Detlef Lorenz: Reklamekunst um 1900

Künstlerlexikon für Sammelbilder

Reklamesammelbilder waren um die Jahrhundertwende ungemein populär. Sie zielten vordergründig auf Kinder und Jugendliche, über diese aber auf die einkaufenden Erwachsenen. Kaufleute verteilten sie direkt an ihre Kundschaft („Kaufmannsbilder“) oder sie waren Produkten Reklamekunst um 1900beigepackt. Ihr Ziel: Werbung für das Produkt oder das den Markenartikel herstellende Unternehmen. Und Kundenbindung. Letzteres wird besonders offenkundig, nachdem Serien, meist zu 6 oder 12 Bildern, zu unterschiedlichsten Themen aufgelegt wurden. Durch Nachkaufen des Artikels bot sich die Chance, eine Serie zu vervollständigen. Der Sammeleifer der Kinder, später auch der Erwachsenen, wurde geweckt und als Instrument zur Umsatzsteigerung genutzt. (s. hierzu auch den Beitrag in Druckschrift: Garantirt aecht. Das Reklamesammelbild als Spiegel der Zeit)

Die großen Markenartikelhersteller wie die Liebig Company (Liebig’s Fleischextrakt), Stollwerck (Schokolade) oder Schlinck (Palmin ) gaben die Sammelbilder selber heraus; nicht so finanzkräftige Unternehmen konnten auf Vorlagen, die von diversen lithografischen Kunstanstalten angeboten wurden, zurückgreifen und diese auf der Rückseite mit ihrer Werbung versehen lassen. Informationen hierzu sind relativ problemlos verfügbar.

Wer aber hat die kleinen Kärtchen eigentlich gestaltet? Verfolgten die emittierenden Firmen auch einen künstlerischen bzw. kunsterzieherischen Zweck oder ging es nur schlicht um Umsatzsteigerung? Was wissen wir über die Künstlerinnen und Künstler, die zumindest einem Teil der Sammelbilder ihr „Gesicht“ gaben?

Bis zum Erscheinen dieses Künstlerlexikons war die Informationslage dürftig. Doch hat Detlef Lorenz sich mit der Herausgabe des hier vorzustellenden Werks viele Fleißkärtchen verdient. Das Zusammentragen der Informationen muss eine Herausforderung gewesen sein und viel Sachkenntnis vorausgesetzt haben. In den Archiven der Firmen, die Reklamesammelbilder für Werbezwecke nutzten, finden sich oftmals keine brauchbaren oder gar umfassenden Unterlagen, die Aufschluss über ihre Zusammenarbeit mit Künstlern geben. Relativ gut ist die Informationslage beim Schokoladenhersteller Stollwerck, der eine Zeitlang stark auf hochwertig gestaltete und sorgfältigst gedruckte Künstler-Sammelbilder setzte, bevor im klassischen Konflikt Kunst oder Kommerz dann doch rein ökonomische Interessen wieder die Oberhand gewannen und die Qualität nachließ.

Doch selbst in Fällen, in denen bekannt ist, dass Künstler Entwürfe geliefert haben, ist vielfach nicht eindeutig zu bestimmen, welche Serie von wem stammt. Die Künstler haben ihre Vorlagen für Sammelbilder oft nicht signiert. aus welchen Gründen auch immer. Ein Grund mochte gewesen sein, dass sie um ihre künstlerische Reputation fürchteten, wenn sie sich in den Dienst der Wirtschaft stellten und bekannt wurde, dass sie an der Herausgabe von etwas so Profanem wie Reklamesammelbildern beteiligt waren.

Blättert man den Lexikon-Teil des Buches durch, stößt man neben kaum oder weniger bekannten Namen (für Kunstexperten stellt sich das möglicherweise anders dar als für mich) durchaus auch auf etliche Größen der damaligen Kunstszene: Otto Modersohn, Heinrich Vogeler, Max Slevogt, Adoph von Menzel, Max Liebermann, um nur einige Beispiele zu nennen. Durchweg alle werden mit ihren biographischen Daten, Hintergrundinformationen zu ihrem künstlerischen Schaffen  und, soweit möglich, Übersichten über die Serien, die sie gestaltet haben, präsentiert. Viele Abbildungen von Reklamesammelbildern vermitteln zudem einen guten Überblick über die thematische wie auch künstlerische Bandbreite dieses Werbemittels. Auf diese und andere grundsätzliche Aspekte geht der Verfasser auch in den einleitenden Kapiteln „Reklamesammelbilder – Was ist das?“, „Die Firmen, ihre Geschichte, ihre Künstler“ und „Kunsthistorische und motivische Quellen“ ein.

Im Anhang gibt es dann noch ein Verzeichnis der Tafeln (= Seiten mit Abbildungen von Sammelbildern), eine Zeittafel, tabellarische Übersichten über Serien großer Markenartikelhersteller und schließlich neben einem Sach-, Firmen- und Ortsregister auch noch ein Namensregister. Was will man mehr?

Lorenz hat sehr viel Mühe aufgewendet, um Künstler, die auch Sammelbilder gestaltet haben, zu ermitteln, ihren Werdegang darzustellen und ihre Entwürfe und Veröffentlichungen zu recherchieren, um viele davon in diesem schönen Buch zugänglich zu machen. Da ist es schade, dass der Verlag es nicht für nötig befunden hat, den Autor auch nur mit einem Wort vorzustellen.

Mein Fazit: „Reklamekunst um 1900“ ist für Sammler ein außerordentlich informatives, meines Wissens auch einzigartiges Nachschlagewerk. Seine Fülle an Daten, Fakten und Bildern macht die Publikation schnell unentbehrlich. Aber grundsätzlich ist es für alle, die sich für Alltagskultur, Volkskunde, Kunstgeschichte, Gebrauchsgrafik interessieren, von großem Nutzen. Und schön ist es auch noch.

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Detlef Lorenz
Reklamekunst um 1900
Künstlerlexikon für Sammelbilder
Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2000, 240 Seiten

8 Kommentare zu „Detlef Lorenz: Reklamekunst um 1900

  1. Gerade bin ich im Zusammenhang mit Paula Modersohn-Becker (sie gehörte ja auch zum Worpsweder Künstlerkreis) wieder auf Stollwerck gestoßen – das Thema scheint mich zu verfolgen. 🙂
    Das Buch interessiert mich sehr!!

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  2. Insbesondere im Kontrast zu den gegenwärtigen „best practices“ und den ganzen „sexy Anglizismen“ im „Marketing“ liefert dieses Werk bestimmt so einige interessante Denkanstöße. 🙂

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    1. Wobei man festhalten muss, dass es in diesem Buch nahezu ausschließlich um die bildlichen Darstellungen, nicht um die Werbe-Texte geht. Welche Serien zu welchen Themen aufgelegt wurden, war auch durch die damaligen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen mitbestimmt.

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