Nostalgischer Blick zurück: Guckkästen und Guckkastenbilder

  • Der Guckkasten. Einblick – Durchblick – Ausblick
  • Guckkastenbilder aus dem Augsburger Verlag Probst

Sie brachten die große weite Welt in die Dörfer und Städte. Massenmedien in heutigem Sinne gab es nicht. Viele Menschen waren des Lesens unkundig. Für die, die lesen konnten, Der Guckkastenwaren  Flugblätter eine Informationsquelle, die einen eingeschränkten Blick über die Grenzen des eigenen kleinen Umfeldes hinweg erlaubten. Herumziehende Moritaten- und Bänkelsänger und die Guckkästler brachten für alle Bevölkerungsschichten verständliche Nachrichten mit und präsentierten sie auf Jahrmärkten oder Volksfesten. Das an Neuigkeiten und Bildern interessierte Publikum nahm sie begierig auf.

Hier in diesem Beitrag geht es um die Guckkästler, die nicht nur das Informations-, sondern auch das Unterhaltungsbedürfnis ihrer Kunden befriedigten. Ab ca. Mitte des 18. Jahrhunderts erlebten die Guckkästen ihre Blütezeit und wurden zur Publikumsattraktion. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts war das professionelle Guckkastengewerbe dann aus dem kulturgesellschaftlichen Leben verschwunden.

Charles T. Gale: The Peep Show Man (Quelle: Wikipedia)
Charles T. Gale: The Peep Show Man (Quelle: Wikipedia)

Für eine erschwingliche Summe zeigten die Guckkästler in ihren Kästen Städteansichten, biblische oder mythologische Szenen,  Bilder von kriegerischen Auseinandersetzungen oder Naturkatastrophen. Das Besondere daran war die räumliche Wirkung, die optische Illusion von Tiefe, die eine in den Guckkasten eingebaute Linse erzeugte. Dunkles Umfeld und Beleuchtung des Bildes verstärkten diese Wirkung noch. So wurde das Betrachten der Bilder zu einem Erlebnis.

Das Buch „Der Guckkasten“ bringt uns zurück in diese Zeit – und erzeugt durchaus wohlige nostalgische Gefühle, was nicht zuletzt eine Folge der zahlreichen schön anzuschauenden Abbildungen ist. (Zur Illustration dieses Beitrags greife ich aber abgesehen von den beiden Bucheinbänden auf freie Wikipedia-Bilder zurück.)

Die fünf Autoren, die die verschiedenen Kapitel unter sich aufgeteilt haben, stellen die Entwicklung des Guckkastens und die geografische Ausbreitung dar und beleuchten Arbeit und soziologische Herkunft der Guckkästler, die eher der Unterschicht der damaligen Bevölkerung zuzurechnen waren. Ihr wirtschaftlicher Erfolg hin nicht zuletzt von der Art und Weise ab, wie geschickt sie ihre Kundschaft anlockten, Erwartungen weckten und unterhaltsam ihre Bilder präsentierten. Auch hierfür liefert das Buch ein anschauliches Beispiel.

Trotz der Fülle der gedruckten Guckkastenblätter – der Bedarf war so enorm wie das Schaubedürfnis der Bevölkerung – gab es im wesentlichen nur fünf europäische Städte, in denen diese spezielle Art von Grafik (Kupferstich oder Radierung)  gefertigt wurde. In Deutschland war das nahezu ausschließlich Augsburg. Erst gegen Ende der „Guckkasten-Zeit“  kam Berlin mit einer bescheidenen Produktion hinzu.

Die Autoren gehen in ihrem Buch auf die wichtigsten Hersteller und die Besonderheiten ihrer Produktion ein. Sie erläutern Motive, Herstellungstechnik und Bildgestaltung und bringen viele wunderbar anzuschauende Abbildungen.

Die Entwicklung, das lehrt uns die Lektüre,  blieb nicht beim großen, oft fahrbaren Guckkasten aus Holz stehen. Im Kapitel mit dem Titel „Die Illusion in der Tasche“ werden auch die „Taschenausgaben“ des Guckkastens, die „Faltperspektiven“, dargestellt. Schließlich geht es auch um die Weiterentwicklung zu Transparentmalerei und Transparentbild und weitere Erfindungen und Konstruktionen bis hin zur Entstehung der Fotografie, die schließlich das Ende des Guckkastens herbeigeführt haben.

Eine Liste bekannter Faltperspektiven und ein Namens- und Sachindex schließen das Buch ab. Leider fehlt ein Glossar – angesichts einer Reihe nicht unbedingt geläufiger Begriffe (Polyorama panoptique, Diorama, Megalethoscope etc.) hätte ich zur schnellen Orientierung und Unterscheidung ein solches als hilfreich empfunden. Die Texte dieses Buches sind aber – vielleicht mit Ausnahme des letzten Kapitels, in dem es sehr kursorisch um Fragen von Optik und Perspektive geht – leicht lesbar.

Bucheinband; Stadtansicht Augsburg Brotmarkt mit Rathaus
Bucheinband; Stadtansicht Augsburg Brotmarkt mit Rathaus

Einmal mit der Thematik angefangen, erweist sich dieses Buch als „Appetitanreger“ zur weiteren Beschäftigung mit der wunderbaren Welt der Guckkästen und Guckkastenbilder.

Da kommt die Publikation von Sixt v. Kapff gerade recht. Sie enthält auch einen kurzen Abriss zu Entstehung und Geschichte des Guckkastens, ist aber ansonsten ausschließlich dem bedeutendsten Augsburger Guckkastenbilder-Verlag Georg Balthasar Probst gewidmet.  In diesem Gesamtkatalog werden auf über 500 Seiten nahezu alle von Probst produzierten Bilder abgebildet und erläutert.

Das Spektrum der Motive ist sehr breit. Die Mehrzahl der Blätter sind Veduten (Städteansichten); es wurde aber auch eine Fülle anderer Serien verlegt. Probst legte bei der Herstellung der Platten großen Wert auf hochwertige Ausführung in Stich und Kolorit.

Liebhaber von Guckkastenbildern werden von diesem Buch begeistert sein. Es ist allerdings nicht mehr so ganz einfach und nicht gerade preiswert zu bekommen. Aber für echte Fans lohnt sich die Anschaffung ganz bestimmt.

Guckkastenbild Probst: Alter Markt Köln
Guckkastenbild Probst: Alter Markt Köln (Quelle: Wikipedia)

Guckkastenblätter sind heute beliebte Sammelobjekte, für die hohe Preise gezahlt werden. Schaut man bei Ebay nach, findet man zwar auch Blätter ab ca. 40 EUR, Preise von 400 EUR und mehr pro Blatt bei guter Erhaltung und Herkunft aus den bedeutendsten Verlagen (Probst z. B.)  sind aber keine Seltenheit. Wie es bei den großen Häusern wie Sotheby’s oder Christie’s aussieht, vermag ich nicht zu sagen. Dort geht es vermutlich noch um andere finanzielle Größenordnungen.

Während noch relativ viele Guckkastenbilder gehandelt werden, gibt es aber leider kaum Bücher, die sich dem Thema Guckkasten und Guckkasten-Blätter widmen. (Man darf sich von Buchtiteln, in denen das Wort Guckkasten vorkommt, nicht täuschen lassen.) Auch die beiden hier vorgestellten Titel sind nur noch antiquarisch zu haben. Wer sich für die Thematik begeistert und/oder an Kultur- und Mediengeschichte interessiert ist, wer sich an wundervollen alten Städteansichten und weiteren schönen Drucken erfreuen will, wer einmal in die Zeit ohne Digitalkamera, Computer und Fernsehen abtauchen will, sollte die wenigen Chancen, die sich noch bieten, jetzt nutzen und ohne zu zögern zugreifen.

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Georg Füsslin, Werner Nekes, Wolfgang Seitz u.a.
Der Guckkasten
Einblick – Durchblick – Ausblick
Füsslin Verlag, Stuttgart 1995, 120 Seiten

Sixt v. Kapff
Guckkastenbilder aus dem Augsburger Verlag von Georg Balthasar Probst 1732 – 1801 / Gesamtkatalog
Anton H. Konrad Verlag, Weißenhorn 2010, 560 Seiten

 

10 Kommentare zu „Nostalgischer Blick zurück: Guckkästen und Guckkastenbilder

  1. Das ist ein sehr interessantes Thema. Danke, dass Du es uns hier näher bringst. Weißt Du zufällig, ob der Guckkastenmann üblicherweise auch Informationen zu den Bildern bekam und weitergab? Oder hat man nur geguckt und war es zufrieden?

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    1. Dass der Guckkastenmann zu den Bildern Informationen bekam, glaube ich eher nicht; in den beiden Büchern wird diese Frage nicht ausdrücklich thematisiert. Schon dadurch, dass die Guckkästler ständig umherzogen, konnten sie ein über das Normalmaß hinausgehendes Wissen erwerben. Ob immer alles genau stimmte und auch aktuell war, ist eine andere Frage. Es wurde aber auf keinen Fall nur geguckt. Die Guckkästler mussten eine regelrechte Schau abziehen, um ihre Kunden auch beim Betrachten der Bilder zu unterhalten. Der „Vortrag“ geschah vielfach in Reimform, gern auch mit einer gewissen Verballhornung der deutschen Sprache.

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  2. Einen schönen Einblick in die Welt der Guckkästen hast Du uns da gegeben, liebe Ingrid. Die Bilder sind ja einfach toll und beeindruckt hat mich außerdem auch noch, dass die Menschen wohl schon immer gerne geschaut haben und dann auch noch sehr neugierig auf die Fremde gewesen sind. Das scheint wohl so ein menschliches Grundbedürfnis zu sein und wer nicht selbst reisen und gucken kann, kann wenigstens in den Guckkasten schauen. Und ich kann mir schon vorstellen, dass Susanne vom Schauen so beeindruckt war, dass sie ihre Erinerung nicht vergessen hat. Da fällt mir ein, dass es zu meiner Kinderzeit solche kleinen Plastikkästen gab, sahen sie nicht meistens aus wie ein Fotoapparat?, in die man, wenn man in den Sucher schaute, auch Bilder, meistens von Städten oder Urlaubsregionen, anschauen konnte. Und beim Klicken wechselte das Bild. Wir Kinder zumindest sind auch fasziniert gewesen, auch wenn das Erlebnis bestimmt nicht so beeindruckend gewesen ist, wie beim Guckkasten. alleine schon, weil die Bildqualität ganz schlecht gewesen ist.
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Guten morgen, Claudia,
      freut mich, dass Dir der Beitrag zum Thema Guckkästen gefallen hat. Damals waren die ja für große Teile der Bevölkerung die einzige Möglichkeit, einen Blick in die ihnen unbekannte und meist unerreichbar weite Welt zu werfen. Von daher kann ich mir gut vorstellen, dass die Guckkästen ein Publikumsmagnet bei Jahrmärkten etc. waren. – Die kleinen Fotoapparat-ähnlichen Plastikkkästchen kenne ich auch noch. Grüße ins W’tal und eine gute Woche, Ingrid

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  3. Liebe Ingrid, ich weiß nicht mehr genau, wo ich Guckkästen im Museum gesehen habe. War es vielleicht sogar in Mainz im Filmmuseum? Ich fand es sehr interressant und belebend, mir die Bilder durch die Guckkästen anzuschauen.
    Nach dem googlen habe ich den Link gefunden:
    http://deutsches-filminstitut.de/filmmuseum/ausstellungen/dauerausstellung/themen-inhalte/filmisches-sehen/
    Ich besuchte das Museum das letzte mal als 20jährige. Das ich mich heute nach 30 Jahren noch an die Guckkästen erinnere, zeigt, wie sehr sie mich beeindruckten.
    Einen schönen Sonntag von Susanne

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    1. Danke für den interessanten Link. Vielleicht komme ich ja mal in die Frankfurter Gegend und kann selbst einen Blick in einen Guckkasten werfen. Das fände ich spannend. Wenn Du Dich nach so vielen Jahren noch daran erinnerst, muss es ja wirklich ein Erlebnis sein. Grüße nach Berlin, Ingrid

      Gefällt 1 Person

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