Garantirt Aecht: Das Reklamesammelbild als Spiegel der Zeit

Ein Buch von Erhard und Evamaria Ciolina

Dieses Buch über Reklamesammelbilder ist der perfekte Einstieg in eine Thematik, die breiter gefächert ist als man vielleicht zunächst denkt. Es geht um Alltagskultur, Zeitgeschichte, künstlerische Ausdrucksformen und natürlich um Werbung. Und man staunt beim Durchblättern dieses mit vielen Beispielen ausgestatteten Buches, denn Reklamesammelbild ist nicht gleich Reklamesammelbild.

Garantirt aechtEs gibt viele Spielarten, die sich teilweise nebeneinander, aber auch zeitlich nacheinander entwickelt haben. So ist es gut, dass die Autoren zunächst einen Überblick über die unterschiedlichen Erscheinungsformen vermitteln. Es geht um Kaufmannsbilder, die beim Einkauf zunächst lose ausgegeben, später dann dem Produkt beigepackt wurden. Es geht um Automatenbilder, Werbeoblaten und Postkartenbilder; es geht um Zigarettenbilder, Klebebilder, Reklame-Bastelbögen und Tütenbilder. Und damit ist die Aufzählung längst noch nicht vollständig. Selbst Reklamesammelbilder, die nicht aus Papier waren – Sammelbilder aus Holz oder Leder zum Beispiel -, finden mindestens kurze Erwähnung.

Danach geht es dann um wichtige Firmen, die effektiv die Reklamesammelbilder für ihre Zwecke – Umsatzsteigerung und Kundenbindung – genutzt haben. Schon fast legendär sind die Serien, die das Unternehmen Liebig („Liebig’s Fleischextrakt“) herausgegeben hat; aber auch andere Markenartikel-Hersteller wie Palmin, Knorr, Erdal oder Anbieter von Schokolade wie Suchard, Stollwerk oder Sarotti nutzten das Werbemittel Sammelbild, wie viele Beispiele in diesem Buch zeigen.

Die Geschichte des Reklame-Sammelbildes begann 1870. Der Besitzer des meines Wissens heute noch existierenden Pariser Kaufhauses „Au Bon Marché“, Aristide Boucicaut, gilt als sein „Erfinder“. Schon bald nach ihm erkannten andere Unternehmer die Chancen, die die Herausgabe von Sammelbildern eröffnete. Zunächst waren dieses Einzelbilder und vorrangig auf Kinder ausgerichtet. Doch bald setzte sich eine geniale Idee durch: das durchnummerierte Serien-Sammelbild, meist bestehend aus 6 Bildern die Serie. Serien schreien geradezu nach Vervollständigung. So wuchs der Druck bei der Kundschaft, immer wieder zum Produkt des Unternehmens XY zu greifen in der Hoffnung, die Serie zu komplettieren.

Und die Zahl der Serien stieg und stieg. Allein von Liebig sind 1.138 Bilderserien in deutscher Sprache bekannt. Viele große Firmen stellten gegen eine geringe Gebühr Sammelalben zur Verfügung, andere überließen Herstellung und Vertrieb solcher Alben externen Anbietern.

Es gab kaum eine Thematik, die auf den Serien-Sammelbildern keinen Niederschlag fand und zunehmend auch Erwachsene ansprach. Die Spannbreite reichte von „Berühmte italienische Rathäuser“ und „Damen-Moden 1830“ oder „Tiere der Urwelt“ bis zu „Kultur und Schönheit des Orients“,  „Aus dem Leben der Indianer“ oder „Deutsche Männer – deutsche Taten“.  Zahlreiche Serien waren inhaltlich wie künstlerisch durchaus dazu angetan, Wissen in die Wohnstuben zu bringen.  Auf den Rückseiten waren in der Regel ergänzende Informationen zum Bild vorn, aber natürlich auch zum beworbenen Produkt und zum Hersteller untergebracht.

Generell kann und muss man feststellen, dass die Reklame-Sammelbilder eine – vermutlich etwas unterschätzte – kulturgeschichtliche Quelle erster Güte darstellen. Sie sind Spiegel ihrer Zeit und transportieren immer Botschaften, auch über den unmittelbaren Werbezweck hinaus.  Damit, so denke ich, haben sie eine eher gesellschaftsstabilisierende Wirkung entfaltet.

Das muss man bedenken, wenn man zum Beispiel sieht, welches Frauenbild vermittelt wird (die saubere, adrette, stets um das Wohl ihres Mannes und ihrer Kinder besorgte Hausfrau) oder welche Einstellung gegenüber „Negern“ zum Ausdruck gebracht wurde. Ganz besonders krass – hier hätte ich mir eine etwas kritischere Präsentation durch die Buchautoren gewünscht – war die Werbung des Seifenherstellers Schicht: „Nach Afrika, nach Afrika –  trag ich die Hirschenseife da –  und sing dem Schicht viel Lob und Preis: –  Bald werden alle Neger weiss.“ Schicht-Konkurrent Ribot ging etwas verhaltener vor und präsentierte bei seiner Seifenwerbung zwei schwarze Engelchen mit dem neutralen Text „Wahres Glück für die Hausfrauen“. Dass die Gestaltung von Reklame-Sammelbildern nach 1933 besonderem Druck ausgesetzt war, muss sicher nicht besonders erwähnt werden.

Sammelbilder gibt es auch heute noch, Panini zum Beispiel. Das Buch schließt mit einigen Beispielen aus den 50er und den 80er Jahren. Am Schluss findet sich ein ausführlicher Katalogteil; hier werden nach Themenbereichen bzw. Motiven alle bekannten Sammelbilder-Alben von 1920 – 1949 aufgeführt.

„Garantirt aecht“ ist eines der wenigen Bücher, die sich mit dem Reklamensammelbild und seiner „Botschaft“ beschäftigen. Wer sich für die Thematik interessiert oder womöglich jetzt Lust bekommen hat,  etwas intensiver einzusteigen, ist mit dieser nur noch antiquarisch erhältlichen Veröffentlichung bestens bedient.

Das Buch lebt natürlich in hohem Maße von den zahlreichen, oft wunderschönen Abbildungen. Das Autoren-Ehepaar konnte bei der Auswahl aus dem Vollen schöpfen: Die Sammlung Ciolina enthält ca. 30.000 Kaufmannsbilder, 9.000 Automatenbilder, allein 6.000 Bilder der Firma Liebig und 2.000 Sammelalben bis 1945.

trennstrich

Erhard und Evamaria Ciolina
Garantirt Aecht
Das Reklamesammelbild als Spiegel der Zeit
Edition Wissen & Literatur, 1986, 184 Seiten

Im Nachgang zu der Vorstellung von „Garantirt Aecht“ hier ein Beispiel aus meinem Privatbesitz. Es zeigt ein Reklamesammelbild (Vorder- und Rückseite) des Margarine-Herstellers Homann aus der Reihe „!000 Jahre Deutscher Geschichte“.

Reklamesammelbild Homann Vorderseite

Reklamesammelbild Homann Rückseite

11 Kommentare zu „Garantirt Aecht: Das Reklamesammelbild als Spiegel der Zeit

  1. Toller Artikel über ein eigentlich gar nicht so fernes Thema namens Marketing. Außerdem noch ein großartiger zeitgeschichtlicher Abriss – und in der Tat kann man ja anhand der inhaltlichen und gestalterischen Entwicklung dieses Genres gesellschaftliche Entwicklungen nachvollziehen.
    Was mich auch noch interessieren würde, wäre das Aufkommen der Werbe-Comics. Ich muss die ganze Zeit an ‚Salamander lebe hoch‘ denken. Oder war das was solitäres?
    Danke für den schönen Beitrag und liebe Grüße
    Kai

    Gefällt mir

    1. „Garantirt aecht“ konzentriert sich auf den Zeitraum von den Anfängen des Reklamesammelbildes bis 1933. In dieser Zeit scheinen Comics bzw. Comic-Figuren in der Sammelbild-Werbung keine nennenswerte Rolle gespielt zu haben; sie kommen in diesem Buch nicht vor, und ich finde auch nichts in einem anderen mir vorliegenden. In neuerer Zeit haben Firmen dann gelegentlich auf bekannte Figuren aus Mickey Mouse oder Fix und Foxi zurückgegriffen.
      „Aus der Reihe getanzt“ hat der Schuhputzmittelhersteller Erdal. Auf seinen Reklamemarken – das sind eigentlich keine Reklamesammelbilder, sondern die hatten ursprünglich einen praktischen Nutzungszweck als Verschlussmarken für Briefe und sind insofern nur „Verwandte“ – hat man dort eine bekannt und beliebt gewordene Stichmännchen-Figur eingesetzt. Ich füge ein Foto bei.

      Erdal Reklamemarken

      Herzliche Grüße, Ingrid

      Gefällt mir

  2. Ich kann mich nur meinen Vorrednerinnen anschließen: ein toller Beitrag! Ich kannte bisher ja nur die Fußball-Panini-Sammelbildchen und es ist mir gar nicht klar gewesen, in welchem Umfang es dieses Werbeinstrument schon viel, viel länger gab.
    Viele Grüße, Claudia

    Gefällt mir

    1. Wie ich schon zu Beginn des Beitrags sagte: das Thema ist viel vielschichtiger und facettenreicher als es auf den ersten Blick scheint. Mir macht die Beschäftigung damit viel Spaß, und ich habe ja auch schön öfter über die „Verwandten“ der Reklame-Sammelbilder, die Reklamemarken, geschrieben. Danke für Deine positive Bewertung des Beitrags und ein schönes Wochenende, Ingrid

      Gefällt 1 Person

  3. Sehr spannend!! Interessant auch, dass Ludwig Stollwerck später bekannte Maler wie Adolph Menzel, Max Liebermann, Walter Leistikow, Hans Baluschek und Franz Skarbina sowie viele auf bestimmte Motive spezialisierte Künstler wie zum Beispiel den Marinemaler Willy Stöwer für sich arbeiten ließ. Man stelle sich vor, Gerhard Richter würde heute ein Reklamebild für Kinder Schokolade malen … 🙂

    Gefällt mir

    1. Du bist ja außerordentlich gut informiert. Habe ich eine Thematik aufgegriffen, die Dich auch beschäftigt? Ich glaube, ich sollte Deinem Blog regelmäßg folgen (und nicht mehr nur gelegentich vorbeischauen), dann könnte ich mir meine Frage vielleicht selbst beantworten 🙂

      Gefällt mir

      1. Ich bin irgendwann einmal über die Malerei auf die Stollwerck-Reklamebilder gestoßen. Und seitdem habe ich mich immer mal wieder damit beschäftigt.
        Auch sehr schön ist das Schokoladenmädchen von Jean-Etienne Liotard – dieses Bild wurde zum Markenzeichen für Baker’s Kakao gemacht und auf seine Kakaodosen gedruckt. Das kennst du sicher. Ein wunderschönes Bild …
        Danke für’s Blogfolgen. 🙂

        Gefällt mir

  4. Diese Buchbesprechung ist so wunderbar geschrieben, dass ich mich zurückhalten muss, um kein Sammelfieber zu entwickeln: Diese Reklamebilder haben eben ihren eigenen nostalgischen Reiz. Und sicher ist manches nicht nur politisch unkorrekt aus heutiger Sicht, sondern war auch damals schon fragwürdig – Nach Afrika! – aber die harmloseren Slogans entlocken einfach auch ein Schmunzeln. Tolle Buchvorstellung von Dir!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s