Von Bücherlust und Leseglück – hrsg. von Jürgen Busche und Christine Eichel

Kluge Köpfe und ihre Bibliotheken

Welcher Bücherfreund schaut nicht gern in anderer Leute Bibliothek? Noch dazu, wenn diese mehr oder weniger prominent sind. Es gibt immer etwas zu entdecken – Vorlieben wie Abneigungen der anderen Bücherfreaks, Titel, die man selber im Regal Von Bücherlust und Leseglückstehen hat, Bücher, die man sich immer schon mal kaufen, Autoren, mit denen man sich schon seit Jahren intensiver befassen wollte …

Manchmal ist man auch ein wenig sprachlos. Jedenfalls war ich – na sagen wir –  erstaunt, als ich sah, dass sich Bastian Sick, der Ober-Deutschlehrer der Nation, für dieses Buch mit einer Mireille Mathieu-Biografie in der Hand ablichten ließ und sich als stolzer Besitzer zahlreicher Bücher über die französische Sangerin und eifriger Sammler ihrer Tonträger präsentierte.

Bücher mit dem Vorhaben, interessante Menschen mit ihren Bibliotheken und ihrer Lese-Biografie vorzustellen, gibt es eine ganze Reihe. Meist werden sie den sog. Coffee Table-Books zugerechnet: hervorragende Fotos, um die ein mehr oder weniger belangloser Text „herumgestrickt“ wurde. So wesentlich anders ist „Von Bücherlust und Leseglück“ nicht, aber es gibt doch ein paar positiv zu bewertende Unterschiede.

Das Verhältnis zwischen Bild und Text ist verhältnismäßig ausgeglichen. Den Beiträgen über die insgesamt 15 präsentierten Büchersammler werden jedenfalls die wesentlichen biografischen Daten vorangestellt; erst dann lassen die „Beiträger“ – oftmals sind das die Herausgeber selbst –  ihren aufmerksamen Blick über die Regalmeter schweifen,  um die Lesegewohnheiten der Porträtierten aufzuspüren und ihnen Aussagen über ihr Verhältnis zu Büchern zu entlocken. Die kurzen Texte sind ausreichend, um sich als Leser dieser Zusammenstellung ein Bild zu machen.

Die vorgestellten Bibliophilen – von Julia Zeh bis Walter Kempowski, von Christina Weiss bis Hanns Zischler, von Bascha Mika bis Rüdiger Safranski –  sind unterschiedlich prominent und kommen fast alle aus dem deutschsprachigen Raum.  Sie sind uns damit relativ nahe und nicht so abgehoben wie viele ihrer Pendants in anderen vergleichbaren Publikationen. Mit Eric-Emmanuel Schmitt ist ein Franzose mit elsässischen Wurzeln mit „an Bord“, der sich gut in die Auswahl integriert. Ein wenig wie ein Fremdkörper in einem nicht konsequent durchgehaltenen Konzept  kommt mir dagegen  – bei aller Wertschätzung für den Autor – das Kapitel über Gabriel Garcia Marquez vor. Wenn schon international, wäre eine bessere „Durchmischung“ angebracht gewesen.

In einem das Buch abschließenden Gespräch plaudert Christine Eichel mit Elke Heidenreich über das Leseverhalten von Frauen.

Der Verlag hat im Gegensatz zu ähnlichen Publikationen aus anderen Häusern darauf verzichtet, eine Adressenliste von kommerziellen Anbietern rund um das Thema Buch „anzuhängen“. Ich finde das anerkennenswert. Zwar kann ich es nicht beweisen, aber die Erwähnungen in anderen Publikationen mit Angebot, Adresse und Link zur Homepage bekommen diese Händler ja sicher nicht umsonst; ich vermute, dass sie nicht unerheblich zur Finanzierung des jeweiligen Buches beitragen. Der Verlag Knesebeck verzichtet auf auf eine solche finanzielle Beteiligung und trägt das unternehmerische Risiko allein.

Mein Fazit: „Von Bücherlust und Leseglück“ ist ein durchaus interessantes Buch, das man schnell durchgelesen hat. Wer neugierig ist, was Personen, die im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen, so lesen, welche Rolle Bücher im allgemeinen und bestimmte Bücher und Autoren im besonderen in deren Leben spielen und spielten, wer sich vielleicht sogar ein paar Hinweise auf Sortierungsmöglichkeiten von Büchersammlungen erhofft, wird nicht enttäuscht werden.

Und noch ein Aspekt: Mir jedenfalls ist es so gegangen, dass ich bei der Lektüre immer wieder einen Blick auf meine eigenen Bücherregale geworfen und mir Gedanken über die Entstehung und das Wachstum meiner ganz persönlichen Büchersammlung gemacht habe. Und mir vorgestellt habe, meine Bibliothek würde eines Tages Gegenstand der Berichterstattung. Welche Informationen würden wohl fremde Betrachter daraus gewinnen, welche Rückschlüsse ziehen?

Von Bücherlust und Leseglück
Kluge Köpfe und ihre Bibliotheken
von Jürgen Busche und Christine Eichel (Hrsg.)
Verlag Knesebeck 2008, 128 Seiten

8 Kommentare zu „Von Bücherlust und Leseglück – hrsg. von Jürgen Busche und Christine Eichel

  1. Mir ging es wie Claudia – die Mireille Mathieu-Leidenschaft fand ich, gelinde gesagt, merkwürdig. Nun ja, aber wer weiß, was manch einer bei der Betrachtung meiner Regale denken würde. Oder was sich bei Euch wohl fände…wäre doch mal nett: Blogger outen ihre kleinen Buchsünden 🙂

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  2. Nun musste ich aber lauthals losprusten als ich Deine schöne Beschreibung der literarischen Interessen des Herrn Sick gelesen habe: wirklich sehr erstaunlich, welche Vorlieben manche Menschen so haben. – Auch sonst hast Du mich ziemlich neugierig gemacht auf dieses Buch, zumal Du ja auch berichtest, dass es eben nicht nur aus Bildern und belanglosen Texten besteht, sondern doch so „gestrickt“ ist, dass der eigene Lese- und Sammelprozess mit in die Lektüre ragt. Vielen Dank für den schönen Tipp (wieder ein Titel auf meinem Kauf-Post-it (ein Anspielung auf Petras Listen…))
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Vielleicht kannst Du Dir das Buch ja auch in der Wuppertaler Stadtbücherei ausleihen? Das ist kein Buch, das man unbedingt haben muss. Mehr als 1x liest man es sicher ohnehin nicht. Aber es ist durchaus interessant und – das Beispiel Sick hat Dich ja auch amüsiert – manchmal überraschend. Und man versucht unwillkürlich, die eigene Büchersammlung mal mit fremden Augen zu sehen. Grüße, Ingrid

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      1. Oh je, bei mir findet sich auch lauter Buchmaterial, das auf den ersten Blick nicht zusammenpassen will. Ehrlich gesagt finde ich die Leidenschaft des Herrn Sick sehr sympathisch. Nicht weil das mein Musikgeschmack wäre, sondern weil er einfach zu seinem Hau steht. Ein bißchen Egozentrik kann nicht schaden. LG mila

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