Christine de Pizan – dargestellt von Margarete Zimmermann

Sie ist nicht auf den Mund gefallen. Über eine Begegnung mit einem Feind weiblicher Gelehrsamkeit erzählt Christine de Pizan:

Einmal bot ich einem Mann, der meinen Wissenshunger missbilligte, Paroli. Er behauptete, Gelehrsamkeit stehe Frauen nicht an, wie es ja auch nur wenige gelehrte Frauen gebe. Ich entgegnete ihm, Unwissenheit stehe Männern noch weniger an, auch wenn es zahlreiche unwissende Männer gebe.

Das war nicht das erste und einzige Mal in ihrem Leben, dass Christine de Pizan gegen frauenfeindliche, Frauen abwertende männliche Positionen Stellung bezog. Und das ist schon erstaunlich für eine Frau, die zwischen ca. 1364 und 1430 lebte. Als sie  starb, Christine de Pizanverkörperte sie aber deutlich mehr als „nur“ die Frauenrechtlerin, auf die sie nicht selten reduziert wird. Sie hatte nicht nur die „querelle de femmes“ angestoßen, sie war eine europaweit erfolgreiche Schriftstellerin, auch eine engagierte politische Autorin; sie war die Biografin Karls V. und Verfasserin von Erziehungsschriften für beide Geschlechter; sie war die erste französische Berufsschriftstellerin und professionelle Büchermacherin, die sich selbst um die Herstellung ihrer Handschriften und deren künstlerische Ausstattung kümmerte – die „Ahnherrin heutiger Verlegerinnen“, wie Margarete Zimmermann in ihrer Monographie schreibt.

Christine de Pizan, gebürtige Italienerin, war als junges Mädchen in das Umfeld des Hofs Karls V. gekommen, nachdem ihr Vater als Arzt und Astrologe in dessen Dienste getreten war. Kurze Zeit nach dem Vater starb völlig unerwartet ihr Ehemann, mit dem sie drei Kinder hatte. Die folgenden Jahre waren von jahrelangen zermürbenden Rechtsstreitigkeiten um finanzielle Forderungen geprägt, in denen sie sich gewieften Juristen gegenüber sah, die sie als Frau und Witwe mit ihrem Anliegen nicht nur nicht ernst nahmen, sondern ihr oft entwürdigend begegneten. Dass Christine später in ihren Schriften immer wieder für die Achtung und die Rechte von Frauen eintrat, geht auch auf ihre bitteren Erfahrungen in dieser Zeit zurück, in der kaum Geld da war, um sich, ihre Kinder und weitere Familienangehörige durchzubringen.

In dieser schwierigen Phase ihres Lebens begann Christine Verse zu schreiben – zunächst zur Ablenkung und zum persönlichen Trost über ihre Situation und vor allem den Verlust des geliebten Ehemanns. Doch bald stellte sich erster literarischer Erfolg ein; die Tür zu einem erfolgreichen Leben als Schriftstellerin war aufgestoßen.

Das wohl bekannteste literarische Werk Christine de Pizans – auch heute noch relativ leicht antiquarisch zu bekommen – dürfte „Das Buch von der Stadt der Frauen“ sein, die Geschichte von der Errichtung einer idealen, imaginierten Stadt.  Zugleich ist sie eine, so Margarete Zimmermann,

Raumutopie, die Vorstellung eines befestigten Zufluchtsorts für Frauen, errichtet aus Geschichten und Porträts außergewöhnlicher Vertreterinnen des  weiblichen Geschlechts aus allen Epochen.

Andere – um einige Beispiele zu nennen – Werke aus der Feder Christine de Pizans sind „Das Buch von den Drei Tugenden,  „Otheas Sendbrief an Hektor“ oder „Hundert Balladen eines Liebenden und seiner Dame“.

Großes Aufsehen erregte Christine de Pizan, als sie heftige Kritik an dem seinerzeit sehr beliebten „Rosenroman“ und dessen frauenfeindlichen, sexistischen Aussagen übte. Scharf ging sie vor allem mit dem Verfasser des zweiten Teils des Buches, dem Kleriker und früheren Magister an der mächtigen Pariser Universität, Jean de Meun, ins Gericht. Dass eine „unbedarfte“ Frau es wagte, diesen von den Universitätsprofessoren so überaus hochverehrten Mann anzugreifen, seine für unfehlbar gehaltenen Positionen infrage zu stellen, brachte ihr hochrangige männliche (überhebliche) Gegner ein. Doch sie ließ sich nicht einschüchtern und parierte geschickt und treffsicher deren Angriffe.

Margarete Zimmermann führt uns in ihrer überzeugenden Monographie durch das Leben und  die wichtigsten Werke der Christine von Pizan und stellt diese in den zum Verständnis nötigen historischen Rahmen. Schließlich lebte Christine in einer von Krisen geschüttelten Periode,  in der Frankreich am Rande des Abgrunds stand. Ihre politischen Schriften sind flammende Appelle, das gegenseitige Abschlachten zu beenden und das gnadenlose Auspressen der armen Bevölkerungsschichten einzustellen.

Die Autorin, Professorin für Vergleichende und Französische Literaturwissenschaft am Frankreichzentrum der TU Berlin (Stand 2002), zeigt in ihrer Darstellung nicht nur ein großes Maß an Sachkenntnis; sie lässt auch viel Symathie für die kraftvolle, mutige und produktive Französin erkennen. Bei einer Frau, die von 1998 – 2000 Präsidentin der Internationalen Christine de Pizan-Gesellschaft war, mag das nicht verwundern. Das spricht aber in keinster Weise gegen sie. Ich kann ihr in ihrer Ein- und Wertschätzung gut folgen, denn die Lebensgeschichte von Christine de Pizan hat mich sehr beeindruckt.

Mein Fazit: Das Buch von Margarete Zimmermann vermittelt uns das Bild einer hoch interessanten Frau – heute würde man wohl „Powerfrau“ sagen – mit einem für ihre Zeit absolut untypischen Lebensweg. Die Lektüre ist anregend, bereichernd und weckt – jedenfalls bei mir – den Wunsch, mehr über Christine de Pizan zu erfahren und sich mit ihrem Werk auseinanderzusetzen. Ihr „Buch von der Stadt der Frauen“ und eine Biografie der Historikern Régine Pernoud liegen zur weiteren, vertiefenden Lektüre bereits auf meinem Schreibtisch.

Das Bändchen ist im übrigen – wie bei den rororo Monographien üblich – auch optisch sehr ansprechend, denn es enthält zahlreiche farbige Illustrationen. Vielfach handelt es sich dabei um Miniaturen aus den Werken Christine de Pizans. So wird auch gleich ein Eindruck von der Schönheit mittelalterlicher Handschriften vermittelt.

Margarete Zimmermann
Christine de Pizan
Rowohlt Taschenbuch Verlag
rororo monographie 50437, erschienen 2002, 160 Seiten

 

4 Kommentare zu „Christine de Pizan – dargestellt von Margarete Zimmermann

  1. „(…) “Das Buch von der Stadt der Frauen” sein, die Geschichte von der Errichtung einer idealen, imaginierten Stadt.“

    Eine lupenreine Verfechterin von Apartheid. Sehr lustig. Aber nun, anderes ist von einer Person aus dem ausgehenden Mittelalter auch kaum zu erwarten. Die Leute (oft Männer) finden Frauenforderungen nach reinen Frauenorten ja immer irgendwie putzig und harmlos, nicht sehr frauenfreundlich übrigens.

    Alles in allem wohl eine typische Radikalfeministin wie man sie auch heute noch vor allem auf twitter antrifft. Nur möglich durch eine Welt, bereitgestellt durch hart arbeitende Männer.

    Not impressed.

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  2. Höchste Zeit, dass diese ungemein wichtige Frau einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht wird! Was mir in dieser Rezension fehlt: Ist das Buch unterhaltsam und gut geschrieben? Die pure Darstellung der Fakten ist ja meist nicht ausreichende, um wirklich Interesse an einer historische Persönlichkeit zu wecken.

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    1. Das Buch ist gut lesbar und eine ausgezeichnete Heranführung an eine bemerkenswerte Frau, die auch heute noch Aufmerksamkeit und Anerkennung verdient. „Unterhaltsam“ ist vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck.

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