Saison am Strand – 200 Jahre Badeleben an Nord- und Ostsee

Geradezu unglaublich muss den Lesern der „Göttingischen Zeitungen von Gelehrten Sachen“ vorgekommen sein, was dort 1751 aus England berichtet wurde: *

„daß sogar die erlauchten Fürsten aus dem Königlichen Stamme sich des Seewassers diesen Sommer bedienet haben … „

So etwas war zu dieser Zeit in Deutschland noch undenkbar.

Eine erste Initiative ging von dem Juister Prediger Gerhard Otto Christoph Janus aus. Im Sommer 1783 schlug er seinem Landesherrn, dem preußischen König Friedrich II., die Errichtung einer Badeanstalt auf der Insel Juist vor und pries in seiner Eingabe seine Erfahrungen hinsichtlich der segensreichen Wirkung des Seebadens. Doch der Vorstoß blieb ergebnislos.

Erfolgreicher agierte dagegen der Göttinger Physiker und Schriftsteller Georg Christoph Lichtenberg, der in den Jahren  1774 – 1775 auf einer Englandreise die Seebäder Margate und Deal besucht hatte. Den wohl entscheidenden Anstoß lieferte Lichtenberg etliche Jahre nach seiner Reise im „Göttinger Taschen Calender“ für das Jahr 1793 mit dem Aufsatz „Warum hat Deutschland noch kein großes öffentliches Seebad?“ Sein bevorzugter Standort lag im Raum Hamburg, aber die dortigen „spekulierenden Köpfe“, in die er große Hoffnungen gesetzt hatte, sahen nach Prüfung der Gegebenheiten nur Schwierigkeiten.

Saison am Strand ArtikelbildLichtenberg konnte es verschmerzen:  „Die Herren Hamburger mögen nun tun, was sie wollen. Bei Rostock kommt ein Seebad zu Stande … und die Sache ist schon völlig in Gang.“ So entstand in Doberan an der Ostsee 1794 das erste deutsche Seebad.

Nachzulesen ist dies und noch viel mehr in dem Buch „Saison am Strand“ – Badeleben an Nord- und Ostsee 200 Jahre“, dem Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung, die 1986 im Altonaer Museum in Hamburg gezeigt wurde.  Das schon etwas betagte „Schätzchen“ liefert einen interessanten und vor allem reich illustrierten Streifzug durch die Kulturgeschichte der Seebadereise.

In diversen Aufsätzen geht es um die historische Entwicklung, um Meerwasser als Medizin, um das Bild der badenden Frau in der Genrekarikatur der Jahrhundertwende und männlichen Voyeurismus, um die Freikörperkultur, um den Reiseverkehr vor allem mit der Eisenbahn, um die Auswirkungen des Tourismus auf das Landschaftsbild und um einige andere Aspekte.

Seinen ganz besonderen Reiz machen aber die ungemein zahlreichen Abbildungen aus:  Anzeigen, Plakate, Postkarten, Fotografien, Karikaturen, Chromolithographien, Arbeiten von bildenden Künstlern. Wir schauen uns die Bademoden an, Dinge, die zur Reiseausrüstung gehör(t)en, Strandmöbel, Souvenirs und fühlen uns in das Strand- und Badeleben einbezogen – vom Sandburgenbau bis zum Sonnenbaden und zu den Vergnügungs- und Unterhaltungsmöglichkeiten im Seebad.

Bei den Wetterverhältnissen der letzten Zeit mit schweren Überschwemmungen, heftigen Gewittern und stark schwankenden Temperaturen glaubt man es ja kaum: Es ist Badesaison! Und damit die richtige Zeit, einen Blick auf die Kulturgeschichte der Nord- und Ostseebäder von den ersten Anfängen im ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts zu werfen. Und darauf zu hoffen, dass es doch noch eine gute Saison wird. Allerdings sind Urlauber, die oft schon seit Jahren ihre Ferien an Nord- oder Ostsee verbringen, ja ohnehin abgehärtet und wissen (auch) mit schlechtem Wetter umzugehen.

Doch egal ob regelmäßiger oder gelegentlicher Besucher: mit diesem  noch recht gut antiquarisch erhältlichen Buch  und seinem reizvollen nostalgischen Rückblick im Reisegepäck lässt sich so mancher Regenschauer unterhaltsam überbrücken.

Der Bucheinband zeigt übrigens einen Plakatentwurf von F. K. Waechter, dem Künstler, den Stift und Schrift erst kürzlich hier vorgestellt hat.

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Saison am Strand
Badeleben an Nord- und Ostsee 200 Jahre
Koehlers Verlagsgesellschaft 1986, 192 Seiten

  • Einen Kommentar zu den Meldungen, die im Sommer 2016 von der Insel kommen, verkneife ich mir an dieser Stelle

 

20 Kommentare zu „Saison am Strand – 200 Jahre Badeleben an Nord- und Ostsee

  1. Ein sehr interessanter Beitrag! Eine Gruppe von Kultureinrichtungen in Bad Doberan und Heiligendamm organisiert jedes Jahr das „Historische Anbaden“ im Rahmen der AQUAnostra- das Wasserfest in Bad Doberan und Heiligendamm als Historienspiel mit Kostümen und Dialogen aus dieser Zeit. Zum nächsten Mal ist dies am 18.Juni 2017 zu sehen. Für Interessierte die Internetseite: http://www.aquanostra.de. Herzliche Grüße aus Bad Doberan Heidrun Klimmey

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  2. Und weil es so schön ist, gleich noch eine Ergänzung: Zur Zeit läuft im Schleusenpark Waltrop (Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur) die detailreich recherchiert und mit echtem Goldgräbergeist zusammengestellte Ausstellung: Reif für die Insel – Tourismus auf Sylt, Hiddensee und Mallorca.

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  3. Da hast Du wieder was Tolles ausgegraben, das ja auch zu sehr interessanten Diskussionen geführt hat 🙂 Ein ganz anderer Aspekt, der mir angesichts des Waechter-Bildes kommt: Früher war die Bademode vielleicht umständlicher und noch mehr Textil, aber irgendwie auch viel schöner 🙂

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    1. Die Ortschaft Ritzebüttel lag im Hamburger Amt Ritzebüttel, war also hamburgrisch und bekam 1816 ein Seebad, es lag ja auch an der See. Erst im Jahre 1872 schloß sich Ritzebüttel (ich mag den Namen) mit Cuxhaven zusammen.
      Viele Grüße aus dem Süden.

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      1. Ich dachte erst auch an Neuwerk oder Scharhörn, aber ein Blick in meine Werke zur Hamburgischen Geschichte (die Schwärmerei eines typischen Gebirgsmatrosen) belehrte mich eines besseren. 😉

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    2. Ich muss präzisieren: Lichtenberg hielt verschiedene Orte, u. a. Cuxhaven, für denkbar, aber in Hamburg waren offenbar Macht, Geld und Fachwissen vereint, um seine Idee umsetzen zu können: „Von Hamburg läßt sich alles erwarten. Diese vortreffliche Stadt mit ihren Gesellschaften könnte, verbunden mit Bremen, Stade, Glückstadt etc. schon allein einem solchen Bade Aufnahme verschaffen.“ Aber Hamburg zog nicht mit, und „das Projekt eines Hamburger Seebades an der Nordsee verlief im Sande.“

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  4. Liebe Ingrid,
    wenn das Wetter schon nicht nach „Badesaison“ ist, dann ist das Lesen Deines Beitrags und der Hinweis auf das Buch doch wenigstens ein kleiner Trost. Da können wir wenigstens gedanklich in der Badesaison verweilen :-). Und auch lernen, dass das Baden erst gegen Widerstände etabliert werden konnte.
    Viele Grüße, Claudia

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  5. Schade das ich diese Ausstellung versäumt habe, aber das Buch ( alleine schon wegen dem Titelbild) muss ich unbedingt haben.
    Wenn Du erlaubst, eine kleine – leider nicht so leichtlebige – aber interessante Ergänzung, denn nicht alle waren als Gäste willkommen:
    Frank Bajor, „Unser Hotel ist judenfrei“ – Bäder-Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert
    Fischer -tb. in der Schwarzen Reihe, 2003
    Zitat: „Eine vergleichbare Massierung antisemitischer Erholungsorte“ habe es „in keiner anderen deutschen Ferienregion“ gegeben…
    Das zeigt wie tief der Antisemitismus in der Gesellschaft bereits vor dem ersten WK verwurzelt war.
    Ich hoffen damit die Ferienstimmung nicht getrübt zu haben,
    LG Erich

    Gefällt 2 Personen

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