William Morris – Designer, Buchkünstler, Dichter, Sozialrevolutionär

Buchvorstellung „Charlotte & Peter Fiell:  William Morris (1834- 1896)“

William MorrisDieser Mann verfügte über eine ungeheure schöpferische Energie. Im Zeitraum von 1861 bis 1896 schufen William Morris und seine Firma, die er zeitweilig mit Partnern, zeitweilig allein führte, Glasfenster, Wandbehänge, Teppiche, Fliesen, Textilien, Tapeten. Morris publizierte eigene Poesie und Prosa; er beschäftigte sich mit Kalligrafie und gründete 1891 die Kelmscott Press, eine Privatpresse, die exzellent gestaltete Bücher verlegte. Die Veröffentlichung von „The Works of Geoffrey Chaucer“ war das wichtigste Projekt, das fünf Jahre in Anspruch nahm. Dieser „Kelmscott-Chaucer“ gilt als einer der Höhepunkte der Buchgeschichte und Buchgestaltung überhaupt.

Als ich dieses Buch hier in die Hand nahm, galt mein Interesse vor allem dem Begründer der Kelmscott Press und deren Arbeit. Für  Charlotte und Peter Fiell  stellt sie aber nur einen unter vielen Aspekten aus der umfangreichen Tätigkeit von William Morris dar. Das hat sich letztlich aber nicht als Mangel erwiesen. Ich war zwar vorher schon etwas mit dem künstlerischen Schaffen des Engländers vertraut,

Blick in's Buch: Tapetenentwürfe von Morris
Blick in’s Buch: Tapetenentwürfe von Morris

aber dieses reich illustrierte Buch vermittelt einen wunderbaren Gesamtüberblick über das von Mittelalter wie von Präraffaeliten inspirierte vielfältige Werk.

Vorangestellt ist eine Biografie, die auch auf die Antriebskräfte von Morris und auf dessen politisches Engagement – er war einer der Gründerväter der englischen Sozialisten – eingeht.

Mit Hilfe seiner Firma Morris & Co. versuchte Morris, der Arbeit ihre Würde und der Kunst ihre Bedeutung wiederzugeben. In diesem einzigartigen Unternehmen wollte er soziales Bewußtsein mit gesellschaftlichen Zielen in Einklang bringen, indem er in Entwurf und Ausführung qualitätvolle, von Hand gearbeitete Gegenstände produzierte. Doch von Anfang an wurde dieses reformerische Ziel durch den ökonomischen Konflikt zwischen handwerklicher Fertigung und Erschwinglichkeit in Frage gestellt.

Dieser Konflikt war nicht der einzige in Leben und Schaffen von Morris; es gab eine Reihe von Widersprüchen: „der reiche Mann, der den Armen die Revolution predigte, der Gentleman und der Kunsthandwerker; der Barde und der Geschäftmann“.

Von seinem ‚Haß auf die moderne Zivilisation‘ angetrieben, suchte Morris die Kunst und die Gesellschaft zu reformieren, indem er durch praktisches Handeln demonstrierte, wie die Dinge besser und ethischer gestaltet werden konnten.

Dennoch, so betonen die Autoren, wird durch die Widersprüche die grundsätzliche Bedeutung von Morris‘ Werk nicht geschmälert.

Dieses Werk lernen wir dann auf den folgenden Seiten näher kennen. Zunächst stellen die Autoren private und öffentliche Örtlichkeiten vor, die von Morris und Partnern ausgestattet wurden. Danach geht es um die einzelnen kunsthandwerklichen Sparten, die von Morris nach und nach in das Angebotsspektrum der Firma eingegliedert wurden.

Gewiss, Morris hatte hochqualifizierte Künstler und Designer als Mitstreiter und Compagnons; beispielhaft seien Dante Gabriel Rosetti, Edward Burne-Jones und John Henry Dearle genannt. Bemerkenswert ist aber, dass ein Großteil der Entwürfe, sei es für Möbel, Teppiche oder Fliesen, für gedruckte oder gewebte Stoffe, von ihm selbst stammt oder er bei Entwurf und Ausgestaltung mitgewirkt hat. Und – wen wundert es noch? – auch die Schrift, in der der berühmte „Chaucer“ gedruckt wurde, ist die von Morris bewerkstelligte Weiterentwicklung einer mittelalterlichen Schrift.

Seite aus dem "Kelmscott-Chaucer; llustration: Edward Burne-Jones, Typographie: William Morris
Seite aus dem „Kelmscott-Chaucer; llustration: Edward Burne-Jones, Typographie: William Morris

Ich mag den für Morris typischen Stil sehr und habe mir mit Begeisterung die zahlreichen Abbildungen in diesem ebenso schönen wie informativen Buch angeschaut, die vom Firmengründer selbst oder seinen Mitstreitern bei Morris & Co. geschaffene Kreationen zeigen.

William Morris war eine faszinierende, facettenreiche und ungemein kreative und produktive Persönlichkeit. Für mich ist die Beschäftigung mit seinem Leben und Werk mit dem Zuklappen dieser Publikation noch nicht zu Ende. Und vielleicht gelingt es mir mit meinem Enthusiasmus ja auch, das Interesse von Blogbesucherinnen und -besuchern an diesem Multitalent und seinem vielfältigen Schaffen zu wecken.

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Charlotte & Peter Fiell
William Morris
Taschen Verlag 1999
dreisprachig (englisch/französisch/deutsch), 176 Seiten

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