Reinhard Kleist: Der Traum von Olympia

Die Geschichte von Samia Yusuf Omar

Die Zahl der Katastrophenmeldungen häuft sich. Auch die Zahl der Toten nimmt immer größere Ausmaße an. Menschen, die in ihrer Heimat Verfolgung und/oder bitterer Not ausgesetzt sind; Menschen, die Schlepperbanden viel Geld dafür zahlen, dass sie auf völlig unzureichenden Der Traum von Olympiaund überladenen Schiffen nach Europa gebracht werden. Sehr viele Menschen kostet der verzweifelte Versuch das Leben. Erst vor wenigen Tagen fanden geschätzte 700-900 Menschen beim Untergang „ihres“ Bootes den Tod im Mittelmeer.

Das sind Zahlen, die erschrecken, die erschüttern. Aber bei solchen Horrorzahlen verliert man schnell den einzelnen Menschen, das individuelle Schicksal eines Flüchtlings aus dem Blick. Dabei kann das manchmal besser Augen, Ohren, Herz und Verstand öffnen und schärfen als die Berichterstattung über das „Massengrab Mittelmeer“ oder gescheiterte Rettungsaktionen.

Hinter der Geschichte von Samia Yusuf Omar verbirgt sich solch ein bewegendes Einzelschicksal. Dank Reinhard Kleist, einem der profiliertesten deutschen Comic-Zeichner, ist es einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden.

Samia Yusuf Omar war eine junge somalische Läuferin, die mit 17 Jahren als Vertreterin und Flaggenträgerin ihres Landes an den Olympischen Spielen 2008 in Peking teilgenommen hatte. Als 200-Meter-Läuferin war sie zwar als Letzte in ihrem Vorlauf ausgeschieden, doch das Publikum feierte die junge Sportlerin. Ihr großes Ziel war es, bei den nächsten Olympischen Spielen in London an den Start zu gehen. Nicht nur rein sportlicher Ehrgeiz trieb sie an; nein, sie wollte Profisportlerin werden und mit dem Geld, das sie dann verdienen würde, ihre Familie unterstützen. Doch in ihrem Heimatland fehlten ihr jegliche Voraussetzungen für ein erfolgversprechendes Training, zumal sie auf den Widerstand der herrschenden islamischen Fundamentalisten stieß, die Frauen untersagten, Sport zu treiben. Samia setzte alles auf eine Karte und begab sich auf eine mühselige Odysee durch große Teile Afrikas bis zur lybischen Küste. Ihr Ziel: Europa. Doch sie erreichte ihr Ziel nicht. Vor der Küste von Malta, die Rettung vom überladenen Schlepperboot schon vor Augen, ertrank sie.

Die Geschichte der jungen Somalierin ist eine wahre Geschichte, mit einigen fiktiven Elementen angereichert. Sie steht stellvertretend für das Schicksal vieler afrikanischer Flüchtlinge. Reinhard Kleist, der bereits früher bewiesen hat, dass er schwierige gesellschaftliche Themen angemessen umsetzen kann, erzählt sie in schwarz-weiß-Zeichnungen behutsam, ohne Pathos und vielleicht deshalb so bewegend.

Bevor er mit der konkreten Arbeit an dieser Graphic Novel begann, hatte Kleist sich mit Samias Schwester getroffen und mit Weggefährten gesprochen, um möglichst viel über die junge Frau, ihre Lebensumstände, ihre Träume zu erfahren. Das zeigt die Ernsthaftigkeit und Betroffenheit, die den Zeichner angetrieben haben. Entstanden ist diese bewegende Graphic Novel, deren Lektüre schlicht jedem zu empfehlen ist. Sie ist ein Appell, den Blick nicht (länger) vor den Tragödien zu verschließen, die sich vor der europäischen Haustür abspielen, ein Appell an die Menschlichkeit. Und eine Mahnung an die Politik, Worten über Bedauern und Betroffenheit Taten folgen zu lassen.

trennstrich

Reinhard Kleist
Der Traum von Olympia
Die Geschichte von Samia Yusuf Omar
Carlsen 2015, 152 Seiten

13 Kommentare zu „Reinhard Kleist: Der Traum von Olympia

  1. Bin gerade auf diesen Beitarg gestoßen. Das Buch kannte ich bereits und es hat mich ebenfalls sehr beeindruckt. Einzelschicksale treffen einen immer direkt – mehr als immer größere Zahlen aus den Nachrichten. Sehr gut zum Thema finde ich übrigens „Kinshasa Dreams“ von Anna Kuschnarowa. Es ist zwar ein Roman, basiert aber auf einer wahren Geschichte. Übrigens sehr gut für Schüler geeignet, thematisiert das Buch, was Flüchtlinge schon alles hinter sich haben, bevor sie das Mittelmeer überhaupt erreichen.

    Gefällt mir

    1. Ein gewisses Basiswissen über die Flüchtlingsproblematik und Einwanderungsversuche nach Europa über das Mittelmeer sollte schon vorhanden sein. ich würde sagen: ab 15/16 Jahre. Grüße, Ingrid

      Gefällt mir

  2. Der Titel wandert gleich auf meinen Einkaufszettel. Samy von der Kulturbuchhandlung Jastram hat ihn diese Woche auch vorgstellt, zusammen mit einem Roman, ich glaube eines italienischen Journalisten, der sich ebenfalls Samias geschichte annimmt.. Und ich schließe mich Dir völlig an: Es sind diese Geschichten einzelner Personen, ihrer Schicksale und Lebensträume, die uns die Flüchtlingsdramen näher bringen und vielleicht helfen zu verstehen.
    Viele Grüße, Claudia

    Gefällt mir

    1. Danke für Deine Stellungnahme und den Hinweis auf das Buch des Italieners Giuseppe Catozzella: “Sag nicht, dass du Angst hast” – ich bin Deinem Hinweis gefolgt und habe es im Blog der Kulturbuchhandlung Jastram entdeckt. Dort hat man sich dem Thema Flüchtlinge / illegale Einwanderung und dem Elend, das damit zusammenhängt, dankenswerterweise ja etwas ausführlicher gewidmet. Grüße und ein schönes Wochenende, Ingrid

      Gefällt 1 Person

      1. Und ich habe alle Anregungen zum Thema aus dieser Woche aufgenommen und einen großen Einkaufszettel geschrieben – auch amazon ist in diesem Fall gut zu gebrauchen, im Sinne einer Recherchedatenbank :-). Mich packt gerade sehr das Interesse daran, wie diese Thematik journalistsich und literarisch verarbeitet ist/wird. Auch die ZEIT und die SZ am Samstag haben diesem Thema in ihren Ausgaben viel Platz eingeräumt. Und so sammel ich gerade einen Textfundus mit unterschiedlichen Textsorten schon für das nächste Schuljahr, denn wahrscheinlich wird das Thema ja weiterhin sehr aktuell bleiben – und erzeugt bei vielen Schülern schlicht Angst, das sie durch die Einwanderer eigene Chancen verlieren. Und andere wiederum können aus ihren Familiengeschichten berichten, weil es dort ganz ähnliche Erlebnisse gibt.
        Viele Grüße, Claudia

        Gefällt mir

      2. Das finde ich sehr beachtlich und dankenswert, dass Du verstärkt in diese schwierige, mit vielen Emotionen und Vorbehalten belastete Thematik (vom rechten politischen Rand will ich erst gar nicht reden) einsteigen willst. Die Flüchtlings-, Asyl- und Einwanderungsdiskussion, bei der so manches durcheinander geworfen wird, wird mit Sicherheit auch im nächsten Schuljahr noch aktuell sein und geführt werden (müssen). Einen schönen Restsonntag, Ingrid
        P.S.: Auch ich nutze Amazon gern für die Recherche. Das war’s dann aber auch 🙂

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s