Christopher Morley: Das Haus der vergessenen Bücher

„Das Haus der vergessenen Bücher“ – das klingt interessant. Dass der Schauplatz ein Antiquariat ist – das verspricht Atmosphäre, ja ein gewisses Kribbeln. Dass ein Buch verschwindet und ein Spionagefall seinen Lauf nimmt, wie der Das Haus der vergessenen BücherUmschlagtext zu berichten weiß – das verspricht Spannung. Dass das Buch im New Yorker Stadtteil Brooklyn im Jahr 1919 spielt – na ja, das verspricht Nostalgie. Dass die Originalausgabe des Buches  bereits 1919 erschienen ist, der Roman aber erst jetzt in deutscher Sprache veröffentlicht wurde – das löst nun aber doch Verwunderung aus. Ein vergessenes Buch?

Und warum wurde es gerade jetzt aus der Versenkung geholt? Großes Fragezeichen. Weil sich „Bücher über Bücher“ gut verkaufen? Vielleicht. Von einer neu- oder wiederentdeckten „literarischen Perle“ kann man hier jedenfalls nicht sprechen.

Dabei ist die Geschichte „an sich“ gar nicht so übel, wenn auch – fast 100 Jahre nach der Erstveröffentlichung – so manches altbacken, ein wenig naiv und/oder klischeehaft wirkt. Also, worum geht es?

Der etwas versponnene Antiquar Roger Mifflin und seine taffe, praktisch denkende Ehefrau nehmen die Tochter eines erfolgreichen Geschäftsmannes bei sich auf, damit diese das Buchhandelsgeschäft lernt. Kurz zuvor hat der junge Werbefachmann Aubrey Gilbert versucht, Mifflin für eine Werbekampagne zu gewinnen – vergeblich zwar, aber die beiden sehr unterschiedlich „gestrickten“ Männer verstehen sich, und Gilbert taucht nun öfter in dem Antiquariat auf, was allerdings nicht zuletzt auf die attraktive neue Mitarbeiterin zurückzuführen ist. Aubrey hat sich auf der Stelle in die junge, zauberhafte Titania verliebt und sieht sie in höchster Gefahr, nachdem er erkennt, dass in dem Laden seltsame Dinge vor sich gehen. Ja, er vermutet gefährliche Machenschaften, an denen selbst Mifflin, dem die schöne Titania doch anvertraut ist, beteiligt ist. Was führen der Antiquar und dieser aus Deutschland eingewanderte Apotheker, der immer mehr die Aufmerksamkeit Aubreys erregt, bloß im Schilde?

Natürlich wird Aubrey das Rätsel lösen und Schlimmes verhindern (wobei ihn der Autor – sicher wider Willen- nicht immer gut aussehen lässt). Bevor es so weit ist, geht es aber recht betulich zu, und Morley präsentiert uns bei der Schilderung auch eine paar Szenen, die lachhaft anmuten. So bemerkt der spätabends auf der Straße stehende Aubrey die Anwesenheit eines der Schurken in seinem in einer Pension angemieteten Zimmer daran, dass der in der Dunkelheit am Fenster stehende Eindringling eine Zigarette raucht (!) und das Aufglimmen beim Zug daran ein kleines Licht am Fenster erscheinen lässt. Oder: Aubrey beobachtet in gefährlicher Lage bäuchlings auf einem Blechdach liegend den Apotheker bei seinem wunderlichen Tun und fragt sich dabei, ob er sich wohl eine Pfeife anzünden könne …

Nun ja. So viel zum Inhalt der Geschichte. Erinnert sei nur noch einmal daran, dass sie 1919 spielt, also kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Das ist insofern wichtig, als Christopher Morley (1890 – 1957) offenbar ein von den politischen Ereignissen der Kriegsjahre und der Nachkriegszeit sehr bewegter Mensch war und so etwas wie Sendungsbewusstsein verspürte. Wie soll man es sich sonst erklären, dass er in seinem Roman den Antiquar lang und breit über die Weltlage, den „richtigen“ Umgang der Siegermächte mit den Deutschen, die Herausforderungen, die sich dem amerikanischen Präsidenten Wilson nun stellen, über Fragen der Friedenssicherung und über die Rolle, welche Buchhändler und Bücher bei der Schaffung einer besseren Welt spielen können, sinnieren lässt.

Zweifellos sind das wichtige Fragen, doch selbst als Leser/in mit politischen und historischen Interessen fragt man sich – schon bald etwas gelangweilt, später genervt -, was langatmige Betrachtungen dieser Art in einem eher seichten (Kriminal-) Roman sollen. Für das Verständnis der Geschichte sind sie, auch wenn es wegen des Handlungszeitpunkts weitläufig Zusammenhänge gibt, nicht erforderlich. Belehrungsabsichten könnten zwar das Motiv sein, doch wäre die selbstgestellte Aufgabe literarisch schlecht gelöst worden. Festzuhalten bleibt, dass der Autor seine ohnehin zähflüssige Geschichte durch seine Abschweifungen in die Länge zieht und nicht gerade fesselnder macht.

Besonders kennzeichnend: Ein komplettes Kapitel beinhaltet nichts anderes als einen Brief, den der Antiquar an seinen Schwager schreibt und in dem er die oben aufgeführten politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen der Nachkriegszeit thematisiert. Bezeichnend ist die Überschrift dieses Kapitels: „Erneut wird die Geschichte unterbrochen“ (!).

Mein Fazit: Im Kern ist „Das Haus der vergessenen Bücher“ zwar eine ganz nette, wenn auch mäßig spannende Geschichte, die durch die weltpolitischen Einlassungen des Autors zu sehr überlagert und in ihrer Entfaltung gehemmt wird. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Morley zu viel auf einmal gewollt hat. Das ist der Story nicht gut bekommen. Ermüdungserscheinungen bei der Lektüre sind die Folge. Viel zu oft muss man ein Gähnen unterdrücken. Da wäre schon etwas mehr drin gewesen.

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Christopher Morley
Das Haus der vergessenen Bücher
Atlantik/Hoffmann und Campe Verlag 2014, 256 Seiten

14 Kommentare zu „Christopher Morley: Das Haus der vergessenen Bücher

  1. Ich bin hier gelandet, weil Petra dieses Buch gerade auf ihrem Blog vorgestellt und jemand dort auf dieses Blog verwies. Für mich war es ein geschenkter Gaul, dessen Maulinhalt mich aber ziemlich anödete. Ja, Atmosphäre und ein gewisses Kribbeln hätte ich auch erwartet, aber ich wurde enttäuscht. Ich habe so viele andere Geschichten, die in jener Zeit entstanden sind, aber betulich und altbacken war nicht eine davon. Freut mich, dass sich auch bei anderen die Begeisterung in Grenzen hält … 😉

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  2. Klingt ja eigentlich ganz ok, weiss nur nicht, ob es mich interessieren würde. Vom Titel her ziemlich ansprechend, aber was du berichtest… naja, da muss ich mich dann wohl selber auch mal reinlesen (nur ein paar Seiten)…

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  3. Ich habe das englische Original vor ein paar Jahren gelesen und kann Deinen Urteil nur bestätigen. Von der Idee her ganz nett, schöne Antiquariatsatmosphäre, aber zu viel „Message“, die die Handlung verschleppt. Da wäre wirklich mehr drin gewesen.

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  4. Cover und Titel sind ja mehr als vielversprechend (ich sag jetzt nichts zu dem Hund ;)) und so bin ich sehr froh über Deine Lese-Warnung. Wunderbar! Betuliche, klischeehafte und unglaubwürdige Geschichten (Zigarette des Eindringlings? ts,ts,ts), die außerdem auch noch eine politische Botschaft tragen? Danke für Vor-Lesen!
    Viele Grüße, Claudia

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