Stephanie Hauschild: Skriptorium

Die mittelalterliche Buchwerkstatt

Sie werden gehütet in Nationalbibliotheken, Museen und Schatzkammern. Wenn man nicht das Glück hat, eine Ausstellung wie „Pracht auf SkriptoriumPergament: Schätze der Buchmalerei von 780 bis 1180″ vor 2 Jahren in München besuchen zu können, bekommen Normalsterbliche die Originale kaum zu Gesicht. Oder bestenfalls mal eine aufgeschlagene Doppelseite.

Wert, Schönheit und (kultur)historische Bedeutung der erhaltenen mittelalterlichen Handschriften stehen außer Frage. Aber wer hat die Kunstwerke in Schrift und Bild geschaffen? Waren die Skriptorien in den Klöstern die einzigen Produktionsstätten? Woher wurde der Beschreibstoff – das teure Pergament – bezogen? Womit wurde geschrieben, und wie waren die Sitzmöbel beschaffen? Welche Schritte genau waren auf dem langen Weg zum fertigen Buch zurückzulegen, und wer koordinierte sie? Waren die Schreiber auch die Buchmaler? Was machte Ultramarin zu einer so besonderen Farbe? Wer waren die Auftraggeber, und welche Mitspracherechte sicherten sie sich hinsichtlich der Gestaltung?

Antwort auf diese und viele andere Fragen gibt das Buch „Skriptorium“, das uns Einblick in die Arbeit einer mittelalterlichen Buchwerkstatt gibt. Wobei man mit dem Wort „Antwort“ etwas vorsichtig sein muss, sind doch viele der von Hauschild angesprochenen Aspekte auch heute noch nicht wissenschaftlich eindeutig geklärt. Die Autorin macht daraus aber dann kein Geheimnis.

Stephanie Hauschild weiß die unterschiedlichen, vielfältigen Arbeitsschritte zur Herstellung mittelalterlicher Codizes und das Zusammenspiel unterschiedlicher Kräfte und Fähigkeiten ausgezeichnet zu schildern. Dabei war Buch nicht gleich Buch. Ansprüche und Anforderungen waren unterschiedlich, je nach Auftraggeber und Verwendungszweck. Auch wenn es lange Zeit meistens religiöse Werke waren, die kopiert wurden, dienten sie doch der Befriedigung unterschiedlicher Bedürfnisse. So wurden Evangeliare für die Messe benutzt und besonders prachtvoll gestaltet. Neben dem Evangeliar war der Psalter, das Buch der Psalmen Davids, im frühen Mittelalter das wichtigste in Kirche und Kloster gebrauchte Buch. Die Stundenbücher, eine Art persönlicher Gebetbücher, entwickelten sich seinerzeit – auch wenn es kostbare Ausnahmen gab – zu „Massenware“ und wurden in städtischen Skriptorien unter ökonomischen Gesichtspunkten produziert und verkauft.

Als wohltuend habe ich es empfunden, dass Stephanie Hauschild deutlich macht, dass es auch eine ganze Reihe Frauen gab, die die Kunst des Schreibens beherrschten und in den Skriptorien praktizierten. Frauen kommen sonst in Büchern über die mittelalterliche Buchherstellung meines Erachtens kaum vor. Und:

„Unter den mittelalterlichen Menschen gab es auch viele Frauen, die wohl Lesen, aber kein Latein konnten. Seit der Mitte des 12. Jahrhunderts begannen Frauen aus dem Adel vermehrt volkssprachliche Übersetzungen von Andachtsbüchern, Heiligenlegenden und anderen Texten in Auftrag zu geben.“ Damit vervielfältigten sich die Lektüremöglichkeiten für Frauen.

Schließlich stellt Stephanie Hauschild mit Christine de Pizan eine Frau vor, die als erste Berufsschriftstellerin Frankreichs gilt; sie sprach Latein, schrieb auf Französisch, verlegte ihre Texte selbst und überwachte deren Herstellung von der Reinschrift und Illustration bis zum Binden. Beeindruckend.

Mein Fazit: Unter inhaltlichen und gestalterischen Gesichtspunkten – das Buch enthält zur Veranschaulichung zahlreiche Abbildungen – ist „Skriptorium“ ohne jede Einschränkung zu empfehlen.

Was bei einem so schönen (und bei diesem Seitenumfang nicht gerade preiswerten) Buch bedauerlich ist, ist, dass man bei der Herstellung und beim Korrekturlesen nicht sehr genau hingeschaut hat. Ab Seite 49 – hier wurde der erste mehrere Seiten umfassende Block mit Farbabbildungen eingefügt – stimmen die Seitenzahlen nicht mehr mit den Angaben im Inhaltsverzeichnis überein. Es fehlt auch schon mal ein Wort, manchmal ist auch eins zu viel da; mal wird aus der Bamberger Miniatur die Bamerger oder die für eine Seite angekündigte Abbildung fehlt. Solche und ähnliche Nachlässigkeiten trüben etwas den guten Eindruck, doch will ich sie auch nicht überbewerten. „Skriptorium“ ist und bleibt ein interessantes und lesenswertes Buch.

Stephanie Hauschild
Skriptorium
Die mittelalterliche Buchwerkstatt
Verlag Philipp von Zabern, 2013), 144 Seiten, 24,99 EUR

2 Kommentare zu „Stephanie Hauschild: Skriptorium

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