Marjane Satrapi: Persepolis

„Persepolis“ war die erste Graphic Novel, die ich kennengelernt habe. Allerdings, um genau zu sein, nicht in gedruckter Form, sondern als oscar-nominierten Animationsfilm. Ich war sofort begeistert, vor allem von Teil 1, in dem die Iranerin Marjane Satrapi ihre Kindheit in Teheran in der Zeit des politischen Umbruchs der 1980er Jahre erzählt. In Teil 2 geht es um ihre Jugend- und frühen Erwachsenen-Jahre.

Persepolis ArtikelbildJetzt habe ich mir – endlich – die Graphic Novel als Buch gekauft. Die beiden Teile gibt es mittlerweile zusammengefasst in einer Gesamtausgabe.

Und wieder bin ich begeistert.

Marjane Satrapi wuchs in einem links orientierten, wohlsituierten Elternhaus auf; die Eltern ließen ihrer Tochter ein hohes Maß an Freiraum. Es war die Zeit, in der das Regime von Schah Reza Pawlewi sich mit aller Gewalt an der Macht zu halten versuchte. Doch schließlich gelang die Revolution, für die auch die Familie Satrapi vehement eingetreten war. Doch die große Freude über den schwer erkämpften Sieg währte nicht lange. An die Stelle des verhassten Schahs und seiner Getreuen traten die radikalen Islamisten, die nun diejenigen brutal verfolgten, die Leib und Leben riskiert hatten (viele waren schon vorher umgekommen), um das alte Regime zu stürzen. Und die begannen, in der „Islamischen Republik Iran“ das alltägliche Leben im Land grundlegend umzukrempeln.

Erzählt wird diese Entwicklung aus der Perspektive des Mädchens Marjane. Die damals noch kleine Marjane ist ein pfiffiges, phantasievolles, ein wenig altkluges und ziemlich furchtloses Kind mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn, das versucht, die Welt um es herum zu begreifen. Viele Szenen in diesem ersten Teil sind berührend,  manche mehr als das (etwa wenn der geliebte Onkel in seiner Todeszelle vor seiner Hinrichtung noch einmal seine kleine Nichte sehen möchte), manche auch witzig und zum Schmunzeln. Beispiel:

Mit 6 Jahren will Marjane Prophetin werden, denn es stört sie, dass

– das Dienstmädchen nicht mit uns am Tisch aß
– Vater einen Cadillac fuhr (und vor allem)
– die Großmutter immer Schmerzen im Knie hatte.

Als Prophetin, davon war das Kind überzeugt, ließen sich solche Probleme leicht lösen; sie mussten nur verboten werden.

In der Schule verstößt die heranwachsende Marjane wiederholt gegen die strengen Regeln der islamistischen Revolution,  und sie nimmt kein Blatt vor den Mund.

Lehrerin: „Seit der Errichtung der islamischen Republik gibt es keine politischen Gefangenen mehr.“

Marjane: … „Dabei sind aus den 3.000 während des Schah-Regimes unter ihrem Regime 300.000 geworden. Wie können Sie uns so belügen?“

Einmal mehr ist ein Schulverweis die Folge. Den Eltern schwant Böses. Schließlich wird ihre Sorge  um Sicherheit und Leben der Tochter so groß, dass sie beschließen, die mittlerweile 14jährige nach Europa zu schicken. Damit beginnt Teil 2.

Die Wahl fällt auf Wien, weil dort eine (nicht hilfreiche, wie sich bald herausstellt) Freundin der Mutter lebt und es eine französisch-sprachige Schule gibt. Doch das junge Mädchen findet keinen Halt. Die Lebensweise der Europäer ist ihr fremd, und es gelingt ihr nicht, über flüchtige Begegnungen hinaus dauerhafte emotionale Beziehungen zu Menschen dort aufzubauen.

Je mehr ich mich um Integration bemühte, desto mehr hatte ich den Eindruck, mich von meiner Kultur zu entfernen, meine Eltern und meine Herkunft zu verraten, mich in ein Spiel hineinziehen zu lassen, das nicht das meine war.

Niemand interessiert sich wirklich für Marjane, ihre Probleme und die Schrecknisse, die sie im Iran nach der Machtergreifung durch die Islamisten und im bald darauf einsetzenden Iranisch-Irakischen Krieg erlebt hat und über die zu reden ihr ein Bedürfnis ist. Sie konsumiert Drogen (wie ihre „Freunde“) und landet schließlich obdachlos auf der Straße:

Zum Teufel mit meiner individuellen und sozialen Freiheit … Ich musste so dringend nach Hause.

Mit dem Einverständnis der Eltern kehrt Marjane zurück nach Teheran. Doch die Wiedereingliederung nach 4jähriger Abwesenheit verläuft nicht ohne Probleme: Schon bei den Kontrollen im Teheraner Flughafen („Hast Du etwas Verbotenes? Modezeitschriften, Kassetten, Alkohol, Schweinefleisch?“) spürt sie unmittelbar die repressive Atmosphäre in ihrem Land.

Ich war eine Westlerin im Iran, eine Iranerin im Westen. Ich hatte keine Identität. Ich wusste gar nicht, wozu ich noch lebte.

Marjane verfällt in eine tiefe Depression, hat Selbstmordabsichten, die sie aber nicht umgesetzt bekommt. Das versteht sie als Wink, und schließlich kommt der Lebensmut zurück. Sie beginnt ein Kunst- und Graphik-Studium.

Doch die ständigen Beschränkungen ihrer Freiheit durch die islamistischen Machthaber und deren Wächterrat mag die rebellische junge Frau nicht hinnehmen. Nach dem Scheitern ihrer kurzen Ehe kehrt Marjane Satrapi 1994 dauerhaft nach Europa zurück. Sie lebt in Paris und besitzt seit 2006 neben der iranischen auch die französische Staatsbürgerschaft.

Bei den vielen Zitaten oben könnte man fast vergessen, dass wir es hier mit einer Graphic Novel zu tun haben, bei der die Zeichnungen den Kern bilden. Marjane Satrapi hat sie durchgängig in schwarz-weiß gehalten und, so mein Eindruck, sie wirken gerade wegen ihrer Schlichtheit besonders ausdrucksstark.

„Persepolis“ (Erstpublikation 2000 – 2003, im französischen Original 4 Bände) ist heute einer der „Klassiker“ unter den Graphic Novels, und das mit vollem Recht. Es ist ein wunderbares Buch. Sie zeichne, wird Marjane Satrapi von Ijoma Mangold, Süddeutsche Zeitung, zitiert, ihre Familiengeschichte nicht für iranische Leser, sondern für jene westliche Welt, die gewissermaßen vor lauter Kopftüchern die Vielfalt der realen Gesichter des Iran nicht sehe (Klappentext). Ein absolut gelungenes Unterfangen, wobei diese ihre Intention nichts daran ändert, dass „Persepolis“ nach wie vor große Aktualität hat. Die repressive Lage im Iran seit der Machtübernahme von Ajatollah Chomeini ist im Prinzip unverändert, und ausgehend von der „Islamischen Revolution“ dort haben die rückwärts gewandten reaktionären islamistischen Kräfte in vielen Teilen der Welt ständig an Boden gewonnen – mit gravierenden Folgen sicher nicht nur, aber vor allem für Frauen.

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Marjane Satrapi
Persepolis
Gesamtausgabe: Edition Moderne 2014, 342 Seiten

Nach „Persepolis“ hat Marjane Satrapi weitere Bücher veröffentlicht, die ich aber (noch) nicht kenne: „Huhn mit Pflaumen“ (wurde auch verfilmt); „Der Seufzer“; „Sticheleien“.

6 Kommentare zu „Marjane Satrapi: Persepolis

  1. Der Film – obwohl ich auch kein Fan von Animationsfilmen bin – ist erstklassig. Und wie bereits geschrieben – allmählich machst Du mich ganz wild auch auf Graphic Novels, denen ich bisher eher skeptisch gegenüberstand …

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