Candida Höfer: Bibliotheken

Ganz schön schwergewichtig, diese Präsentation von 137 Bibliotheken und bibliotheks-verwandten Räumlichkeiten aus aller Welt.

Candida Höfer, 1944 in Eberswalde bei Berlin geboren, ist eine international anerkannte Fotografin. Sie war u. a. auf der documenta XI und als deutsche Vertreterin auf Bibliotheken Candida Höferder Biennale Venedig vertreten. Ihr Band „Bibliotheken“ ist 2005 erstmals erschienen, mittlerweile liegt er in der 5. Auflage vor.

Kein Zweifel, Bibliotheken sind für viele Bibliophile geradezu magische Orte. Sie werden nicht selten als Kathedralen des Wissens, Tempel der Weisheit, Oasen der Stille umschrieben. Sie üben eine Faszination aus, der sich Bücherliebhaber/innen kaum entziehen können. Ich selbst bilde da keine Ausnahme.

Dass ich das Buch bisher nicht gekauft hatte, hängt nicht zuletzt mit seinem Preis zusammen: 50 EUR für ein einziges Buch sind nicht von Pappe, zumal dann, wenn noch so viele Bücherwünsche offen sind … So war ich denn erfreut, „Bibliotheken“ in einem wenig zugänglichen Fach in meiner „alten“ Stadtbibliothek in Solingen entdeckt zu haben. Und nun?

Ich bin ganz froh, kein Geld ausgegeben zu haben. Keine Frage: die präsentierten 137 Bibliotheken sind hervorragend fotografiert, manche Aufnahme ist geradezu hinreissend. Aber auf 272 Seiten nur menschenfreie Bibliotheken, Kunsthallen, Vorlesungssäle, Institute zu finden – das ist selbst für hartgesottene Buch- und Bibliothekenfans doch etwas ermüdend.

Zu den fotografierten Einrichtungen gibt es – abgesehen vom Namen und der Angabe, wann das Foto entstanden ist und zu welcher Serie es gehört – keinerlei ergänzende Informationen. Wir erfahren nichts über die Entstehungsgeschichte der Büchersammlung, nichts über Besonderheiten, über Schwerpunkte, nichts über herausragende Schätze, die dort aufbewahrt werden. Nichts. Auch wenn „Bibliotheken“ in die Kategorie „Fotobände“ fällt: diesen Mangel an selbst minimalster Hintergrundinformation finde ich doch etwas bedauerlich. Daran ändert auch ein einleitender Essay von Umberto Eco nichts.

Zum Aufbau des Buches: Jeder Bibliothek/Einrichtung ist im allgemeinen eine Doppelseite vorbehalten (das erklärt Umfang und Gewicht des mit 31 x 25 cm recht großformatigen Buches); allerdings wird im aufgeschlagenen Buch meist nur die rechte Seite verwendet, die linke bleibt gewöhnlich frei. Fotografiert wurden u. a. die Bibliothèque nationale de France, der Escorial, die Pierpont Morgan Library in New York, die Villa Medici in Rom und die Weimarer Anna Amalia Bibliothek vor dem Brand. Im Anhang findet sich eine Übersicht über die Tafeln, ein Ortsverzeichnis, ein Überblick über die Ausstellungen der Fotografin und eine auf sie bezogene Bibliographie.

Mein Fazit: An der hervorragenden Qualität der Arbeiten von Candida Höfer gibt es nichts zu deuteln. Wer sich damit zufrieden gibt, eine lange Reihe schöner Fotos von Bibliotheken & Co. anzuschauen, wird an „Bibliotheken“ seine ungetrübte Freude haben. (Das Buch eignet sich auch gut als Geschenk.) Wer etwas mehr erwartet, wem die simple Aneinanderreihung von – auch noch so gelungenen – Fotografien über sehr viele Seiten hinweg etwas dürftig erscheint, sollte sich den Kauf gut überlegen (oder erst einmal vorsorglich in ein Bibliotheks-Exemplar schauen).

Candida Höfer
Bibliotheken
Verlag Schirmer Mosel, 272 Seiten, 5. Auflage 2009 (hier: Ausgabe 2005), 49,80 EUR

8 Kommentare zu „Candida Höfer: Bibliotheken

  1. Ihr lieben,
    ich denke, das Buch ist kein Werk über Bibliotheken.
    Candida Höfer ist Künstlerin, sie wollte sicher keine Dokumentation über Bibliotheken mit dem Buch abliefern.
    Sie hat die Bibliotheken zum Gegenstand ihres Kunst-Werks erhoben, so wie Duchamps seine berühmte Fontain (Pissoir).
    Ihr ist sicher die Ästhetik der Fotos wichtig.
    Was hast du für ein Gefühl gehabt, als du die Fotos betrachtet hast, Ingrid… wenn du davon absiehst, was für eine Erwartungshaltung du hattest…..
    Einen schönen Sonntag wünscht euch Susanne
    P.S. In Wikipedia habe ich folgendes Zitat zu Höfer gefunden. „Ulf Erdmann Ziegler bescheinigte Candida Höfers Innenräumen in der Frankfurter Rundschau einen Eindruck von „Zeitlosigkeit und Unverrückbarkeit“.“
    Leider habe ich nicht das nötige Fachwissen zu den Arbeiten Höfers um genauer darauf einzugehen.

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    1. Liebe Susanne, vielen Dank für Deine Ausführungen. Dass Candida Höfer Foto-Künstlerin ist, habe ich schon verstanden, und das merkt man ihren Werken auch an. Ungeachtet dessen hätte ich mir ein wenig mehr Informationen zu den fotografierten Bibliotheken gewünscht, aber das war möglicherweise eine falsche Erwartungshaltung. Ich wünsche Dir eine gute Woche! Ingrid

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      1. Guten Morgen, Ingrid, ich denke auch, dass das in Bezug auf Kunst eine falsche Erwartungshaltung ist. Kunst dokumentiert die Zeit aber nicht unbedingt das Motiv.
        Einen schönen Tag wünscht dir Susanne

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  2. Liebe Ingrid,
    puuh, da bin ich aber froh, dass Du mit Deinen kritischen Anmerkungen zum Bibliothekenband nicht hinter dem Berg hältst, denn als Dein Beitrag in meinem Reader erschien, befürchtete ich schon, dass sich meine Bildbandecke spätestens zu Weihnachten mit einem neuem Werk füllen müsste. Aber mich würden eben, neben den Bildern, auch weitere Informationen interessieren. So kann ich nun ganz beruhigt in den Sonntagabend gehen :-).
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Hallo Claudia, der Sonntagabend ist gerettet, aber ich werde Dich schon noch erwischen … 🙂 Denn ich bin auf ein neueres Buch über Bibliotheken gestoßen, das unseren Vorstellungen möglicherweise (noch weiß ich es nicht) eher entspricht. Aber bis zur Vorstellung in DruckSchrift wird’s noch eine Zeit dauern. Herzliche Grüße, Ingrid

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  3. „Wir erfahren nichts über die Entstehungsgeschichte der Büchersammlung, nichts über Besonderheiten, über Schwerpunkte, nichts über herausragende Schätze, die dort aufbewahrt werden.“

    Genau so sähe der Bibliotheken-Bildband aus, den ich auch tatsächlich kaufen würde! Habe so etwas leider noch nicht gesehen…

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