Gottfried Rost: Der Bibliothekar

Schatzkämmerer oder Futterknecht?

Die Spannbreite der Selbst- und/oder Fremdeinschätzungen könnte kaum breiter sein: der Bibliothekar ein Schatzkämmerer? Oder doch eher ein Futterknecht?

Wie sich das Bild des Bibliothekars in der eigenen wie in der Fremdwahrnehmung im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat, ist eins von mehreren Themen, die dieses Buch aufgreift. Und der unterhaltsamste Teil, wenn ich auch sagen muss, Der Bibliothekardass „Der Bibliothekar“ insgesamt recht launig  geschrieben ist.

Doch man kann „die Geschichte des Bibliothekars“, die Entwicklung des Berufsbilds von den Anfängen bis heute, nicht schildern, ohne zuvor die Buch- und Bibliotheksgeschichte skizziert zu haben. So bietet das Buch denn auch eine gut lesbare Zusammenfassung.

Den zweiten Schwerpunkt bildet dann die langsame Herausbildung eines anerkannten, verbindlichen Berufsbildes. Bis es so weit war, vergingen allerdings einige Jahrhunderte. Aus heutiger Sicht muss man oft schmunzeln, wenn man liest, wie früherere Bibliothekare ihre Arbeit angingen (oder auch nicht), wie ihre Aufgaben geregelt waren (oder auch nicht), welches Ansehen sie in der Öffentlichkeit genossen (oder auch nicht) …

Die Bibliothekare des Altertums waren meist Gelehrte oder Hofbeamte. Da die Bestände überschaubar waren und „niedere Arbeiten“ an Hilfskräfte delegiert werden konnten, waren die „antiken Kollegen“ (Gottfried Rost) in der Lage, ihre zwei oder gar noch mehr Berufe miteinander in Einklang zu bringen. Auch in späteren Jahrhunderten finden wir „Professoren-Bibliothekare“. Manche davon, so Rost, „haben sich ebenso ehrenvoll in die Geschichte ihres Faches wie in die Geschichte ihrer Bibliothek eingeschrieben, allen voran Leibniz.“  Doch hing  „eine nutzenstiftende Kombination bibliothekarischer und wissenschaftlicher Aktivität“ in hohem Maße von der persönlichen Arbeitsamkeit der Betoffenen ab.

Die Bibliothekare der Frühzeit kamen mit unterschiedlichen Motiven und Neigungen aus anderen Berufen und blieben diesen mehr oder weniger verhaftet.

Im Kapitel „Die bunte Schar“ bringt Rost viele Beispiele:

Zahlreiche Dichter und Schriftsteller sicherten sich mit der bescheidenen Entlohnung, die sie als Bibliothekare bekamen, ihre Existenz; in Deutschland standen zum Beispiel Friedrich Hölderlin, August Heinrich Hoffmann von Fallersleben und Ludwig Bechstein zeitweilig im Bibliotheksdienst, in Frankreich Charles Nodier und Anatole France. Aber auch Komponisten wie Hector Berlioz verdingten sich als Bibliothekare.

Der Präfekt der Wiener Hofbibliothek Gerhard van Swieten war gleichzeitig Leibarzt der Kaiserin Maria Theresia.

Da die allergnädigste Gesundheit Vorrang hatte, vertraten ihn in der Bibliothek ein Direktor, drei Kustoden, vier Skriptoren, drei Bibliotheksdiener und einige Hausknechte.

Der Magdeburger Arzt Karl Möller hingegen ließ seine Patienten warten und arbeitete von 1836 bis 1854 eifrig und täglich zwei Stunden als Sekretär der Universitätsbibliothek.

Für viele war der Bibliotheksposten nur eine Pfründe; Arbeit war nicht unbedingt ihr Ding. So bezog Johann Christoph Grabovius ’nur den Gehalt‘ von der Universitätsbibliothek Königsberg, stellte aber immerhin einen Ersatzmann. Anders Joseph David von Overkamp, der 1767 von Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz – wegen der Verdienste des Vaters als Professor der Medizin – zum Universitätsbibliothekar in Heidelberg ernannt wurde. Von Overkamp trat einem Vertreter 100 von seinen 310 Gulden Gehalt ab, weil ‚das Einstellen und Abstauben der Bücher mit einem Besen einem Bibliothekar nicht könnte angesonnen werden‘ und verkaufte seine Stelle 1793 an Peter Wolf.

Und noch ein Beispiel:

Kardinal Angelo Maria Quirini behielt, als er 1730 apostolischer Bibliothekar wurde, seinen Bischofssitz in Brescia bei und kam jährlich nur einmal in die Vaticana nach Rom. Trotzdem lobte ihn Papst Clemens XII.: ‚ Der neue Bibliothekar tut in einem Monat mehr für die Bibliothek, auch wenn er abwesend ist, als sein Vorgänger in 20 Jahren.

Die Reihe der Zitate, z. B. mit Aussagen über den „Eifer“ den manche der frühen Bibliothekare bei Beschaffung und Katalogisierung der Bestände an den Tag legten, oder über Bücherdiebstahl etc., ließe sich noch lange fortsetzen. Mehrere Kapitel in diesem Buch erweisen sich als wahre Fundgrube. Aber weder in Rost’s Buch noch hier soll ja ein Berufsstand madig gemacht werden. Kommen wir also zu der weiteren Entwicklung hin zu dem Berufsbild, wie es sich bis heute herausgebildet hat.

Denn nach und nach wandelte sich die Berufsauffassung des Bibliothekars. Und auch die Erwartung ihrer Arbeitgeber nahm präzisere Formen an. Die ersten Vorlesungen zum Bibliothekswesen an einer deutschen Universität hielt Daniel Georg Morhof in der 1680er Jahren. Bayern legte 1864 erstmalig Bedingungen für eine Berufszulassung fest.  In Preußen wurden 1894 Bedingungen für den Bibliotheksdienst fixiert. Ab 1909 gab es dort staatliche Diplomprüfungen für den Dienst an Volksbüchereien und den mittleren Dienst an wissenschaftlichen Bibliotheken. Der Autor schildert aber nicht nur die Entwicklung in Deutschland, sondern auch, wie es in anderen europäischen Ländern zu verbindlichen Regelungen über Zugang und Ausübung des Bibliothekarberufs kam.

Der Examensschein verlieh dem Beruf und seinen Repräsentanten nicht schlagartig Kontur. Er war Rezept, noch nicht die Arznei. Die Ausbildungsregelung setzte einen Orientierungspunkt und gab dem Bibliothekar die Gewißheit eines ‚anständigen Berufes‘.

Den Abschluss des Buches bildet ein „Alphabetophiler Exkurs in bibliothekarisches Gelände“, von Akzession bis Zimelie. Manches davon ist mittlerweile allerdings nicht mehr zeitgemäß – der Einzug der EDV in die Bibliotheken z. B. wird zwar noch berücksichtigt, aber die weitreichenden Folgen,  die z.B.  Internet und eReader (auch) für die Bibliotheken haben,  bleiben außen vor. Man muss berücksichtigen, dass das Buch 1990 erschienen ist – sozusagen auf den letzten DDR-Metern -, und zwar bei der Edition Leipzig.

Außer dass Gottfried Rost Bibliothekar ist (bzw. war), erfahren wir in der Veröffentlichung nichts über den Autor.  Aber auf Wikipedia bin ich fündig geworden: Dort heißt es u.a , dass Rost (im Jahr 2000 verstorben) seine berufliche Laufbahn mit der Anstellung als Aushilfskraft an der Deutschen Bücherei begonnen hat und von 1991 bis 1996 als ständiger Vertreter des Generaldirektors  der Deutschen Bibliothek die Deutsche Bücherei mit Sitz in Leipzig leitete.

Mein Fazit: Was mich ein wenig stört, ist, dass Rost zwar in einem Kapitel seines Buches schreibt: „Seit es Bücher gibt, stößt man sich an deren Inhalt, schützt Zensur das Meinungsmonopol der Herrschenden.“ Es folgen Beispiele für kirchliche wie staatliche Eingriffe. Kein Wort aber über die Repressionen, denen beispielsweise Schriftsteller und Bücherproduzenten in der DDR ausgesetzt waren. Aber eine kritische Auseinandersetzung damit kann man in einem Buch, das dort publiziert worden ist, wahrscheinlich nicht erwarten…

Davon abgesehen bleibt festzuhalten: „Der Bibliothekar“ ist ein mit vielen Abbildungen ausgestattetes, lesenswertes und manchmal ausgesprochen amüsantes Buch. Mit leichter Feder schildert der Autor die Entwicklung, die zum Bibliothekar, wie wir ihn heute kennen, geführt hat; und gerade weil er selber auch Bibliothekar ist/war, kann er es sich „erlauben“, vergnügt individual- und zeitbedingte Merkwürdigkeiten früher Angehöriger dieses Berufsstandes aufzuzeigen.

Gottfried Rost
Der Bibliothekar
Schatzkämmerer oder Futterknecht
Edition Leipzig (Reihe Historische Berufsbilder) 1990, 200 Seiten

2 Kommentare zu „Gottfried Rost: Der Bibliothekar

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