Patrick Modiano / Jean-Jacques Sempé: Catherine die kleine Tänzerin

Wenn zwei der ganz Großen ihrer Zunft sich zusammentun, muss nicht zwangsläufig etwas Großes daraus entstehen. Manchmal aber ist ein Meisterwerk das Ergebnis. Wie hier zum Beispiel.

Catherine die kleine TänzerinIn dieser kleinen Geschichte, die Patrick Modiano 1988 erstmals veröffentlicht hat, geht es eigentlich gar nicht ums Tanzen, auch wenn sich die tänzerischen Ambitionen und Präferenzen der weiblichen Linie der Familie Certitude von der Großmutter über die Tochter bis zur Enkelin weitervererbt haben. Vorrangig geht es hier um eine wunderbare Vater-Tochter-Beziehung, die Modiano den Leserinnen und Lesern sehr feinfühlig vermittelt.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive der inzwischen erwachsenen Catherine, die vom Fenster ihrer New Yorker Wohnung aus ihre Tochter beim Balletunterricht im gegenüber liegenden Gebäude beobachtet. Catherines Mutter, eine professionelle Tänzerin amerikanischer Herkunft, hatte die damals in Paris lebende kleine Familie vor einigen Jahren verlassen – aus Heimweh, so die „offizielle“ Begründung, aber schon die kleine Catherine hatte gespürt, dass Heimweh wohl nicht der einzige Grund gewesen sein konnte. Was mit zu der Entscheidung der Mutter, nach Amerika zurückzukehren, beigetragen hatte, wird nicht ausgesprochen, bleibt ein wenig unklar, wie so manches andere in dieser kleinen Geschichte. So hat Vater Certitude ein wenig Probleme, seiner kleinen Tochter zu erklären, was genau er denn eigentlich beruflich macht. Angedeutet wird, dass die Geschäfte der Import-/Exportfirma, die der Vater ursprünglich allein, mittlerweile aber zusammen mit einem Partner betreibt, nicht so ganz „astrein“ sind, und der Familienname lautete auch nicht immer Certitude …

Am Ende der Rahmenhandlung folgen Vater und Tochter der Mutter nach Amerika, die Eltern finden wieder zueinander, und Catherine baut sich ein eigenständiges Leben als Leiterin einer Balletschule auf.

Im Kern geht es bei dieser Erzählung darum, wie der alleinerziehende Vater sich auf seine kleine Tochter einstellt, wie die beiden ihr Leben einrichten und genießen. Vater und Tochter unternehmen viel gemeinsam, haben Spaß, wenn der Vater zum Beispiel mit dem Rasierpinsel hinter Catherine herläuft, um sie einzuseifen; er bringt Catherine zum Balletunterricht und setzt sich bis zum Ende der Stunde zu den wartenden Müttern; sie gehen zusammen essen und versuchen mit allen Tricks zu vermeiden, sich an den Tisch von Certitudes Geschäftspartner setzen zu müssen …

Es ist erstaunlich und beeindruckend, mit welchem Einfühlungsvermögen, mit welcher Leichtigkeit Modiano Alltagsbegebenheiten dieser kleinen eingeschworenen Gemeinschaft schildert. Und über allem schwebt ein leichter Hauch von Wehmut.

Wie gut Vater und Tochter sich verstehen, wird ganz besonders dann deutlich, wenn sie in bestimmten Situationen alle beide ihre Brille abnehmen, um dem Alltag die Schärfe zu nehmen, sich ein wenig wegzuträumen. Einfach schön.

Es bereitet großes Vergnügen, die Geschichte über Catherine und ihren liebenswürdigen und ein klein wenig kauzigen Vater zu lesen. Jean-Jacques Sempé hat mit seinen gelungenen Illustrationen im unverkennbaren Sempé-Stil dazu beigetragen, dieses kleine Bändchen zu einer bibliophilen Kostbarkeit zu machen.

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Patrick Modiano / Jean-Jacques Sempé
Caterine die kleine Tänzerin
Diogenes Verlag 1991/2013, 80 Seiten

7 Kommentare

  1. Oh, ich freue mich, dass ich über diesen feinen Blog auf dieses Buch aufmerksam gemacht wurde! Das ist ja großartig, diese Kombination!!! Ich werde es mir gleich noch heute besorgen! Danke!!! Liebe Grüße,
    Wanja

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