Christine Jakobi-Mirwald: Das mittelalterliche Buch

Funktion und Ausstattung

Mit dem Kauf dieses Reclam-Bandes erwirbt man eine „geballte Ladung“ an Information. Wer sich über das Buch im Mittelalter, seine Funktion, seine Herstellung, seine Formen und seine Gestaltung bis hin zur Geschichte der Buchmalerei informieren möchte, ist mit der von Das mittelalterliche BuchChristine Jakobi-Mirwald verfassten Publikation auf das Beste bedient.

Die Autorin, die unter anderem Kunstgeschichte und Mittellatein studiert und 1997 mit einer Arbeit über die Entstehung der historisierten Initiale im 8. und 9. Jahrhundert promoviert hat, kennt sich mit allen Aspekten rund um mittelalterliche Bücher hervorragend aus und weiß ihre Kenntnisse gut zu vermitteln. Abgesehen davon, dass ihr Buch auch eine Einführung in die Buchmalerei enthält, erinnert „Das mittelalterliche Buch“ stark an Stephanie Hauschilds „Das Skriptorium“ (s. Besprechung hier), geht aber mehr in die Tiefe, kommt auch etwas wissenschaftlicher daher, ohne aber dadurch Einsteiger abzuschrecken. Vorausgesetzt, diese sind ernsthaft interessiert und zu konzentrierter Lektüre (Arbeit) bereit. Denn „Das mittelalterliche Buch“ ist kein Buch zum „mal eben durchrauschen“.

Nach einer Darstellung der modernen Rezeption (Beispiele: Die Handschrift in der Ausstellung; die Handschrift als Handels- und Sammelobjekt; die Handschrift digitalisiert und im Internet) wendet sich die Autorin der zeitgenössischen Rezeption zu und erläutert Formen und Funktionen mittelalterlicher Bücher. Es geht dabei – natürlich, muss man bei mittelalterlichen Codizes wohl sagen – um die Bibel, um Evangeliare, Psalter und andere liturgische Bücher (bei der Vielzahl unterschiedlicher oder sich auch überschneidender Zweckbestimmungen schwirrt der Kopf), es geht um die damals sehr beliebten Stundenbücher, aber auch um Naturlehre, Jurisprudenz, Roman oder Dichtung.

… Trotzdem waren ab dem 13. Jahrhundert die Volkssprachen in allen Ebenen auf dem Vormarsch, was auch zum starken Anwachsen der Leserkreise beigetragen hat. Hinzu kam, ebenfalls etwa ab 1200, die Rationalisierung und Kommerzialisierung der Buchproduktion … Die Ausbreitung der Lesefähigkeit und die wachsende Verfügbarkeit von Geschriebenem beeinflussten einander wechselseitig.

Im nächsten Kapitel widmet sich die Autorin Aufbau und Herstellung mittelalterlicher Handschriften. Stichworte, beispielhaft: Papyrus und Pergament; Schreibwerkzeuge und Schrift; Bucheinband; Geschichte der Buchherstellung.

Im 15. Jahrhundert fand zum zweiten Mal in der Geschichte des Abendlandes eine umwälzende Veränderung des Buchwesens statt – die erste war die Einführung des Pergamentcodex gewesen. Die Einführung von Papier als Beschreibstoff und die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern waren zunächst zwei voneinander unabhängige Faktoren, die aber zusammen das Buch völlig neu definierten.

Das – für Nicht-Kunsthistoriker manchmal etwas schwierig zu lesende – Kapitel über die Buchseite ist Formen und Funktionen der Buchausstattung gewidmet (Gliederung der Textseite, Entstehung, Typen und Geschichte der Initiale, Buchschmuck zur Verzierung, zur Textillustration und zur Repräsentation).

Schließlich folgt eine kompakte Darstellung der Geschichte der Buchmalerei von der Spätantike bis zur Renaissance.

Das Buch ist mit zahlreichen Illustrationen in Schwarz-Weiß ausgestattet. Vor allem, wenn es um die Buchmalerei geht, mag man die fehlende Farbe bedauern. Aber „für das Auge“ gibt es zahlreiche andere Werke, wobei die Autorin auf die Problematik von Farbverfälschungen hinweist.

Nicht nur zu jedem Kapitel, sondern zu jedem einzelnen Abschnitt gibt es eine Fülle von deutschsprachigen, nicht selten aber auch englisch- und französischsprachigen Literaturempfehlungen. Es mangelt also weder an Material noch an Hinweisen für die weitere Beschäftigung mit einem – wie ich immer mehr finde – faszinierenden Thema.

Mein Fazit: Mit „Das mittelalterliche Buch“ hat Christine Jakobi-Mirwald eine hervorragende Publikation vorgelegt, die schon deutlich mehr als eine bloße Einführung in die Thematik darstellt. Lesenswert. Empfehlenswert.

Christine Jakobi-Mirwald
Das mittelalterliche Buch
Funktion und Ausstattung
Reclam Taschenbuch 2004, 317 Seiten, 9,80 EUR

6 Kommentare zu „Christine Jakobi-Mirwald: Das mittelalterliche Buch

  1. P.S. In Berlin sind wir mit vielen hervorragenden Bibliotheken gesegnet und in der Staatsbibliothek und im Kupferstichkabinett gibt es auch einige original Musterbücher. Die Uni-Bibliothek hat vorwiegend Präzenzbestand, so dass ich auch gerne in den Stadtbibliotheken schaue. Die sind in Berlin bestens sortiert, gerade bei Kunstgeschichtlichen Büchern. Es ist eine Freude!

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  2. Danke für den Hinweis, Ingrid, ich werde mir das Buch kaufen, denn ich will meinen Bachelor zum Thema „Musterbücher im Mittelalter oder der Neuzeit“ schreiben. Da scheint mir das die passende Lektüre zu sein.

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    1. Hallo Susanne, da hast Du Dir ja ein interessantes Thema ausgesucht. Im vorliegenden Buch wird das Thema Musterbücher allerdings nur gestreift. Sicher hast Du in der Universitätsbibliothek Zugriff auf weitere Werke, die Dir hilfreich sein könnten.

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      1. So habe ich es auch aus der Beschreibung herausgelesen, aber ich denke, ich sollte mich wenigstens informieren, was rund um die Musterbücher für eine Buchentwicklung stattfand.

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