Hanns-Josef Ortheil: Schreiben über mich selbst

Hanns-Josef Ortheil ist zweifellos ein kreativer Mensch. Nicht zuletzt, wenn es um die von ihm herausgegebene (und teilweise auch selbst verfasste) Buchreihe Schreiben über mich selbst„Kreatives Schreiben“ geht. Mittlerweile liegen hier 7 Bändchen vor. Manche sind thematisch eindeutig zuzuordnen, bei anderen ist eine inhaltliche Nähe gegeben, die fast zwangsläufig zu Überschneidungen, Überlappungen führt. So war etwa schon zwischen „Schreiben dicht am Leben“ (Autor Hanns-Josef Ortheil) und „Schreiben Tag für Tag – Journal und Tagebuch“ (Verfasser Christian Schärf) eine klare inhaltliche Trennung nicht immer durchzuhalten. Im vergangenen Jahr ist noch „Schreiben über mich selbst- Spielformen autobiografischen Schreibens“ hinzugekommen. Schon bei den beiden erstgenannten Titeln wurde die Ausdifferenzierung so weit vorangetrieben, dass sie manchmal an Haarspalterei erinnerte, und auch bei „Schreiben über mich selbst“ sind die Unterschiede innerhalb der einzelnen Textprojekte oft nur noch schwer auszumachen.

Der Aufbau dieses Buches entspricht dem der anderen Bände der Reihe. Meist ist es ein einzelner bekannter Autor, gelegentlich sind es in einem Kapitel auch zwei, deren Veröffentlichung (z.B. Tagebuchaufzeichnungen)  als Beispiel für eine bestimmte „Spielform“ autobiografischen Schreibens präsentiert und anhand von kurzen Auszügen veranschaulicht wird. Dann folgen von Ortheil formulierte Schreibaufgaben.

„Schreiben über mich selbst“ gliedert sich in 5 Textprojekte: „Ego-Dokumente mündlich“  (mit u.a.  3 Varianten „Sich befragen lassen“ und einem Punkt „Sich gegenseitig befragen“); Ego-Dokumente schriftlich (u. a. „Magische Wörter finden“ und „Stabile Wörter finden“).; „Selbstporträts“ (mit Foto, mit Musik, mit Körperteilen …); „Zeitmomente der Kindheit“ (u.a. „Kindheitsszenen“, „Früheste Erinnerungen“, „Kindheitswelten“, „Ein Gang durch die Kindheit“);  „Zeitphasen des Lebens“ (u. a. „Die Familie“, „Große und kleine Natur“, „Ein Brief an die Enkel“). Es geht also teilweise um kleinste Nuancen. Manches scheint mir doch recht bemüht, weit hergeholt zu sein. Das ist die eine Seite der Medaille.

Auf der anderen Seite präsentiert Ortheil auch „Vorbilder“, die – geht man an das Buch mit entsprechender Motivation, selbstbiografisches Material zu erarbeiten, heran –  durchaus anregenden Charakter haben oder haben können.  Letztlich ist dieses Buch (wie auch die anderen Veröffentlichungen der Reihe)  als Angebot zu verstehen, als Sammlung von Anregungen,  die man ausprobieren, an deren Schreibaufgaben man sich versuchen kann, um die einem gemäße Form zu finden.

Die praktische Umsetzung der „Schreibaufgaben“ dürfte bei den Textprojekten  „Ego-Dokumente mündlich“  insofern nicht so ganz einfach sein, als  hier Partner/innen gefordert sind, die man gut kennt, zu denen man Vertrauen hat. Außerdem müssen die in den „Befragungen“ gemachten Äußerungen aufgezeichnet und anschließend abgeschrieben werden. Der Aufwand ist relativ groß, und nicht jeder hat ein Diktiergerät in der Schublade, nicht jeder hat wie Andy Warhol eine Sekretärin zur Verfügung, der man per Telefon diktieren kann, was man im Rahmen eines Projekts festhalten möchte, nicht jeder hat  wie Samuel Beckett einen Stenografen zur  Verfügung, den man bei Bedarf herbeizitieren kann.

Wer ernsthaft „Spielformen des autobiografischen Schreibens“ erproben möchte, muss sich also schon anstrengen, um zu Ergebnissen zu kommen. Ortheil  selbst sagt in seinem Nachwort klipp und klar – und das gilt grundsätzlich:

„Autobiografisches Schreiben kostet Zeit, und genau das ist ein Problem. Wer nicht kontinuierlich und regelmäßig schreibt, kann es gleich lassen. Denn autobiografische Texte sterben ab und trocknen aus, wenn sie nicht unablässig ergänzt und weitergeführt werden.“

Was mich selbst angeht, ist der Funke nicht so recht übergesprungen. Als „Verführer zum Schreiben über sich selbst“ (Einbandtext) hat sich das Buch jedenfalls in meinem Fall nicht erwiesen. Vereinzelte Textprojekte und Schreibaufgaben haben zwar Interesse geweckt, aber keinen wirklichen Schub ausgelöst.. Es fällt mir deshalb nicht besonders schwer, Ortheils Rat zu folgen und es mit dem autobiografischen Schreiben gleich bleiben zu lassen.

Vielleicht liegt  mein  verhaltener Umgang mit dem Buch daran, dass ich mit eher grundsätzlichem Interesse  und weniger mit dem Drang, autobiografisches Material zu entwickeln, an die Lektüre herangegangen bin. Jemand, der von vornherein explizit die Absicht hat, über sich selbst zu schreiben, mag – das will ich gar nicht ausschließen –  eher Nutzen daraus ziehen.

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Hanns-Josef Ortheil
Schreiben über mich selbst
Spielformen des autobiografischen Schreibens
Duden / Bibliographisches Institut 2014, 160 Seiten

8 Kommentare

  1. Komme hier gerade vorbei und freue mich sehr, dass ich schon mal auf ein gewisses Interesse bei euch bauen kann 😉 Und ja, ich denke tatsächlich, dass ich den unzähligen Schreibratgebern einen weiteren hinzufügen sollte. Was daran neu ist? Dass er funktioniert … Denn das ist ja das Erstaunlichste an der Sache: die TN in meinen Werkstätten haben oft halbe Regalbretter voller Ratgeber, aber sie nutzen sie nicht, blättern vielleicht einmal darin, aber sie „arbeiten“ nicht wirklich damit. Würde ich auch nicht. Ich habe zu keinem Zeitpunkt meines Schreibens Lust gehabt, „Aufgaben“ zu erledigen, sondern ich wollte immer „Texte schreiben“. Und deswegen ist m. E. ein ganz entscheidender Punkt, Schreibanregungen zu entwickeln, die im günstigsten Fall der Leserin, dem Leser das Gefühl geben: Jetzt hätte ich gerne einen Stift in der Hand und eine halbe Stunde Zeit, um sofort loszulegen … Das ist jetzt nur EIN Aspekt an der Sache, aber irgendwie kommt mir die Frage der Schreibfreude, der Förderung einer (halbwegs) mühelosen Schreibpraxis oft zu kurz. Ansonsten: Ich werde euch sehr gerne auf dem Laufenden halten … Herzliche Grüße!

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    • Das ist ja schön, dass Du gleich entdeckt hast, dass Birgit und ich schon eine gewisse Erwartungshaltung aufbauen 🙂 Wir sind gespannt! – Ich habe ja inzwischen eine Reihe der Ratgeber aus der Reihe „Kreatives Schreiben“ gelesen (und auch hier im Blog vorgestellt). Gelesen – aber in der Tat schon bald nicht mehr damit gearbeitet. Mir scheint, da hast Du einen wichtigen -möglicherweise den zentralen – Punkt angesprochen.Grüße zurück! Ingrid

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      • Liebe Ingrid, ich glaube auch, dass das ein wirklich wichtiger Punkt ist. Nur habe ich lange Zeit gedacht, dass das, was es braucht (oder was ich brauche), um Menschen zum Schreiben anzustiften, zu ermutigen nur im direkten Kontakt geht und erst die (überraschenden) Erfahrungen mit meinem Blog haben dazu geführt, dass ich mittlerweile überzeugt bin, dass es auch ohne den direkten Kontakt geht. Wobei ich auch darüber nachdenke, wie ich auch Formen „direkterer“ Kommunikation (vielleicht sogar über den Blog) einbauen kann. Mal schauen … Ich grüße sehr herzlich aus Bremen!

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  2. Hm. Ich müsste mir auch noch mehr Ego zulegen, damit ich über mich selbst was zu schreiben hätte. Bei Ortheil springt bei mir der Funke generell nicht so rüber, ich tue mir auch mit seinen Romanen schwer. Und auch wenn die Idee dieser Buchreihe ist, die meine Neugierde weckt – dank Deiner Einschätzung warte ich dann lieber, bis Jutta Reichelt so etwas veröffentlicht…

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    • Ja, das wäre spannend, Vergleichbares von Jutta Reichelt zu lesen. – Ich mag Ortheil eigentlich, lese ihn gern und bin oft geradezu verzaubert von seiner Sprache. Bei einigen Titeln dieser Reihe aber habe ich den Eindruck – gute Geschäftsidee hin oder her -, dass das Thema mittlerweile ziemlich ausgequetscht ist.

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      • Ich hab „Die große Liebe“, „Die Erfindung des Lebens“ und noch eins, dessen Titel mir nicht mehr einfällt, gelesen – irgendwie wurde ich nicht warm damit…vielleicht sollte ich ihm nochmals eine Chance geben, da so viele Leser, denen ich traue, sein jüngstes Buch loben – und das reizt mich auch thematisch.
        Zur Buchreihe: Etwas ähnliches sagte mir auch der Literaturagent, den ich neulich hier im Interview hatte – Schreibratgeber gibt es sehr viele, er bekommt auch ziemlich viele Manuskripte und Ideen dazu angeboten.
        Wahrscheinlich bräuchte es eine neue, pfiffige Idee, um sich abzuheben…

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      • Das neue Buch „Der Stift und das Papier“ habe ich auch auf meiner – langen – Liste.Es basiert ja wohl auf Ortheils unglaublich tragischer Kindheitsgeschichte – vier (!) ältere Brüder sind schon im Kindesalter gestorben …

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