Florentine Mütherich / Joachim E. Gaehde: Karolingische Buchmalerei

An den mittelalterlichen Handschriften interessieren mich vor allem die buchgeschichtlichen Aspekte: Herstellung, Materialien, Arbeit in klösterlichen und privaten Skriptorien, Verwendungszwecke, Buchhandel. Die kunstgeschichtlichen Aspekte stehen dahinter etwas zurück. Oder sollte ich besser sagen: „standen“? Eine exakte Trennung ist ohnehin kaum möglich, und hat man sich einmal in Werke der Buchmalerei vertieft, ist man schnell „mittendrin“. Ich registriere jedenfalls bei mir zunehmende Begeisterung für die wunderbaren Miniaturen, die viele der erhaltenen mittelalterlichen Codizes schmücken (wobei Miniaturen – da kann man sich leicht täuschen – auch ganze Seiten füllen können).

Zwei umfassende Werke über die Buchmalerei des gesamten Mittelalters, die der Ein- und Hinführung dienen können, habe ich in DruckSchrift schon Karolingische Buchmalereivorgestellt: Goldenes Mittelalter und Mit Pinsel und Federkiel. Für diejenigen, die sich lieber (erst einmal) einzelnen Abschnitten zuwenden wollen, gibt es Alternativen. Sie kommen z. B. aus dem Prestel Verlag, der in den 70er und 80er Jahren eine ganze Reihe von Monographien herausgegeben hat: von der karolingischen bis zur frühen spanischen, von der italienischen bis zur insularen Buchmalerei. Die Bücher sind auch heute noch relativ gut und preiswert antiquarisch zu bekommen.

Soweit ich es sehe (ich habe bisher nur 2 Ausgaben vorliegen), ist die Machart stets gleich. Nach einer etwas ausführlicheren Einleitung werden wegweisende Codizes des jeweiligen Betrachtungszeitraums und/oder -gebiets vorgestellt. Zunächst gibt es Hinweise auf das (mutmaßliche) Entstehungsjahr der Handschrift, die „Schule“, der sie zugeordnet wird, auf Besonderheiten, die das Werk auszeichnen und wo es sich gegenwärtig befindet. Danach werden die ausgewählten Abbildungen beschrieben.

Konkret sieht das in dem Band „Karolingische Buchmalerei“, um den es hier „aktuell“ geht, so aus:

Vorgestellt werden eine ganze Reihe von Evangeliaren, Psaltern, Sakramentaren, Bibeln. Darunter sind der Utrecht-Psalter, das Godescalc-Evangelistar, das Krönungs-Evangeliar, der Codex Aureus aus St. Emmeram und die Vivian-Bibel. Über diese sog. Erste Bibel Karls des Kahlen lesen wir u. a.:

Unter den erhaltenen touronischen Bibeln ist die hier vorliegende Handschrift das am reichsten ausgestattete Exemplar. Das letzte der drei Widmungsgedichte besagt, dass der Laienabt Graf Vivian (844-851) und die Mönchen der Abtei Saint-Martin in Tours diese Bibel Karl dem Kahlen zueigneten. Anlass für die Widmung war Karls Bestätigung der Immunitätsrechte der Abtei im Jahr 845 …

Vivian Bibel 1
Basis-Infos zur Vivian-Bibel und Beginn der Ausführungen zur Tafel „Titelbild zu den Vorreden des hl. Hieronymus“

Danach werden dann drei ganzseitige Miniaturen detaillierter beschrieben.

Vivian Bibel 2
Vivian-Bibel: Titelbild zu den Vorreden des hl. Hieronymus

Das geschieht gut lesbar und öffnet einem die Augen für so manches Detail, das man sonst wohl übersehen hätte. Und hilft, wenn man mit der Bibel vielleicht nicht (mehr) so ganz vertraut ist…

Auch wenn die Inhalte der mittelalterlichen Codizes weitgehend religiösen Charakter hatten und kirchlichen Zwecken dienten: es gab durchaus auch andere Werke, im Zeitraum der karolingischen Buchmalerei zum Beispiel Abschriften der Komödien des Terenz, das „Astronomisch-komputistische Lehrbuch“ (unvollständige Kopie eines Lehrbuches, das um 810 am Hof Karls des Großen entstand) oder den Physiologus – ein  Werk griechischen Ursprungs, das die Eigenschaften wirklicher oder legendärer Tiere, Pflanzen und Steine mit den Mitteln der christlichen Allegorese darstellt und deutet. Auch hier gilt: Auf einleitende Basis-Informationen folgen mehrere farbige Abbildungen, die sachkundig beschrieben werden.

Mein Fazit: „Karolingische Buchmalerei“ macht auf kompetente, dabei (aber) angenehme Art und Weise mit Werken vertraut, die zur Zeit Karls des Großen und seiner Nachfolger entstanden sind und Meilensteine in der Geschichte des Buches und der Buchmalerei wurden. Der Band ist durchaus auch einsteigergerecht, wenn auch ein Glossar manchmal hilfreich wäre.

Karolingische Buchmalerei
Florentine Mütherich (Einführung); Joachim E. Gaehde (Erläuterung der Bildtafeln)
Prestel Verlag München
128 Seiten, 48 Farbtafeln

5 Kommentare zu „Florentine Mütherich / Joachim E. Gaehde: Karolingische Buchmalerei

    1. Zitat S. 26: Terenz: Komödien; Reims, 2. Hälfte des 9. Jahrhunderts; Paris, Bibliothèque Nationale; Die Handschrift enthält die Komödien Andria, Eunuchus, Heautontimorumenos, Adelphi, Hecyra und Phormio in der Ausgabe, die Calliopius zugeschrieben wird … Ein Bibliothekszeichen aus dem 13. Jahrhundert auf fol. 3r und ein Eintrag auf fol. 41r besagen, dass die Handschrift der Abtei von St. Denis gehörte, wo sie bis 1595 blieb.

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