Aldo Manuzio. Vom Drucken und Verbreiten schöner Bücher

Verena von der Heyden-Rynsch über den Verleger und Buchdrucker Aldus Manutius

Sie waren fast Zeitgenossen, und beide Männer haben die Entwicklung der Druckkunst und die Verbreitung des gedruckten Buches entscheidend vorangetrieben: in Aldo Manuzioden 50er Jahren des 15. Jahrhunderts vollendete der Mainzer Johann Gutenberg seine Erfindung, den Buchdruck mit beweglichen Lettern aus Metall, und schuf die Gutenberg-Bibel. Im Jahr 1490 fasste der bei Rom geborene Aldo Manuzio den Entschluss, in Venedig, der italienischen Buchmetropole, Drucker und Verleger zu werden und eröffnete seine eigene Offizin.

Da war Munizio bereits 40 Jahre alt – befand sich also gemessen an den Vorstellungen seiner Zeit, schon in fortgeschrittenem Alter. Die Jahre zuvor war er erfolgreich als Lehrer und Erzieher tätig gewesen. Verena von der Heyden-Rynsch sieht als Grund für den folgenreichen unternehmerischen Schritt, dass Manuzio „wie kaum ein anderer an die Autoren der griechischen Antike und an ihre ethische Wirkung auf alle Zeiten und Menschen glaubte.“ Eine Überzeugung, die in Venedig, so schreibt sie, sehr präsent war.

Für die Wahl der Lagunenstadt als Standort sprach eine Reihe von Gründen: der Handel spielte hier eine große Rolle, und es gab dort – etwa im Vergleich zur potenziellen Alternative Florenz – die kompetenteren Typographen. Zudem war Venedig ein Magnet für Griechisch-Spezialisten, aber es gab noch keine eigentliche griechische Druckerei.

Manuzio, der die alten klassischen Sprachen leidenschaftlich liebte, erkannte seine Chance und leitete eine Entwicklung ein, die das Buchwesen revolutionierte. Zwar existierten schon vor ihm griechisch gedruckte Texte, aber „deren Druck war bisher ein Albtraum“ gewesen. Ab etwa 1494 veröffentlichte Manuzio seine ersten Schriften in griechischen Lettern, die sich durch große Präzision auszeichneten. Enorm wertvoll war für ihn die Zusammenarbeit mit dem Bologneser Stempelschneider Francesco Griffo, der die erste Kursiv-Antiqua entwickelte, eine Schrift, die Manuzio in seinen sog. Aldinen verwendete.

Zu den Veröffentlichungen aus der Offizin des Aldo Manuzio gehört u. a. eine – wie es in dieser Werkstatt Standard war – sorgfältig editierte fünfbändige Aristoteles-Ausgabe, natürlich in griechischen Lettern, denn die Gelehrten lasen die Werke im Original. Neben griechischen wurde auch lateinische Autoren publiziert.

Eines der legendären Meisterwerke aus der Werkstatt des Venezianers ist das viele Holzschnitte enthaltende „Hypnerotomachia Poliphili“ von Francesco Colonna, auf das man im DruckSchrift-Beitrag über das Taschenbuch Museum der Bücher einen Blick werfen kann.

1502 verwirklichte Manuzio seinen Traum und gründete in Venedig die „Aldinische Akademie“, in der nur griechisch gesprochen werden durfte. Bei Zuwiderhandlung drohte eine Strafe.

Zu den die Welt der Bücher verändernden Maßnahmen gehörte, dass Manuzio Bücher im Oktav-Format druckte. Damit war er der „Erfinder“ des handlichen Taschenbuchs geworden. Von nun an war es möglich, Bücher im Gegensatz zu den bisher gebräuchlichen Folianten mit sich herumzutragen oder sie mit auf eine Reise zu nehmen. Und sie waren erschwinglich geworden – ein Umstand, der die Verbreitung des Buches und des Lesens beförderte.

Ausnehmend schöne, sorgsam editierte und relativ preisgünstige Bücher wurden zum Markenzeichen der Aldinischen Offizin. Sie brachten dem gelehrten Verleger und Drucker viel Ruhm und Ansehen, aber nicht gerade viel Geld ein. Es gab Jahre, in denen kaum gedruckt wurde, weil die finanziellen Voraussetzungen fehlten.

Im Jahr 1515 verstarb der leidenschaftliche Büchermacher Aldo Manuzio, der die „Schwarze Kunst“ revolutioniert hat.

Leider bleibt das Porträt, das Verena von der Heyden-Rynsch in diesem knapp gehaltenen Bändchen (125 Seiten Text) von Aldo Manuzio zeichnet, ziemlich vage, ziemlich „leblos“; sie verliert die Hauptfigur nicht selten aus dem Blick und begibt sich gern auf Nebengleise und weitere Abzweigungen, indem sie relativ ausführlich auf Bekannte, Freunde, Mitstreiter Manuzios eingeht; manchmal fragt man sich bei der Lektüre, um wen es bei diesem Buch eigentlich geht. Die Folge der vielen Abschweifungen ist jedenfalls, dass Manuzio in diesem „Bekanntenkreis“ (und der Erwähnung von Bekannten der Bekannten) sowie der nicht enden wollenden Bezugnahme auf Persönlichkeiten des damaligen öffentlichen, kulturellen und religiösen Lebens etwas untergeht.

Schade eigentlich. Das Bändchen selbst ist, wie in der Wagenbach-Salto-Reihe üblich, sorgsam gemacht und im übrigen – einem Pionier der Buchkunst gegenüber angemessen – schön illustriert.

Verena von der Heyden-Rynsch
Aldo Manuzio
Vom Drucken und Verbreiten schöner Bücher
Verlag Klaus Wagenbach 2014, 144 Seiten, 15,90 EUR

5 Kommentare zu „Aldo Manuzio. Vom Drucken und Verbreiten schöner Bücher

  1. Ja, schade eigentlich! Strafgeld beim Sprachverstoß – gestreng, diese Humanisten. Erst diesen Freitag hatte ich gelernt, dass auch Reuchlin seinen Griechischschülern als Lernmethode empfohlen hatte, bei jedem Fehler Geld abzudrücken – anfangs sei die Methode zwar schmerzhaft, dafür seien die Fortschritte rasant …

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    1. Sollte man vielleicht mal den Sprachschulen empfehlen. Vordergründig würde es die Kosten für einen Kurs zwar enorm erhöhen, den Kurs selbst aber – ein gewisser Ausgleich – erheblich verkürzen …

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  2. Ausnehmend schöne, sorgsam editierte und relativ preisgünstige Bücher wurden zum Markenzeichen der Aldinischen Offizin: Das kann man ja auch über die Wagenbach-Bücher schreiben (wie Du es ja auch am Ende erwähnst). Danke für diese Vorstellung – wieder eine Geschenkidee für meinen Vater, den Gutenberg-Jünger 🙂

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