Jacques Bonnet: Meine vielseitigen Geliebten

Bekenntnisse eines Bibliomanen

Bibliophile wie Bibliomane schreiben gern über ihre Passion. Bibliophile und Bibliomane lesen aber auch gern die Geschichten über Freuden und Leiden ihrer Brüder und Schwestern im Geiste. Das ist jedenfalls mein Meine vielseitigen Geliebten Eindruck. Und der führt mich zu der Vermutung, dass etliche Leserinnen und Leser dieses Blogs das Buch, das ich heute vorstelle, bereits kennen, es in ihren Regalen stehen haben.

Jacques Bonnet besitzt nach eigenen Aussagen eine „Bibliothek von monströsen Ausmaßen, die mehrere Zehntausende Bände“ zählt. Dabei, so lässt er uns wissen, handelt es sich nicht um „eine der üblichen bibliophilen Büchersammlungen, die so kostbar sind, dass der Besitzer ihre Werke niemals aufzuschlagen wagt, aus Angst, sie könnten ihm unter den Händen zu Staub zerfallen“.  Nein, Bonnets Bibliothek ist eine „Arbeitsbücherei“, und er zögert nicht, in ein Buch etwas hineinzuschreiben, es im Bad zu lesen oder alles aufzuheben, was er je gelesen hat. So wundert es nicht, dass er konstatiert, dass ab einer gewissen Zahl an Büchern ein Umzug schlechterdings unmöglich wird.

Auch wenn von den Leserinnen und Lesern von Druckschrift wohl kaum jemand eine Bibliothek in Bonnet’scher Größenordnung besitzen dürfte: das Buch ist auch für leidenschaftliche Bücherfans „ein paar Nummern darunter“ ausgesprochen lesenswert. Nicht nur, weil es unterhaltsam, manchmal versehen mit einem Schuss Selbstironie, auf jeden Fall aber mit leichter Feder geschrieben ist. Die Probleme, Sorgen und – natürlich – Freuden großer wie kleiner Bibliophiler oder Bibliomanen  sind durchaus vergleichbar.

Die Lektüre blättert sozusagen unsere notwendig begrenzte Wirklichkeit auf und erlaubt uns, in lang vergangene Zeiten einzutauchen, fremde Gebräuche kennenzulernen, einen Blick in Herz, Geist und Beweggründe anderer Menschen zu werfen.

Ausreichend Platz muss vorhanden sein, und ein Ordnungssystem muss her. Aber nach welchen Kriterien sortieren? Jedes System, das lernen wir spätestens aus diesem Buch, wissen es aber wohl auch längst aus eigener Erfahrung, hat seine Mängel, wirft Fragen auf, ob nun alphabetisch, nach Ländern oder Sprachen, nach Sachgebieten, nach Farben oder Format oder wonach auch immer einsortiert wird. Bei all den Kompromissen, die die einzuordnenden Bücher immer wieder erfordern, bleibt nur zu hoffen, dass man selbst den Überblick nicht verliert und sich auch Jahre später noch erinnert, auf welchem Regal das Buch, das man gerade dringend braucht, denn Platz gefunden hat. Wie oft man bei der Zuordnung  in die Zwickmühle gerät, schildert Bonnet an zahlreichen Beispielen.

Keine ernstzunehmende Bibliothek ähnelt einer anderen, keine besitzt je dieselbe Persönlichkeit.

Aber Bonnet geht auch anderen Fragen nach, die vielen Büchersammlern, wenn auch in kleinerem Rahmen, wohl vertraut sind: Wie wird man Besitzer einer solch immensen Büchersammlung? Wie kommt es, dass Bücher sich quasi von selbst ausbreiten, immer mehr Raum in Anspruch nehmen? Woher rührt die Lesewut? Warum können sich viele Menschen – Bonnet gehört dazu – von einmal erworbenen Büchern nicht mehr trennen?

Wo der Sammler unruhig wird, weil er bestimmte Bücher noch nicht besitzt, rührt die Unruhe des Lesers aus der Angst, Bücher zu verlieren, die Spuren seiner Vergangenheit enthalten.

Und natürlich kennt Bonnet auch die Frage unvorbereiteter Besucher, die sicher auch vielen Leserinnen und Lesern von Druckschrift schon gestellt wurde: „Haben Sie das alles gelesen?“ Nein, hat er natürlich nicht. Aber er hat sie alle durchgeblättert, beschnuppert, in der Hand gehalten. Danach, so schreibt er, geht das Buch einen von drei Wegen: sofortige oder baldige Lektüre, spätere Lektüre – das kann Wochen, Monate oder Jahre dauern, je nachdem, ob die Umstände ungünstig sind und der Zufluss an Büchern gerade enorm hoch ist – oder sofortige Eingliederung in die Bibliothek. Ich denke, so halten es die meisten von uns auch.

Und auf die Frage „Haben Sie das alles gelesen?“ folgt dann oft : „Kennen Sie denn eine Methode der schnellen Lektüre?“

Natürlich kenne ich eine, genauer gesagt nur diese eine: Ich bringe seit fünfzig Jahren einen großen Teil meiner Zeit damit zu, alle möglichen Bücher unter allen möglichen Umständen und zu allen möglichen Zwecken zu lesen.

Ein eigenes Kapitel ist der Frage gewidmet, wie und auf welchen Wegen all die Bücher den Weg in die Bibliothek von Jacques Bonnet gefunden haben: Zufälle, systematische Neugier, Entdeckungen in Literaturbeilagen, Besuch von Buchhandlungen und Antiquariaten…

Eher am Rande geht der bibliomane Autor auf die Auswirkungen ein, die das Internet auf das Lesen, die Buchbeschaffung und die Zukunft von Bibliotheken überhaupt haben wird. Er konstatiert: „Für meine Generation ist das Internet ein wichtiges Hilfsmittel, aber nicht mehr.“ Und er fährt fort:

Interessanterweise übt die nahezu grenzenlose Informationsquelle Internet auf mich keineswegs denselben magischen Reiz aus wie meine Bibliothek.

Ich will es dabei bewenden lassen, obwohl das Buch weitere interessante, lesens- und erwähnenswerte Kapitel enthält.

Mein Fazit: Für Bücherfreaks jeder Abstufung ist „Meine vielseitigen Geliebten“ unbedingt empfehlenswert. Das Buch (nur 151 Text-Seiten stark) liest sich so weg, enthält viele Informationen, lässt einen auch immer wieder schmunzeln, sich  mit dem Autor freuen, wenn er etwa ein lange gesuchtes Buch endlich ergattert hat, und mit ihm leiden, wenn er eben dieses Buch dann auf dem Weg nach Hause im Flugzeug liegen lässt. Und die Lektüre verleitet immer wieder dazu, einen freudigen, dankbaren Blick auf die eigenen Bücherwände werfen und … in die Buchhandlung vor Ort zu eilen, um rasch die eine oder andere als schmerzhaft empfundene Lücke zu schließen.

Zum Abschluss noch ein letztes Zitat:

Die Bibliothek muss, damit sie ihre eigentliche Funktion und Bestimmung erfüllen kann, gelegentlich verlassen und vermisst werden, um dann nach einiger Zeit voller Glück wieder in Besitz genommen zu werden.

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Jacques Bonnet
Meine vielseitigen Geliebten
Bekenntnisse eines Bibliomanen
Droemer Verlag 2009, 160 Seiten

 

17 Kommentare zu „Jacques Bonnet: Meine vielseitigen Geliebten

  1. Man bekommt beim Lesen direkt ein wohliges muggeliges Gefühl und das Bedürfnis, seine Bücher mal wieder zu ordnen, zu sortieren, noch ungelesene Schätze zu entdecken, neu aufzufüllen … und dazu fällt mir der Satz von Thomas von Kempen ein, der bei mir an der pin-wand hängt: Nirgends habe ich mehr Ruhe gefunden als in Wäldern und Büchern.

    Und es soll doch tatsächlich Leute geben, die finden, ein Bücherregal mache einen Raum unordentlich. Nicht zu fassen!!!

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    1. Was Du als „wohliges muggeliges Gefühl“ beschreibst, ist genau das, was sich bei der Lektüre des Buches einstellt und von dem ich hoffentlich ein wenig in meiner Buchvorstellung vermitteln konnte. Plötzlich gerät die eigene Bibliothek in den Blickpunkt, man steht beglückt davor, greift hier und da ein Buch heraus, erwägt, ob die Lyrik nicht doch besser ein eigenes Regal bekommen sollte, erinnert sich, dass man vorhatte, die Reihe X zu vervollständigen … – Ein schönen Satz von Thomas von Kempen hast Du da zitiert!

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  2. Dank dieser schönen Rezension bekomme ich richtig Sehnsucht nach dem Buch! Ich bin zwar nicht so extrem biblioman wie Bonnet, kann aber viele seiner Gedanken nachvollziehen. Diverse Umzüge haben mich zum regelmäßigen Ausmisten gezwungen. Das ist gut so! Aber ausgerechnet jene Bücher, die sich besonders eingebrannt haben, besitze ich gar nicht, da sie oft Leseexemplare waren, die ich weitergeben musste. Da stellen sich immer wieder Verlustgefühle ein, wenn mir so etwas auffällt. Vielleicht sollte ich mich mit diesem wunderbaren Buch trösten!

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    1. Auch wenn Bonnet sich in ganz anderen Dimensionen bewegt als unsereiner das jemals könnte: das Schöne an diesem Bändchen ist, dass man sich einbezogen fühlt, Freuden und Leiden des Sammlers vielfach nachvollziehen kann, sich an eigene Erfahrungen und Erlebnisse erinnert. Auch das von Dir angesprochene Thema „Verlustgefühle“ spielt eine Rolle, wenn Bonnet z.B. schreibt: „Das Buch ist die kostbare materielle Grundlage einer Empfindung oder die Verheißung einer solchen. Sich von ihm zu trennen hieße, die Gefahr eines schmerzlichen Mangels zuzulassen.“

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  3. Das klingt sehr anregend, auch wenn ich gleichzeitig froh bin, nicht der Bibliomanie verfallen zu sein. Ein gesundes Maß an „das Gepäck leicht halten“ steht glücklicherweise meiner Büchersucht entgegen.

    Ob das Zitat am Ende auch auf andere Geliebten zutrifft?

    Herzliche Grüße
    Holger

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    1. Davon abgesehen, dass meist ja schon räumliche und finanzielle Gründe einem hemmungslosen Bücherkaufen entgegen stehen: ich versuche schon auch, bewusst und selbstbestimmt über Kauf oder Nicht-Kauf zu entscheiden (auch wenn das nicht immer klappt). Unterhaltsam und lesenswert ist das Buch aber in jedem Fall. – Das Zitat am Ende ließe sich, wie mir scheint, in gewisser Weise schon übertragen. Allerdings ist das mit dem „In-Besitz-nehmen“ so eine Sache; da sträubt sich etwas in mir 🙂

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  4. Liebe Ingrid,
    ach, habe ich beim Lesen Deines zweiten Absatzes gedacht – dort geht es um die „Arbeitsbibliothek“ und dass der Autor seine Bücher tatsächlich in die Hand nimmt, auch in sie hineinschreibt oder markiert -: wie wunderbar, endlich mal jemand, der nicht vor dem Buch vor Ehrfurcht erstarrt, sondern es mit in sein Leben nimmt. Und dann kommt der nächste Absatz – es geht um das Sortieren der heimischen Bibliothek – und der nächste – hier werden die Dinge zu ganz konkreten Fragen formuliert, die einem Leser doch quasi schicksalhaft passieren – usw. und jeder Absatz entlockt mir wie beim schönsten Feuerwerk ein „ohhh“ und ein „ahhh“ und ein „hmm“ und ein „jaaa“. Und so kann ich nur sagen: Das Buch muss unbedingt in die heimische Bibliothek! Danke für den Tipp und fürs Mund-Wässrig-Machen.
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Dass ich Dir den Mund wässrig gemacht habe, wundert mich überhaupt nicht. Die Lektüre macht natürlich auch deshalb so viel Spaß, weil man immer wieder an die eigene Situation erinnert wird und Freud und Leid mit dem Autor teilen kann. Grüße auch an Dich, Ingrid

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  5. Ich kenne diese Unruhe, ein Buch lesen zu wollen auch. Aber es ist nicht mehr so, dass ich es auch besitzen muß. Ich finde es genauso befriedigend, mich in die Bücherei zu setzen und es dort zu lesen umgeben von Gleichgesinnten. Die Atmosphäre von Präsenzbibliotheken ist schwer zu beschreiben aber ich denke, jeder Bücherliebhaber kennt sie.

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    1. „Normalsterblichen“ sind ja auch räumliche und finanzielle Grenzen gesetzt, die schon für sich genommen eine Auswahl erfordern. Ich nutze im übrigen auch gern die Bücherei, aber gelesen wird doch meistens zu Hause. Grüße nach Berlin, Ingrid

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      1. Ja, Ingrid, wenn es ausleihbar ist, dann nehme ich es auch gerne mit nach Hause, aber leider sind viele Fachbücher nicht zum ausleihen. Erst fand ich das auch „doof“, aber mit der Zeit habe ich gelernt, die Lesestunden in der Bibliothek zu schätzen. Vor allem wird man dort durch nichts abgelenkt!

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      2. Das habe ich auch schon erlebt, dass ich ein Buch, das ich über die Fernleihe bestellt hatte, nur in der Bücherei einsehen und – soweit möglich – lesen konnte. Obwohl mir das erst nicht gepasst hat: es hat mir dann doch so gefallen.

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