Herlinde Koelbl: Im Schreiben zu Haus

Wie Schriftsteller zu Werke gehen

Eines meiner Lieblingsbücher der letzten Zeit war „Lesehunger“ von Hanns-Josef Ortheil (s. Vorstellung in Druckschrift hier), ein Buch, dem ich viele Anregungen verdanke und aus dem ich zahlreiche Lektüreempfehlungen notiert habe. Manche davon passen zur inhaltlichen Ausrichtung dieses Blogs.

Im Schreiben zu HausZum Beispiel „Im Schreiben zu Haus“ der Autorin und Fotografin Herlinde Koelbl.

In Ortheils „Lesehunger“ spielt das Thema „Verortung“ eine große Rolle, die Bedeutung von Räumen, die als Lese- und/oder Schreibräume dienen und ihrerseits das Lesen und Schreiben beeinflussen. Herlinde Koelbl bringt uns in „Im Schreiben zu Haus“ den Arbeitsalltag und Schaffensprozess von 42 deutschsprachigen Schriftstellerinnen und Schriftstellern näher. Sie hat sie alle in ihren Schreib- und Leseräumen, an ihren Arbeitsplätzen besucht, und ihre ausdrucksstarken Fotografien erlauben uns einen Blick in die Umgebung, in der die Autoren zur Feder greifen oder sich an Schreibmaschine oder Computer setzen.

Es gibt Einiges zu sehen – die Bandbreite reicht von der eher kargen Ausstattung des Schreibplatzes etwa bei Peter Handke und Thomas Brussig über das penibel aufgeräumte Arbeitszimmer von Reiner Kunze und das gemütliche Durcheinander bei Peter Bichsel bis zur „Arbeitshöhle“ von Friederike Mayröcker. Nur Sten Nadolny hat sich geweigert, Besuch in seinem Arbeitszimmer zu empfangen: „Wenn die Menschen in mein Zimmer schauen, auch wenn es nur fotografisch ist, kann ich nicht mehr darin arbeiten.“ So fand denn dieses eine Gespräch in einem Lokal statt.

Alle anderen haben ihre Türen für die Besucherin geöffnet. Aber, wie Herlinde Koebl im Vorwort schreibt,  die Annäherungsversuche waren manchmal schwierig, zäh. Das zeigt sich darin, dass die Gesprächsbereitschaft und Auskunftsfreudigkeit unterschiedlich ausgeprägt waren. Manche  zeigten sich etwas sperrig, und von Peter Handke und Monika Maron gibt es nur kurze Statements. Andere Schriftstellerinnen und Schriftsteller dagegen erwiesen sich als auskunftsfreudig.

Die Gespräche haben nicht schematisiert stattgefunden, sondern sind sehr individuell ausgerichtet geführt worden; Herlinde Koelbl hat sich gut vorbereitet und auf ihre Gesprächspartner eingestellt, so dass die Lektüre bis zum Ende informativ und – je nach Autor/in – auch unterhaltsam ist.

Bestimmte Fragen tauchen aber natürlich immer wieder auf, wie zum Beispiel die nach dem „Warum“ des Schreibens oder:

  • Wann ist die jeweils bevorzugte Zeit zu arbeiten?
  • Gibt es die Angst vor dem leeren Blatt?
  • Welches ist das bevorzugte Schreibwerkzeug?

Insgesamt enthüllen die Gespräche eine Menge über die Autorinnen und Autoren, ihre Arbeitsweisen, ihr Leben, ihre Vorlieben und Macken.

Meine persönliche Entdeckung ist Ruth Klüger, eine beeindruckende, starke Frau, über die ich bisher kaum etwas wusste. Das Gespräch ist für mich Anlass, mich näher mit ihrer Biografie,  aber auch mit ihren Büchern auseinanderzusetzen, die sich mit der Art von Frauen zu Lesen und zu Schreiben befassen.

Vertreten sind in diesem Buch auch und unter anderen Jurek Becker (ein berührendes Gespräch, das Herlinde Koelbl kurz vor dessen Tod mit dem Autor geführt hat), Sarah Kirsch, Elfriede Jelinek, Herta Müller, Martin Walser, Hilde Domin, Ernst Jandl, Peter Härtling, Walter Kempowski, Hans Magnus Enzensberger u.v.m. Ein paar andere Namen habe ich im Verlauf des Textes schon genannt.

Fazit: „Im Schreiben zu Haus“ stellt eine lohnende Lektüre dar. Es ist eine Bereicherung für alle, die sich für Literatur und Handwerk und Umstände des Schreibens interessieren und die gern etwas über die Menschen, die hinter den Texten stehen, erfahren möchten. Dass das Buch bereits 1998 erschienen ist, tut der ebenso spannenden wie oft auch unterhaltsamen Lektüre keinen Abbruch.

Was unbedingt noch erwähnt werden muss: Herlinde Koelbl ist nicht nur eine einfühlsame und – wenn nötig – hartnäckige Gesprächspartnerin, sondern auch eine hervorragende Fotografin. Ihre schwarz-weiß-Aufnahmen zeigen uns ausdrucksstarke Autorenporträts,  das jeweilige Arbeitszimmer der Autorinnen und Autoren, Details aus der Arbeitsumgebung. Und Hände. Autoren-Hände in Verbindung mit dem jeweils bevorzugten Schreibwerkzeug. Auf dem Bucheinband sind es übrigens die Hände von Robert Menasse.

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Herlinde Koelbl
Im Schreiben zu Haus
Wie Schriftsteller zu Werke gehen
Fotografien und Gespräche
Verlag Knesebeck 1998, 260 Seiten

10 Kommentare zu „Herlinde Koelbl: Im Schreiben zu Haus

  1. Liebe Ingrid, das Buch macht mich auch neugierig…zumal Koelbl eine hervorragende Fotografin ist und Schriftsteller und ihre Schreiborte vorgestellt werden, die ich selbst auch sehr gerne lese. Man möchte dann unwillkürlich wissen, wie die Leute, deren Werke man bewundert, leben und arbeiten (dazu eine Nebenbemerkung – ich weiß nicht, ob ich das mal bei Dir auf dem Blog las: Die Schwierigkeiten von Autorinnen, überhaupt einen Platz für sich, einen Arbeitsplatz zu finden, Alice Munro, die erzählte, dass ihr jahrelang nur der Küchentisch blieb…).
    Und dass Du Ruth Klüger für dich entdeckst, finde ich toll – sie ist eine, die mich auch aufgrund ihrer Stärke, ihrer Klugheit, ihres Charakters bewundere: http://saetzeundschaetze.com/2015/08/26/ruth-kluger-die-liebe-zur-deutschen-sprache-uberlebte-mit/

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    1. Nein, liebe Birgit, dass mit den Autorinnen, die Schwierigkeiten haben, überhaupt einen Arbeitsplatz zum Schreiben zu finden, hast Du, wenn mich nicht alles täuscht, nicht hier gelesen. Es gibt in „Im Schreiben zu Haus“ aber zwei interessante (und sehr gegensätzliche) Beispiele dafür, wie Frauen damit umgehen, dass ihre ebenfalls schreibenden Männer sie als Rivalinnen empfinden. Bezeichnenderweise hat die Ehe von Ruth Klüger nicht gehalten, Hilde Domin hat sich, wie das seinerzeit von Frauen wohl erwartet wurde, „arrangiert“ und sich ein Pseudonym zugelegt.

      Deinen Beitrag über Ruth Klüger habe ich jetzt noch einmal gelesen. Durch mein neu erworbenes Wissen habe ich jetzt eine andere Beziehung dazu als vor einem Jahr.
      Herzliche Grüße, Ingrid

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  2. Liebe Ingrid,
    da erinnerst Du mich an ein Buch, das schon vor einiger Zeit bei mir eingezogen ist und mich begeistert hat, das ich dann aber im Regal „vergessen“ habe, statt immer mal wider hineinzuschauen. Das werde ich nun sofort ändern und wieder häufiger blättern und lesen. Ich finde ja auch diese Schreibtischbilder von Schriftstellern so unglaublich interessant (und oute mich jetzt hoffenbtlich nicht ans profane Schlüssellochguckerin), weil sie einen Einblick in eine Art „Werkstatt“ geben: das also ist der Platz, an dem die Literatur entsteht. Und am beeindruckensten ist tatsächlich die „Arbeitshöhle“ von Friederike Mayröcker. Was für ein unglaubliches Chaos! Jedenfalls kann ich mich Deiner Empfehlung nur anschließen: Das Buch ist unbedingt anguckens- und lesenswert.
    Viele Grüße, Claudia

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  3. Liebe Ingrid, das klingt so interessant, dass ich das Buch gerade bei meiner Bibliothek vorbestellt habe. Ich bin gespannt!
    Ich bekomme eine Mail, wenn es eintrifft…..
    Liebe Grüße von Susanne

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      1. Manchmal tut es mir auch weh, wenn ich ein Buch zurück in die Bücherei bringen muß. Dann nehme ich mir vor, das Buch irgendwann zu kaufen. Aber mir fehlt sowohl das Geld als auch der Platz. Und ehrlich gesagt, Ingrid, auch in meinem Besitz bin ich eher minimalistisch. So ist um mir nur dass, was mir wirklich viel Wert ist!

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      2. Anders geht es wohl auch nicht. Ohne ein paar Millionen auf dem Konto und ein großes Anwesen muss man sich halt beschränken. Das muss aber kein Nachteil sein. Die Konzentration auf das, was einem besonders wichtig ist, hat durchaus Vorteile.
        Einen schönen Abend wünscht Ingrid

        Gefällt 1 Person

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