Die Schreibmeister und ihre Kunst

Schreibmeister und Schreibmeisterbücher  16. – 19. Jahrhundert

Sie arbeiteten als Kanzleibeamte in städtischen wie herrschaftlichen Verwaltungen. Die Erfindung des Buchdrucks hatte sie keineswegs arbeitslos gemacht. Die Schreibmeister waren gefragte und angesehene Spezialisten, galt es doch – gerade in Zeiten wachsenden Handelsverkehrs und der zunehmenden schriftlichen Abwicklung von Rechtsgeschäften – Schriftstücke aufzusetzen, Verträge niederzuschreiben und für die Beurkundung vorzubereiten. Andere – aber es gab natürlich häufig Überschneidungen – waren in Schulen tätig, um die Kunst des Schreibens (und oft auch die Rechenkunst) zu lehren.

Der Schreibmeister / Stahlstich von Gerard Dow
Der Schreibmeister / Stahlstich von Gerard Dow

Das Wirken der Schreibmeister ist in vielen von ihnen publizierten Schreibmeister-Büchern dokumentiert; selbstbewusst zeigten sie darin ihre Kunst. Das war Werbung in eigener Sache. Oft aber verstanden sie ihre Veröffentlichungen, seien es einzelne Blätter oder komplette Bücher mit detaillierten Anweisungen, auch als Schulen zum Erlernen des Schönen Schreibens, herausgegeben für den Schulunterricht oder auch zur Selbstunterrichtung für jedermann, der ihnen nacheifern wollte. So suchten sie die Beherrschung klassischer wie zeitgenössischer Schriften zu befördern. Die Bedeutendsten unter ihnen waren selbst kreative Köpfe, die Schriften neu schufen bzw. weiterentwickelten.

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich hierzulande 2 Ausstellungen (mehr sind mir jedenfalls nicht bekannt) dem Leben und Schaffen der Schreibmeister gewidmet. Die eine Ausstellung mit der Überschrift „Schrift und Bild“ wurde 1962 in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden gezeigt, wanderte 1963 ins Stedelijk Museum Amsterdam und konnte im selben Jahr anschließend nochmals in Baden-Baden besichtigt werden. Schreibmeisterbücher und Blätter vieler bedeutender Schrift- und Schreibkünstler waren vertreten, darunter Johann Neudörffer d. Ä., Urban Wyss, Wolfgang Fugger, Michael Bauernfeind und Giovanni Antonio Tagliente.

Es gab einen mehr als schlichten Katalog zu dieser Ausstellung, geheftet in einen orangefarbenen Pappeinband und auf nicht gerade hochwertigem Papier gedruckt. Er enthält eine Einführung von Werner Doede „Kalligraphie – eine abstrakte Kunst“ und präsentiert eine Reihe der gezeigten Blätter bzw. Seiten aus diversen Schreibmeisterbüchern. Dieses schlichte „Katalögchen“, das antiquarisch noch erhältlich ist, dürfte allenfalls für Spezialisten und Sammler, die auf Vollständigkeit Wert legen, interessant sein.

Wenn man sich einen Überblick über Kunst und Schaffen der Schreibmeister vergangener Zeiten (und der Nachwirkungen bis in unsere Zeit) verschaffen will, ist man mit dem Begleitbuch zu einer Ausstellung im Gutenberg-Museum im Jahr 1998 weitaus besser bedient. Das gilt insbesondere für das Zug um Zugverhältnismäßig ausführliche einleitende Kapitel, das sich sehr gut als Einstieg in eine faszinierende Thematik eignet. Das Buch mit dem Titel „Zug um Zug“ kann im Shop des Gutenberg-Museums erworben werden.

Unter der Überschrift „Schreibmeisterbücher – Zur Entwicklung einer Buchgattung zwischen Kunst- und Schulbuch“ vermittelt uns Kai-Michael Sprenger Kenntnis über die geschichtliche Entwicklung, die Änderung der Stile im Laufe der Jahrhunderte, die Veränderungen, die neue Drucktechniken mit sich brachten und das Schaffen bedeutender Schreibkünstler. Vorgestellt wird eine Vielzahl erhaltener Schreibmeister-Werke, darunter Bücher von Johann Neudörffer d. Ä., Wolfgang Fugger, Urban Wyss,  Jan van den Velde, John Langton, C. H. Möckel und des Mainzer Schreibmeisters und Papierhändlers Nathan Piccard, um nur einige eher willkürlich herausgegriffene Namen zu nennen. Schon aus Platzgründen kann Sprenger viele Schreibmeister und ihre Veröffentlichungen nur streifen.

Als bedeutendster Schreibmeister des deutschsprachigen Raumes gilt der

Arrighi's La Operina
Arrighi’s La Operina

Nürnberger Johann Neudörffer d. Ä. Auf ihn und einen seiner Nachfolger, Wolfgang Fugger, wird DruckSchrift in Kürze in einem gesonderten Beitrag zurückkommen.

Die erste bekannte gedruckte elementare Schreiblehrmethode stammt übrigens aus der Feder des italienischen päpstlichen Kanzleischreibers Ludovico Vicentino degli Arrighi (tätig um 1510 – 1527). Sie ist unter dem Kurztitel „La Operina“ bekannt und lehrt die von Arrighi entwickelte Italic. Wer möchte, kann sich das komplette Buch auf www.operina.com herunterladen. Auch Arrighi’s Werk wird in „Zug um Zug“ thematisiert.

 

3 Kommentare zu „Die Schreibmeister und ihre Kunst

    1. Eine schöne Zusammenfassung, Dein Artikel über Schreibmeisterbücher! Ich werde meinerseits das Thema weiterverfolgen und in absehbarer Zeit mit Johann Neudörffer und Wolfgang Fugger zwei bedeutende Schreibmeister und ihre Schreibmeisterbücher ausführlicher vorstellen. Herzliche Grüße, Ingrid

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