit dem Kommentieren klappt. Firefox signalisiert mir zwar immer noch durch das Warndreieck am Sicherheitsschloss neben Deiner Internetadresse, dass die Verbindung nicht sicher ist bzw. Teile der Seite nicht sicher sind, aber ich habe mittlerweile viele der von mir abonnierten Blogs durchgeklickt und bei manchen auch diesen Hinweis gefunden; dabei hatte ich nie Probleme mit diesen Blogs. Ich drücke also ganz fest die Daumen, dass das Problem nun dauerhaft gelöst ist.

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      1. Ich war auch sehr erleichtert, liebe Ingrid, guten Morgen, erst einmal. Dein Hinweis mit dem AddOn und das du den rot/grünen Punkt nicht hast, das hat mich auf den richtigen Weg geführt.
        Micha hat mir auch erklärt, warum meine Seite ein Warndreieck besitzt. Seit April gelten alle Links, die mit http statt mit https beginnen als unsicher. Da ich seit März 2009 blogge, habe ich auf meiner WordPress Seite knapp 400 solcher links, die nicht unbedingt unsicher sondern einfach nur „alt“ sind. Die Links funktionieren auf jeden Fall, aber ich werde jetzt nicht alle 2.796 Beiträge meiner Seite durchgehen und die http Links korrigieren. Ich muss dann leider damit leben, dass meine Seite als unsicher eingestuft wird.
        Einen schönen Tag dir von Susanne

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      2. Liebe Susanne, es freut mich, dass ich Dir (und indirekt auch mir) helfen konnte. Über die Einstufung als sichere oder teilweise unsichere Verbindung musst Du Dir, glaube ich, nicht wirklich Gedanken machen. Ich z.B. schreibe auch das (WordPress-)Blog der Gemeindebücherei Marienheide (bis vor kurzem mein Wohnort); auf meinem Rechner (Firefox) erscheint ein grünes Schloss (sichere Verbindung); wollen sich, wie ich inzwischen weiß, die Kolleginnen auf dem Bücherei-Rechner ( Internet Explorer) anmelden, kommt der Hinweis auf eine teilweise unsichere Verbindung. Verrückt … Ich hoffe, Du konntest heute unbeschwert von technischen Problemen arbeiten! Grüße, Ingrid

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