Irène Némirovsky, Emmanuel Moynot: Suite française – Sturm im Juni

„Suite française“ ist ein in ihrem Nachlass gefundenes Werk der jüdischen, 1903 in Kiew geborenen Schriftstellerin Irène Némirovsky, die mit ihrer Familie vor der Oktoberrevolution nach Paris floh. Als im 2. Weltkrieg die deutschen Soldaten auf Paris zumarschierten, floh sie mit ihrer Familie in die Provinz. Am 13. Juli 1942 wurde sie verhaftet, kaum vier Wochen später starb sie in Auschwitz.

Nemirovsky Suite francaiseIm ersten Teil der „Suite française“ unter dem Titel „Sturm im Juni“ schildert die Autorin anhand einiger Beispielfamilien bzw. Paare die panische Flucht der Pariser Bevölkerung vor den einmarschierenden deutschen Truppen  bis zur Unterzeichnung des Waffenstillstands und der Rückkehr der Geflüchteten nach Paris. Unter dem Eindruck von Bombenhagel, Angst, Schmerz, Hunger und Konkurrenzkampf um Essen, Benzin und Übernachtungsmöglichkeit zeigen die Akteure ihr wahres Gesicht.

Als ich mir die Graphic Novel von Emmanuel Moynot kaufte, kannte ich den Roman noch nicht. Ich fand es deshalb eine gute Idee, Roman und Graphic Novel parallel zu lesen und so gleichzeitig die zeichnerische Umsetzung durch Moynot zu prüfen.

Die Veröffentlichung von Irène Némirovsky’s „Suite française“ 60 Jahre nach ihrer Niederschrift sorgte für Furore, und das Werk erntete viel Anerkennung. Woran, so frage ich mich, mag es liegen, dass mich der Roman (genau genommen Teil 1 Sturm im Juni – mehr habe ich noch nicht gelesen) nicht so wirklich gepackt hat? Vielleicht hätte Irène Némirovsky ihn noch überarbeitet, wenn ihr die Zeit dazu geblieben wäre? In der vorliegenden Form finde ich ihn etwas überladen, fahrig, weitschweifig.

Moynot Suite francaiseDieser Eindruck vom Original erklärt andererseits aber vermutlich auch, warum ich das, was der französische Zeichner Emmanuel Moynot daraus gemacht hat, als ausgesprochen positiv empfinde.

Moynot hält sich ziemlich genau an die Vorlage, stellt die Abläufe mit den vielen verschiedenen Strängen aber überschaubarer, konzentrierter dar. Seine Zeichnungen sind allesamt in Schwarz-Weiß gehalten; für die Grautöne hat Chantal Quillec gesorgt. Der Verzicht auf jeden freundlich wirkenden Farbtupfer ist der damaligen Zeit angemessen. Vielfach haben die Zeichnungen den Charakter von flüchtig hingeworfenen Skizzen, mit denen stimmig der in ständiger Bewegung befindliche Flüchtlingsstrom eingefangen wird. Die einzelnen Akteure sind dennoch gut herausgearbeitet. Der an den Beginn gestellte Überblick über die agierenden Personen in dieser vielschichtigen Geschichte ist für die Orientierung im übrigen sehr hilfreich.

Dem Verlag ist für seine Vorbemerkung zu danken, in der Leben und Werk der Autorin und die ungewöhnliche Entdeckungsgeschichte der „Suite française“ dargestellt werden.

Fazit: Mir geht es hier vorrangig um die Arbeit von Emmanuel Moynot. Die von ihm gestaltete Graphic Novel ist eine überaus gut gelungene Adaption. Für das Verständnis des Geschehens ist es nicht notwendig, das Original zu kennen.

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Informationen über Irène Némirovsky finden sich bei Wikipedia.

Emmanuel Moynot, geboren 1960 in Paris, versteht sich selbst als „Geschichtenerzähler“. Er hat mehr als 40 Bücher veröffentlicht, darunter „Tod eines Blauwals“ und in Nachfolge des legendären Jacques Tardi einige Bände der Nestor-Burma-Serie (Nester Burma ist ein Privatdetektiv in den Kriminalromanen von Léo Malet). Weitere Informationen (französisch-sprachig) über den Zeichner auf www.bedetheque.com.

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Irène Némirovsky
Suite française
BtB 2007, 512 Seiten

Emmanuel Moynot
Suite française – Sturm im Juni
Verlagshaus Jacoby & Stuart 2015, 220 Seiten

3 Kommentare zu „Irène Némirovsky, Emmanuel Moynot: Suite française – Sturm im Juni

  1. Die Herangehensweise finde ich gelungen – das Original und die Graphic Novel parallel zu lesen – ich denke auch, dass man nur mit Kenntnis des ursprünglichen Werkes die Qualität einer graphischen Umsetzung ermessen kann – oder bin ich dazu engstirnig? Zu Némirovsky: Ich hab, als ihre Bücher wiederentdeckt wurden, ein, zwei von ihr gelesen, aber ich konnte die große Begeisterung nie ganz nachvollziehen…

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  2. Ich habe Suite francaise auch gerade erst für mich entdeckt und gelesen. (Den Post findest du, wenn du magst, auch schon auf meinem Blog) Schade, dass dir das Original nicht so gut gefallen hat. Ich fand es unheimlich packend geschrieben. Auch wenn ich mich am Anfang ein bisschen sortieren musste, was die ganzen Personen betraf. Da kann man schon leicht mal den Faden verlieren.

    LG Britta

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    1. Bei mir, liebe Britta, wollte bei dem Original der Funke nicht so recht überspringen. Die Graphic Novel finde ich aber ausgezeichnet. Ich schaue gleich mal nach, was Du zu dem Roman geschrieben hast. Grüße, Ingrid

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