Hanns-Josef Ortheil: Lesehunger

Ein Bücher-Menu in 12 Gängen

Ortheil Lesehunger„Lesehunger“ ist, um es gleich zu sagen, kein Buch mit Geschichten rund ums Essen und Trinken. Obwohl es auch um Küchenlektüren geht. Und obwohl Hanns-Josef Ortheil gern kocht und ein Gläschen Wein oder zwei durchaus zu genießen weiß. „Lesehunger“ ist aber ein Appetitanreger, ein Buch, das hungrig auf Literatur und Lektüren macht. Der Gang zur Buchhandlung wird bald ebenso unausweichlich wie der zur Bäckerei.

Hanns-Josef Ortheil hat viel gelesen, viel geschrieben und viel mitzuteilen. Für das, war er der Leserschaft über seine vielfältigen Lektüren, über sich und den Zusammenhang von Lesen und Schreiben vermitteln will, hat er die Form eines fiktiven Gesprächs gewählt. Eine imaginäre Besucherin, die Ortheil durch sein Haus und sein weitläufiges Anwesen an den Hängen Stuttgarts – das dürfte real existieren – führt, legt ihm die Fragen in den Mund, die er gern beantworten möchte. Gast und Gastgeber führen eine sehr interessante „Unterhaltung“ – natürlich vor allem seitens des Gastgebers.

Wir erfahren – und können das Erzählte mindestens teilweise mit eigenen Leseerfahrungen abgleichen -, wie Gebäude, Räume und Tageszeiten das Leseverhalten beeinflussen. Manche Orte sind geradezu reserviert für bestimmte Lektüren oder auch für das Schreiben.

Ortheil erzählt von „Lesekapseln“, kleinen Schreibräumen, von Büchern und Lektüren in der Küche, im Gartenhaus, im Zug u.v.m. Der Autor, nach eigenem Bekunden ein Queerbeet-Leser mit breit gefächerten Interessen, lässt uns dabei teilhaben an seinen vielfältigen Leseerfahrungen, an seinen Lesevergnügen. So ist es nur konsequent (und erleichtert die Übersicht), dass sich die in den einzelnen Kapiteln erwähnten Bücher am Ende eines jeden Abschnitts in einer Leseliste, dem „Bücher-Menu“, wiederfinden.

Man kann das Lesen sehr gut mit der Nahrungsaufnahme vergleichen, ja man kann sagen: Das Lesen ist die Befriedigung einer bestimmten Form von elementarem Hunger. Und weiter: Lesen heißt, einen Appetit stillen … Lesen ist die Zuführung einer bestimmten Speise, und diese Speise ist nicht nur ‚geistiger Art‘, wie man oft sagt, sondern auch etwas Sinnliches.

Ortheil widmet sich in diesem Buch auch sehr leidenschaftlich und überzeugend den Zusammenhängen zwischen Lesen und Schreiben („Lesen als Initiation des Schreibens“). Der Autor hat schon in sehr jungen Jahren – eine indirekte Folge tragischer Lebensumstände: die Familie Ortheil hat vier vor Hanns-Josef geborene Söhne schon im Kindesalter verloren – mit dem Schreiben begonnen: Exzerpte, einfache Notizen, die mit fortschreitendem Alter zu Notaten anwuchsen, Tagebuchaufzeichnungen. Obwohl er daran als Junge sicher noch nicht gedacht hat – damit, so schreibt er in diesem Buch, sondiert man das Terrain, legt die Basis für eigenes Schreiben. In seinem Fall haben die Lektüren der Tagebücher, literarischen Essays und Briefe berühmter französischer Autoren – „grandseigneurale Lektüren“, allen voran André Breton. – nicht nur schon früh Ortheils Vorliebe für eine bestimmte Epoche der französischen Literatur geweckt, sondern auch den eigenen schriftstellerischen Weg vorgezeichnet.

Ortheil – man erinnert sich – ist nicht nur erfolgreicher Romanautor, sondern auch Herausgeber (bei einigen Bänden auch Autor) eine Serie von Büchern, die sich mit dem Thema Schreiben beschäftigt und mit Beispielen aus dem Werk bekannter Autoren arbeitet. Druckschrift hat einige dieser zum eigenen Schreiben ermutigenden Titel hier und hier vorgestellt. In diesen Büchern trifft man so manchen Schriftsteller wieder, der auch im früher erschienenen Buch „Lesehunger“ schon eine wichtige Rolle spielt.

Mein Fazit: Ortheil präsentiert der Leserschaft mit „Lesehunger“ ein kenntnisreich zusammengestelltes Bücher-Menu in 12 Gängen (Kapiteln). Auf zwei Gänge („Mit Büchern in Gesellschaft“ und „Unterwegs lesen“ – obwohl ich Ortheil zustimme, dass von Bahnhofsbuchhandlungen mit ihrem spezifischen Sortiment ein Kaufanreiz ausgeht, dem man sich nur schwer entziehen kann) hätte ich verzichten können, aber die verbleibenden immerhin 10 Menus bieten hohen Lesegenuss und regen zu vielen neuen Erprobungen und Zutaten an. Wer, wie ich, den leichten, einfühlsamen, wortgewandten, ein wenig an Alberto Manguel erinnernden Schreibstil Hanns-Josef Ortheils mag, wer von Ortheils Erfahrungen und Anregungen profitieren will, wird dieses Buch ohne Zweifel mit Gewinn lesen, ja genießen. Aber Vorsicht: nach der Lektüre legt man es letztlich lese-hungriger aus der Hand als man vorher (ohnehin schon) war.

trennstrich

Hanns-Josef Ortheil
Lesehunger
Ein Bücher-Menu in 12 Gängen
Sammlung Luchterhand
Luchterhand Literaturverlag 2009, 240 Seiten

4 Kommentare zu „Hanns-Josef Ortheil: Lesehunger

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s