Shaun Tan: Ein neues Land

Die Kraft der Bilder: Nicht zufällig heißt es „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“. Sind sie gut gezeichnet, können bloße Bilder beeindruckende Geschichten erzählen. Und wenn die Bilder so aussagekräftig sind wie die von Shaun Tan, kommt die Geschichte sogar ganz ohne Worte aus.

Shaun Tan Ein neues LandShaun Tan, ein 1974 geborener australischer Autor und Zeichner, erzählt von einem jungen Familienvater, der Frau und Kind in der Heimat zurück lässt, um in einem neuen Land Arbeit zu suchen. Wo sich dieses neue Land befindet, bleibt bewusst offen. Es ist ein Produkt der Phantasie, die sich aus unterschiedlichen Quellen speist.

Dass man zunächst angesichts der Silhouette meint,  das Schiff mit den Auswanderern an Bord habe in Nordamerika angelegt, man sich aber bald wie im Nahen Osten oder in Asien fühlt, erklärt sich – auch – daraus, dass Shaun Tan sich hat inspirieren lassen von Erzählungen von Migranten aus verschiedenen Ländern und Zeiten – darunter auch sein Vater, der 1960 von Malaysia nach Australien kam. Verarbeitet hat er aber auch Ansichtskarten der Jahrhundertwende (19./20. Jahrhundert) aus New York oder Fotografien des Alltagslebens aus dem Nachkriegseuropa. Diese Vermengung macht das neue Land noch verwunderlicher, undurchschaubarer.

Kein Wunder: Der Einwanderer hat Mühe, sich in der Fremde, in der gigantischen Großstadt, zurechtzufinden. Es gibt nichts Vertrautes mehr. Er beherrscht die Sprache nicht, Ernährungsgewohnheiten, Sitten und Gebräuche sind fremd, selbst die Haustiere sind gewöhnungsbedürftig. Und dann das Heimweh, die Sehnsucht nach der Familie. Aber es finden sich in diesem fremden Land auch Menschen, die helfen, die zu Freunden werden.

Viel Phantasie ist in die Geschichte und vor allem in die Ausgestaltung einzelner Szenen eingeflossen, so dass man als Betrachter/in der Bilder immer wieder staunen muss, immer auf’s Neue fasziniert ist. Worte fehlen ganz; sie sind zum Verständnis auch nicht nötig. Man tut aber gut daran, sich Zeit zu nehmen – es gibt unendlich viel und bei jedem Durchblättern Neues zu entdecken.

Ich habe lange nicht mehr ein so schönes, ein so bewegendes Buch „gelesen“ wie diese Graphic Novel, die von Einsamkeit, Verzweiflung, Hoffnung, Freundschaft und – am Schluss – auch von (Wiedersehens-) Freude erzählt. Tan hat sie durchgehend in sehr gedämpften, meist bräunlichen Farben gezeichnet und vermittelt so auch durch die Farbgebung  das beängstigende Umfeld,  in dem sich der Einwanderer zurechtfinden muss.

Auswanderung ist keine Erscheinung nur unserer Zeit. Wohl schon immer waren Menschen auf der Suche nach einer sicher(er)en, einer besseren Zukunft für sich und ihre Familien und bereit oder genötigt, dafür ihr Land zu verlassen. Shaun Tan führt uns die Situation dieser Menschen ohne erhobenen Zeigefinger vor Augen, lässt uns sie, ihre Sorgen, Nöte, Ängste besser verstehen.

Aufmerksam geworden auf den mir bis dahin unbekannten Zeichner und auf „Ein neues Land“ bin ich durch eine bewundernswerte Buchvorstellung von Maren Wulf in ihrem Blog Von Orten und Menschen. (Dass die Einbände sich unterscheiden, liegt daran, dass mein Exemplar aus einer von der Süddeutschen Zeitung ausgewählten Sammlung beeindruckender Graphic Novels stammt.) Marens Beitrag empfehle ich nachdrücklich zur Lektüre.

Noch nachdrücklicher ist aber meine Empfehlung, sich in dieses wunderbare Buch zu vertiefen.

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Shaun Tan
Ein neues Land
hier: Süddeutsche Zeitung – Bibliothek 2012
Informationen über Shaun Tan auf seiner Homepage und bei Wikipedia.

15 Kommentare zu „Shaun Tan: Ein neues Land

  1. Liebe Ingrid,
    ich schließe mich Birgit an: wenn gleich zwei so begeisterte Besprechungen erscheinen, dann muss wohl auch ich, ein echter Graphic-Novel-Muffel (ich habe es ja mit Kleists „Traum von Olympia versucht), zu diesem Buch greifen und es noch einmal mit den Bildern versuchen. Außerdem passt die Geschichte ja auch sehr gut zu einem meiner Lese-Schwerpunkte. Vielen Dank also für die Empfehlung.
    Viele Grüße über die Berge, Claudia
    PS: Mit dem wordpress-support hat es auch ganz prima geklappt. Keine zwei Tage und schon war alles in Ordnung auf meinem Blog. Auch für die Anregung: vielen Dank!

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    1. Liebe Claudia, dieses Buch ist meines Erachtens auf jeden Fall einen weiteren Versuch in Sachen Graphic Novels wert: Lass Dich in dieses wirklich absonderliche neue Land entführen, nimm Dir Zeit beim Betrachten und, soweit überhaupt nötig, dechiffrieren der Bilder und begleite den Einwanderer (nachdem ich einige Fotos gesehen habe, finde ich, dass er dem Zeichner sehr ähnlich sieht), auf seinem schwierigen Weg in einer ihm völlig neuen fremden Welt. Und zu einem Deiner Lese-Schwerpunkte passt das Buch auf jeden Fall. Hier geht es zwar nicht um Flucht, aber der Gedanke an die hier ankommenden Flüchtlinge, die auch mit vielen vergleichbaren Schwierigkeiten zu kämpfen haben, drängt sich einfach auf.
      P.S.: Schön, dass die Umstellung auf „dasgrauesofa.com“ jetzt problemlos funktioniert.
      und noch ein P.S.: Ich werde in den nächsten Tagen einer Deiner Empfehlungen folgen und „Blauschmuck“ lesen.

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  2. Wie schön, liebe Ingrid! Ich freue mich riesig, dass dich der Bildband auch so begeistert und danke schön für den netten Link. – Wie sind die bei der SZ bloß auf einen blauen Einband gekommen…? 😉

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