H. P. Kraus: Die Saga von den kostbaren Büchern

Ein abenteuerliches Leben auf der Jagd nach seltenen und schönen Büchern, zugleich ein Kapitel der Kulturgeschichte unserer Zeit

Er war einer der schillerndsten und einflussreichsten Antiquare des 20. Jahrhunderts. Durch seine Hände gingen die berühmtesten und teuersten Bücher der Buchgeschichte – die Gutenberg-Bibel, Psalter aus der Druckerei von Johannes Fust/Peter Schöffer, Die Saga von den kostbaren Büchernbedeutende Evangeliare, seltene Erstausgaben von Caxton´s Canterbury Tales, äußerst rare Americana u.v.m. Kein Wunder, dass Hans Peter (H. P.) Kraus viel zu erzählen hat. Und – auch – das tut er gut und gern.

Der 1907 in Wien geborene Kraus begann seine berufliche Laufbahn als Buchhändler und Verlagsvertreter. 1932 machte er sich selbständig und begann erfolgreich mit antiquarischen Büchern zu handeln. Nach der deutschen Annexion Österreichs schickten ihn die Nazis ins KZ Dachau, später ins KZ Buchenwald. Von hier wurde er nach acht Monaten freigelassen, musste jedoch Österreich innerhalb von zwei Monaten verlassen. Über Stockholm emigrierte er nach New York, wo er rasch wieder ein Antiquariat eröffnete. Mit Unterstützung seiner Frau Hanni, die er in den Staaten kennengelernt hatte (und nicht zuletzt dank der finanziellen Unterstützung durch deren Familie) gelang Kraus im Laufe der Jahre ein grandioser Aufstieg.

Doch Geld allein reicht in diesem Metier nicht aus, wenn man auf Dauer in der ersten Liga nicht nur mitspielen, sondern an der Spitze stehen will. Kraus erwarb sich mit der Zeit ein immenses Wissen über alte Bücher und wurde zum Spezialisten für Handschriften und Inkunabeln aus der Frühzeit der Druckkunst – ein bis dahin von Sammlern wenig beachtetes Sammelgebiet, das der New Yorker Antiquar aus Wien populär machte.

Kraus entwickelte im Laufe seiner Berufstätigkeit auch ein Gespür dafür, wo wertvolle Bücherschätze aufzutreiben waren, hatte Kontakte zu den bedeutendsten (und betuchtesten) Sammlern seiner Zeit, aus deren Bibliotheken er wertvolle Bücher erwarb, denen er wiederum aber auch bedeutende Werke verkaufte. Zu seinen Kunden gehörten auch die deutschen Sammler Otto Schäfer und Dr. Peter Ludwig. Ihnen – wie manchen anderen Sammlern auch – widmet Kraus im zweiten Teil seiner Memoiren, der besondere Ereignisse, Erinnerungen, Erwerbungen zum Inhalt hat, eigene Kapitel. Der erste Teil ist eine mehr oder weniger chronologische Beschreibung seines Lebens, vor allem seines Lebens als Antiquar.

Was sammelt ein Antiquar, durch dessen Hände die berühmtesten und teuersten Bücher gegangen sind? Schmerzt es nicht, Bücher die unter Mühen und hohem finanziellen Aufwand erworben wurden, wieder zu verkaufen? Kraus räumt ein, dass es oft schwer fällt, wunderbare, seltene oder gar einmalige Werke wieder abzugeben:

Es ist niemals leicht, sich von bestimmten seltenen und schönen Büchern zu trennen. Illuminierte Manuskripte stehen meinem Herzen besonders nahe. Sie zu sammeln wäre jedoch außerordentlich kostspielig. Ich könnte es mir nicht leisten.

Er ist nun einmal Buchhändler. Dennoch hat er sich auch eine Privatsammlung zugelegt, über die er in einem eigenen Kapitel berichtet.

Zunächst erwähnt er seine umfangreiche, mehr als 30.000 Bände umfassende Handbibliothek, zu der noch 20.000 Händler- und Auktionskatalage hinzukommen. Diese Handbibliothek ist Informationsbasis und Erfolgsrezept seiner beruflichen Tätigkeit.

Eine wohl einmalige Spezialsammlung, die Kraus trotz vieler Angebote von Interessenten behalten hat, bezieht sich auf Sir Francis Drake. Sie enthält, darauf legt er Wert, nur echtes und zeigenössisches Material in Form von gedruckten Büchern, Manuskripten, Briefen, Landkarten, Porträts und Medaillons. Ein zufälliger Besuch einer Ausstellung persischer illuminierter Manuskripte bei Sotheby’s war der Auslöser für eine zweite private Spezialsammlung.

Hans Peter Kraus ist 1988 in Ridgefield (Connecticut) gestorben. Seinen 1978 erschienenen Lebenserinnerungen merkt man in jeder Zeile an, mit welcher Begeisterung er seinen Beruf ausübte; auch wie er es genoss, nach spektakulären Ersteigerungen von wertvollen Büchern – er setzte neue finanzielle Maßstäbe – im Blickpunkt der Öffentlichkeit zu stehen. Es macht als Leser/in Spaß, ihn bei der Aufspürung von seltenen Schätzen zu begleiten, die Geschichte bedeutender Bücher zu erfahren, über Marotten und das Feilschen mancher Sammler zu lesen, die ohne mit der Wimper zu zucken mir nichts dir nichts Millionen für begehrte Sammelstücke ausgeben können.

Das hier vorgestellte Buch hält die Erinnerung an einen erfolgreichen Antiquar wach, der in die Reihe der ganz Großen seiner Zunft aufgestiegen ist. Auch wenn es in dieser Veröffentlichung vor allem um Kraus‘ spektakulärste An- und Verkäufe geht, bei denen Otto Normalverdiener nur staunend zuschauen kann: „Die Saga von den kostbaren Büchern“ ist ein lesenswertes Buch, das für alle Bücherfreunde und -sammler – Millionen hin, Millionen her – von großem Interesse ist.

H.P. Kraus
Die Saga von den kostbaren Büchern
SV international/Schweizer Verlagshaus 1978, 446 Seiten

P.S.: Thematisch passend: Zwei Freundinnen und ihre Leidenschaft für alte Bücher, die Lebenserinnerungen der Antiquarinnen Leona Rostenberg und Madeleine Stern.

4 Kommentare zu „H. P. Kraus: Die Saga von den kostbaren Büchern

    1. Du gehörst sicher auch zu den Büchermenschen, auf die Antiquariate eine fast magische Anziehungskraft ausüben. Das Buch dürfte Dir gefallen – auch wenn es darin (das unterstelle ich jetzt einfach mal) um andere Summen geht als die, die wir auf Jagd nach Schätzchen auszugeben pflegen … Ein schönes Wochenende, Ingrid

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