Joachim Ringelnatz – der unbekannte Maler

„War einmal ein Bumerang. Der Maler Joachim Ringelnatz kehrt zurück.“ – Ausstellung im Solinger Zentrum für verfolgte Künste

Seinen Büchern konnten die Nazis nicht beikommen. Joachim Ringelnatz war einfach zu bekannt und zu beliebt, als dass die „Säuberungen“ der 1930er Jahre wirklich hätten Schaden anrichten können. Seine Bücher wurden zwar verbrannt, und er wurde nicht in die Reichsschrifttumskammer aufgenommen. Aber seine Texte wurden von Rowohlt ununterbrochen publiziert, und es gab keine Zeit, in der Ringelnatz-Bücher nicht im Buchhandel erhältlich waren.

Ringelnatz Ausstellung

Bei seinen Bildern war der Zugriff weit einfacher. Sie waren nur einem kleineren interessierten Publikum bekannt. Und: Unikate lassen sich wesentlich effektiver und unproblematischer aus der Öffentlichkeit (und schließlich dem öffentlichen Bewusstsein) entfernen.

Dass der Maler Ringelnatz in Vergessenheit geriet, geht aber nicht allein auf das Konto der Nationalsozialisten.

Es ist auch die Nachkriegszeit und die jahrzehntelang ignorante Kulturlandschaft, die den ernsten Maler Ringelnatz nicht zur Kenntnis nehmen will. Zu anders, zu eigenständig, zu weit entfernt ist das, was er malt, von seiner beliebten Dichtung. Er liefert als Maler dem Publikum nicht den anarchistischen Entertainer. Wir wollen den lustigen, den tollkühnen Ringelnatz … wir wollen nicht mit unseren Urängsten konfrontiert werden.

– so Kurator Jügen Kaumkötter im Begleitbuch zu der ersten umfassenden Werkschau im Solinger Zentrum für verfolgte Künste.

Ringelnatz, der schon immer Illustrationen und Skizzen produziert hatte, begann Anfang der 1920er Jahre mit dem „ernsthaften“ Malen, und er verstand sich selber schließlich eher als Maler denn als Dichter. Seine erste Ausstellung in der renommierten Berliner Galerie Flechtheim 1923 verlief sehr erfolgreich, und sie war der Startschuss in eine vielversprechende künstlerische Zukunft.

Die Bilder boten tatsächlich etwas Neues. In einer bis dato unbekannten eiskalten Genauigkeit sezieren sie das Unbewusste des Menschen. „Traumwirklichkeit“ wird es später bei den Surrealisten heißen. Bei Ringelnatz sind es gefrorene Abgründe der menschlichen Seele. Fast möchte man meinen, die reale Verzweiflung des Seemanns im Anblick der unendlichen Wassermasse des Ozeans greifen zu können.  (Kurator Jürgen Kaumkötter)

Ringelnatz war nur eine kurze Zeitspanne vergönnt, um als Maler ein großes Werk zu schaffen. Er starb 1934. Die damaligen Verkäufe gingen fast ausschließlich in Privatsammlungen. Nur wenige Bilder „landeten“ in öffentlichen Einrichtungen. Sofern Museen überhaupt Werke von Ringelnatz besitzen, befinden sie sich oftmals vergessen im Depot.

213 Positionen umfasst das Werksverzeichnis. Etwa die Hälfte der Bilder gilt aber als verschollen. Um so beachtlicher ist es, dass es dem „Zentrum für verfolgte Künste“ gelungen ist, 50 Original-Kunstwerke nach Solingen zu holen. Die Hängung ist überwiegend nach

Joachim Ringelnatz: Dachgarten der Irrsinnigen

Joachim Ringelnatz: Dachgarten der Irrsinnigen

thematischen Gesichtspunkten erfolgt, etwa „Einsamkeit“, „Zweisamkeit“, „Die Welt von oben“ oder „Exotik“. És gibt Bilder darunter, die gehen einem so schnell nicht wieder aus dem Kopf, wie z. B. der „Dachgarten der Irrsinnigen“.

20 weitere Arbeiten werden im „Raum der verschollenen Bilder“ als Rekonstruktionen  gezeigt. Von etlichen weiteren Werken  des Malers Ringelnatz ist nichts weiter bekannt als deren Name – auch sie sind in der Ausstellung präsent: die Titel sind zur Erinnerung auf einer separaten Wand angebracht.

Die Idee für die Ausstellung entstand gemeinsam mit dem Ringelnatz-Biografen Hilmar Klute („War einmal ein Bumerang“), der neben Jürgen Kaumkötter als Ko-Kurator tätig wurde,  rund um die Zentrums-Eröffnung im Dezember 2015. Eine große Hilfe bei der Vorbereitung war Norbert Gescher-Ringelnatz. Der Sohn der Ringelnatz-Witwe hatte in Berlin eine Mappe mit Fotos der Werke verfügbar, aufgenommen in den 1930er Jahren.

Wer den „anderen“ Joachim Ringelnatz kennen lernen, sich mit seinem Werk als Maler vertraut machen will, sollte die einmalige Gelegenheit nutzen und sich auf den Weg nach Solingen machen. Nicht nur die Ringelnatz-Ausstellung, auch das Zentrum für verfolgte Künste selbst (ich glaube, es gibt , wenn überhaupt, wenige vergleichbare Einrichtungen) mit seiner Sammlung von Werken bildender Künstler, aber auch seiner Büchersammlung ist einen Besuch wert.

Und um noch mal auf Joachim Ringelnatz zurückzukommen: In der Literaturabteilung des Museums  wird gegenwärtig die Ringelnatz-Büchersammlung von Ralf Wassermeyer aus Lübeck präsentiert. Erstausgaben sind ebenso zu bewundern wie Widmungsexemplare. Da gibt es u. a. den „Simplicissimus“, für den Ringelnatz schrieb, oder die Bücher über Kuddel Daddeldu oder „Das geheime Kinder-Spiel-Buch“ sowie frühe Veröffentlichungen noch unter dem Namen Hans Bötticher.

Praktische Infos und Links:

Die Ausstellung „Joachim Ringelnatz: Der Maler kehr zurück“ ist noch bis zum 17. Juli 2016 im Kunstmuseum Solingen/Zentrum für verfolgte Künste zu sehen.

Informationen über die Ausstellung und das „Zentrum für verfolgte Künste“ finden sich hier.

In der ZDF-Mediathek kann man sich den interessanten Beitrag „Hilmar Klute über den Maler Ringelnatz“ ansehen (auch gut geeignet zur Vorbereitung auf den Ausstellungsbesuch).

Der Katalog zur Ausstellung ist vergriffen. Es gibt aber einen „Supplementband“ zu Hilmar Klutes Ringelnatz-Biografie mit dem Titel „Joachim Ringelnatz. Der Maler kehrt zurück“, der im Museum erhältlich ist und aus dem die Zitate weiter oben entnommen sind. Das Buch zeigt zahlreiche der in der Ausstellung präsentierten Bilder, von unterschiedlichen Persönlichkeiten beschrieben und kommentiert.

 

 

10 Kommentare zu „Joachim Ringelnatz – der unbekannte Maler

    1. Ich glaube, das ist den meisten Leserinnen und Lesern des Beitrags so ergangen; dass Ringelnatz auch ein und zuletzt vor allem ein Maler war, ist kaum bekannt. Mit der Ausstellung wird ein wichtiger Beitag geleistet, um das bildnerische Werk von Ringelnatz in Erinnerung (zurück) zu rufen. Grüße zurück, Ingrid

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  1. Liebe Ingrid,
    beeindruckende Bilder zeigst Du uns da. Auf dem „Dachgarten“ gibt es ja tatsächlich manches Merkwürdige zu entdecken. Und die Geschichte Ringelnatz´ als Maler kannte ich so natürlich auch nicht. Vielen Dank also für den tollen Beitrag.
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Liebe Claudia, wie schon in meiner Antwort an Susanne gesagt, verdanke ich den Hinweis auf die Ausstellung der „Ringelnatz-Expertin Birgit“ von Sätze & Schätze. Sonst hätte ich weder überhaupt von der Ausstellung gewusst noch den mir bis vor wenigen Tagen auch unbekannten „Maler Ringelnatz“ kennen gelernt. Das ist schon eine gleichermaßen überraschende wie auch beeindruckende Ausstellung im Zentrum für verfolgze Künste. Vielleicht ist das ja auch was für Dich – die Entfernung dürfte kein Problem sein. Einen schönen Rest-Sonntag! Ingrid

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  2. Danke, Ingrid, schade, dass Solingen nicht um die Ecke liegt. Ich wusste nicht, dass Ringelnatz sich auch bildnerisch ausgedrückt hat und bin nun wieder ein Stück schlauer.
    Liebe Grüße von Susanne

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    1. Ich verdanke mein Wissen und letztlich den Ausstellungsbesuch einem Hinweis von Birgit von Sätze & Schätze. Ringelnatz als Maler – und dann auch noch so anders, als wir ihn gemeinhin kennen – war mir bislang auch unbekannt. Grüße nach Berlin! Ingrid

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  3. Ach wie schön – die Spannung ist vorbei. Es freut mich, dass Dir die Ausstellung gefiel – und ein bißchen ist das jetzt für mich so, als wäre ich selbst dort gewesen. Das Zitat aus dem Begleitbuch ist sehr gut – das ist es ja auch, was Ringelnatz auch als Lyriker immer noch in die Humor-Ecke verschiebt: Man will seine Kindergedichte, die leichten Sachen – aber das Schwermütige, Abgründige, das er sowohl wohl in der Malerei als auch im Gedicht hatte, das wird eher beiseite geschoben. Ich danke jedenfalls für den schönen Beitrag (und die Post). Liebe Grüße und einen schönen Sonntag wünscht Birgit

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