Hexe Hausfrau Heilige – Frauenbilder in Exlibris für Frauen

Pünktlich zum Internationalen Frauentag stelle ich heute ein Buch vor, das sich mit der Thematik „Frauenbilder in Exlibris für Frauen“ befasst. Und wie das passt!

Hexe Hausfrau HeiligeGenau genommen handelt es sich um das Begleitbuch zu einer Ausstellung, die 1998 im Gutenberg-Museum in Mainz gezeigt wurde. Das Museum verfügt über den gewaltigen Bestand von rund 100.000 Exlibris und zeigt Ausschnitte daraus von Zeit zu Zeit in Sonderausstellungen. So gab es 1995 eine Präsentation ausgewählter Katzen-Exlibris.

Exlibris für Frauen sind sehr viel „jünger“ als die für Männer. Es gibt die kleinen grafisch gestalteten Namenszettel zur Kennzeichnung von Büchern seit über 500 Jahren. Aber erst ab dem Ende des 19. Jahrhunderts bekamen Frauen im Exlibris „ihr eigenes Gesicht“. Das liegt darin begründet, dass Frauen erst viel später als Männer Leserinnen wurden. Mühsam mussten sie sich Fähigkeit, Recht und Freiheit zu lesen erst erkämpfen, sah das von Männern geprägte Frauenbild doch keinen „Müßiggang“, geschweige denn Bildung für Frauen vor. Sie hatten sich um Haushalt und Kinder zu kümmern und dem Mann ein behagliches Heim zu bieten. Und auf gar keinen Fall durfte die Frau dem Mann geistig überlegen sein.

So ist es nicht verwunderlich, dass Frauen auch erst spät Eignerinnen von Büchern wurden, für die auf sie zugeschnittene Exlibris als Kennzeichnung ihres Besitzes interessant waren.

Es ist gut und erhellend, dass der Katalog einleitend ein von Andrea Ehses verfasstes Kapitel mit der Überschrift „Wissen ist Macht. Der steinige Weg der Frauen zur Bildung“ enthält. Der Haupt-Textteil stammt aus der Feder von Dr. Elke Schutt-Kehm, die die Exlibris-Sammlung im Museum Gutenberg betreut und kenntnisreiche Verfasserin von diversen Veröffentlichungen zu diesem Themenkreis ist.

„Wie wollten die Eignerinnen gesehen werden? Was wurde ihnen zugebilligt? Ist auch hier das Bild der Frau meist das ‚Bild des Mannes von der Frau‘, gelten die beliebten Vorurteile vom ’starken und schwachen Geschlecht‘, dass ‚der Mann denkt, die Frau fühlt“? Schutt-Kehm weiß selbst nur zu genau, dass diese und andere von ihr aufgeworfene Fragen eher rhetorischer Art sind. Denn Exlibris entstanden/entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern spiegeln ihre Zeit – und damit auch die Einschätzung von Männern Frauen betreffend.

Man muss bedenken, dass viele Exlibris für Frauen nicht von den Bucheignerinnen selbst, sondern von deren Ehemännern in Auftrag gegeben wurden – weil sie über das Geld verfügten, als Geschenk oder als Tauschobjekte, mit deren Hilfe die eigene Sammlung ausgebaut werden konnte. Denn Exlibris waren längst über den ursprünglichen Zweck hinaus zu beliebten Sammelobjekten geworden. So dürften viele für Frauen geschaffene Exlibris das Bild widerspiegeln, das die Ehemänner in ihrer Ehefrau sahen (oder gern gesehen hätten).

Schließlich darf man nicht darüber hinwegsehen, dass auch viele Frauen selbst dem tradierten, anerzogenen Verständnis von Rolle und Aufgaben der Frau und Mutter verhaftet waren. Davon sind Bucheignerinnen, ja nicht einmal die Künstlerinnen ausgenommen, die eine ganze Reihe der für ihre Geschlechtsgenossinnen bestimmten Exlibris gestaltet haben.

Der Prozess der Emanzipation ist nur langsam vorangegangen und trotz vieler Fortschritte bis heute nicht wirklich abgeschlossen. Das wird auch bei der Betrachtung von Exlibris deutlich, und wo es nicht sofort ins Auge springt, weist Elke Schutt-Kehm darauf hin. Zum Beispiel:

  • Mit Pflege und Betreuung der Kinder beschäftigte Frauen werden häufig dargestellt, „Vaterbilder“ als Szenen liebevoller Zuwendung vom Mann zum Kind oder gar Säugling aber sind die Ausnahme;
  • Vorlesende Mütter führen die Kinder ans Buch heran – es gibt aber so gut wie keine Exlibris von vorlesenden Vätern;
  • Berufs- und Arbeitswelt außerhalb des Haushalts: Neben dem hausfraulichen Bereich sind Frauen allenfalls bei erzieherischen, medizinischen und pflegerischen Tätigkeiten zu sehen, alles andere blieb die Ausnahme.

Aber es gab natürlich zu allen Zeiten auch gebildete Frauen, Frauen,  die sich nicht anpassen wollten und nicht anpassen ließen, sich gegen Fremdbestimmung wehrten und für Selbstbestimmung entschieden. Und dazwischen gab und gibt es noch viele Abstufungen. Auch von ihnen erzählen Exlibris auf faszinierende Weise.

Die Ausstellung im Gutenberg-Museum ging das Thema „Frauenbilder im Exlibris für Frauen“ unter unterschiedlichen Aspekten an. Themenfelder waren u. a. figürliche Darstellungen, Statussymbole, Paare – Partner – Ehehälften, Bienenfleiß und Lust und Frust des Hausfrauenlebens, Mütter, Berufs- und Arbeitswelt, Das Tier als Begleiter und Freund, Hexen und Zauberfrauen, Religion und Frömmigkeit, Der weibliche Akt – und viele andere Aspekte mehr.

Im Anhang an den Textteil sind alle 869 ausgestellten Exlibris in Form einer Kürzest-Beschreibung aufgeführt. Im Text selbst geht die Autorin auf viele der Exponate mehr oder weniger ausführlich ein (manchmal bleibt es bei einer kurzen Erwähnung) und zeigt auf, wie die kleinen Kunstwerke das Frauenbild von Zeit, Auftraggeber/in, Eignerin und Künstler/in spiegelten bzw. spiegeln. Da nur ein Bruchteil der Exlibris in diesem Katalog auch abgebildet ist, erinnert das Ganze ein wenig an Trocken-Schwimmen. Dennoch gibt es dank der immerhin 147 Abbildungen nicht nur Interessantes zu lesen, sondern auch eine Menge zu sehen. Und wir lernen en passant: der Internationale Frauentag hat auch mehr als 100 Jahre nach seiner Einführung noch seine Berechtigung.

Der Erwerb dieses Katalogs lohnt sich für alle – Männer wie Frauen -, die sich für Exlibris und ihre Entwicklung im Laufe der Zeit interessieren. Dank seiner thematischen Ausrichtung stellt er so etwas wie eine Referenz dar. Ich kenne jedenfalls keine vergleichbare Veröffentlichung.

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Elke Schutt-Kehm
Hexe Hausfrau Heilige
Frauenbilder in Exlibris für Frauen
Verlag Claus Wittal, Wiesbaden 1998

10 Kommentare zu „Hexe Hausfrau Heilige – Frauenbilder in Exlibris für Frauen

    1. Ja, anhand von Exlibris – in diesem Fall für Frauen – lässt sich eine Menge darüber lernen, wie Frauen von Männern gesehen und über lange Zeiträume hinweg eingeschätzt und in ihrer Entwicklung eingeschränkt wurden, aber auch über das Selbstverständnis von Frauen. Ich fand das auch sehr spannend.

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    1. Freut mich, dass das Buch Dein Interesse gefunden hat. Ich kenne zwar Deine Handbibliothek nicht, aber ich denke schon, dass das Buch dort bald einen wichtigen Platz einnehmen wird und sehr hilfreich sein kann.
      Sonnige Grüße auch aus dem Oberbergischen, Ingrid

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  1. Liebe Ingrid,
    wieder einmal ein Buch, was mich sofort interessiert.
    Was hälst du von Gender?
    Ich finde es sehr traurig, dass es in der deutschen Sprache kein Wort für Gender gibt und wir Gender als Fremdwort in die Sprache eingegliedert haben. Wer aber hat eine konkrete Vorstellung davon, was Gender bedeutet?
    Es ist das soziale Geschlecht und hat nichts mit dem biologischen Geschlecht zu tun.
    Ich habe mich gerade am Anfang sehr schwer mit der Unterscheidung der Begrifflichkeiten getan.
    Ich wünsche dir einen schönen Sonntag, liebe Grüße von Susanne

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    1. Freut mich, dass das Buch Dein Interesse gefunden hat. Es ist wirklich sehr interessant zu sehen, wie die kleinen Grafiken das Frauenbild ihrer Zeit, der Auftraggeber/innen, Eignerinnen und Künstler/innen spiegelten bzw. spiegeln. Mal ganz von der Schönheit vieler der vorgestellten Exlibris abgesehen.
      Was Du zu Gender sagst, kann ich eigentlich nur unterstreichen. Es ist ein schwieriger Begriff, und ich glaube, in den Diskussionen geht auch einiges durcheinander. Auch Dir einen schönen Sonntag und noch ein paar schöne sonnige Stunden heute. Ingrid

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      1. Liebe Ingrid, ich habe von Christine von Braun und Inge Stephan (Hrsg.) das Buch Gender Studien, eine Einführung, gelesen. Das kann ich empfehlen, denn dort wird der Begriff an Beispielen einfach erklärt. Mir hat das Buch sehr geholfen.
        Einen schönen Tag wünscht dir Susanne

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      2. Danke für den Hinweis. Ich habe gerade auf Deinem Blog gesehen, dass Du eine Hausarbeit zum Thema „Gender im Bild“ geschrieben hast. Du hast Dich mit dem Thema Gender ja doch recht intensiv befasst. Grüße nach Berlin, Ingrid

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